Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literarische Ästhetik - aufläse
Es soll nicht versucht werden, die Theoreme zweier Autoren, die oft divergierende Ansichten vertraten, auf einen Nenner zu bringen. Von einer "Ästhetik der Kritischen Theorie" kann nur insofern die Re
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Negative Dialektik: Ratio und Mimesis



Daß Adornos Philosophie als ständige Pendelschwingung zwischen dem Pol des Kantschen Agnostizismus und dem Pol der Hegclschcn Totalitätscrkcnntnis zu beschreiben ist, fiel in der Vergangenheit Autoren wie Martin Zenck , Rüdiger Bubncr , Josef Früchtl und Reinhard Kager auf. In den folgenden Abschnitten wird keine systematische Darstellung von Adornos Kant- und Hegclkri-tik angestrebt, die zum Gegenstand einer umfangreichen Arbeit werden könnte; vielmehr kommt es drauf an zu zeigen, wie Adorno, von "junghcgclianischen" Prämissen ausgehend, das Hegelschc Identitätsdenken aufzubrechen sucht und wie er sich als Erbe Hegels wesentliche Gedanken der Kantschen Philosophie aneignet.

      Dabei spielt sein Verhältnis zu den Junghcgelianern, zu Kierkegaard und Nietzsche eine wichtige Rolle. In der seit einigen Jahren ausufernden Sekundärliteratur scheint dieses Verhältnis noch nicht gebührend berücksichtig! worden zu sein ; in dem hier entworfenen Zusammenhang nimmt es jedoch eine besondere Bedeutung an. Schließlich könnte gezeigt werden, daß trotz der grundsätzlichen Unvereinbarkeit ihrer beiden philosophischen Standpunkte Adornos und Croccs Kunslbcgriffc Ã"hnlichkeiten aufweisen, die aus der Kritik an Hegels ästhetischem Logozentrismus ableitbar sind: Sowohl Adorno als auch Croce erscheint das Kunstwerk als etwas Einmaliges, das in keiner Abstraktion aufgeht.
      Rüdiger Bubner erinnert mit Recht daran, daß die gesamte erkennt-nistheoretischc Problematik der Kritischen Theorie in dem eingangs erwähnten Oszillieren zwischen Kants und Hegels Standpunkten besteht und junghcgclianischen Ursprungs ist: "Das allgemeine Programm der kritischen Theorie bewegt sich innerhalb einer Spannung, deren Extreme durch Kants Lehre vom Ding an sich und Hegels absoluten Begriff gekennzeichnet sind, während das Feld der Austragung jener Spannung von Marx und den Junghegelianern bereitet ist."4* Ã"hnlich beurteilen Werckmeister, Zenck und Früchtl die Ausgangsposition Adornos.

     
   Diese soll im folgenden als eine dialektische und ästhetische Auseinandersetzung mit Hegel und Kant und als Vermittlungsversuch zwischen Inhaltsebene und Ausdrucksebene dargestellt werden. Obwohl ich mir keinen systematischen Vergleich zwischen Adornos ästhetischer Theorie und neueren semiotischen Ansätzen vornehmen kann, sollte - gleichsam am Rande der Betrachtung - klarwerden, wie Adorno die semiotische Problematik antizipiert, die ebenfalls im Spannungs-verhällnis von Inhaltsebene und Ausdrucksebene anzusiedeln ist, die allerdings von einigen Semiotikern recht einseitig, reduktionistisch behandelt wurde.
      Adornos Arbeit über Sören Kierkegaard, die Ende der 20er Jahre entstand, im Jahre 1931 von der Frankfurter Universität als Habilitationsschrift angenommen wurde und im Jahre 1933 erschien, läßt die Bedeutung der junghegelianischen Kritik für den jungen Philosophen erkennen. Er nimmt sich vor, Kierkegaards mißglückte Kritik des Hegclschen Identitätsdenkens wieder aufzugreifen und zu vollenden: "Kierkegaard hat nicht das Hegeische Identitälssystcm 'überwunden'; Hegel ist bei ihm nach innen geschlagen, und Kierkegaard erreicht die Realität am ehesten, wo er an Hegels historischer Dialektik festhält."5" In der Ablehnung des Systems und des Identitätsdenkens weiß sich Adorno mit dem Junghcgelianer Kierkegaard einig; er lehnt jedoch dessen "Verinnerlichung" der Dialektik und der Geschichte durch die Vorstellung einer "inneren Geschichte" der Person, des Individuums,ab. Er hält an wesentlichen Komponenten von Kierkegaards Hegel-Kritik fest und versucht zugleich, diese Kritik vom idealistischen und individualistischen Gehäuse der Innerlichkeit zu befreien und auf eine materialistische Ebene zu projizieren.
