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Literarische Ästhetik - aufläse
Ein wesentlicher Aspekt der Hegeischen Ästhetik ist ihre Heteronomie, die in Hegels Versuch zum Ausdruck kommt, die Kunst als sekundäre Erscheinung aus dem begrifflichen Denken der Philosophie abzulei
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Von Baumgarten zu Kant: Begriff und Begriffslosigkeit der Kunst



Als Schüler Wolffs und Philosoph der Aufklärung entwickelte Alexander Gottlieb Baumgarten eine ästhetische Theorie, die in ihrem Frühstadium auf der Prämisse gründet, daß die Ästhetik eine "niedere Logik" ist: eine Logik der sinnlichen Wahrnehmung, die der Philosoph der Aufklärung der begrifflichen Logik unterordnet. Es geht ihm darum, eine Wissenschaft zu entwerfen, die der "Verbesserung sinnlicher Erkenntnis"' dient.

      Man würde allerdings unzulässig vereinfachen, wollte man auch das Spätwerk Baumgartens, vor allem die Aesthetica , mit dieser Prämisse identifizieren. Dies versucht beispielsweise Alfred Bäumler, wenn er bemerkt: "Die Ästhetik ist die praktisch gewordene Logik, d.h. die Logik der Erfahrung, die Logik der unteren Vermögen." Solchen Ansichten hält Albert Riemann entgegen, daß es in der Aesthetica nicht mehr primär - wie im Frühwerk - um die "rationale Durchdringung des
Irrationalen" geht, "weil die Forderung der Vollkommenheit der sensitiven Erkenntnis hier verknüpft ist mit dem Begriffe des Schönen, der zwar in den Meditationes noch keine Rolle spielt, der aber schon im Begriffe des Poetischen in ihnen angelegt ist". Das Schöne erscheint somit als ein Aspekt der Wirklichkeit, der dem begrifflichen Denken nicht ohne weiteres subsumierbar ist. Wie so manche andere philosophische Theorie ist die Ästhetik Baumgarlcns nicht auf eine Position festzulegen.
      Trotz dieser Akzentverschiebung, die Riemann wohl zu Recht betont, kann die Aesthetica durchaus noch als ein Text der rationalistischen Tradition gelesen werden, zumal der erste Absatz der "Prolego-mena" lautet: "Aesthetica est scientia cognitionis sensitivac." ist die Wissenschaft des sinnlichen Erken-nens.")
Obwohl Baumgarten sich in seinen spateren Ausführungen die in Klammern zitierte aufklärerische Definition der Ästhetik als "niederer Erkenntnislehre" nicht zu eigen macht, hält er an der These seiner Frühschriften fest, daß das Schöne der begrifflichen Erkenntnis zugänglich ist und zum Gegenstand eines wissenschaftlichen Diskurses gemacht werden kann, da es ja selbst Mittel der cognitio sensitiva, der sinnlichen Erkenntnis, ist.
      In diesem entscheidenden Punkt weicht Immanuel Kant , der Baumgartens Begriffe des "Zwecks" und des "Schönen" weiterentwickelt, von Baumgarlcn ab. In einem Abschnitt der Kritik der reinen Vernunft , der die Überschrift "Die transzendentale Ästhetik" trägt, bezweifelt Kant, daß das Schöne - er meint vor allem das Naturschöne -jemals zum Gegenstand einer "Wissenschaft" werden kann: "Die Deutschen sind die einzigen, welche sich jetzt des Worts Ästhetik bedienen, um dadurch das zu bezeichnen, was andere Kritikdes Geschmacks heißen. Es liegt hier eine verfehlte Hoffnung zum Grunde, die der vorlrcfnichc Analyst Baumgarten faßte, die kritische Beurteilung des Schönen unter Vernunftprinzipien zu bringen, und die Regeln derselben zur Wissenschaft zu erheben. Denn gedachte Regeln, oder Kriterien, sind ihren vornehmsten Quellen nach bloß empirisch, und können also niemals zu bestimmten Gesetzen a priori dienen, wonach sich unser Geschmacksurteil richten müßte, vielmehr macht das letztere den eigentlichen Probierstein der Richtigkeit der ersleren aus.'"'
Kant geht also nicht von der begrifflichen Erkenntnis des Schönen aus, sondern vom Problem des Geschmacksurtcils, dem auf den ersten Blick eine Antinomie zugrunde liegt: Ästhetische Werturteile weisen widersprüchliche Aspekle auf, weil sie einerseits mit dem partikularen Geschmack verquickt sind, andererseits jedoch Allgcmcingültigkeil beanspruchen. De gustibus tum est disputandum ist zwar ein Gemeinplatz des Alltags, der von fast allen anerkannt wird; fast alle sind sich aber in ihrer Bewunderung von Cervantes' Don Quijote oder von Beethovens Neunter Symphonie einig. Aus dieser Tatsache ergibt sich für Kant die vielziticrte "Antinomie des ästhetischen Urteils".
      Während die These besagt, daß ästhetische Gcschmacksurtcilc nicht auf Begriffen gründen, da sie sonst beweisbar oder widerlegbar wären, lautet die Antithese, daß Geschmacksurteile sehr wohl auf Begriffen gründen, da es andernfalls weder Widersprüche noch Übereinstimmungen zwischen ihnen geben könnte: Es wäre nicht einmal möglich, Geschmacksurteilc aufeinander zu beziehen.
