Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literarische Ästhetik - aufläse
Als Modewort und Modeerscheinung ist "Dialog" sowohl der "Kritik" als auch der "Dekonstruktion" vergleichbar: Wer sich in der gegenwärtigen sprachlichen Situation auf Dialog, Kritik und die Vieldeutig
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Literaturwissenschaft zwischen Kant und Hegel: Polysemie und Monosemie



Dieser Abschnitt ist insofern eine Rückkehr zum vierten und ersten Kapitel, als er im Anschluß an die semiotische und dekonstruktionisti-sche Problematik das Oszillieren einer kritischen Literaturwissenschaft zwischen Kants erkcnntnisthcoretischcr Skepsis und Hegels nocti-schem Absolutheitsanspruch beschreibt. In Übereinstimmung mit der Kritischen Theorie Adornos und Horkheimers, von der sie ausgeht, ist die hier entworfene kritische Literaturwissenschaft, deren Entwicklung als Textsoziologie oder Soziosemiotik noch lange nicht abgeschlossen ist', bestrebt, die Spannung zwischen kantianischer Skepsis und hegelianischem Erkenntnisanspruch dialektisch auszutragen.


Sic wird sich nicht auf eine der beiden extremen Positionen festlegen und das Kunstwerk bzw. den literarischen Text als begriffsloses, polysemes Zeichen oder als begriffliche, monoseme Struktur auffassen.
      Durch ihre dialektische Bewegung reagiert sie auf die Auseinandersetzungen und Peripetien der europäischen Ästhetik, die im Spannungsverhältnis zwischen dem Hegeischen und dem Kantschen Pol zu erklären sind. Zu diesem Verhältnis bezieht Mikel Dufrenne in einem historischen Zusammenhang Stellung, wenn er bemerkt: "Eine subjek-tivistische Ästhetik im Zeichen von Kant, eine objektivistische Ästhetik im Zeichen von Hegel, dieser Gegensatz wird die Geschichte der Ästhetik beherrschen; er wird zu Beginn dieses Jahrhunderts in Deutschland schwere Konflikte zwischen der Ästhetik, die sich auf das Subjekt bezieht, und der Kunstlehre hervorrufen, die sich auf die Wissenschaft beruft und ein Studium des Objekts anstrebt." Eine kritische Literaturwissenschaft wird sich weder in den subjektiven noch in den objektiven Bereich zurückziehen, sondern bestrebt sein, die subjektiven Konstruktionen der Theorie mit den Strukturen des Objekts zu vermitteln. In Übereinstimmung mit Adornos Ästhetik wird sie sich bemühen, die Dialektik zwischen Kantianismus und Hegelianismus in einem neuen Zusammenhang fortzusetzen.
      Sic nimmt - im sozialwissenschaftlichen Kontext - ernst, was Adorno in der Ästhetischen Theorie über den Rätsclcharakter der Kunst schreibt: "Alle Kunstwerke, und Kunst insgesamt, sind Rätsel; das hat von altersher die Theorie der Kunst irritiert. Daß Kunstwerke etwas sagen und mit dem gleichen Atemzug es verbergen, nennt den Rätselcharakter unterm Aspekt der Sprache." Begriffliche Erklärung ist nicht als Reduktion auf den Begriff, als Monosemicrung zu denken: "Aber die Vcrgcisligung der Kunst nähert ihrem Rätsclcharakter sich nicht durch begriffliche Erklärung unmittelbar, sondern indem sie den Rätselcharaktcr konkretisiert. Das Rätsel lösen ist soviel wie den Grund seiner Unlösbarkeit angeben ."*
Hier wird von einem metaphorischen Diskurs zusammengeführt, was hegelianische und kantianische Ästhetiken gewöhnlich trennen: Begriff und Begril'fslo-sigkeit, Inhaltsebene und Ausdrucksebene, Monosemie und Polysemie. Im folgenden will ich versuchen, den Gegensatz, der aus diesen Trennungen hervorgeht, im Zusammenhang mit der Problematik der zeitgenössischen Literaturwissenschaft zu beschreiben, um ihn anschließend dialektisch in Frage zu stellen.
      Sowohl im zweiten als auch im siebenten und achten Kapitel dieses Buches hat sich gezeigt, daß die Hegeische und hegelianische Problematik, die auf der Frage nach der Bedeutung eines literarischen Textes oder eines Kunstwerks gründet, alles andere als ein längst überwundener Anachronismus ist. Dies zeigt nicht nur Jean-Pierre Richards hegelianische Mallarme-Interpretation , in der die Totalität ein Schlüsselbegriff ist, sondern auch Greimas' neuere Arbeit über Mau-passants Text Deux Amis , in der die Frage nach der Tiefcn-struktur und dem Aktantenmodell zum Leitmotiv der semantischen und semiotischen Analyse wird. Diese ist - wie sich gezeigt hat - Lucien Goldmanns Verfahren im Rahmen des genetischen Strukturalismus gar nicht unähnlich: Auch Goldmann fragt nach der "Bedeutungsstruktur", der "strueture significative", die durchaus als logisch-semantische Struktur und als Aktantenmodell darstellbar wäre.
