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Wolfgang Isers Wirkungsästhetik
Deutlicher als Ingarden, dessen Terminologie er teilweise übernimmt, distanziert sich Iser von den hegelianischen Ästhetiken des 19. Jahrhunderts. Gegen sie führt er zwei wesentliche Argumente ins Feld, von denen das erste die begriffliche Vereinnahmung literarischer Texte, das zweite das klassizistische Kriterium der harmonischen Totalität betrifft. Der Kritiker des 19. Jahrhunderts irrt, wenn er - in Übereinstimmung mit dem fiktiven Kritiker in Henry James' The Figure in the Carpet- meint, den vieldeutigen Text als Geheimmeldung entschlüsseln zu können, denn "Sinn läßt sich nicht auf diskursive Bedeutung reduzieren, und die Bedeutung läßt sich nicht zu einer Sache verdinglichen"." An der qualitativen "Differenz von Bild und Diskursivität" will Iser festhalten. Er bezieht eindeutig Stellung gegen die Hegeische Ästhetik, wenn er vom Interpretationsstil des 19. Jahrhunderts sagt, er wirke heute so, "als ob durch ihn das Werk zum Reflex jeweils geltender Wertvorstellungen degradiert würde, und dieser Eindruck ist insofern konsequent, als jene Interpretationsnorm das Werk durchaus im Hegeischen Sinne als das 'sinnliche Scheinen der Idee' begreifen wollte"." Vor allem moderne Werke der Literatur drücken nicht "Ideen" aus, weil sie nicht an dem aus Hegels Totalitätsbegriff ableitbaren Kohärenzpostulat zu messen sind. Die Anwendung klassizistischer Begriffe dieser Art auf die Kunst der Moderne führt dazu, diese "als Dekadenzphänomen qualifizieren zu müssen"." Auch hier wird deutlich, daß die Auseinandersetzung zwischen Formalisten und Marxisten an der Schwelle zum 20. Jahrhundert wesentliche Probleme zeitgenössischer Literaturwissenschaft antizipierte.
Sowohl in Isers Der implizite Leser als auch in seinem später erschienenen Buch Der Akt des Lesens kommt eine "formalistische" Sympathie für Kants ästhetischen Agnostizismus zum Ausdruck, der die Kunst vor der Unterordnung unter den Begriff schützt, ohne sie allerdings als schlicht sinnlos zu verabschieden. Ähnlich wie Adorno, der sich ebenfalls auf Kant beruft , versucht Iser zu zeigen, wie sich literarische Texte zwischen dem begrifflichen und dem nichtbegrifflichen Pol bewegen: "Darin kommt zugleich die Eigentümlichkeit des Sinnbegriffs fiktionaler Texte zum Vorschein; sie ist - um einen Ausdruck Kants abzuwandeln - amphibolischer Natur: bald hat der Sinn ästhetischen, bald hat er diskursiven Charakter."" In diesem Kontext geht es Iser primär darum, das Sinnpotential der Literatur und die Sinnkonstitution seitens des Lesers zu untersuchen; ihm ist es um die im Text angelegten Bedingungen zu tun, unter denen der Leser Sinnstrukturen konstituiert und das Sinnpotential des Textes verwirklicht. Dadurch wird der "Sinn als ästhetische Wirkung"" zum eigentlichen Gegenstand der Literaturwissenschaft; nicht die richtige oder vollständige Interpretation. An der Fiktion interessiert vorrangig "nicht was sie bedeutet, sondern was sie bewirkt"."
