Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literarische Ästhetik - aufläse
Das von Jacques Derrida (*1930) in der Philosophie entwickelte Verfahren der Dekonstruktion wird hier nicht deshalb kommentiert, weil es sich dem Litcraturwissenschaftler als kommerzialisierte Modeers
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Derrida, Jean-Pierre Richard und Mallarme: Dekonstruktion oder Dialektik der Totalität?



Es geht hier im Anschluß an die dekonstruktive Aufhebung des Gegensatzes literarisch/philosophisch um zwei Mallarmc-Kommentarc, die einander widersprechen. Der eine ist Dcrridas bekannter Text "La Double seance", der zuerst in Tel Quel , später in La Dissemination erschien, der andere Jean-Pierre Richards um-fangreiches Opus L' Univers imaginaire de Mallarme . Während Richard sich als Vertreter der "thematischen Analyse" vornimmt, die Kohärenz von Mallarmes Werk zu rekonstruieren, reagiert Derrida auf Richards Entwurf mit einer Dekonstruktion, die den Verfahren von Mallarmcs Schreibweise entsprechen soll.

      Allerdings geht auch Richard von der Annahme aus, daß seine mit der Dekonstruktion unvereinbare Interpretation die schriftstellerischen und ästhetischen Anliegen des Dichters artikuliert. Insofern fehlt es dem hier durchgeführten kurzen Vergleich nicht an Ironie: Er zeigt - gleichsam nebenbei -, daß es in der Literaturwissenschaft durchaus möglich ist, die Autorität eines und desselben Autors anzurufen, um gegensätzliche Interprelationsverfahren und Ã"sthetiken zu legitimieren.
      Dem ästhetischen Gegensatz zwischen Dekonstruktion und thematischer Analyse kommt in dem hier konstruierten philosophischen Kontext eine besondere Bedeutung zu: Während Derrida - wie sich gezeigt hat - die Hegeische Dialektik mit nictzschcanischen Mitteln zu destru-icren sucht, entwickelt Richard in seinem Mallarme-Buch eine struktu-ralc Methode, in der die "lebendige", dynamische Totalität als Alternative zur "toten" Struktur des linguistischen Strukturalismus anvisiert wird. Es ist wohl kein Zufall, daß der letzte Teil des 8. Kapitels den für Derrida ominösen Titel "Für eine Dialektik der Totalität" trägt. Denn Richard, dessen Arbeiten über Stendhal und Flaubert oder die Romantiker alles andere als hegelianisch sind, legt in seiner Analyse von Mallarmes Werk nicht nur eine gewissen Sympathie für Hegels Dialektik an den Tag, sondern stellt implizit und explizit7'' Analogien zwischen Hegels Philosophie und Mallarmes Ã"sthetik her. Immer wieder erscheint der Dichter als Hegelianer, als jemand, dessen Hauptanliegen das ästhetische Erfassen des Gesamtzusammenhangs, der Totalität ist. Schon in der Einleitung ist von "Mallarmes großem Projekt der Vereinheitlichung der Welt" die Rede.
      Die von Richard entwickelte Methode entspricht in jeder Hinsicht dieser im Werk aufgezeigten Totalisierungstendenz. Gleich zu Beginn ist von den "großen vereinheitlichenden Bedeutungen" die Rede, die an anderer Stelle durch Ausdrücke wie "Tiefenlektüre" â"¢ ergänzt werden. An den Hegelianer Lucien Goldmann wird man erinnert, wenn es in der Einleitung heißt, "die innere Kohärenz schließlich das einzig gültige Kriterium der Objektivität".
     
   Nicht nur der Sprachduktus ist hermencutisch und hegelianisch, sondern auch Richards theoretische Prämissen sind es. In der Einleitung zitiert er den Hermeneutiker Paul Ricceur mit dem Satz: "Man muß verstehen, um zu glauben, aber man muß glauben, um zu verstehen."* Was glaubt nun Richard? Er geht von dem Grundgedanken aus, daß Iteration und Rekurrent es dem Literaturwissenschaftler gestatten, die großen Themen in Mallarmds Werk auszumachen: "Gerade die Wiederholung der Motive und eine bestimmte Strenge des sinnlichen Materials garantieren dort unterhalb der Komplexität des Gewebes oder der Modulationen die Strenge der thematischen Entwicklung."" Rekurrenz scheint tatsächlich das zentrale methodische Kriterium zu sein, denn etwas weiter heißt es: "Die Aufdeckung der Themen wird gewöhnlich mit Hilfe des Kriteriums der Rekurrenz durchgeführt."*' So entsteht beispielsweise durch wiederholtes Auftreten des Wortes pli in Mallarmös Text ein ganzes Netz von Bedeutungen, in dem dieses Wort auf semantische Einheiten wie Sexualität, Spiegel, Buch oder Grab bezogen werden kann, die alle dem Oberbegriff "Intimität" zu subsumieren sind.