      Sollte ein eifriger Verfechter der Dekonstruktion einwenden, hier handle es sich um sporadische Rückzugsgefechte eines ansonsten überholten Hegelianismus, so sei lediglich auf eine neuere Arbeit des früheren Formalisten Tzvetan Todorov hingewiesen, in der von der Literatur gesagt wird: "Sie wäre nichts, wenn sie uns nicht erlaubte, das Leben besser zu verstehen." An anderer Stelle fügt Todorov hinzu: "Sie ist nicht nur Wahrheitssuche, aber sie ist auch das."'°Sicherlich sollte in diesem Fall nicht von Hegelianismus die Rede sein, wohl aber von der Möglichkeit, daß in der Literaturwissenschaft, die nicht auf Gedeih und Verderb mit der Dekonstruktion liiert ist, die Frage nach Bedeutung und Wahrheitsgehalt wieder in den Mittelpunkt der Diskussion rücken könnte.
      Solche Überlegungen sollten nun nicht als eine Zurückweisung des kantianischcn Plädoyers für eine begriffslose Auffassung der Kunst mißverstanden werden. Denn dieses Plädoyer enthält eine Vielzahl plausibler Argumente, von denen hier die wichtigsten im Zusammenhang mit Formalismus, Kritischer Theorie und Rezeptionsästhetik erörtert wurden: Die Ausdrucksebene ist nicht auf die Inhaltsebene reduzierbar und kann folglich mit immer neuen Bedeutungen versehen werden; die verschiedenen semantischen Strukturen des literarischen Textes sind nicht im Rahmen einer geschlossenen Totalität hicrarchisierbar; die Bedeutungen, die im Laufe der Rezeption von bestimmten Metasprachen in den Text hineinprojiziert werden, ändern sich zusammen mit den Metasprachen im Laufe des historischen Rezeptionsprozesses. Die Bedeutung des heterogenen literarischen Textes ist folglich nicht fixierbar.
      Es kommt hinzu - und es ist Derridas Verdienst, mehrmals darauf hingewiesen zu haben -, daß auch begriffliche Texte keineswegs eindeutig und unumstritten sind: Der Urheber der amerikanischen Declaration of Independence wird möglicherweise für immer anonym bleiben, und der Text ist nicht auf eine Bedeutung festzulegen." Die Werke von Kant, Hegel und Karl Marx haben ebenso viele Häresien gezeitigt wie die Bibel, so daß anzunehmen ist, daß ihre Polysemie es mit der der Heiligen Schrift aufnehmen kann. Die Auseinandersetzungen um wissenschaftstheoretische Texte wie Thomas S. Kuhns Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen zeigen, daß nicht einmal sie, von denen man erwarten könnte, daß sie Ordnung in das begriffliche Chaos bringen, vom Virus der Polysemie verschont bleiben: Margaret Masterman stellt beispielsweise lest, daß Kuhn in seinem bekannten Buch das Wort "Paradigma" auf mindestens 21 verschiedene Arten verwendet: "possibly more, not less"12, fügt Masterman lakonisch hinzu.
      Angesichts der nachweisbaren Polysemie wissenschaftlicher Texte könnte der Litcraturwissenschaftler versucht sein, auf die Frage, was ein literarischer Text bedeute, kurzerhand zu verzichten: Auch die tausendste Kafka- oder Proust-Interpretation, mag er resignierend feststellen, wird uns den Text nicht näherbringen... Als Kafka-Leser wird er Trost bei dem Gedanken finden, daß es auch Josef K. und dem "Mann vom Lande" nicht vergönnt war, in das "Gesetz" einzutreten und die "Wahrheit" zu erfahren. Im selben Augenblick könnte sich jedoch auch die Erkenntnis durchsetzen, daß der trostbringende Gedanke eine eindeutige Aussage über Kafkas Text enthält: Dem Mann vom Lande gelingt es nicht, in das Gesetz einzudringen. Kafkas Parabel läßt an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig, was das Scheitern des Protagonisten angeht: "Nun lebt er nicht mehr lange. Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon am Ende ist, und um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: 'Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn'."

