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Ausdrucksebene und Inhaltsebene
Bachtins Kritik der "formalen Methode" hat bereits gezeigt, daß seine Ästhetik nicht einseitig die Inhaltsebene gegen die Ausdrucksebene ausspielt oder umgekehrt. Sie erkennt die Autonomie beider Ebenen an und kann als ein Versuch aufgefaßt werden, Ausdruck und Inhalt dialektisch aufeinander zu beziehen. Ihre Aufwertung der Ausdrucksebene ist - anders als bei den Formalisten - nicht auf eine Ausblendung der Inhalts- und Wahrheitsproblematik zurückzuführen, sondern zeugt im Gegenteil von einer intensiven Auseinandersetzung mit der Begrifflichkeit der Kunst. Diese wird bei Bachtin - wie schon bei Kant und später bei Adorno - zwar nicht geleugnet, jedoch drastisch eingeschränkt. Die Sprache als solche erscheint Bachtin - ähnlich wie später den Anthropologen Sapir und Whorf - als ein autonomes System, dasnicht ohne weiteres auf begrifflichem Wege in andere Systeme zu übersetzen ist: "Eine zweite Sprache ist eine zweite Weltanschauung oder eine andere Kultur, und dies in einer konkreten und nie völlig übersetzbaren Form." Dem Adverb "völlig" kommt hier besondere Bedeutung zu: Jede Übersetzung, auch die Übersetzung nicht-literarischer Texte, hat es letztlich mit einem nicht-übersetzbaren Residuum zu tun, das kulturspezifisch und daher nicht in allgemeingültigen Begriffen aufzulösen ist.
Wo an der sprachlichen Übersetzung im allgemeinen gezweifelt wird, dort werden noch größere Bedenken laut, wenn es um die literarische Übersetzung geht oder um die Möglichkeit, aus literarischen Texten begriffliche Wahrheiten herauszudestillieren. Inhaltlichkeit oder Begrifflichkeit des literarischen Textes leugnet Bachtin keineswegs, er bestreitet allerdings die Möglichkeit, einen solchen Text auf einen eindeutigen Begriff, auf ein theoretisches Urteil festzulegen.
Der ästhetische Erkenntnisprozeß ist nicht mit einer begrifflich faßbaren Wahrheit abzuschließen: "Es wäre völlig falsch", schreibt Bachtin in seinen Kommentaren zum "Problem des Inhalts", "sich den Inhalt als ein gnoseologisches, theoretisches Ganzes, als einen Gedanken, als Idee vorzustellen." Diese unterschwellige Kritik an Hegels und Lukäcs' logozentrischer Ästhetik nimmt eine Seite weiter eine kantia-nische Wendung, wenn Bachtin erklärt: "Das gnoseologische Moment beleuchtet gleichsam das ästhetische Objekt von innen, wie ein nüchterner Strom Wassers dem Wein ethischer Spannung und künstlerischer Vervollkommnung beigemengt wird, doch verdichtet es sich keineswegs immer bis zum Rang eines bestimmten Urteils; alles wird erkannt, doch bei weitem nicht alles wird im adäquaten Begriff identifiziert." Diese Darstellung erinnert an Adornos These aus der Ästhetischen Theorie, "daß keine Kunst wesentlich urteilt und wo sie es tut, aus ihrem Begriff ausbricht".
Ähnlich wie Adorno weist Bachtin immer wieder darauf hin, daß die Begriffslosigkeit der Kunst nicht als "Inhaltslosigkeit" oder gar "Sinnlosigkeit" aufgefaßt werden sollte, denn "Freiheit von der Bestimmtheit des Begriffs kommt nicht dem Freisein von Inhalt gleich, Ungegen-ständlichkeit ist nicht Inhaltslosigkeit ".** Bachtins literaturwisscn-schaflliche Arbeiten zeigen, daß ihm Polyphonie und Polysemie als solche zu Wahrheitsmomenten werden: Beide opponieren der monologischen und ideologischen Reduktion des Textes auf ein Dogma. Die Offenheit des Textes selbst, die den herrschenden Kulturen vom Feudalismus bis zum Stalinismus Widerstand leistet, wird zu einem negativen Wahrheitsgehalt: zur Freiheit des Autors und des Lesers, jenseits des herrschenden Monologs zu schreiben und zu denken.
