Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literarische Ästhetik - aufläse
Ein wesentlicher Aspekt der Hegeischen Ästhetik ist ihre Heteronomie, die in Hegels Versuch zum Ausdruck kommt, die Kunst als sekundäre Erscheinung aus dem begrifflichen Denken der Philosophie abzulei
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Epilog: Von Croce zum New Criticism



Eine ausführliche Darstellung der Ã"sthetik Bcnedetto Croces würde sicherlich den Rahmen dieses Kapitels, dessen Hauptproblem die hegelianische Heteronomie ist, sprengen. Noch vermessener wäre an dieser Stelle der Versuch, die Beziehung zwischen Logik, Geschichtsphilosophie und Ã"sthetik bei Croce untersuchen zu wollen, zumal Croce diese Beziehung in seiner großen Estetica come scienza dell' espressione e linguistica generale ganz anders definiert alsin späteren Schriften zur Geschichtsphilosophie.' Deshalb will ich mich hier auf einige wesentliche Punkte beschränken, in denen der "Hegelianer" Croce als Kunsttheoretiker von Hegel abweicht.

      Einige generelle Bemerkungen zu Croces Hegelianismus sind allerdings aus Kohärenzgründen unerläßlich. In seiner für diesen Kontext besonders wichtigen Schrift Lebendiges und Totes in Hegels Philosophie , die im selben Zeitraum entstand wie die Estetica, stellt der Autor unmißverständlich fest: "Ich bin Hegelianer und glaube, daß man es sein muß ."""Seine Philosophie wird in den meisten Nachschlagewerken zu der Hegels in Beziehung gesetzt; nicht zu Unrecht, denn in vieler Hinsicht setzt Croce die hegelianische Tradition fort.
      Einerseits nimmt er in der hier genannten Schrift Hegels System gegen Angriffe rechter und linker Hegelianer in Schutz, andererseits unternimmt er einen großangelegten Versuch, ein eigenes System zu entwerfen, in dem die Selbständigkeit der Natur negiert und die uneingeschränkte Realität des Geistes postuliert wird: "Jeden Tag wird es klarer, daß die Natur ihrem Begriff nach ein praktisches Erzeugnis des Menschen ist ."""Trotz seiner Kritik an Hegels Dialektik1" betrachtet er die Wirklichkeit aus dialektischer Sicht und ist - ganz im Gegensatz zu Nietzsche - von der Einheit der Gegensätze in der Synthese überzeugt: "Die Gegensätze sind Gegensätze unter sich, sind aber nicht Gegensätze gegen die Einheit, da die wahre und konkrete Einheit nichts anderes ist als Einheit oder Synthese der Gegensätze."" Wie Hegel huldigt er in Ãobereinstimmung mit dem liberalen Bürgertum, dem er als Vorsitzender der Liberalen Partei, als Senator und Unterrichtsminister diente, einem recht zuversichtlichen Historismus, den Antonio Gramsci ausführlich kritisiert"1: Die Wirklichkeit ist Geschichte und die historische Entwicklung verläuft vom Guten zum Besseren.