Es nimmt nicht wunder, wenn im Rahmen dieser Betrachtungsweise die Ausdrucksebene der Inhaltsebene gegenüber aufgewertet wird und wenn Iser versucht, den von Husserl und Ingardcn geerbten phänomenologischen Ansatz semiotisch zu präzisieren, um den Widerstand der Fiktion gegen begriffliche Vereinnahmung zu verdeutlichen: "Die ikonischen Zeichen fiktionalcr Texte verkörpern daher eine Organisation von Signifikanten, die weniger der Bezeichnung von Signifikaten dienen, sondern vielmehr Instruktionen für das Produzieren von Signifikaten darstellen."12" Hier wird die These über das fiktionale Verhältnis von Bedeutung und Wirkung semiotisch umformuliert: mit Hilfe einer recht heterogenen Terminologie allerdings, die den Ikon-BcgriWder amerikanischen Scmiotik , die Begriffe Signifikant und Signifikat hingegen Saussurcs Scmiologie entlehnt. Wichtiger als diese Hetcrogenilät der Terminologie, die vor allem in Der Akt des Lesens Zweideutigkeiten und Ungereimtheiten zeitigt, ist hier die Überlegung, daß bei Iser- wie schon bei Adorno und Mukarovsky - die Kritik an Hegels logozcntri-scher Ästhetik zu einer Aufwertung der Ausdrucksebene gegenüber der Inhaltsebene führt.
Der Versuch, das begriffliche Instrumentarium der Scmiotik im Rahmen des phänomenologischen Ansatzes einzusetzen, hat insofern sym-ptomatischen Charakter, als Iser durch die semiotische Ausrichtung seiner Untersuchungen diesen eine kommunikationstheoretische Komponente geben möchte, die er bei Ingarden vermißt. Anders als dem Autor von Das literarische Kunstwerk geht es Iser nicht so sehr um eine Ontologic des literarischen Werkes , sondern um die kommunikative Interaktion von Text und Leser, von "Textstruktur und Aktstruklur"121, wie es in Der Akt des Lesens heißt.
Wie Ingarden geht Iser zwar von "der Gegebenheil der Textschemata" aus, die ebenso wie das "Lcnkungspotcntial" des Textes willkürliche Konkretisationcn oder Realisationen ausschließen; zugleich hebt er jedoch die kreative Rolle des Lesers hervor sowie die kommunikative Wechselwirkung zwischen Text und Lektüre. Dadurch unterscheidet er sich von Ingarden, der den Konkrelisationsbegriff nicht dialogisch, nicht kommunikationslheorctisch denkt: "Denn er bezeichne! nicht die Interaktion zwischen Text und Leser, sondern die Aktualisierung der vom Text parat gehaltenen Ansichten im Leklürevorgang, und das heißt, statt eines reziproken Verhältnisses meint er ein unilineares Gefälle vom Text zum Leser." Einige Seiten weiter fügt Iser im Zusammenhang mit Ingar-dens Konzept der Unbestimmthcitsstclle hinzu: " Daher sind Unbestimmtheitsstellen nur Suggestionsreize einer letztlich undynamisch gedachten Komplettierung und wohl kaum Bedingung fürdie vom Leser zu schaltende Wechselbeziehung zwischen den schematisierten Ansichten bzw. den Darslcllungsperspcktiven des Textes."1
Iser geht zwar wie Ingardcn von der grundsätzlichen Unterscheidung zwischen dem Text als Schema und den Konkretisationen des Textes durch den Leser aus; anders als Ingarden versucht er jedoch, die Konkre-tisalion als den eigentlichen ästhetischen und kreativen Prozeß zu sehen, in dem der Sinn des Textes konstituiert wird. Diese Sinnkonstitution findet auf drei Ebenen statt: auf der Ebene des Repertoires, der Strategien und der Realisation . Auf alle drei Ebenen bezieht sich die von Iser in einem Vortrag aufgeworfene Schlüsselfrage: "Wie sehen die Strukturen aus, die die Verarbeitung der Texte im Rezipienten lenken?"1
