Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Literarische Ästhetik - aufläse
Das von Jacques Derrida (*1930) in der Philosophie entwickelte Verfahren der Dekonstruktion wird hier nicht deshalb kommentiert, weil es sich dem Litcraturwissenschaftler als kommerzialisierte Modeers
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Dekonstruktion in Yale I: Paul de Man



Es ist nicht sinnvoll, Paul de Man als einen Schüler Dcrridas darzustellen oder als einen Philologen, der Derridas philosophische Dekonstruktion auf Literatur und Literaturwissenschaft anwendet. Denn Paul de Mans Aufsätze, die aus den frühen 60er Jahren stammen und zusammen mit späteren Publikationen und Originalbeiträgen in dem postum veröffentlichten Sammclband The Rhetoric of Romanticism erschienen sind, können nicht ohne weiteres der "Dekonstruktion" zugerechnet werden. Sie erinnern stellenweise an die werkimmanenten Analysen der New Critics und an die von ihnen entwickelte Praxis des "closc reading".

      Wenn man allerdings de Mans Kommentaren zum amerikanischen New Criticism Glauben schenken darf, so werden bestimmte dekonstruktive Verfahren in den Arbeiten von Brooks, Ransom und Wimsatt antizipiert. "Indem sie ihre Interpretationen immer mehr verfeinert", schreibt de Man in Blindness and lnsight , "entdeckt die amerikanische Literaturwissenschaft nicht eine einzelne Bedeutung, sondern eine Vielzahl von Bedeutungen, die einander radikal widersprechen können".10* Diese Darstellung des New Criticism enthält nicht nur eine Kurzcharaktcristik von de Mans eigener Betrachtungsweise, sondern schlägt eine Brücke von seinen frühen zu seinen späteren Arbeiten. Denn in beiden geht es im wesentlichen darum, die ambivalente und aporetische Struktur des literarischen Textes aufzudecken und nachzuweisen, daß kein Text als eindeutige, homogene Totalität zu lesen ist. Schon in einem Aufsatz über Wordsworth und Yeats aus dem Jahre 1962 ist von zwei "verschiedenen Lektüren" die Rede und auch davon, daß sie von grundverschiedenen Sprachbildern ausgehen .
     
   Es ist jedoch nicht notwendig, sich de Mans dekonstruktionistische Interpretation des New Criticism zu eigen zu machen, um eine Verbindung zwischen der amerikanischen Literaturwissenschaft und Derridas Philosophie herzustellen. Diese Verbindung kommt gleichsam spontan zustande, weil die New Critics - wie sich im 1. Kapitel herausgestellt hat-mit sozialwissenschaftlichen Methoden nichts im Sinn hatten, den