   Tatsächlich weist die vieldeutige und unzählige Male gedeutete Parabel Kafkas, die im Romanfragmenl selbst von Josef K. und dem Geistlichen gedeutet wird, ein relativ einfaches Aktantenmodcll auf: Ein Subjekt, der Mann vom Lande, wird unmittelbar mit einem Anti


Subjekt, dem Türhüter , konfrontiert, die ihm das "Gesetz" als Objekt-Aktanten mit Erfolg streitig machen. Die Erzählung endet eindeutig mit dem Sieg des Antisubjekts über das sterbende Subjekt. Sic stellt mithin das Scheitern des Subjekts dar.
      Mit Recht wird man einwenden, daß dies eine Trivialleklüre der Parabel ist, die in keiner Weise ihrem "Gedankenreichtum" und ihrem "Rätselcharaktcr", der am Ende in einer Paradoxic zum Ausdruck kommt, gerecht wird. Aber schon die Feststellung, daß die Erzählung in eine Paradoxic ausmündet, setzt die Möglichkeit voraus, diese Paradoxic, die von so verschiedenen Literaturwissenschaftlern wie Walter Falk und Hartmut Binder in Kafkas Text aufgezeigt wurde, auf struktureller Ebene zu beschreiben. Tatsächlich zeigt eine aufmerksame Lektüre der Parabel, daß das Paradoxon u.a. darin besteht, daß der Mann vom Lande nach etwas strebt , dessen Anblick er wahrscheinlich nicht ertragen könnte. Darauf weist der Türhüter gleich zu Beginn der Parabel hin: "Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehen aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des dritten kann nicht einmal ich mehr vertragen." Dennoch scheint das "Gesetz" gerade auf visueller Ebene eine besondere Anziehungskraft auf den Mann auszuüben, denn obwohl sein "Augenlicht" allmählich schwächer wird, "erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht"."'
Das "Gesetz." wird also im Verlauf der Erzählung als Raum und als Lichtquelle definiert, und die Paradoxic kommt dadurch zustande, daß der Protagonist etwas begehrt, dessen Anblick er womöglich nicht ertragen würde, und gerade an dem Eingang nicht Einlaß findet, der für ihn bestimmt war. Man könnte auch sagen, daß der unbekannte Auftraggeber, der einen besonderen Eingang für den Mann vom Lande bestimmt, dem Subjekt-Aktanlen einen unerfüllbaren Auftrag erteilt.

