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Literarische Ästhetik - aufläse

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Inhaltsebene und Ausdrucksebene



Die Problematik der modernen Literaturwissenschaft ist nur im Zusammenhang mit der Entwicklung der Sozialwissenschaften zu verstehen, die - vor allein in den 60er und 70er Jahren - die literalurwisscnschaftlichc Methodendiskussion nachhaltig geprägt haben. Anachronistisch und sinnlos wäre daher jeder Versuch, die Probleme zeitgenössischer Literaturtheorien ausschließlich im Rahmen der philosophischen Ã"sthetik darstellen zu wollen, deren Terminologie der sozialwissenschaftlichen Arbeitsteilung in den Fachsprachen nicht Rechnung trägt.

      Es gilt allerdings auch, die durch Arbeitsteilung bedingte Einseitigkeit zu vermeiden, die darin besteht, daß der Diskurs der Fachsprache von der philosophischen Reflexion abgekoppelt wird. Es kommt vielmehr darauf an, philosophische und ästhetische Aussagen fachsprachlich zu präzisieren, zu verdeutlichen, und umgekehrt, lachsprachlichc Theoreme philosophisch-kritisch zu reflektieren.
      Dieses wissenschaftsphilosophische Vorhaben ist kein unzeitgemäßes oder gar unerreichbares Ideal, sondern verbindet so heterogene theoretische Ansätze miteinander wie den Prager Strukturalismus Jan Mukafovskys, den Kritischen Rationalismus Karl R. Poppers oder Hans Albcrts und die Kritische Theorie Theodor W. Adornos, Max Horkhci-mers und Jürgen Habermas'. Im folgenden soll daher versucht werden, die ästhetische Frage nach dcmVerhällnis von "Form" und "Inhalt" mit Hilfe einer semiotischen und linguistischen Terminologie neu zu stellen. Zugleich soll aber die ästhetische und philosophische Bedeutung der neuen Fragestellung reflektiert werden.
      Seit Ferdinand de Saussures Cours de linguistique generale betont die Sprachwissenschaft den willkürlichen oder relativ willkürlichen Charakter des sprachlichen Zeichens. Die Beziehung zwischen Signifikant und Signifikat, zwischen der phonetischen und der semantischen Ebene ist willkürlich und hängt von einer sich wandelnden gesellschaftlichen Konvention ab: "Le lien unissant le signifiant au signifie" est arbitraire "; "das Band, welches das Bezeichnete mit der Bezeichnung verknüpft, ist beliebig "*, heißt es wörtlich in Saussures Cours. Dadurch unterscheidet sich das sprachliche Zeichen vom Symbol, das nie ganz willkürlich, sondern stets mit einem bestimmten "Inhalt" erfüllt ist: Während die Signifikanten Haus, maison, casa, kuca im Hinblick auf das ihnen gemeinsame Signifikat indifferent sind, kann die Waage als Symbol für Gerechtigkeit nicht durch irgendeinen anderen Gegenstand - etwa durch einen Wagen - ersetzt werden.
      Einen Schritt weiter geht der dänische Linguist Louis Hjelmslev, wenn er im Anschluß an Saussure einen autonomen Bereich der Signifikanten mit einem ebenso autonomen Bereich der Signifikate verknüpft: Während Hjelmslevs Ausdrucksebene Saussures Signifikanten entspricht, ohne mit ihnen identisch zu sein, entspricht seine Bezeichnung Inhaltsebene den Signifikaten. Anders ausgedrückt: Die Ausdrucksebene Hjelmslevs ist dem Saussureschen Signifikanten in der Gesamtheit seiner Erscheinungsformen analog und steht in ständiger Wechselbeziehung zur Inhaltsebene. Die Verknüpfung der beiden Ebenen in der sprachlichen Kommunikation ermöglicht den semiotischen Prozeß, die Semiosis.
      Diese grundsätzliche Unterscheidung zwischen einer Ausdsrucks-und einer Inhaltsebene wird durch die Einführung der beiden Begriffe Form und Substanz weiter nuanciert: Es handelt sich nicht um Synonyme von "Ausdruck" und "Inhalt"; vielmehr weist jede der beiden Ebenen einen Form- und einen Substanzausdruck auf. Ganz zu Recht stellen daher Greimas und Courtds fest, daß Hjelmslev "auf jeder der beiden sprachlichen Ebenen eine autonome Form und eine autonome Substanz unterscheidet: Die Verknüpfung von Ausdrucksform und Inhaltsform ist es - und nicht die von zwei Substanzen -, die seiner