"literary criticism" eher als Kunst auffaßten und sich auf die Terminologie der traditionellen Rhetorik verließen. In diesem Zusammenhang sei lediglich an die Behauptung des im ersten Kapitel zitierten J.C. Ransom erinnert, "die Absicht, die ein Gedicht verfolg, lieg jenseits des beruflichen Weltbildes des Wissenschaftlers". Die New Critics waren stets bemüht, den "literary criticism" , jenseits der sozialwisscnschaftlichen Sprachen anzusiedeln. Darin stimmen sie - trotz wesentlicher Abweichungen in anderen Punkten - mit Paul de Mans Dekonstruktion überein.
      Deren Resonanz an der Universität von Yale, an der de Man bis zu seinem Tod lehrte, und in nordamerikanischen Intellektuellenkreisen erklärt sich einerseits aus der Konvergenz zwischen der in den USA herrschenden Aulonomieästhctik und Derridas Aufwertung des Ausdrucks dem Inhalt, dem Begriff gegenüber; andererseits aus einer Wahlverwandtschaft zwischen verschiedenen Varianten des anglo-amcrikanischen Empirismus und Antirationalis-mus und Derridas radikaler Kritik an Logozentrismus und Systemdenken. Freilich geht es hier lediglich um eine ideologische und institutionelle Affinität; keineswegs um eine theoretisch-begriffliche Ãobereinstimmung oder gar Kontinuität.
      Ã"hnlich wie die Logozentrismus-Kritik Derridas richtet sich auch die Paul de Mans regelmäßig gegen Hegels Systemdenken. Unmißverständlich lehnt de Man in seinem Aufsatz über Bachtin Hegels Schlüsselbegriff der Aufhebung, der über die binäre Differenz hinausweist , ab: "Insofern als binäre Gegensätze die Synthese ermöglichen und begünstigen, gehören sie zu den am stärksten irreführenden diffe-rentiellcn Strukturen."" Im junghegelianischen, nictzschcanischen Traditionszusammenhang stehend, versucht de Man - ähnlich wie Der-rida -, die Aporien des Hegeischen Systems aufzuzeigen, etwa wenn er in einer Hegel-Kontroverse mit Raymond Geuss in Critical Inquiry zum Verhältnis zwischen Allgemeinem und Besonderem bei Hegel bemerkt: "Wenn Wahrheit die Aneignung der Welt durch das Ich im Gedanken und folglich in der Sprache ist, dann enthält Wahrheit, die als das absolut Allgemeine definiert wird, ein konstitutives Element der Partikularisierung, das mit ihrer Allgemeinheit unvereinbar ist. Diese Frage taucht bei Hegel jedesmal auf, wenn die Sprache auftaucht .""2Es geht hier um ein altes Thema, das seit den Junghegelianern, seit Kierkegaard, Sartre und Adorno die Hegel-Kritik beschäftigt: um das Verhältnis von Besonderem und Allgemeinem bei Hegel. Immer wieder wird der existentialistische, kritisch-theoretische oder dekonstruktionistische Vorwurf laut, Hegel habe das Besondere im System nicht aufgehoben, sondern dem Allgemeinen geopfert."
Während in den verschiedenen Varianten des Existentialismus dieser Vorwurf in ein Plädoyer für individuelle Entscheidungsfreiheit und in der Kritischen Theorie in eine kritische Verteidigung der individuellen Partikularität ausmündet, bewirkt er bei Paul de Man eine Abwendung vom begrifflichen Diskurs wissenschaftlicher Rede und eine radikale Partikularisierung der Sprache als Rhetorik, als figurativer Diskurs. Die Sprache als ganze wird mit Nietzsche als verkappte Rhetorik entlarvt und ihres Wahrheits- oder Universalitätsanspruchs beraubt. De Man zitiert Nietzsches Satz: "Eigentlich ist alles Figuration, was man gewöhnlich Rede nennt", und schließt - mit Nietzsche - auf "die Abhängigkeit der Rede von der Figur"." An anderer Stelle faßt er zusammen: "Legitimerweise können wir deshalb behaupten, daß der Schlüssel zu Nietzsches Kritik der Metaphysik im rhetorischen Modell der Trope liegt oder, anders gesagt, in der Literatur als der am ausdrücklichsten in Rhetorik gegründeten Sprache."" Paul de Man folgt Nietzsche in dessen rhetorisch-literarischer Kritik der Metaphysik.
      Es ist allerdings wichtig, darauf hinzuweisen, daß "Rhetorik" weder von Nietzsche noch Paul de Man als "Eloquenz" aufgefaßt wird, sondern als "figurative", d.h. aus Tropen bestehende Rede. An die Tatsache, daß Nietzsche neben einem positiven auch einen "pejorativen Rhetorik-Begriff kennt, nämlich Rhetorik als Eloquenz, erinnert ebenfalls Joachim Goth in seinem Buch über Nietzsche und die Rhetorik ."