Jean-Pierre Richard faßt Kohärenz jedoch nicht nur linear - struktu-ralistisch-thematisch - auf, sondern auch hermeneutisch-dialektisch: In seinen Analysen erscheint Mallarme als ein Dichter der Idee und der Idealität, der mit Hilfe des Totalitätsbegriffs die zufallsbedingte Wirklichkeit der Empfindungen und der Sprache beherrschen möchte. Es gilt, wie Dietmar Fricke in seinem Artikel über Richard sagt, "eine solche Sinnenfülle in eine einheitliche Vision zu überführen". Richard selbst zeigt, wie der Dichter sich bemüht, "das Verstreute zu gruppie-ren, die Dinge zu vereinheitlichen, über die Kontingcnz hinauszu-gelangen".8'
Diese Vereinheitlichung kommt u.a. durch die Ãoberwindung des Dualismus von Sinnlichem und Abstraktem, von Körperlichem und Begrifflichem in der Musik und im Tanz zustande. In seinen Darstellungen einer Tänzerin möchte Mallarme "den philosophischen Punkt ableiten, an dem das Unpersönliche der Tänzerin zu orten ist, zwischen ihrer femininen Erscheinung und einem gemimten Gegenstand" . Vom Körper der Tänzerin sagt Richard durchaus im Sinne des Dichters, "er vermähle glücklich Materie und Bedeutung". Die Tänzerin bilde den "Brennpunkt" , "in dem Signifikant und Signifikat sich im Zeichen vereinigen".m
Die Tänzerin wird somit zum metaphorischen Ausdruck einer Idee, in der Sinnliches und Geistiges, Materie und Begriff miteinander verschmelzen. Hegelianisch mutet Richards Beschreibung dieser Idee an, die er als sinnliche Erscheinung des Begriffs auffaßt: "Aber diese 'Idee' ist nicht auf eine einfache Abstraktion zurückzuführen: sie ähnelt eher dem, was die Philosophen heutzutage als konkrete Wesenheit bezeichnen. Die Metapher gestattet und fördert folglich einen Impuls, der zu einer richtigen Jagd auf Wesenheiten wird." Daß mit den "Philosophen" in dieser Passage auch Hegel gemeint sein könnte, läßt ein Hinweis auf die französische Ãobersetzung der Wissenschaft der Logik - S. 422 - vermuten.
      Weit davon entfernt also, die begriffliche Wahrheit zu zersetzen, wird die Metapher bei Richard zu einem Instrument der poetischen Wahrheitssuche. In Mallarmes Metaphorik, in der Haar und Feuer, Eis und Jungfräulichkeit miteinander verknüpft werden, "soll der Signifikant Flamme oder Gletscher dem Signifikat sein intimstes Attribut entlocken ".'" Es geht mithin darum, mit Hilfe von Mallarmes Metaphorik das Wesen oder die Struktur seiner Dichtung zu bestimmen und zugleich nachzuweisen, daß dieses strukturale Anliegen auch das des Dichters war, der das Wesen der Dinge anvisierte .
      Zur treibenden Kraft einer "Dialektik der Totalität" wird die Metapher schließlich dadurch, daß sie - wie im Falle der Tänzerin - den Dualismus überwindet und die Totalität als Einheit der Gegensätze konstituiert: "Die Metapher ist somit eine Vereinigung und die dialektische Synthese eine Reduktion des Zweifachen auf das Eine." In Mallarmes indischem Märchen "Le Mort vivant" gehe es darum, verfeindete Prinzipien wie Tag und Nacht, Leben und Tod miteinander in einer dialektischen Totalität zu versöhnen, die zur Utopie des Dichters wird.