      Daher scheint mir Irving Wohlfarths Frage, "ob Adorno nicht selber eine materialistische Reinkarnation des Kierkegaardschen Subjekts ist"52, nicht unberechtigt zu sein. Isoliert betrachtet läuft sie jedoch auf eine unzulässige Reduktion des Zusammenhangs hinaus, denn Adorno ist kein "materialistischer Kierkegaard", sondern jemand, der sich vornimmt, die gesamte junghcgelianischc Hcgclkritik zu Ende zu führen.
      Aus dieser Kritik geht eine negative Dialektik hervor, die die Hegel-sche Aufhebung als systcmbildcndes positives Prinzip ausschließt: "Solche Dialektik ist negativ. Ihre Idee nennt die Differenz von Hegel. Bei diesem koinzidierlcn Identität und Positivität; der Einschluß alles Nichtidcntischcn und Objektiven in die zum absoluten Geist erweiterte und erhöhte Subjektivität sollte die Versöhnung leisten."5' Hegels Kerngedanke, daß die Entfremdung in der modernen Gesellschaft als Bruch zwischen Subjekt und Objekt durch totales, absolutes Wissen zu überwinden sei, wird hier mit Marx, Feuerbach und Rüge in einem materialistischen Kontext kritisiert. Hegels absolutes Wissen, seine Vorstellung von einem allwissenden Subjekt, das die Welt als eigene Sclbstcntäußerung erkennt, ist Ideologie: Apologie der unversöhnten wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, die den individuellen Subjekten ihre Freiheit vorenthalten.
      Daß Adorno eher als radikaler, materialistischer "Junghcgelianer" denn als "Marxist" zu verstehen ist, zeigt seine Kritik an einigen hegelianischen Schlüssclbcgriffen des marxistischen Diskurses, die diesen zu dem machen, was er ist. Gesellschaftliche Totalität und Geschichte, mit denen sich Marx und Engels hegelianisch identifizieren, statt sie als Herrschafts- und Verblendungszusammenhänge zu erkennen, werden in der Negativen Dialektik im Namen der Nicht-identität und der Negativität in Frage gestellt: "Es ging um die Vergottung der Geschichte, auch bei den atheistischen Hegelianern Marx und Engels. Der Primat der Ã-konomie soll mit historischer Stringenz das glückliche Ende als ihr immanent begründen " Nicht nur der Ã-konomismus wird hier zurückgewiesen, sondern auch die hegelianische Teleologic und die revolutionäre Immanenz: der Gedanke, daß bestehende Widersprüche über den Status quo auf das telos der klassenlosen Gesellschaft hinausweisen.
      Als Alternative konzipiert Adorno eine negative, offene Dialektik, die nicht nur die Nichtidentität und die Zurückweisung der Immanenz kennzeichnen, sondern auch die Auilösung des marxistischen Nexus von Theorie und Praxis. Wie diese Auilösung mit dem kritischen Postulat der Nichtidentität zusammenhängt, wird in der Negativen Dialektik in einem junghegelianischen Kontext klar. Nichtidentität ist keine "unerhebliche Nuance" oder gar Abweichung des Linkshcge-lianismus, sondern Ausgangspunkt einer radikalen Kritik an Hegel und dem marxistischen Hegelianismus: "Karl Korsch zuerst, dann Funktionäre des Diamat haben eingewandt, die Wendung zur Nichtidentität sei, ihres immanent-kritischen und theoretischen Charakters wegen, eine unerhebliche Nuance des Neohcgelianismus oder der geschichtlich überholten Hegeischen Linken ." Gegen diesen Versuch, Nichtidentität auf ein "rein theoretisches Problem" zu reduzieren, wendet Adorno ein: "Die Forderung der Einheit von Praxis und Theorie hat unaufhaltsam diese zur Dienerin erniedrigt; das an ihr beseitigt, was sie in jener Einheit hätte leisten sollen."5''
Festzuhalten ist an dem Gedanken, daß Adornos Hegclkritik in eine radikale Kritik am hegelianischen Marxismus ausmündet, der Begriffe wie "Identität" , "Totalität" und "Immanenz" zum Opfer fallen. Nur vor diesem Hintergrund ist die hegelianisch-marxistische Kritik Lukacs' und Goldmanns an Adorno zu verstehen57, die ihr Pendant in einer hegelianischen Ã"sthetik hat, welche den literarischen Text mit dem Begriff identifizeirt.