Offenheit und Polyphonie sind keine Mängel wie bei Hegel, sondern werden von einem Autor wie Dostocvskij intendiert. Von der Welt Dostocvskijs heißt es bei Bachtin: "Nur ist es müßig, in ihr systematisch-monologische, wenn auch dialektische, philosophsiche Geschlossenheit zu suchen, und nicht deshalb, weil sie dem Autor nicht gelungen wäre, sondern weil sie gar nicht seinen Intentionen entsprach." m Auch dieser Satz kann als eine versteckte Polemik gegen den Hegelianismus der Marxisten-Leninisten und der Vertreter des sozialistischen Realismus gelesen werden.
Die von Hegel ebenfalls bemängelte Polysemie ist als ein Aspekt der Polyphonie aufzufassen. Die einander widersprechenden Stimmen der Protagonisten machen jeden Versuch zunichte, Dostocvskijs Helden eindeutig zu definieren: "Die Möglichkeit zur Ausflucht macht den Helden auch für sich selbst zweideutig und unfaßbar.'""' Während die Polyphonie den Monolog scheitern läßt, entzieht die Polysemie den Text der eindeutigen Definition. Beide stellen die Hegelschc und hegelianische These in Frage, der/.ufolge literarische Werke ohne Verlust in andere Sprachen sowie in die begriffliche Sprache der Philosophie übersetzt werden können.
Polyphonie und Polysemie sind allerdings nicht unproblematisch: nicht nur weil sie, wie Hendrik van Gorp in seiner Kritik an Bachtin bemerkt, vom Leser nicht immer wahrgenommen werden91, sondern auch deshalb, weil in einer von Ambivalenz und Polyphonie geprägten sprachlichen Situation, in der das Wort "zur Kampfarena zweier Stim-men" wird, die "letzte Sinninstanz des Werkes"91, von der Bachtin spricht, erschüttert wird. In dieser Situation können Begriffe wie "Sinn" und "Wahrheit" selbst der Polyphonie und Indifferenz zum Opfer fallen.
Julia Kristcva akzeptiert - zumindest implizit - diese Indifferenz, wenn sie in ihrem Vorwort zur französischen Ausgabe des Dostoevskij-Buches bemerkt, "der Autor nicht die oberste Instanz, die für die Wahrheit dieses Gegeneinanders von Diskursen bürge"94, und hinzufügt, daß das zersplitterte Subjekt "das ideologische Prinzip der Identität auflöst" .'" Doch wie sind diese Aussagen mit Bachtins Bemerkungen zur "letzten Sinnin-stanz des Werkes" und "des Autors" zu vereinbaren?
Indem Kristeva nur die alles auflösende karnevalistische und polyphone Kritik Bachtins gelten läßt, Übersicht sie, daß Bachtin gleichzeitig an bestimmten Wahrheiten - wie Demokratie, Volkskultur, Dialog und Hermeneutik - festhält und die Indifferenz des Marktes, des Tauschwerts, der in letzter Instanz die Demokratisierung und Karneva-lisierung der Gesellschaft ermöglicht, nicht restlos akzeptiert. Sie Übersicht Bachtins eigene Ambivalenz, die zugleich seine Aporie ist. Apore-tisch wird seine Theorie an dem Punkt, an dem deutlich wird, daß die Marktgeselze, die die demokratische Befreiung vom feudalen und stalinistischen Monolog ermöglichen, kulturelle Werte wie Kritik, Dialog und Demokratie der Indifferenz des Tauschwerts überantworten.
Nicht nur Bachtins Ansatz leidet an dieser Aporie: Im nächsten Kapitel wird sich zeigen, daß auch die Kritische Theorie ihr nicht entgeht und daß Adorno Walter Benjamins Entwürfe einer demokratischen, proletarischen Kultur als Konzessionen an die Marktgesetze der Kulturindustrie kritisiert.
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