Zu diesen Strukturen gehört an erster Stelle die Komponente des literarischen Textes, die Iser als Repertoire bezeichnet. Es handelt sich um ein System von literarischen und außerliterarischen Konventionen, Normen und Werten, die den Nexus zwischen literarischem Text und den nichtliterarischen Systemen einer Gesellschaft bilden: "Das Textrepertoire bezeichnet das selektierte Material, durch das der Text auf die Systeme seiner Umwelt bezogen ist ." Insofern als das Repertoire Normen der sozialen Welt sowie ästhetische Normen und Verfahren früherer literarischer Texte aufnimmt, bildet es den "Weltbezug des fiktionalcn Textes". Konkret bemerkt Iser zu Fieldings Joseph Andrews: "Zum Repertoire des Joseph Andrews gehören indes nicht nur die in den Anspielungen gegenwärtig gehaltenen literarischen Muster, sondern auch die verschiedenen Normen, die der zeitgenössischen Vorstellungswelt entnommen sind."12'' Anders ausgedrückt: Im Repertoire reagiert der literarische Text auf nichtliterarische Systeme, die seine Umwelt bilden.1
Während das Repertoire eher als der paradigmatische Aspekt des Textes aufzufassen ist, sind die Textstrategien, die auf dem Repertoire gründen, dem syntagmatischen Bereich zuzurechnen. Über sie schreibt Iser, sie müßten "die Beziehungen zwischen den Elementen des Repertoires vorzeichnen".1JI Was Iser als "Strategie" bezeichnet, stimmt in mancher Hinsicht mit den "Verfahren" und "Techniken" der Formalisten überein. Er selbst identifiziert weilgehend Strategien und Techniken, wenn er erklärt: "Nun lassen sich die Strategien in der Regel durch die im einzelnen Text jeweils auffindbaren Techniken ausmachen."" Zu ihnen gehören u.a. die Erzähltcchniken und Erzählpcrspek-tiven, die durch Selektionen und Hervorhebungen bestimmte Elemente mitsamt ihren Kontexten in den Vordergrund, andere in den Hintergrund treten lassen. Dabei kommt es zu Hervorhebungen und Selektionen, für die in erster Linie der Erzähler - dank seiner Fähigkeit, die Perspektive zu ändern - verantwortlich ist.
Indem er in einer bestimmten Perspektive, vor einem bestimmten Horizont etwas zum Thema werden läßt, fesselt er die Aufmerksamkeit des Lesers und läßt retrospektiv vorangegangene Handlungen, Ereignisse und Situationen in einem neuen Licht erscheinen. Dadurch übt die Dialektik von Thema und Horizont eine kumulative Wirkung aus: "Geht man davon aus, daß die Thema- und Horizontstruktur alle Textpositionen durch den vorgezeichneten Per-spcktivenwechsel in eine wechselseitige Beobachtbarkeit bringt , so entsteht in diesem Vorgang ein eigentümlicher Kumulationseffekt wachsender Veränderung."11'
Die Wechselbeziehung von Thema und Horizont "organisiert das Zusammenspiel der Textperspektiven" und bildet somit zusammen mit den anderen Textstrategien und dem Repertoire einen der Ausgangspunkte für die Realisation des Textes durch den Leser. Die Realisation "als das Hervorbringen der Sinngestalt des Textes durch den Leser" kommt in einem Prozeß zustande, in dem der Leser von Aulor und Erzähler ständig veranlaßt wird, seine Erwartungen zu korrigieren und Figuren, Handlungen und Situationen in einem neuen Licht zu betrachten. Dies geschieht in einer Wechselbeziehung von Erwartung und Erinnerung, Prolcntion und Rclcntion , die als kumulativer Prozeß den Lektürevorgang ausmacht.