      Der Leser wird schließlich an Goldmanns hegelianische Hermeneutik in Le Dieu cache erinnert, wenn Richard in seinem Mallarmc-Buch von der "dialektischen Bestätigung des Ganzen durch den Teil und des Teils durch das Ganze" spricht und erklärt: "Der Teil wird nur im Hinblick auf das Ganze sinnvoll, aber das Ganze wird nur dann seinen Sinn kundtun, wenn es zu allen Teilen in Beziehung gesetzt wird.'" Insofern hat Genelte durchaus recht, wenn er in seiner Rezension des Buches darauf hinweist, daß Richards Totalitätsbegriff weit über den Struktur-Begriff der "Strukturalisten" hinausgeht.1' Er hätte hinzufügen sollen, daß Richards Strukturbegriff dialektischen Charakter hat und eher dem der genetischen Strukturalisten Piaget, Mukarovsky und Goldmann verwandt ist als dem eines Levi-Strauss. Aber auf Probleme der Dialektik hat sich Genette nie gern eingelassen...
      Darin unterscheidet er sich von Derrida, der sich von Richards Buch nicht nur deshalb provoziert fühlen mußte, weil es seiner antihegelianischen, nietzscheanischen Auffassung der Schrift widerspricht, sondern auch deshalb, weil er auf S. 380 auf den folgenden Satz stieß: "Gegen die Zerstreuung des Sinnes wird das glückliche Wort die Wahrheit mit einem harten Relief umgeben." Mallarmes Wort "disseminer", das aus seiner "Prefacc ä Vathek" stammt und das Derrida in den frühen 70er Jahren zu einem seiner Schlüsselbegriffe machte,erscheint hier zunächst in einem logozentrischen, "metaphysischen" Kontext.
      Derrida reagiert mit einer radikalen "dissemination du sens" und beruft sich dabei - wie vor ihm Richard - auf die Schreibweise Mallar-m6s. In "La Double söance" , wo er unablässig offen und versteckt gegen Richard polemisiert, assoziiert er dessen Ansatz mit der traditionellen, "klassischen" Mallarme-Deutung und dem "Ncohegclia-nismus". Er spricht von der "atmospherc intimiste, symboliste et neo-hegclienne".9'' Der Neohegelianismus besteht - wie nicht anders zu erwarten war - darin, daß Richard den Text Mallarmes schließt, indem er ihn mit einer seiner möglichen Bedeutungen identifiziert.
      Im Gegenzug zu dieser "identifizierenden" Deutung versucht Derrida nachzuweisen, daß es in Mallarmös Dichtung kein "letztes Signifikat" und keinen "letzten Referenten" gibt.'" Dabei gilt es, Richards "thematische Literaturwissenschaft" Schritt für Schritt zu dekonstruieren: "Es soll also gerade von der Möglichkeit der thematischen Literaturwissenschaft die Rede sein."1'* Es wäre ehrlicher zu sagen: von der Unmöglichkeit.
      Denn sie soll in "La Double seance" nachgewiesen werden, wo Derrida auch auf das "Thema" der Falte zu sprechen kommt, das Richard seiner Ansicht nach mit "dialektischen, totalisierenden und eudämonisti-schen" Mitteln analysiert. Im Gegensatz dazu hebt Derrida die nichtre-duzierbare Vielfalt des Wortes pli bei Mallarme hervor: "alles, was in der Falte auch auf Ã-ffnung, Dissemination, räumliche und zeitliche Verteilung hindeutet" . Nicht unwichtig ist in dieser Passage das Wörtchen "auch" , welches besagen soll, daß Derrida nicht so sehr die Existenz der von Richard aufgezeigten Themen und Themenkomplexe anzweifelt als vielmehr den dialektischen, hegelianischen Versuch, sie zu einer homogenen Totalität zu bündeln.
      Nach nietzscheanischer und radikal-junghegelianischer Manier geht er von der Ambivalenz des Textes aus: von der "entscheidenden und unentscheidbaren Ambiguität des Satzes""" bei Mallarme. Diese Ambiguität , die den Diskurs Nietzsches und der Junghegelianer strukturiert, schiebt allen Versuchen einen Riegel vor, die Wiederholung als Rekurrenz oder Iterati vität zur Grundlage der Themenkonstitution zu machen: nicht nur deshalb, weil Wörter immer neue, zweideutige Bedeutungen annehmen, sondern auch deshalb, weil sie sich schlicht der Sinngebung entziehen: "Man merkt das nicht, weil man meint, dort Themen wahrzunehmen, wo das Nicht-Thema, das, was nicht zum Thema werden kann, das, was keinen Sinn hat, unablässig wieder-kehrt , das heißt verschwindet."1" Die Wiederkehr oder Iteration von Wörtern wie/?// oder blanc trägt also nicht zur Thema-Konstitution, sondern zur Thema-Auflösung bei: Iteration ist "in Wirklichkeit" Iterabilität, Zerfall des Sinnes.