      Bekanntlich löst Kant diese Antinomie auf, indem er in der Kritik der Urteilskraft die These aufstellt, daß die Bcgriiflichkeit des Geschmacksurteils eine unbestimmte Begrifflichkeit ist, weil das Schöne nicht mit bestimmten, definierbaren Begriffen zu identifizieren ist: "Nun fällt aber aller Widerspruch weg, wenn ich sage: das Geschmacksurteil gründet sich auf einem Begriffe , aus dem aber nichts in Ansehung des Objekts erkannt und bewiesen werden kann, weil er an sich unbestimmbar und zur Erkenntnis untauglich ist; es bekommt aber durch eben denselben doch zugleich Gültigkeit für jedermann ."' Die Antinomie kann also als Schcinwidcrspruch aufgelöst werden, weil These und Antithese koexistieren können: Das ästhetische Urteil kann zwar nicht die Form einer spezifischen Begrifflichkeit annehmen; es erhebt aber den Anspruch auf Allgemeingültigkeit und nimmt dadurch begrifflichen Charakter an.
      Kant ist weit vom frühen Baumgarten entfernt, wenn er gleich zu Beginn seiner Kritik der Urteilskraft einen Gegensatz zwischen logischer und ästhetischer Erkenntnis postuliert: "Das Geschmacksurteil ist also kein Erkenntnisurteil, mithin nicht logisch, sondern ästhetisch, worunter man dasjenige versteht, dessen Bestimmungsgrund nicht anders als subjektiv sein kann."* Die Ästhetik kann deshalb keine "niedere Form der Logik" sein, weil ihr Gegenstand sich von dem der Logik qualitativ unterscheidet: Er liegt jenseits der begrifflichen Erkenntnis und ist schon aus diesem Grunde gegen den didaktischen Utilitarismus der Aufklärung als Zweckmäßigkeit ohne Zweck aufzufassen und als Gegenstand eines interesselosen Wohlgefallens zu bestimmen.
      Das Spannungsverhältnis zwischen begrifflicher und nichtbegrifflicher Darstellung wird von Kant an einer anderen Stelle verdeutlicht, wo er zwischen ästhetischen Ideen und Vernunftideen unterscheidet und zeigt, daß die einen nicht in die Sprache der anderen übersetzbar sind: " Unter einer ästhetischen Idee aber verstehe ich diejenige Vorstellung der Einbildungskraft, die viel zu denken veranlaßt, ohne daß ihr doch irgendein Gedanke, d.i. Begriff, adäquat sein kann, die folglich keine Sprache völlig erreicht und verständlich machen kann.""' Sie ist, sagt Kant, das Gegenstück zu einer Vernunftidee, die als Begriff durch keine Anschauung oder Vorstellung der Einbildungskraft zu ersetzen ist. Ein Farbenspiel kann nicht durch einen Begriff oder eine logische Formel wiedergegeben werden; eine logische Formel oder eine Ablei-tung aus der Integralrechnung ist wiederum nicht mit Hilfe von Farben oder Klängen darstellbar.
      Die ästhetische Darstellung geht laut Kant über die logisch-begriffliche hinaus, weil sie nicht eindeutig etwas bezeichnet, denotiert, sondern zahlreiche miteinander "verwandte Vorstellungen" evoziert, "die mehr denken lassen, als man in einem durch Worte bestimmten Begriff ausdrücken kann "." Der zeitgenössische Semiotiker würde sagen, daß die künstlerische Darstellung eher konnotativen als denotativen Charakter hat und daß Kants dualistische Erklärung der Tatsache Rechnung trägt, daß im ästhetischen Bereich die Ausdrucksebene nicht auf die Inhaltsebene reduziert werden kann.
      Kantianische Skepsis einer Kunsttheorie oder Kunstwissenschaft gegenüber, die Kunstwerke mit begrifflichen Äquivalenten identifiziert und die Kunst insgesamt als "niedere Erkenntnisform oder Logik" zu einer ancilla philosophiae degradiert, ist nicht unabhängig von Kants Erkenntnistheorie zu verstehen. Auf sie, die alljährlich zum Gegenstand zahlreicher Abhandlungen wird, kann ich hier nicht ausführlich eingehen. Es erscheint mir jedoch notwendig, daraufhinzuweisen, daß Kants - wie ich meine durchaus gerechtfertigter - Agnostizismus im ästhetischen Bereich aus der systematischen Skepsis seiner Erkenntnistheorie ableitbar ist.
      Es ist ganz zu Recht immer wieder betont worden, daß Kant insofern von der Autonomie des Objekts, der "empirischen Wirklichkeit"12, ausgeht, als er sich weigert, die Gegenstände des menschlichen Denkens mit diesem zu identifizieren. Das subjektive Denken ist begrenzt, da es die Gegenstände nur als seine Gegenstände, d.h. als Erscheinungen, nicht jedoch als "Dinge an sich" erkennen kann.
      Sogar Raum und Zeit als a priori gegebene formale Bedingungen des Erkennens und als Grundlagen der transzendentalen Subjektivität können nicht in die Wirklichkeit hincinprojiziert werden; auch sie wohnen den Objekten nicht inne, sondern sind Universalbcdingungen subjektiver Erkenntnis. Dazu heißt es in der Kritik der reinen Vernunft, die als ein großangelegter Versuch gelesen werden könnte, die Grenzen menschlichen Denkens abzustecken: "Dagegen bestreiten wir der Zeitallen Anspruch auf absolute Realität, da sie nämlich, auch ohne auf die Form unserer sinnlichen Anschauung Rücksicht zu nehmen, schlechthin den Dingen als Bedingung oder Eigenschaft anhinge. Solche Eigenschaften, die den Dingen an sich zukommen, können uns durch die Sinne auch niemals gegeben werden. Hierin besteht also die transzendentale Idealität der Zeit ."