In diesem Vorgang erscheint der implizite Leser als eine dem Roman, dem Text "eingezeichnete Lescrrolle"l1l deren produktive Kraft von der Unbestimmtheit oder Konkretisicrbarkeit des Textes gespeist wird. Konkretisierbarkeit ist bei Iser jedoch nicht - ebensowenig wie bei Ingarden- mit Willkür zu verwechseln. "Vielmehr zeichnen die Textstrategien jene Bahnen vor, durch die die Vorstellungstätigkcit gelenkt und damit der ästhetische Gegenstand im Rezeptionsbewußtsein hervorgebracht werden kann."1" In diesem Kontext wird der implizite Leser als eine "den Texten eingezeichnete Struktur" definiert: Im Unterschied zu realen oder fiktiven Lesern, von denen Hannelore Link spricht118, ist der implizite Leser ein Idealkonstrukt ohne reale Existenz, "denn er verkörpert die
Gesamtheit der Vororientierungen, die ein fiktionaler Text seinen möglichen Lesern als Rezeptionsbedingungen anbietet. Folglich ist der implizite Leser nicht in einem empirischen Substrat verankert, sondern in der Struktur der Texte selbst fundiert." Der implizite Leser ist auch deshalb ein Idealtypus, weil er alle wesentlichen Angebote des Textes realisiert und nicht nur die, die besonderen psychischen oder sozialen Dispositionen der realen Leser entsprechen. Diese Gesamtorientierung des impliziten Lesers spricht Iser indirekt an, wenn er zu Sternes Roman Tristram Shandy bemerkt: "Offensichtlich bietet sein Werk verschiedene Zugriffe an, die man möglichst alle ergreifen sollte, und nicht nur jene, die der eigenen Neigung entgegenkommen."14"
Mit dem Begriff des impliziten Lesers, den er im Anschluß an W. Booths Begriff des "implied author" geprägt hat, geht Iser insofern über Ingarden hinaus, als er analog zum impliziten Autor und zum Erzähler die für den Prozeß der Konkretisierung verantwortliche Instanz bezeichnen und ihre Tätigkeit beschreiben kann. Wie sehr der Leser bei Iser zu einer schöpferischen, produktiven Kraft wird, die sich nicht damit begnügt, die Augenfarbe des Konsuls Buddenbrook auszufüllen, zeigen die Einzelanalysen in Der implizite Leser. Bei der Aufdeckung des trügerischen Scheins in Thackerays Vanity Fair werden Gesellschaftskritik und Selbstkritik dem Leser zum Thema. "Die Maßstäbe für eine solche Kritik sind in der Darstellung nicht eigens benannt, ohne jedoch beliebig zu sein. Sie bilden die zentrale Leerstelle des Romans, die als Hohlform des Geschehens soweit konstruiert ist, daß sie vom Leser immer erschlossen werden kann." Noch stärker als bei Thackeray wird die Kreativität des impliziten Lesers in James Joyces Ulysses in Anspruch genommen, wo kausale Zusammenhänge nicht vom Erzähler aufgezeigt, sondern vom Leser konstruiert werden müssen: "Da aber die Gelenkstellen zwischen den Kapiteln nicht ausformuliert sind, reizt der entstehende Unbestimmtheitsgrad die Projektionsfähigkeit des Lesers dazu an, die Leerstellen zu besetzen, indem er die Kapitel zu einem Verlauf gruppiert." Eine ähnliche syntaktisch-narrative Tätigkeit fordern Romane wie Kafkas Der Prozeß oder Musils Der Mann ohne Eigenschaften: Als Romanfragmente machen sie - wie
Adolf Fris6s zweite Ausgabe von Musils Roman zeigt - Umgruppierungen nicht nur möglich, sondern sogar notwendig.
Somit erscheint bei Iser die Leerstelle nicht so sehr als Lücke im Schema, die der Leser mechanisch ausfüllt, sondern als Ausgangspunkt für eine produktive Tätigkeit, die den literarischen Text als ästhetisches Objekt hervorbringt. Trivial scheint mir die Kritik an Iser zu sein, derzufolge eine genaue Kenntnis von Text und kulturellem Kontext die Leerstellen als Polysemien restlos eliminiert. So wendet beispielsweise H. Servotte im Zusammenhang mit dem Leser von Joyces Ulysses ein: "Wenn er jedoch mit dem Kode vertraut wäre, würde er das Werk richtig interpretieren. Mit anderen Worten, der Text hat eine Bedeutung, und eine ausreichende Kenntnis des Kodes ermöglicht eine richtige Dekodierung." Obwohl ich glaube, daß es graphische, phonetische, semantische und syntaktische Textuniversalien oder Grundstrukturen gibt, weil Texte sonst nicht identifizierbar wären , halte ich Servottes Einwand für eine unzulässige Vereinfachung: Sowohl bei Joyce als auch bei Autoren wie Kafka, Musil oder Bcckett gibt es "Unbestimmtheiten", die nicht reduzierbar sind und die erklären, weshalb neue Leser und Lesergruppen immer wieder in der Lage sind, originelle ästhetische Objekte dieser Texte hervorzubringen. Isers Verdienst besteht u.a. darin, den Leser parallel zum Autor als kreative, textproduzierende Instanz erkannt und in allen Einzelheiten beschrieben zu haben.