     
Es geht hier nicht darum, den sehr komplexen Text in allen Einzelheiten zu analysieren, sondern zu zeigen, daß er sowohl auf semantischer als auch auf narrativer Ebene als strukturierte Einheit beschreibbar ist. Iterativität als Wiederholung bestimmter Sememe wie "Gesetz" oder "Türhüter" führt nicht zu einem Zerfall der Textbedeutung, sondern konkretisiert sie: z.B. dadurch, daß der "Türhüter" spätestens im achten Satz der Parabel als Antisubjekt und in den letzten Sätzen als siegreiches Antisubjekt erscheint. Freilich wäre es auch möglich, auf "Gesetz" und "Türhüter" Derridas Begriff der Iterabilität anzuwenden, um zu zeigen, wie der Text sich als Verkettung von Paradoxien selbst dekonstruiert.
      Es kommt ganz darauf an, mit welcher Ästhetik man an ihn herangeht: mit einer Ästhetik, die eindeutige und nachvollziehbare Aussagen im semantischen, syntaktischen und narrativen Bereich privilegiert, oder einer Ästhetik der Ausdrucksebene, die die Paradoxien und Polysemien des Textes hervorhebt und ganz zu Recht darauf hinweist, daß der "Sieg des Antisubjekts" in eklatantem Widerspruch zum vorletzten Satz der Parabel steht: " Dieser Eingang war nur für dich bestimmt." Ich meine, daß diese beiden Ästhetiken - die "begriffliche" und die "begriffslose" - eine dialektische Einheit bilden sollten. Nur aufgrund dieser Einheit wird es der Literaturwissenschaft gelingen, den "Rätselcharakter" polysemer literarischer Texte zu "konkretisieren", wie Adorno sagt.
      Denn es leuchtet ein, daß nur jemand, der eine theologische, psychoanalytische oder soziologische Gewalttour nicht scheut, sich vornehmen kann, die Polysemie der Parabel begrifflich zu tilgen und den Signifikanten "Gesetz" mit dem "göttlichen Gesetz", den "Türhüter" mit der "väterlichen Autorität" oder dem "Kapital" zu identifizieren. In der Vergangenheit habe ich dafür plädiert, daß die vieldeutige, Ambivalenzen und Paradoxien zeitigende Schreibweise selbst zum Gegenstand der Soziologie oder der Psychoanalyse gemacht wird-und nicht irgendein mythischer "Gehalt", der sich nur dem Eingeweihten offenbart.
     
   Der Kommentar zu Kafkas Parabel Vor dem Gesetz sollte zeigen, wie Kohärenz und Widerspruch, Eindeutigkeit und Vieldeutigkeit in einem modernen literarischen Text zusammenwirken. Im folgenden möchte ich anhand von Camus' L'Etranger verdeutlichen, daß die Beschreibung der semantischen und narrativen Textkohärenz Polysemieund Interpretation nicht ausschließt. Für mich ist dies kein Grund, die Frage nach der Textbcdeutung als sinnlos zu verabschieden; als Ausweg bietet sich vielmehr ein dialogischer Vergleich der verschiedenen Metasprachen und ihrer Objektkonstruktionen an .
      In den zahlreichen Kommentaren zu Camus' Roman L'Etranger hat sich im Laufe der Jahre ein Konsens im Hinblick auf die semantischen Gegensätze Feuer/Wasser und Sonne/Meer herauskristallisiert. Der Romantext scheint diesen Konsens zu rechtfertigen, denn an zahlreichen Stellen assoziiert der Erzählerdiskurs das Meer mit dem Leben und die Sonne mit dem Tod. Kurz bevor Meursault den Araber erschießt, möchte er der Sonne, die seine Untat motiviert, entfliehen: "Ich sehnte mich nach dem Gemurmel ihres Wassers, wollte der Sonne entfliehen ." ("J'avais envic de retrouver le murmure de son eau, envic de fuir le soleil .")''' Aus dem Text geht eindeutig hervor, daß es sich um dieselbe Sonne handelt, die während des Begräbnisses von Mcursaults Mutler geschienen und schon zu jenem Zeitpunkt das Handeln des Ich-Erzählers auf fatale Weise beeinflußt hatte: "Es war dieselbe Sonne wie an dem Tag, an dem ich Mama beerdigte ." ("C'etait le meme soleil que le jour oü j'avais enterre maman .")M
Auf diesen semantischen Grundgegensatz zwischen Sonne und Meer stützen sich verschiedene psychoanalytische Interpretationen des Romans, die die Sonne mit dem männlichen, das Wasser mit dem weiblichen Prinzip verknüpfen. So stellt etwa J. Flctchcr den Gegensatz zwischen Meursault und der Sonne als eine Auseinandersetzung zwischen "Vater" und "Sohn" dar, deren Gegenstände die Erde und das Wasser sind, also Elemente mit "mütterlichen" Konnotationen. Henning Krauß, der mit Flctchcr behauptet, die Sonne symbolisiere das männliche Prinzip und das Wasser die Weiblichkeit, betont - wohl zu Recht -den ambivalenten, bisexuellen Charakter der Natur, die in Camus' Text die konträren Seme "männlich" und "weiblich" zur Synthese bringt: "Die zweigeschlechtliche Natur vergewaltigt den eingeschlechtlichen Meursault, indem sie ihn vom Mann zum Weib degradiert."