     
Angesichts dieser hegelianischen Grundsätze ist es recht erstaunlich, daß der italienische Philosoph in seiner Estetica im entscheidenden Punkt von Hegel abweicht, indem er die künstlerische Intuition zur Grundlage des menschlichen Erkennens macht. Dabei kommt es zu einer Umkehrung der Hegelschcn Argumentation: Nicht das historische Ziel der geistigen Entwicklung, das begriffliche oder "wissenschaftliche" Denken, ist maßgebend, sondern der Ursprung dieses Denkens: die lyrische Dichtung, die Poesie. Hegel, sagt Crocc, habe den logischen Begriff "intuitiv" aufgefaßt, "um zu bezeichnen , daß die Philosophie aus dem Schöße der göttlichen Poesie entspringen muß, matre pulchra, filia pulchrior". Diese Hegel-Interpretation ist sicherlich anfechtbar und wäre von den meisten Hegelianern abgelehnt worden.
      Unmittelbar nach dem lateinischen Zitat - "matre pulchra, filia pulchrior" - stellt sich heraus, daß es sich bei Crocc, wenn nicht um eine nictzschcanischc, so doch um eine lebensphilosophische Deutung der Hegeischen Philosophie handelt: "Derart in Beziehung und Freundschaft zu der Poesie gesetzt, tritt die Philosophie in jenen Zustand ein, den man zur Zeit nach der Mode der Nictzschc'schcn Ausdrucksweise 'dionysisch' zu nennen pflegt, und welcher derart ist, schüchterne Denker zu erschrecken ."" Trotz der ironischen Distanz zu Nietzsche wird hier Hegel ästhetisiert und in einem lebensphilosophischen Kontext gedeutet, in dem seine Philosophie "Abstraktionen zerbricht und dieses Leben mit dem Gedanken lebt"1"1: in einem Kontext, in dem die lyrische Intuition als Erkenntnis des Individuellen und Einmaligen zur eigentlichen Triebfeder des Denkens wird.
      Angesichts dieser Umdeutung der Hegclschen Philosophie nimmt es nicht wunder, daß Croce eine der zentralen Kategorien dieser Philosophie fallenläßt, wenn er in seiner abschließenden Kritik an Hegels "Panlogismus" und an "jede spekulativc Konstruktion des Individuellen und des Empirischen" von der "Selbständigkeit der verschiedenen Formen des Geistes" spricht" und sich vornimmt, den eigentlichen Gedanken Hegels aus seiner falschen "Hülle" herauszuschälen. Indem Croce aber die "Selbständigkeit der verschiedenen Formen des Geistes"postuliert, bricht er einen der Eckpfeiler der Hegeischen Dialektik heraus: die Kategorie der Vermittlung.
      Das dialektische Denken stellt Erscheinungen wie das Recht, das Schulsystem, die Familie oder die Kunst nicht als selbständige Größen dar, sondern als menschliche Konstrukte, deren wirtschaftliche, gesellschaftliche und historische Funktionen ihnen nicht äußerlich sind: Sie gehen in die Struktur, in die Organisationsform selbst ein. So ist das römische Recht nicht unabhängig von der römischen Marktgesellschaft, das Drama der griechischen Antike nicht unabhängig von der Organisation der attischen Polis und das literarische Gattungssystem des französischen 17. Jahrhunderts nicht unabhängig von der absoluten Monarchie zu verstehen: Wirtschaftliche, politische und ästhetische Faktoren greifen ineinander .
      Indem Crocc auf diesen Gedanken der Dialektik verzichtet, verläßt er das dialektische Denken selbst und redet einem kantianischen Dualismus das Wort. Es ist sicherlich kein Zufall, daß er gerade diejenigen unter Hegels Erben lobt, die "ihren vorsichtigen und kritischen Geist" dadurch kund taten, "daß sie Hegel in gewisser Art auf seine Kantschen Grundlagen zurückführten"."* Dieses Programm einer Rückkehr zu Kant verwirklicht Croce auf vorbildliche Art in seiner Estetica, deren Plädoyer für die Autonomie der Kunst ihre Einwirkung auf den anglo-amerikanischcn New Criticism erklärt.
      Schon der Titel von Croccs Estetica come scienza dell'espressione e linguistica generale läßt vermuten, daß der Autor sich eine Aufwertung der Ausdrucksebene vorgenommen hat - obwohl das Wort "espressione", das Croce auf alle Kunstformen anwendet, natürlich recht wenig mit Hjclmslevs "Ausdrucksebene" zu tun hat. Tatsächlich stellt sich vor allem im dritten Kapitel, das die Beziehung zwischen Kunst und Philosophie zum Gegenstand hat, heraus, daß die ästhetische Intuition zur Grundlage der Erkenntnis gemacht wird. Croce geht noch einen Schritt weiter - und weit über Kants Autonomicästhetik hinaus -, wenn er behauptet, daß Kunst und Wissenschaft auf ästhetischer Ebene miteinander kommunizieren und daß "jedes wissenschaftliche Werk zugleich Kunstwerk""1' sei.