Ein weiteres Verdienst stellt sein Versuch dar, die Leerstelle und den auf sie reagierenden Leser als historische Größen zu verstehen. Auch darin unterscheidet er sich vorteilhaft von Ingarden, der weder die Zunahme der Unbestimmtheitsstellen noch die von der wachsenden Unbestimmtheit modifizierten Leserkonzepte der Schriftsteller systematisch untersucht. Iser hingegen bemüht sich schon in seinem bekannten Aufsatz "Die Appellstruktur der Texte" , das Anwachsen der Unbestimmtheit im modernen Roman sowie das neue Leserbild, das die zunehmende Vieldeutigkeit entstehen läßt, zu beschreiben: "In einem dritten Schritt müssen wir das seit dem 18. Jahrhundert beobachtbare Anwachsen der Unbestimmtheitsgrade in literarischen Texten zu erklären versuchen."1
Es hat sich gezeigt, daß er das Funktionieren der Leerstellen im Zusammenhang mit dem Begriff des impliziten Lesers sehr genau beschreibt; er befaßt sich auch - vor allem in seinen Kommentaren zu Joyces Ulysses - mit der Frage, wie durch "Übcrpräzisierung des Darstellungsrasters" der Unbestimmtheitsgrad nicht reduziert, sondern gerade gestärkt wird; ich glaube jedoch nicht, daß er die Zunahme der Unbestimmtheit wirklich erklärt.
Eine Erklärung wäre vielleicht im Anschluß an seine These möglich, daß Fiktion "Defizite zu bilanzieren vermag, die von den jeweils historisch herrschenden Gellungen erzeugt werden".1'"' Anders ausgedrückt: Das literarische System bringt Bedeutungen hervor, die die kognitiven Defizite von religiösen, ideologischen und philosophischen Sinnsystc-men ausgleichen. Als Beispiel führt Iscr Sternes Roman Tristram Shandy an, der bestimmte Lücken des Lockeschen Empirismus thematisiert, die bei Locke selbst nicht zur Sprache kommen.
Wenn nun die Funktion literarischer Texte darin besteht, "Antworten auf jene Fragen zu geben, die durch die Systeme produziert worden sind"147, dann fragt es sich, worauf die extreme Unbestimmtheit bei Autoren wie Bcckett, Kafka oder Joyce eine systembedingte Reaktion ist. Isers Antwort auf diese Frage fällt recht spärlich aus. Die Negativität von Becketts Texten wird damit erklärt, "daß sie die Bestätigung unserer Elementarbcdürfnissc verweigern, ja, daß sie die Gewißheit ihrer Befriedigung in Frage stellen, indem sie zeigen, daß immer dort, wo wir etwas Endgültiges zu wissen vermeinen, Fiktionen im Spiele sind ".l4lt
Worin bestehen aber unsere "Elementarbcdürfnissc" im sozialen, psychischen und sprachlichen Bereich? Und: Aufweiche Defizite zeitgenössischer Sinnsystcmc reagiert der hohe Unbestimmtheitsgrad in Becketts Prosa?- Kurzum: Iscrerklärt nichtdic wachsende Unbestimmtheit moderner Literatur im sozialen, sprachlichen und historischen Kontext; und ich zweifle daran, daß seine These über die Ausglcichsfunktion der Fiktion inmitten systembedingter Defizite, die aus Luhmanns Systemtheoric stammt, eine Erklärung ermöglicht. Das drastische Ansteigen der Leerstellen wäre hier im Zusammenhang mit der sprachlichen Kommunikation in der Marktgesellschaft, den ideologischen Konflikten und der Arbeitsteilung zu erklären.14''
Insgesamt ist bei Iser - ähnlich wie bei Ingarden - ein sozialwissenschaftliches Defizit zu beobachten. Dem Phänomenologen wird man nicht vorwerfen, daß er vom wirklichen, empirischen Leser bewußt abstrahiert; man wird ihm aber nicht den Vorwurf ersparen, daß er trotz seines Interesses für soziologische und kultursemiotische Theorien die Zunahme der Unbestimmtheit beschreibt, ohne sie im soziologischen und soziosemiotischen Kontext zu erklären: Hat der literarische Verzicht auf ideologische und metaphysische Eindeutigkeit nichts mit dem von Ideologen bewirkten Sprachverschleiß zu tun? Ist er nicht als Reaktion auf die sprachliche Arbeitsteilung und auf die Wortleichen der Werbung zu verstehen? Wäre es schließlich nicht möglich, die Zunahme der Unbestimmtheit als eine Reaktion auf ideologische Deutungssysteme, die das Bewußtsein des Einzelnen vereinnahmen, sowie auf das Subsystem der kommerziellen Literatur zu erklären, deren Stereotypen die Einbildungskraft der Leser auszehren? Einzelne Hinweise auf diese Zusammenhänge finden sich bei Iser150; ein verwendbares Erklärungsmodcll soziologischen oder kultursemioti-schen Ursprungs fehlt jedoch.