In diesem Kontext wird auch Adornos junghegelianische Aktualisierung der Kantschen Philosophie verständlich, die im ästhetischen Bereich von F.Th. Vischer antizipiert wurde, den Adorno in der Ã"stheti-sehen Theorie mehrmals erwähnt. Schon in den Aufsätzen über Hegel, die in den späten 50er und frühen 60er Jahren entstanden sind und von denen der Autor selbst sagt, "Absicht des Ganzen die Vorbereitung eines veränderten Begriffs von Dialektik" 58, wird Kants Agnostizismus, sein Denken in "Schranken" und "Brüchen", gegen den Herrschaftsanspruch und den Logozentrismus von Hegels Identitätsphilosophie ausgespielt. Von Hegel, der die Ãoberwindung des Kantschen Dualismus anstrebte, heißt es dort: "Ihm stieß nicht auf, daß die Kantischen Brüche eben jenes Moment der Nichtidentität verzeichnen, das zu Hegels eigener Fassung der Idcntitätsphilosophic unabdingbar hinzugehört."5g Obwohl er es immer wieder zur Sprache bringt, setzt sich Hegel schließlich über das Besondere und Nichtidenlischc hinweg; dadurch wird sein eigenes System partikular wie jede Form der Herrschaft.
      Angesichts dieser identifizierenden Herrschaft des Begriffs, die in Hegels System die Naturbeherrschung und die Herrschaftsverhältnisse in der unversöhnten Wirklichkeit reproduziert, wendet sich Adorno in der Negativen Dialektik Kants Vernunflskritik zu, die die Ansprüche des Subjekts, die objektive Wirklichkeit als solche zu erkennen, in die Schranken weist. Kants "Schranke", seine Einschränkung des subjektiven Erkenntnisanspruchs , ist insofern für Adornos negative Dialektik konstitutiv, als sie es ihr gestattet, Hegels These von der Subjckt-Objekt-Identität grundsätzlich in Frage zu stellen; auf die Gefahr hin, daß das Totalitätsprinzip verletzt wird, daß das Subjekt mit einem ihm fremden Residuum konfrontiert bleibt und daß Dialektik undialcktisch wird: "Ohne Identitätsthese ist Dialektik nicht das Ganze; dann aber auch keine Kardinalsünde, sie in einem dialektischen Schritt zu verlassen. Es liegt in der Bestimmung negativer Dialektik, daß sie sich nicht bei sich beruhigt, als wäre sie total; das ist ihre Gestalt von Hoffnung. Kant hat in der Lehre vom transzendenten Ding an sich jenseits der Identifikationsmechanismen davon etwas aufgezeichnet."

   Freilich sollten Adornos Rekurse auf Kant als einen Philosophen der Nichtidentität nicht seine Kantkritik verdecken, die durchaus dialektisch im Sinne von Hegel ist: Adorno stellt grundsätzlich Kants Denken in Dichotomien in Frage, insbesondere den Form-Inhalt-Dualismus, der allen Versuchen, die Entwicklung der Formen zu erklären, im Wege steht. Nicht diese Kantkritik ist hier jedoch wesentlich, sondern Kants Zurückweisung des Identitätspostulats, sein Beharren auf der Subjektivität der Erkenntiskategorien. Beide sind für Adornos Ã"sthetik wichtig, die sich - wie sich zeigen wird - mit Kant gegen Hegels Reduktion der Natur auf das Kunslschöne und gegen seine begriffliche Vereinnahmung des Kunstwerks wendet.
      Adornos Plädoyer für das Besondere und Nichtidentische im Rahmen einer negativen Dialektik mündet in den wahrscheinlich aporeti-schen Versuch, eine mimetische Theorie im Sinne von Benjamin zu konzipieren , eine Theorie, die den Gegenstand nicht begrifflich vereinnahmt, ihn nicht dem Begriff unterwirft: Stall dessen versucht sie, sich in ihn zu versenken, sich ihm anzugleichen. Wie Benjamin faßt Adorno Mimesis zunächst somalisch auf: als körperliche Mimikry, als körperliche Angleichung an den Gegenstand. Wird der Begriff auf den sprachlichen Bereich ausgedehnt, so kann im Zusammenhang mit der Onomatopocsc von einer sprachlichen Angleichung an das Objekt die Rede sein.