Mir kommt es nicht so sehr auf die Richtigkeit oder Fruchtbarkeit dieser Interpretationen an, sondern auf die beiden Tatsachen, daß literarische Texte einerseits klar definierbare phonetische, semantische, syntaktische und narrative Strukturen aufweisen, daß diese Strukturen andererseits aber vieldeutig sind und im Laufe des Rezeptionsprozesses von konkurrierenden Metasprachen immer von neuem interpretiert werden. Insofern haben Barthes, Eco und Jauß recht, wenn sie auf der "Offenheit" und Interpretierbarkeit des Textes insistieren. Jauß stellt allerdings das Problem auf den Kopf, wenn er in einem Aufsatz über Baudelaire behauptet: "Strukturale Textbeschreibung sollte und kann heute hermeneutisch in einer Analyse des Rezeptionsprozesses fundiert werden." Mein kurzer Kommentar zu Camus zeigt, daß es sich eher umgekehrt verhält und daß sprachliche Analysen zunächst hypothetisch beschreiben müssen, was rezipiert wird und worauf sich der Konsens oder Dissens der Rezipienten bezieht. Insofern ist Jean-Claude Coquet recht zu geben, wenn er fordert, daß alle Interpretationen eines literarischen Textes vom "primären oder linguistischen Sinn" auszugehen haben. Allerdings ist dieser "primäre Sinn" nicht monologisch im Rahmen einer besonderen theoretischen Metasprache festzulegen, sondern im Laufe eines Dialogs zwischen heterogenen theoretischen Metasprachen, in den auch die Ergebnisse der Texlrezeption eingehen. Entscheidend ist jedoch, daß die Identität eines Textes von allgemein erkennbaren Grundstrukturen abhängt. Ohne diese Grundstrukturen wäre der Text von den Diskussionsteilnehmern im Rahmen ihrer verschiedenen Metasprachen nicht identifizierbar.
      Die Heterogcnität und ideologische Bedingtheit dieser Metasprachen wurde bisher in den meisten literaturwissenschaftlichen Diskussionen nicht berücksichtigt. Davon zeugt die lange Debatte über Claude Levi-Strauss' und Roman Jakobsons Analyse von Baudelaires Sonett Les Chats, die in den 60er und 70er Jahren stattfand. Sie bestätigt bis zu einem gewissen Grad die Erkennt-nisse einer dialektischen Ästhetik, die ich hier im Zusammenhang mit Kafkas und Camus' Texten skizziert habe: 1. Es ist sinnvoll anzunehmen, daß literarische Texte sprachliche Grundstrukturen aufweisen. 2. Es ist jedoch nicht immer einfach, diese Strukturen von metasprachlich bedingten Interpretationen und Werturteilen zu unterscheiden, die an der Konstruktion des Objekttextes maßgeblich beteiligt sind. 3. Nicht alle Vieldeutigkeiten des literarischen Textes können aufgelöst werden: An entscheidenden Stellen bleiben zwei oder mehrere Auslegungen möglich. 4. Eine textimmanente Analyse reicht nicht aus, um die Komplexität des Textes zu erfassen: Es scheint notwendig, dem Rezeptionsprozeß Rechnung zu tragen und - würde ich hinzufügen - die Argumente und Ergebnisse der verschiedenen theoretischen Analysen aufeinander zu bezichen.

     
Les Chats
Les amoureux fervents et les savants austercs Aiment 6galement, dans leur müre saison, Les chats puissants et doux, orgueil de la maison, Qui comme eux sont frileux et comme eux s£dentaires.
      Amis de la science et de la volupte, 11s cherchent le silence et I'horreur des t£nebrcs; L'Erebe les eut pris pour ses coursiers funebres; S'ils pouvaient au servage incliner leur fiertfi.
      Ils prennent en songeant les nobles attitudes Des grands sphinx allonges au fond des solitudes, Qui semblent s'endormir dans un reve sans fin;
Leurs reins fdeonds sont pleins d'etincelles magiques, Et des parcelles d'or, ainsi qu'un sable fin, Etoilent vaguement leurs prunelles mystiques.