Sein Versuch, das begriffliche Instrumentarium der Phänomenologie durch semiotischc Termini zu ergänzen, zeitigt in Der Akt des Lesens einen oft disparaten Eklektizismus, der die theoretische und terminologische Homogenität von Der implizite Leser vermissen läßt. Sicherlich kann es sinnvoll sein, verschiedene theoretische Ansätze zur Synthese zu bringen; dann sollte es aber zu einer Erweiterung der theoretischen Kapazität im Rahmen des neuen Ansatzes kommen. Ich bezweifle sehr, daß dies bei Iser geschieht: Trotz seiner zahlreichen Rekurse auf Theoreme der Semiotik hält er - wie vor ihm Ingarden - Sätze und "Satzkor-relatc" für die größten linguistischen Einheiten und spricht nicht vom Diskurs als transphrastischer Struktur, sondern von der "Satzfolge"152, deren semantische und syntaktische Einheit er nicht darstellt. Auch das Wort "Textsegment" bietet keinen Ersatz für den Diskursbegriff, der eine semantische Struktur, ein Aktantenmodeli und einen narrativen Ablauf bezeichnet. Daß bei Iser gerade das Konzept einer semantischen
Struktur fehlt, zeigt die folgende Textpassagc: "Sofern die Leerstelle ausgesparte Anschlüsse gegebener Textsegmentc anzeigt, markiert sie die Notwendigkeit, eine Äquivalenz heterogener Segmente herzustellen." Wie aber ist ein solches Äquivalenzverhältnis herzustellen, wenn ein semantischer Schlüsselbegriff wie Isotopie oder Isosemie fehlt? Denn dieser Begriff hat gerade die semantische Kohäsion des Textes sowie die Beziehungen zwischen heterogenen Textsequenzen zum Gegenstand. Ähnliche "Leerstellen" finden sich in Iscrs Werk auf narraliver Ebene: Es ist dort zwar häufig von Erzähler-perspektiven die Rede, aber eine Theorie des Erzählers oder des narra-tiven Ablaufs fehlt...
Man könnte nun meine Kritik karikieren und fragen, ob ich Iscr vorwerfe, nicht Scmiotiker, nicht Greimas oder Barthcs zu sein. Mein Vorwurf hat mit dieser Karikatur nichts zu tun, sondern bezieht sich auf das Verhältnis zwischen Theorien sowie auf das bereits erwähnte sozialwissenschaftliche Defizit. Es ist nicht möglich, phänomenologische und semiotische Ansätze miteinander zu kombinieren, ohne die Frage nach dem globalen Verhältnis von Husscrls Phänomenologie und einer bestimmten Semiotik zu stellen. Das tut Iscr nicht; er entlehnt disparaten semiotischen Theorien Begriffe, die einander nicht immer ergänzen und die auch nicht in allen Fällen an seine phänomenologische Terminologie anschlicßbar sind. Statt dessen hätte er sich vornehmen können, den durchaus homogenen phänomenologischen Diskurs von Der implizite Leser mit Hilfe der phänomenologischen Soziologie von Alfred Schütz, Peter Berger und Thomas Luckmann zu erweitern. Mag sein, daß diese soziologische Erweiterung seines Ansatzes eine Erklärung der Unbestimmtheit im gesellschaftlichen Kontext ermöglicht hätte.
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