Ansicht nach die semiotische Form ausmacht." Anders gesagt: Auch die phonetische Ebene der Signifikanten hat Substanz, während die semantische Ebene der Signifikate ohne Formen und Formierungsprozesse nicht denkbar ist.
In diesem Zusammenhang ist es wichtig, darauf hinzuweisen, daß es bei Hjelmslev keine ungeformte Substanz gibt: Sowohl auf der Ausdrucks- als auch auf der Inhaltsebene sind Substanzen nur als geformte denkbar." Die ungeformte "Wirklichkeit", die auf der Ausdrucksebene von phonetischen und auf der Inhaltsebene von semantisch-syntaktischen Formen zu Substanzen gemacht wird, nennt Hjelmslev Sinn und umschreibt sie als "amorphe Masse" auf der Inhaltsebene und als "phonetische Sinnzonen" auf der Ausdrucksebene.
      Wichtig ist hier der Gedanke, daß auf beiden Ebenen bestimmte Eigengesetzlichkeiten herrschen, die von Sprache zu Sprache verschieden sind und die für die stets spezifische Formung der phonetischen und semantischen Masse verantwortlich sind. Diese Eigengesetzlichkeiten dürfen nicht übergangen werden; die Gesetzmäßigkeiten der einen Ebene sind nicht auf die der anderen zu reduzieren. Einer der Kerngedanken von Hjelmslevs Semiotik ist somit die Autonomie der beiden Ebenen.
      Um das bisher Gesagte ein wenig zu konkretisieren, möchte ich die Formierungsprozesse im inhaltlichen und im phonetischen Bereich anhand von Beispielen veranschaulichen. Die besonderen phonetischen Gesetzmäßigkeiten treten dann klar in Erscheinung, wenn der Name Berlin im Englischen, Deutschen, Dänischen und Japanischen verschieden ausgesprochen wird oder wenn unser französischsprachiger Gesprächspartner darauf besteht, daß der Name des Psychoanalytikers Freud als Fröd und der des Soziologen Durkheim als Dürk-em auszusprechen ist. Ein anderer Aspekt dieser Problematikwird sichtbar, wenn jemand die "phonetische Masse" einer Fremdsprache in Ãobereinstimmung mit den Gesetzmäßigkeiten seiner Muttersprache formt: Man sagt dann, daß er einen "Akzent hat". Wichtig ist hier die Ãoberlegung, daß die Phonetik einer natürlichen Sprache ein Systemganzes bildet und daß die Aussprache eines bestimmten Wortes sowie ein besonderer Akzent nicht Zufallserscheinungen, sondern systembedingt sind.
      Auf der Inhaltsebene treten solche Eigengesetzlichkeiten zutage, sobald klar wird, daß ein und derselbe "Gedanke" mit Hilfe von sehr verschiedenen Formen artikuliert werden muß. Das deutsche "ich weiß nicht" nimmt in anderen Sprachen andere Formen an: Das französische "je ne sais pas" weist eine andere Reihenfolge auf und enthält die für das Französische charakteristische doppelte Verneinung; auch der englische Satz "I do not know" weicht vom deutschen ab durch eine andere Wortstellung und durch die Verwendung des Hilfsverbs "do"; das lateinische Ein-Wort-Synlagma "ncscio" stimmt formal mit den slawischen Formen "ne znam" und "ncvfm" überein und unterscheidet sich von den germanischen und französischen Konstruktionen durch die Präfigierung der Negation.