     
Die Katzen
Die glühenden Liebenden und die strengen Gelehrten Lieben gleichermaßen in der Zeit ihrer Reife Die mächtigen und sanften Katzen, Stolz des Hauses, Die wie sie frösteln und wie sie seßhaft sind.
      Freunde des Wissens und der Lust,
Suchen sie das Schweigen und den Schrecken der Finsternis; Der Erebos hätte sie als seine Totenrosse genommen, Wenn sie ihren Stolz der Knechtschaft beugen könnten.
      Sie nehmen sinnend die edlen Haltungen

Der großen Sphinxe ein, die, ausgestreckt in der Tide der
Einsamkeiten, Einzuschlafen scheinen in einem Traum ohne Ende;
Ihre fruchtbaren Lenden sind voll magischer Funken, Und Goldpartikel, wie feiner Sand, Bcslcrncn flimmernd ihre mystischen Pupillen.
      Daß Baudelaires Sonett von allen erkennbare sprachliche Strukturen aufweist, stellt sich an verschiedenen Stellen von Jakobsons und Levi-Strauss' Analyse heraus, etwa dort, wo die Autoren auf die syntaktische Dreiteilung des Gedichts hinweisen: "Das Sonett enthält drei komplexe, mit einem Punkt abgegrenzte Sätze; und zwar bilden jedes der Quartette und die Gruppen der beiden Terzette je einen Satz."2' Diese elementare syntaktische Gliederung stieß im Verlauf der Debatte - soweit ich informiert bin - nicht auf Widerspruch und könnte als Bestandteil des "sens primairc ou linguistique" aufgefaßt werden.
      Freilich könnte man einwenden, daß es sich hier um ein triviales Minimum handelt, das eine litcraturwisscnschaftliche Interpretation nicht wesentlich voranbringt. Daß diese Einschätzung allzu skeptisch, ja ungerechtfertigt ist, zeigt Lucicn Goldmanns Kommentar zu Lcvi-Strauss' und Jakobsons Artikel. Ohne Coquets semiotischc These zu kennen, daß alle soziologischen, psychoanalytischen oder anthropologischen Interpretationen von der linguistischen Grundbedeutung auszugehen haben, gründet Goldmann seine Interpretation von Baudelaires Les Chats auf der von den beiden strukturalisli-schen Autoren aufgezeigten syntaktischen Dreiteilung: "Jakobson und Levi-Strauss haben vor uns die Dreiteilung des Gedichts aufgedeckt: A) erstes Quartett, B) zweites Quartett, C) zwei Terzette. Sie haben es jedoch getan, indem sie von der Existenz eines Punktes am Ende einer jeden dieser Einheiten ausgingen, während wir dies aufgrund einer Analyse der globalen Bedeutungsstruktur erreicht haben. Wäre es eine Übertreibung zu sagen, daß Jakobson und L6vi-Strauss zwar die Dreiteilung entdeckt, wir aber deren Daseinsberechtigung und das Warum der drei Punkte erklärt haben?" Wie schon in den Diskussionen zwischen Formalisten und Marxisten geht es hier um den Gegensatz zwischen dem "Wie" und dem "Warum": Der Marxist will wie der Psychoanalytiker erklären, was der Formalist oder Strukturalist beschreibt.
      Ich glaube allerdings nicht, daß Goldmann in seinem kurzen Kommentar tatsächlich die "Bedeutungsstrukur" rekonstruiert und die Dreiteilung erklärt hat. Seine zentrale Behauptung, daß die Katzen als mythische Lebewesen in den Verszeilen 7 und 8 zusammen mit der Unterjochung durch Erebos die Transzendenz ablehnen und in einer "geglückten Synthese von Immanenz und Transzendenz" die Spannung zwischen den beiden metaphysischen Seinsmodi erhalten , ist nicht wirklich überzeugend, zumal Goldmann seine Argumentation allzu teleologisch seinem marxistisch-humanistischen Anliegen unterordnet: "Ablehnung der Transzendenz, die mit dem Stolz und der Unbeugsamkeit des Menschen zusammenhängt."2* Aber "die Katzen" sind eben keine Menschen, und dies hat vielleicht gerade einen Dichter wie Baudelaire fasziniert.