     
Der kantianische Dualismus kommt jedoch voll zum Tragen, und Croce widerspricht sich , wenn er schreibt: "Die logische oder wissenschaftliche Form schließt als solche die ästhetische Form aus. Wer sich anschickt, wissenschaftlich zu denken, der hat bereits aufgehört, ästhetisch zu betrachten ."12ü Etwas weiter drückt er klar seine Ablehnung der begrifflichen Vereinnahmung der Kunst aus: "Der Irrtum beginnt dort, wo man versucht, vom Begriff den Ausdruck abzuleiten ." Er spricht in diesem Zusammenhang von einem "intellektualistischen Irrtum" , der in mancher Hinsicht die Kritik der begrifflichen und wissenschaftlichen Heteronomie im New Criticism - vor allem bei Ransom - antizipiert.
      Wie radikal, einseitig und unhegclianisch eine solche Ãoberbetonung der Ausdrucksebene ist, zeigen die Anwendungen dieser Ã"sthetik auf die Literatur. Wer "Vermittlung" im dialektischen Sinne durch "Selbständigkeit" ersetzt, der muß davon ausgehen, daß literarische Texte nicht im historischen, sozialen und kulturellen Kontext, sondern nur immanent zu verstehen sind. Konsequent lehnt Croce jede Art von Gattungstheorie ab, bezeichnet den Gattungsbegriff als "leere Phantasie"' und plädiert für eine rigoros werkimmanente Analyse, die sich auf das einzelne Werk konzentriert und jede spekulative Verknüpfung mit einem Oberbegriff strikt ablehnt. Es gibt nur den einzelnen Roman - etwa Don Quijote - nicht die Romangattung. Parallel zu dieser These stellt Croce die Behauptung auf, daß auch historische Erkenntnis nur Erkenntnis des Individuellen und der Geschichtsbegriff daher dem Kunstbegriff subsumierbar sei.
      Daß dieser Partikularismus, der dem Vermittlungsbegriff Hegels diametral entgegengesetzt ist, weitreichende methodologische Folgen hat, zeigt das 9. Kapitel der Estetica, wo der Autor die Möglichkeit literarischer Ãobersetzungen in Frage stellt. Er spricht dort von der "Unmöglichkeit der Ãobersetzung" und fügt hinzu: "Tatsächlich mindert oder zerstört jede Ãobersetzung die Qualität oder läßt eine neue Ausdrucksform entstehen ." Die "gute" Ãobersetzung ist nach Croce eine Nachdichtung mit "Originalwert" .

     

Angesichts dieser drastischen Aufwertung der Ausdrucksebene, die auch die Ã"sthetik des späten Croce von der Hegels trennt, nimmt es nicht wunder, daß der Autor der Estetica schließlich Ã"sthetik und Linguistik identifiziert: "Sprachphilosophie und Kunstphilosophie sind ein- und dasselbe."' Es ist hier nicht der Ort, diese sonderbare Gleichung, die sich über den nichtsprachlichen Charakter der Musik und der bildenden Künste hinwegsetzt, anzuzweifeln; auch die Ineinssetzung von "Linguistik" , "Sprachphilosophic" und "philosophischer Linguistik" 12'', die jedem heutigen Sprachwissenschaftler ein Dorn im Auge sein muß, soll nicht weiter kommentiert werden. Wichtig ist hier lediglich die extreme Position der Estetica, die eine Vcrsclbständigung der Signifikanten und eine Abwertung der Inhaltsebene ermöglicht. Sie erklärt, weshalb der Autor der Ã"sthetik diese als "Wissenschaft des Ausdrucks" und als "allgemeine Linguistik" definiert.
      Wie sehr Croces extremer Autonomismus sowie sein Verzicht auf den dialektischen Begriff der Vermittlung seiner eigenen literaturkritischen Praxis, vor allem seinen moralischen Urteilen über "dekadente" Autoren wie Pirandcllo und Fogazzaro, widersprechen, zeigt Johannes Thomas. Mit Recht weist er darauf hin, daß die Estetica für derlei heteronome Urteile keine Grundlage abgibt. Wer die Autonomie der Ausdrucksebene betont und den literarischen Text - in Ãobereinstimmung mit dem Ã"sthetizismus - aus dem sozialen und historischen Kontext herauslöst, der kann die ästhetische Stufe nicht mit der moralisch-politischen, die intuitive nicht mit der begrifflichen vermitteln: "Wenn nun gelten soll, daß die einzelnen Stufen unverbunden und in sich autonom nebeneinander stehen oder schweben, dann müßte Croce schon genauer erläutern, wie er sich den Ãobergang vom intuitiv Erfahrenen in den begrifflichen Bereich denkt, und mit welchem Recht, bzw. aufgrund welcher Argumente er den ästhetischen Geschmacksurteilen moralische Ãoberzeugungen zugrunde legt." Der Verzicht auf den dialektischen Begriff der Vermittlung kann nur Widersprüche zeitigen.