   Diese Überlegungen sind in dem hier entworfenen Kontext deshalb wichtig, weil Hegel - wie sich zeigen wird - versucht, die Kantische Begrenzung der Erkenntnis sowie den Dualismus zwischen Subjekt und Objekt aufzuheben. Im Gegensatz zu Kant ist Hegel, wie John E. Smith zu Recht bemerkt, ein "Realist", weil er von der Annahme ausgeht, daß subjektives Denken und objektive Beschaffenheit übereinstimmen: "Was wir erkennen, das sind die Dinge selbst, ihre Eigenschaften, Einheiten und Beziehungen."

   Im ästhetischen Bereich hat dieser Gegensatz weitreichende Folgen: Denn in Übereinstimmung mit seiner Erkenntnistheorie und seiner Kritik an Kant" muß Hegel von dem Gedanken ausgehen, daß auch Kunstgegenstände als solche, in ihrer objektiven Beschaffenheit, erkennbar, erfaßbar sind. Das Kantische Paradoxon, daß die Kunst "es sagt und doch nicht sagt" , daß Kunstwerke zum Nachdenken reizen, ohne im Gedanken aufzugehen, ohne begrifflich eindeutig bestimmbar zu sein, wird bei Hegel aufgelöst: Erkennen und Wirklichkeit, Denken und Sein, Subjekt und Objekt verschmelzen zu einer Einheit, werden identisch.
      Die Vorherrschaft des Begriffs hat schließlich zur Folge, daß das Schöne bei Hegel mit dem menschlichen Artefakt, dem Kunstwerk, identifiziert wird. Während Kant Schönheit noch weitgehend mit dem Naturschönen verknüpfte, wird dieses bei Hegel zu einer unselbständigen, weil aus der Kunst ableitbaren Erscheinung. Auch darin kommt die Herrschaft des Subjekts über das Objekt, des Begriffs über die Natur zum Ausdruck.
     

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