   Allen diesen Beispielen liegt der bereits erwähnte Gedanke zugrunde, daß das Zusammenwirken von Inhaltsebene und Ausdrucksebene für die sprachliche Kommunikation zwar unentbehrlich ist, daß die Vorgänge auf diesen Ebenen jedoch besonderen Gesetzmäßigkeiten gehorchen: daß Inhalt und Ausdruck, Signifikat und Signifikant autonome Bereiche sind.
      Diesen Gedanken bestätigt in einem anderen Zusammenhang der zeitgenössische französische Linguist Andre Martinct, wenn er seine bekannte These über die "doppelte Artikulation der Sprache" erläutert und die Autonomie der Signifikanten-Ebene beschreibt. Seine Frage lautet, "wie sie ihre eigenen Werte begründet und wie sie den Phonemen, also Einheiten ohne Signifikate, die Bildung ihrer Signifikanten anvertraut unddiese dadurch der Sinngebung entzieht." Komplementär dazu heißt es an einer anderen Stelle: "Aus der zweiten sprachlichen Artikulation hervorgegangen, erscheinen die Phoneme somit als die Garanten der willkürlichen Beschaffenheit des Zeichens." Die Signifikanten sind also von den Signifikaten relativ unabhängig; und diese Ãoberlegung gilt nicht nur für die Signifikanten als einzelne phonetische Einheiten, sondern für die Gesamtheit der Signifikanten als Ausdrucksebene im Sinne von Hjelmslev.
      Welche Bedeutung haben diese Ausführungen nun für die Ã"sthetik-Diskussion? Vor allem die Erkenntnis, daß die beiden Ebenen autonom sind, weil sie spezifischen Gesetzmäßigkeiten gehorchen, hat weitreichende Folgen im Bereich der Literatur- und Kunsttheorie. Sie stellt sich allen Versuchen in den Weg, den Ausdruck auf den Inhalt, den Signifikanten auf das Signifikat und das "Wie" auf das "Was" zu reduzieren. Sie zieht die jahrtausendealte Platonische und hegelianische These in Zweifel, daß sich in jeder Erscheinung ein Wesen, in jeder Form eine Idee manifestiert. Sie erschwert die Reduktion des vieldeutigen Signifikanten auf ein Signifikat, des vieldeutigen Kunstwerks auf ein begriffliches System, eine Weltanschauung oder eine Ideologie.
      Sie stellt einen gewissen Dualismus zwischen Ausdruck und Inhalt her, den man mit Vorbehalt als "kantianisch" bezeichnen könnte. Daß sowohl bei Hjelmslev als auch bei Martinet eine dualistische, also nicht-reduktionistische Denkart den Ausgangspunkt bildet, ist John Lyons aufgefallen, der im ersten Band seiner Semantics schreibt: "Dualität. Was Hockcttals Dualität bezeichnet, wird in der Literatur auch mit Hilfe von Termini wie 'double articulation' umschrieben; und es wird allgemein als eines der Universal-charakteristika der Sprache anerkannt. Einige Gelehrte schlugen sogar vor, es sollte aus.a pApri Gründen zu einer wesentlichen und definierenden Eigenschaft der Sprache erhoben werden."

   Freilich geht es in dieser Passage nicht um die philosophische und erkenntnistheoretische Dualität im Sinne von Kant. Es kann allerdings mit einigem Recht behauptet werden, daß der philosophische Dualismus, der besagt, daß das Objekt mit der Begrifflichkeit des Subjekts nieidentisch ist, von den Thesen der modernen Sprachwissenschaft in jeder Hinsicht gestärkt wird: Das vieldeutige literarische Werk geht in der begrifflichen Definition nicht auf, weil die einzelnen Signifikanten mit verschiedenen Signifikaten und die Ausdrucksebene in ihrer Gesamtheit mit verschiedenen, auch unvereinbaren begrifllichcn Systemen verknüpft werden können. Mit anderen Worten: Das Kunstwerk bedeutet stets von neuem und entzieht sich dadurch der Definition. - Dies behaupten zumindest Vertreter von Theorien, die implizit oder explizit von Kants Ã"sthetik ausgehen und die bewußt, unbewußt, wohl auch halbbewußt, die Ergebnisse der Sprachwissenschaft aufgenommen haben.
      Die Ãoberlegung, daß die Dualitätsthese der Sprachwissenschaftler den Dualismus der Ã"sthetiker und Litcraturwissenschafllcr stärkt, reicht natürlich als Erklärung der Kritik an der hegelianischen Ã"sthetik im 20. Jahrhundert nicht aus. Diese Kritik hat auch gesellschaftliche, politische und philosophische Gründe, auf die ich in nahezu allen Kapiteln eingehen will. Dennoch hat die Dualitätsthese nachhaltig auf die ästhetische Diskussion eingewirkt: Das zeigt nicht nur die äslheti-sierende Sprachphilosophic Dcrridas, sondern auch die Semiotik eines Roland Barthcs oder eines Umberto Eco. Sic zeigen, daß die ästhetischen Probleme der Literaturwissenschaft und der Kunst allgemein nicht mehr jenseits der Sozialwissenschaflcn erörtert werden können; sie bestätigen allerdings auch, daß semiotische und sprachwissenschaftliche Theorien ästhetische Dimensionen aufweisen, die nicht immer wahrgenommen werden.
     

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