      Auf die Probleme der metasprachlich bedingten Interpretationen, die ich weiter oben an zweiter Stelle genannt habe, gehen Roland Posner und Walter Kindt ein, wenn sie L6vi-Strauss und Jakobson vorwerfen, daß die von ihnen praktizierte Strukturanalyse zahlreiche versteckte Interpretationen enthält, die weder zwingend noch intersubjektiv nachvollziehbar sind. So bemerkt beispielsweise Kindt, daß die These der beiden Autoren, derzufolge die zentralen Verse 7 und 8 sich durch besondere "grammatische Eigenschaften" vom restlichen Gedichttext unterscheiden, nicht stichhaltig ist: "Was von den Autoren als Beobachtung ausgegeben wird, ist teilweise gar nicht eindeutig beobachtbar, weil bisher keine Theorien zur Verfügung stehen, aufgrund derer über das Zutreffen der fraglichen Eigenschaften entschieden werden kann O..)."2"'
Mit dieser Bemerkung relativiert Kindt allerdings seine Kritik an den beiden Autoren: Denn wenn es tatsächlich noch keine exakte Theorie gibt, die eindeutig "überprüfbare" und "falsifi/.icrbare" Aussagen über literarische Texte ermöglicht, dann ist es auch sinnlos, den Autoren vorzuwerfen, daß sie -faule de mieux - interpretieren. Es kommt hinzu, daß Kindt an einer rigiden Trennung von Subjekt und Objekt, von literarischem Text und theoretischem Metatext festhält und dabei übersieht, daß in den Sozialwisscn-schaften das Objekt zugleich Subjekt ist, wie Anthony Giddens im Anschluß an die Hermeneutik und an Michail Bachtins Dialog-Begriff in seiner Theorie der "double hermeneutic"1" gezeigt hat. Außerdem verwendet er einen recht naiven Falsifikationsbegriff, der weder der ideologischen Problematik von Karl R. Poppers Falsifikationspostulat noch Otto Ncuraths Kritik an diesem Postulat Rechnung trägt. Recht hat er jedoch, wenn er auf Zweideutigkeiten des Gedichts hinweist, über die sich die beiden Autoren allzu leichtfertig hinwegsetzen: "Ebenso ist unklar, wie entschieden werden soll, ob einem Wort das Merkmal 'belebt' oder 'unbelebt' zuzuschreiben ist oder nicht. Gerade im Fall von 'Erebe' ist dies ungewiß, da 'Ercbe' im Gedicht offensichtlich personalisiert wird.'"
Tatsächlich sind nicht alle Textstellcn des Gedichts - wie ich weiter oben unter Punkt 3 bereits angedeutet habe - zu monosemieren. Jakobson und Levi-Strauss waren sich dieser Tatsache durchaus bewußt. An entscheidender Stelle ihres Kommentars verzichten sie darauf, die Vieldeutigkeit des Textes begrifflich zu beseitigen. Zu der Wortfolge


"leurs reins feconds sont pleins...'7"ihre fruchtbaren Lenden sind voll..." bemerken sie: "Man könnte annehmen, daß die Zeugungskraft gemeint ist, doch neigt Baudelaire zu ambivalenten Lösungen. Ist es die Kraft der Lenden, oder sind es elektrische Funken im Fell des Tieres?"