      In Adornos und Horkhcimers Dialektik der Aufklärung soll gezeigt werden, wie sich das europäische Denken im Laufe der Jahrhunderte immer mehr von der in magischen Riten archaischer Gesellschaften verwurzelten Mimesis entfernt hat. Ihren Höhepunkt erreicht diese Entwicklung in der Aufklärung, deren Rationalismus alles Denken der technischen Verfügbarkeit und Manipulierbarkeit subsumiert: "Die Aufklärung verhält sich zu den Dingen wie der Diktator zu den Menschen. Er kennt sie, insofern er sie manipulieren kann. Der Mann der Wissenschaft kennt die Dinge, insofern er sie machen kann. Dadurch wird ihr An sich Für ihn."''
Diese Darstellung einer lechnizislischcn und utilitaristischen Vernunft, die Horkheimer als "instrumenteH"6' bezeichnet, verhall sich in jeder Hinsicht komplementär zu Adornos und Horkhcimers Kritik an Hegel: Trotz aller Unterschiede ordnet auch der Rationalismus der Aufklärung das Objekt dem Subjekt unter und entwickelt ein begriffliches Instrumentarium, nicht um die Natur besser zu verstehen, sondern um sie beherrschen, ausbeuten zu können. In diesem


Prozeß fällt auch das menschliche Subjekt der Naturbeherrschung zum Opfer, weil es sich selbst als Teil der Natur asketisch verleugnen muß.
      Adornos und Horkhcimers Kritik ist kein Regreß in den Irrationalismus magischer Mimesis65, sondern eine mimetische Vernunft, die sich in der modernen Gesellschaft nur noch in der Kunst erhalten hat. Theorie hat sich nach künstlerischer Mimesis zu richten, denn, so schreibt Adorno in der Ã"sthetischen Theorie: "In den Kunstwerken ist der Geist nicht länger der alte Feind der Natur. Er sänftigt sich zum Versöhnenden." Solche Versöhnung geht jedoch nicht auf Kosten des Geistes, des begrifflichen Denkens, und Adorno, der von einer "Dialektik zwischen Rationalität und Mimesis" spricht, beschreibt das Oszillieren der Kunst zwischen magischer Mimesis und verdinglichter Rationalität: "Die Aporie der Kunst, zwischen der Regression auf buchstäbliche Magic, oder der Zession des mimetischen Impulses an ding-haftc Rationalität, schreibt ihr das Bewegungsgesetz vor; nicht ist sie wegzuräumen."6* Auch die Theorie hat nach Adorno an dieser Aporie teil; auch sie soll den mimetischen Impuls bewahren, ohne auf den begrifflichen Diskurs zu verzichten, ohne sich dem Irrationalen auszuliefern. Doch was bedeutet genau Mimesis im theoretischen Kontext, und wie kann sie in den begrifflichen Diskurs aufgenommen werden?
Die erste Frage ist nicht leicht zu beantworten, zumal Autoren wie W.M. Lüdke meinen, daß ein "nichtbegrifflicher" Begriff wie Mimesis nicht zu definieren sei.6'' Allzu sehr vereinfacht Kager, wenn er das Mimctische als "die gefühlsmäßige Erfassung der Realität" zu definieren sucht. Denn Adornos Mimesisbegriff hat nichts mit Intuition oder Einfühlung im Sinne von Dilthey zu tun. Sinnvoller erscheint Günter Figals Versuch, eine Analogie zwischen "Rationalität und Realitätsprinzip einerseits und Mimesis und Lustprinzip andererseits" herzustellen und Adornos Terminus in den psychoanalytischen Kontext zu projizieren. Die in der Ã"sthetischen Theorie vorgeschlagene negative Definition, in der von einer "nichthegriffliche Affinität des subjektiv Hervorgebrachten zu seinem Anderen" die Rede ist, kommt der Sache wohl am nächsten. Es geht um eine Annäherung an das Objekt, die diesem seine Besonderheit durch Aufnahme nichtbcgrifllieher Elemente in den begrifflichen Diskurs beläßt.
      Adorno versuchte, dieses Ziel zu erreichen, indem er den theoretischen Diskurs nach ästhetischen Kriterien beurteilte, die das Nichtbc-grifllichc, Mimetische enthielten. Schon in seinen frühen Aufsätzen zur Sprachphilosophic, etwa in den "Thesen über die Sprache des Philosophen" , fragt er nach der "ästhetischen Dignilät der Worte"7', die als letzte Chance der modernen Philosophie erscheint, sich herrschaftsfrei dem Objekt zu nähern. Komplementär zur ästhetischen Kritik der Sprache verhält sich beim frühen Adorno die von Benjamin stammende Bezeichnung "Konfiguration". Das überlieferte Vokabular der Philosophie soll nicht preisgegeben werden; nur die Art, wie es im Diskurs verwendet wird, ist durch eine "konfigurative" Anordnung der Worte zu ändern. Dem Philosophen bleibt keine Hoffnung "als die, die Worte so um die neue Wahrheit zu stellen, daß deren bloße Konfiguration die neue Wahrheit ergibt". Konfiguratives Denken wird noch am ehesten der Sache gerecht: " Es bedeutet konfigurative Sprache ein Drittes als dialektisch verschränkte und explikativ unauflösliche Einheit von Begriff und Sache."