     
Mag sein, daß der Hegel-Schüler Croce sich dessen bewußt war, denn in seinem Spätwerk schränkte er die Radikalität seines Autonomiebegriffs wieder ein durch einen ethisch fundierten Historismus, in den in seiner "kleinen Ã"sthetik" - Aesthetica in nuce - auch der ästhetische Bereich integriert wird. Doch auch - und vielleicht gerade - in diesem Büchlein, in dem "Sprachphilosophie" und Ã"sthetik noch immer eine Einheit bilden1", zeigt sich, daß der Ã"sthetiker Croce Kant schon immer näher stand als Hegel: "Aber was er verband, bleibt für immer verbunden", schreibt er über den Nexus von Autonomiebegriff und Kunstbegriff und fährt fort: "Nach der Kritik der Urteilskraft ist die Rückkehr zu hedonistischen und utilitaristischen Erklärungen der Kunst und der Schönheit natürlich möglich, und solche Erklärungen sind auch vorgelegt worden: jedoch nur aus Unkenntnis und Unverständnis der Kantischen Ausführungen."11" Einige Zeilen weiter wird Hegels Versuch, die Dichtung dem begrifflichen Denken der Philosophie unterzuordnen, abermals abgelehnt.
      Dieser Argumentation folgt der anglo-amerikanische New Criticism, dessen ästhetische Grundlagen von den Begründern zwar nie systematisch dargestellt wurden, die aber in jeder Hinsicht als kantianisch und croceanisch zu bezeichnen sind. Zum Abschluß möchte ich hier deshalb zeigen, daß die Einwände der New Critics gegen die ästhetische Hetero-nomic aus Kants und Croces Philosophie stammen, aus einer Philosophie, von der Ulrich Schulz-Buschhaus schreibt: "Worum es Croce geht, ist folglich die ontoiogische Bewahrung der Dichtung vor allen kompromittierenden Verhältnissen, vorzüglich vor dem in Italien besonders peinlichen Kontakt mit der Gesellschaft und - was ja auf dasselbe hinauskommt - mit der Geschichte."

   Es ist nicht einfach, vielleicht auch nicht legitim, den New Criticism, der nie eine Bewegung im Sinne des russischen Formalismus oder der Tel-Quel-Gruppe war, auf eine homogene Ã"sthetik festzulegen: zumaldie Vertreter dieser literaturwissenschaftlichen Richtung einander häufig widersprechen und auch widersprüchliche Aussagen über Kant, Hegel oder Croce machen. In ihrer Einschätzung von Croces Ã"sthetik sind sich jedenfalls I.A. Richards, der den Literaturbegriff der New Critics mitgeprägt hat, und J.E. Spingarn, der die Bezeichnung "New Criticism" als erster verwendete, keineswegs einig: Während Richards sich immer wieder von Croce distanziert und ihm - etwa in Principles of Literary Criticism - vorwirft, Schlüsselbegriffe wie "Kunst", "Intuition", "Ausdruck", "Einbildungskraft" etc. als Synonyme zu verwenden113, stellt Spingarn in seinem Vortrag "The New Criticism" die gesamte Literaturwissenschaft aus der Sicht Croces dar, die er sich auch in anderen Arbeiten, etwa in der Einleitung zu seiner Anthologie Critical Essays ofthe Seventeenth Century , zu eigen macht.13'
Trotz Richards' Kritik kann behauptet werden, daß sich die wesentlichen Theoreme der New Critics aus Kants und Croces Ã"sthetiken ableiten lassen. Nicht nur die Lektüre von Spingarns Schriften läßt den Einfluß dieser beiden Philosophen erkennen, sondern auch die Grundtendenz der Arbeiten von William K. Wimsatt, John Crowc Ransom Und Clcanth Brooks, die drei Hauptcharakteristika aufweist: 1. Betortung der Ausdrucksebene und der Mehrdeutigkeit - auch in William Empsons Seven Types of Ambiguity ; 2. Plädoyer für eine werkimmanente Darstellung und 3. die These, daß Kunstwerke einmalige, unverwechselbare, d.h. individuelle Erscheinungen sind. Die beiden letzten Punkte setzen den ersten voraus: Wo die Ebene der Signifikanten in den Mittelpunkt gerückt wird, ist eine begriffliche, d.h. heteronome Reduktion des Textes auf etwas Andersartiges unmöglich.