      Diese Auflösung bezeichnet Derrida mit dem Wort dissemination, das er Jcan-Pierrc Richard entlehnt, um es in "La Double sdance" polemisch gegen ihn zu wenden. Daß die dissemination keinerlei begriffliche Fixierung duldet, geht klar aus Dcrridas Kommentaren zu den Wörtern blanc und pli hervor: "Die Dissemination von Weiß bringt eine Struktur von Tropen hervor, die unablässig um sich selbst kreist, weil sie ständig einen Dreh zuviel vollbringt: keine Metapher mehr, keine Metonymie. Wo alles metaphorisch wird, gibt es keinen eigentlichen Sinn und folglich auch keine Metapher mehr." In seiner extremen Ambivalenz ist auch Mallarmes Wort pli nicht theoretisch einzulangen: "Die Falte ist zugleich Jungfräulichkeit, das, was sie vergewaltigt , und die Falte, die weder das eine noch das andere ist, ist beides zugleich, unentscheidbar; sie bleibt übrig als Text und ist auf keine ihrer beiden Bedeutungen zu reduzieren." Ambivalenz als Unentscheidbarkeit und Aporie wird zum privilegierten Verfahren der Dekonstruktion.
      Sie wird im Anschluß an Derrida auch von Julia Kristeva in ihren Mallarme-Kommentaren in La Revolution du langage poetique thematisiert. Von der Beziehung zwischen Mallarmes Theorie und Praxis heißt es dort: "Spaltung des Sinnes, der Aussage, des Wortes; Verlust ihrer Identität zugunsten eines Rhythmus, einer Musik, einer Melodie - so geht aus Mallarmes theoretischen Schriften das Gestal-tungsprinzip seiner Praxis hervor."' Wie bei Derrida bewirkt auch hier die extreme Ambivalenz eine Zersetzung des Sinnes und eine Akzentverschiebung zugunsten des Ausdrucks, der Signifikanten.
      Diese ist für die gesamte 7W-ßue/-Gruppe kennzeichnend, und es ist sicherlich kein Zufall, wenn sich Derrida im letzten Teil seines Buches La Dissemination eine Analyse von Philippe Söllers' Nombres vornimmt. Dieser Text ist gegen den Strich, gegen die Gattung und den Sinn geschrieben; er liest sich bisweilen wie eine Begleitschrift zu Derridas Philosophie. Kein Wunder, daß Derrida mit Genugtuung feststellt: "Somit haben die Nombres, als Zahlen, keinen Sinn, sie haben überhaupt keinen Sinn, auch nicht einen pluralen." Daher ist der Text auch nicht mit Hilfe des "konventionellen" Polysemie-Begriffs einzulangen: etwa als Anordnung heterogener Isotopien; er ist Dissemination: "dissemination textuelle". Er ist, ähnlich wie Blanchots La Folie dujour, die Derrida in Parages kommentiert, "Erzählung einer unmöglichen Erzählung" 107, der weder Subjekt noch Thema hat und keiner Gattung zuzurechnen ist. Auch Derridas Diskurs gehört keiner Gattung an: Er ist Philosophie und Literatur, und er ist keines von beiden.
      Die Konfrontation von Richards Hermeneutik der Totalität und Derridas Dekonstruktion ist insofern lehrreich, als sie meiner Meinung nach zeigt, daß weder die Festlegung des Textes auf einen "totalen" Sinn noch seine Auflösung in der Dissemination für die Literaturwissenschaft ein Gewinn ist. Sinnvoller scheint mir ein dialektisches Vermitteln zwischen Sinn und Sinnegation zu sein, das es gestattet, drei Tatsachen zu berücksichtigen: 1. daß jeder literarische Text bestimmte Ambivalenzen und Vieldeutigkeiten enthält, die nicht aufzulösen sind; 2. daß jede literaturwissenschaftliche Theorie als Metatext einen besonderen Gegenstand hervorbringt, der mit dem Text als solchem, mit dem "Ding an sich", nicht identisch ist; 3. daß die meisten theoretischen Objektkonstruktionen sich jedoch in wesentlichen Punkten überschneiden, wobei die Konstanten des literarischen Textes als konsensfähige Grundstrukturen erkennbar werden. Daß es sich um einen Konsens im Dissens handelt, soll im letzten Kapitel verdeutlicht werden.

     

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