Später hat Adorno immer wieder nach Sprachformen gesucht, die es dem Subjekt gestatten würden, sich dem Objekt in dessen Besonderheit und Unverwechselbarkeit zu nähern. Im ersten Band der Noten zur Literatur erscheint der Essay als eine ästhetische Sprachform, die geeignet ist, den mimetischen Impuls zu bewahren und aufgrund seiner

Offenheit, Unabgeschlossenhcit das Einmalige, Singulare zutage treten zu lassen: "Er trägt dem Bewußtsein der Nichtidcntität Rechnung, ohne es auch nur auszusprechen; radikal im Nichtradikalismus, in der Enthaltung von aller Reduktion auf ein Prinzip, im Akzentuieren des Partiellen gegenüber der Totale, im Stückhaften."7'' Die Essays der Noten zur Literatur sind allesamt Versuche, besondere Aspekte von Prousts Werk, von Hölderlins Lyrik oder Beckells Theater hervortreten zu lassen, ohne die Texte dieser Dichter zu definieren, auf den Begriff zu bringen.
      Der Autor der Negativen Dialektik entwickelt spater ein "Denken in Modellen", das ähnlich wie der Essay, nur mit anderen sprachlichen Mitteln, die Darstellung des Besonderen ermöglichen soll. Adornos philosophischer Versuch, "über den Begriff durch den Begriff hinaus-zugclangcn" und eine theoretische "Verbindlichkeit ohne System"7* zu erreichen, geht vom Modell aus: "Das Modell trifft das Spezifische und mehr als das Spezifische, ohne es in seinen allgemeineren Oberbegriff zu verflüchtigen. Philosophisch denken ist soviel wie in Modellen denken; negative Dialektik ein Ensemble von Modcllanalysen."7'*
Doch auch die Modellanalysc ist noch zu sehr der Abstraktion des Logos verpflichtet und befriedigt Adorno nicht auf Dauer. In einem Bricfkommenlar zur postum veröffentlichten Ã"sthetischen Theorie erklärt er, weshalb er das "Denken in Modellen" nicht weiterentwickelt, sondern nach einer Alternative sucht. Ãober die Darstcllungs-schwicrigkcilen, die sein letztes Werk mit sich bringt, schreibt er: "Sic bestehen darin, daß die einem Buch fast unabdingbare Folge des Erst-Nachher sich mit der Sache als so unverträglich erweist, daß deswegen eine Disposition im traditionellen Sinn, wie ich sie bis jetzt noch verfolgt habe , sich als undurchführbar erweist. Das Buch muß gleichsam konzentrisch in gleichgcwichtigcn, parataktischen Teilen geschrieben werden, die um einen Mittelpunkt angeordnet sind, den sie durch ihre Konstellation ausdrücken."*" Diese Passage ist deshalb wesentlich, weil sie sowohl Diskontinuität als auch Kontinuität in Adornos Denken erkennen läßt: Seine theoretische Anwendung der Parataxis, die von seiner Hölderlin- Interpretation vorbereitet wird und mit seiner Abkehr von der Modellanalyse einhergeht, ist in mancher Hinsicht eine Rückkehr zur "Konfiguration" der frühen 30er Jahre, die auch Benjamin als Alternative zur begrifflichen Herrschaft ins Auge faßte.
      Bei keinem der beiden Denker kann von einer Apologie des Irrationalismus die Rede sein, auch nicht von Versuchen, Theorie in Kunst aufgehen zu lassen. Insofern ist Martin Zenck recht zu geben, wenn er zum Verhältnis von Rationalität und Mimesis bei Adorno bemerkt: "Mimesis und Rationalität, Erkenntnis durch ästhetischen Ausdruck wie die begriffliche Erkenntnis bilden keine Dichotomien."* Im Gegenteil, es geht darum, das Irrationale eines auf Naturbeherrschung gründenden Logozentrismus mit Hilfe des mimetisch-ästhetischen Impulses aufzulösen. Der Autor der Ã"sthetischen Theorie faßt dieses Vorhaben in einem Satz zusammen: "Ratio ohne Mimesis negiert sich selbst.""

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