     
Der dritte Punkt wird von Wimsatl in The Verbal leon explizit zu den ästhetischen Positionen Kants und Croces in Beziehung gesetzt: "Die hoch veranschlagte Individualität des Gedichts verdanken wir Kants ästhetischem Urteil 'ohne Begriff sowie der ihm entsprechenden Intuition als Ausdruck bei Croce." Dieses Beharren auf der Einmaligkeit und Unverwechselbarkcit des literarischen Textes, der - ähnlich wie bei Croce - häufig mit dem lyrischen Gedicht identifiziert wird, erklärt den Antagonismus zwischen den New Critics und den von Aristoteles beeinflußten Chicago Critics , die nicht so sehr die Einmaligkeit, sondern die allgemeinen Galtungsmerkmale des Textes hervorheben.11'
Die werkimmanente Methode, die die New Critics mit Wolfgang Kayser und der französischen "cri-tique universitäre" verbindet, hängt eng mit der von Wimsatt postulierten "Individualität" des Kunstwerks zusammen: Das Einmalige, Unverwechselbare kann nur als etwas sui generis untersucht werden; es ist nicht aus heteronomen Erscheinungen ableitbar. Dies meint Richards, wenn er feststellt: "Jedes Gedicht ist jedoch ein genau begrenzter Erfahrungsbereich, ein Bereich, der mehr oder weniger leicht zerfällt, wenn Fremdkörper eindringen."1" Dieses werkimmanente Theorem wird immer wieder von Richards' Schülern, etwa von William Empson in Seven Types of Amhiguity und von Clcanth Brooks in The Well Wrought Urn , wo ein "rcading of the poem itself"13* gefordert wird, bestätigt. Es ist ein dose reading, das über den Rahmen des fiktionalen Textes nicht hinausgeht.
      Die werkimmanente Methode und das Postulat der dichterischen Einmaligkeit und Autonomie gründen beide auf der These, daß der Literaturwissenschaftler es primär mit der Ausdrucksebene zu tun hat. Ich sage primär, weil die New Critics keineswegs leugnen, daß literarische Texte metaphysische, ethische und religiöse Komponenten aufweisen: nur sind diese Komponenten sekundär. Diese Rangordnung macht sich immer dann bemerkbar, wenn Vertreter des New Criticismbetonen, daß die entscheidende Frage nicht lautet, was in der Literatur kommuniziert wird und warum, sondern wie kommuniziert wird.
      Die Hervorhebung des "Wie" und der Ausdrucksebene verbindet alle New Critics miteinander: Cleanth Brooks und Robert Penn Warren sprechen von der Dichtung als einer "Art des Sagens" und grenzen Literatur gegen Wissenschaft ab, die ihrer Ansicht nach darauf abzielt, "Behauptungen von absoluter Genauigkeit" aufzustellen. Ihre Ansicht wird von John Crowe Ransom bestätigt, der die Dichtung jenseits des begrifflichen Denkens und der Wissenschaft ansiedelt: "Ich bin der Ansicht, daß Dichtung auf revolutionäre Art mit der Konvention der logischen Rede bricht ." Im Anschluß an den Semiotiker Charles W. Morris definiert er das sprachliche Kunstwerk als "ikonisches Zeichen" und fügt hinzu: "Das Ikon ist ein Partikulares. Das Partikulare ist undefinierbar, das heißt, es geht über die Definition hinaus." Diesen Aussagen Ransoms, die aus seinem Standardwerk The New Criticism stammen, liegt der kantianische Gedanke zugrunde, daß das Gedicht oder der literarische Text als Ausdruck und Zusammenspiel vieldeutiger Signifikanten nicht mit Hilfe wissenschaftlicher Begriffe aufzulösen ist.
      Auf dieser These gründen alle Untersuchungen in Brooks' The Well Wrought Urn. Im Gegensatz zu Hegel, der behauptet, Dichtung könne ohne Verlust in andere Sprachen übersetzt oder begrifflich paraphra-siert werden, kommt Brooks zu dem Ergebnis, daß "das Gedicht das einzige Medium ist, welches das besondere 'Was' mitteilt, das mitgeteilt wird."' In Ãobereinstimmung mit Croce beurteilt Brooks die literarische Ãobersetzung mit großer Skepsis und spricht sich klar gegen alle philosophisch oder religiös, christlich oder marxistisch motivierten Versuche aus, Dich- tung aus heteronomen Prinzipien abzuleiten oder auf sie zu reduzie
In diesem Kontext sind die von den New Critics immer wieder aufgedeckten drei fallacies zu verstehen: die genetic, die intentional und die affective fallacy. Strenggenommen sind es ihrer nur zwei, weil die intentional fallacy dem Oberbegriff genetic fallacy untergeordnet werden kann: Es geht darum, daß der literarische Text nicht mit dem gesellschaftlichen Kontext, aus dem er hervorging , oder mit der "Absicht" des Autors verwechselt wird: "The Intentional Fallacy is aconfusion between the poem and its origins, a special casc of what is known to philosophers as the Genetic Fallacy." Die affective fallacy verwechselt den Text mit dessen Rezeption, mit den psychologisch analysierbaren Reaktionen der Leser: "The Affective Fallacy is a confusion between the poem and its results ."1