   Es kann nicht die Aufgabe einer Theorie sein, die Ambivalenz dort zu tilgen, wo sie intendiert war und die ästhetische Qualität eines literarischen Textes ausmacht. Ihre dialektische Aufgabe besteht vielmehr darin, Monosemie und Polysemie vermittelnd aufeinander zu beziehen und zu zeigen, daß die Existenz sprachlicher Grundstrukturen mehrdeutige, offene Stellen nicht ausschließt - ebensowenig wie verschiedenarlige und widersprüchliche Interpretationen der Grundstrukturen .
      Die Dynamik dieser Interpretationen kommt, wie Michel Riffatcrre in seinem Beitrag zur Debatte richtig bemerkt, vor allem im Bereich der Rezeption zum Ausdruck. Um die Peripetien der Rezeption nachzeichnen zu können, stellt sich Riffatcrre einen "archilecteur" oder "superrcader" vor, der als heuristischer Begriff den "normalen Lesevorgang" erfassen soll: "Er hat den enormen Vorteil, den normalen Lcscprozcß nachzuvollziehen, das Gedicht so wahrzunehmen, wie es dessen linguistische Zusammenstellung erfordert, indem er dem Satz folgt und am Anfang beginnt ; er hat den Vorteil, daß er sich ausschließlich auf die relevanten Strukturen bezieht."

   Er hat auch den enormen Nachteil, monologisch zu sein und der Willkür der Interpretation Tür und Tor zu öffnen. Der linguistische Begriff der Relevanz ist von gruppenspezifischen Interessen und von der Ideologieproblcmatik des Diskurses nicht zu trennen; daher erscheint mir Riffatcrres "archilecteur" eher als ideologische Mystifikation denn als mögliche Lösung der hier angesprochenen Problematik: Welche Faktoren entscheiden über die Relevanzkriterien, mit denen Riffaterre als "superreader" an einen Text herangeht? Wenn er beispielsweise behauptet, daß im zweiten Quartett "der ironische Akzent verstärkt wird" und den beiden Strukturalisten vorwirft, daß sie diese Ironie nicht sehen, dann gestehe ich gern, daß ich genauso "verblendet" bin wie die Strukturalisten: Auch ich sehe keine Ironie...
     
   Das Problem ist nicht monologisch mit Hilfe eines "archilecteur" zu lösen, der die "normale Lektüre" literaturwissenschaftlich erweitert, sondern durch einen theoretischen Dialog, der der Tatsache Rechnung trägt, daß in den Sozialwissenschaftcn alle theoretischen Diskurse aus Gruppensprachen hervorgehen und kollektive Interessen artikulieren. In Übereinstimmung mit den Soziolektcn . Daß diese kollektive Problematik auch in der Diskussion über Die Katzen eine - nie thematisierte - Rolle spielte, deutet Roland Posner in seinem Kommentar an: "Denn nur wenn man eine relativ homogene Auswahl von Texten zugrunde legt und eine relativ homogene Gruppe literarischer Experten dazu Stellung nehmen läßt, werden die Urteile genügend konvergieren, daß man aus den vorkommenden Äquivalenzen eine Poetizitätsskala herstellen kann, die die Interpretationsgewohnheiten der gesamten Gruppe repräsentiert."3''
Das Problem scheint mir darin zu bestehen, daß die Homogenität gesellschaftlicher Gruppen nicht nur fachsprachlichen, sondern auch ideologischen Charakter hat. Angesichts dieser Erkenntnis halte ich den intersubjektiven Dialog innerhalb einer homogenen Gruppe von Literaturwissenschaftlcrn für recht unergiebig: Das Gespräch bestätigt - zumindest tendenziell - die fachlichen und ideologischen Wert- und Vorurteile der Beteiligten. Wesentlich fruchtbarer scheint mir ein interkollektives oder interdiskursives Gespräch zwischen Soziolektcn zu sein, das fachliche und ideologische Vorurteile grundsätzlich in Frage stellt und in dem die Beteiligten einen Konsens im ideologischen Dissens anvisieren. Grundsätzlich in Frage gestellt wird hier der individualistische Gedanke, demzufolge sich Literaturwissenschaftler als atomisierte Individuen intersubjektiv verständigenkönnen, wie Vertreter des Kritischen Rationalismus meinen. Die Literaturwissenschaft ist - wie die Soziologie oder die Psychologie - ein ideologisch heterogener Bereich, dem nicht der Begriff der Intersub-jektivität , sondern der Begriff der Interdiskursivität adäquat ist: Denn er thematisiert die Beziehungen zwischen Gruppen und Soziolekten.
     

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