   Wie sehr diese Kritik der fallacies kantianischen und vor allem croccanischcn Ursprungs ist, zeigt das vierbändige Werk Literary Criti-cism. A Short History , dessen Autoren Wimsalt und Brooks der Ã"sthetik Croces ein ganzes Kapitel widmen. Nach einer klaren Absage an die materialistischen Varianten der hegelianischen Ã"sthetik zeigt die Auseinandersetzung mit Croce im 23. Kapitel , wie stark Croces Einfluß im New Criticism war. Dieser Einfluß erklärt sich zum einen aus der Tatsache, daß die Estetica recht bald von Douglas Ainslic ins Englische übersetzt und im Jahre 1907 unter dem Titel Aesthetic as a Science of Expression and General Linguistic veröffentlicht wurde. Zur Verstärkung seines Einflusses trug wesentlich Croces Ã"sthetik-Artikel in der Encyclopaedia Britannica bei, zumal aufgrund dieses Artikels der Ã"sthetik-Begriff in der cnglischsprachigcn Welt mit seinem Ansatz identifiziert oder zumindest assoziiert wurde.
      Vor diesem Hintergrund ist Brooks' und Wimsatts Kapitel zu lesen: Die Autoren berufen sich nicht nur auf den italienischen Philosophen, wenn es darum geht, die "affektiven Kunsttheorien" als "fallacies" abzulehnen14", sondern auch in ihrer Kritik des "Intentionalismus" , der didaktisch ausgerichteten Literaturwissenschaft und des Biographismus. I4'J Obwohlsie Croces intuitive und impressionistische Vorgehensweise tadeln und ihrerseits für eine Gesamtbetrachtung des literarischen Textes plädieren 150, stimmen sie mit dem neapolitanischen Ã"sthetiker in einem springenden Punkt übercin, der zugleich den ideologischen Nexus zwischen der Estetica und dem New Criticism bildet: in der Bejahung des sozialen und politischen Individualismus und in der Befürwortung einer individualistischen
Methode in den Sozial- und Kulturwissenschaften, einer Methode, die sich auf das einzelne Werk konzentriert.
     

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