Wichtiger noch als diese Unterscheidung der beiden Rhetorik-Begriffe bei Nietzsche und de Man scheint mir hier der Umstand zu sein, daß die Aufwertung der Rhetorik im Gegensatz zur begrifflichen Rede als partikularisierende Antwort auf die Vcrallgemeinerungstendenzen des Hegelianismus aufzufassen ist. Sie hat insofern "junghegeliani-schen" Charakter, als die gesamte nachhegclianische Kritik von Stirner und Kierkegaard bis Sartre und Adorno auf Partikularisierung hinauslief. Bei Derrida und Paul de Man erfaßt diese historische Partikulari-sicrungstendenz den sprachlichen Ausdruck, und dies hat zur Folge, daß der theoretische Diskurs mit sich selbst in Widerspruch gerät und sich in der Rhetorik oder der Literatur auflöst.
      Seine Auflösung wird vor allem in de Mans wichtigem Aufsatz "The Resistance to Theory" sichtbar, wo Grammatik und Logik eindeutig der Rhetorik untergeordnet werden: nicht so sehr, weil der Autor subjektiv der figurativen Komponente des Diskurses den Vorzug gibt, sondern weil er überzeugt ist, daß diese Komponente in der Sprache objektiv dominiert. Für einen Rationalisten wie Greimas, sagt er, sind Grammatik und Logik der Sprache koextensiv : "Grammatik ist ein Isotop der Logik."" Die eigentliche Komplexität des Problems tritt jedoch erst dann zutage, wenn die rhetorische Dimension der Sprache mitberücksichtigt wird: "Schwierigkeiten treten nur auf, wenn es nicht mehr länger möglich ist, die erkenntnislheoretische Stoßkraft der rhetorischen Dimension des Diskurses zu ignorieren, das heißt, wenn es nicht mehr möglich ist, diese als bloßen Zusatz, als ein reines Ornament innerhalb der semantischen Funktion zu betrachten."1" Paul de Man entdeckt das, was er als "the rhetorical dimensions of a text"" bezeichnet.
      Welche Folgen hat nun diese Entdeckung oder Wiederentdeckung der Rhetorik? Die erste Folge ist eine Zersetzung der grammatisch-logischen Rationalität, die von den Tropen der Rhetorik überwuchert wird: "Da die Grammatik ebenso wie die Metaphorik ein integraler Bestandteil des Lesens ist, ergibt sich, daß Lesen ein negativer Prozeß ist, in dem das grammatische Erkennen stets durch seine es verdrängende rhetorische Entsprechung aufgehoben wird." Da Literaturtheorie als "criticism" oder "critique litteraire" vom Lesen nicht zu trennen ist, kann de Man in diesem Kontext von der "Aufhebung der Theorie", "this undoing of theory"12' sprechen. Die zweite Folge dieser "rhetorischen Wende" ist die Entdeckung der nachhegelianischen, nietzscheanischen Ambivalenz, die nicht mehr durch Aufhebung zu bändigen ist und in die - auch von Martin Jay angesprochene - theoretische Aporie ausmündet. Diese läuft auf eine Negation der formalen Logik hinaus: "Rhetorik ist darin ein Text, daß sie zwei miteinander unverträgliche, sich wechselseitig zerstörende Blickpunkte ermöglicht und deshalb jedem Lesen oder Verstehen ein unüberwindliches Hindernis in den Weg legt." So wird das Lesen zu einer "Allegorie der Unlesbarkcit"123, wie Werner Hamacher in seiner Einleitung zur deutschen Ãobersetzung von Allegories ofReading bemerkt. In diesem Band stößt der Leser auf einen Satz, der wie kein anderer den Nexus von Ambivalenz und Rhetorik veranschaulicht: "Tropen sind weder wahr noch falsch und sind beides zugleich."1

   Die extreme Ambivalenz, die Nietzsche in einem junghegelianischen Kontext destruktiv gegen die Dialektik wandte, wird hier bewußt und systematisch bis zur Aporie getrieben. Jonathan Culler hat bis zu einem gewissen Grad recht, wenn er in seinem Kommentar zu de Mans Rhetorik von einer "Dialektik ohne Synthese" spricht; da er jedoch nicht auf die Entwicklung des dialektischen Denkens seit den Junghegelianern eingeht, versäumt er es, den wesentlichen Unterschied zwischen der Ambivalenz der Dekonstruk-tion und der der Kritischen Theorie hervorzuheben, die ebenfalls als "Dialektik ohne Synthese" bezeichnet werden könnte. Während die Dekonstruktion die Ambivalenz als Aporie auffaßt, d.h. destruktiv, faßt sie die Kritische Theorie als Wahrheitsmoment auf, als wechselseitige Bedingtheit zweier Extreme, die einander auszuschließen scheinen. So zeigt beispielsweise Adorno, wie Ideologie und Ideologiekritik bei


Stefan George ineinandergreifen und eine widersprüchliche Einheit bilden . Indem Vertreter der Dekonstruktion die dialektische Einheit der Gegensätze - als Erkenntnis wechselseitiger Bedingtheit -durch die Aporie ersetzen, verlieren sie das Wahrheitsmoment und kehren der Dialektik den Rücken.
      Dies ist meiner Meinung nach der Hauptgrund, weshalb Paul de Mans dekonstruktive Lektüren philosophischer und literarischer Texte in den meisten Fällen recht unergiebig sind, zumal dann, wenn um jeden Preis nachgeweisen werden soll, daß einem Text oder Textfragment eine Aporie zugrunde liegt. Während der Hegelianer Lucien Goldmann den gravierenden Fehler beging, fragmentarische und z.T. widersprüchliche Texte der Avantgarde als homogene Totalitäten zu lesen , fallen Dekonslruktionisten in das andere Extrem und suchen Apo-rien, wo es keine gibt. Könnte es nicht sein, daß manche literarische Texte durchaus homogen sind, während andere mit Absicht als Parado-xien, Aporien oder offene Fragmente konzipiert werden? Paul de Man hat sich diese Frage anscheinend nicht gestellt, denn er versucht in den meisten seiner Arbeiten, sowohl philosophisch-ästhetische als auch literarische Texte als paradoxe, aporetische Konstrukte zu verstehen.
      Besonders charakteristisch für diese Jagd nach Aporien sind seine Kommentare zu Georg Lukäcs' Theorie des Romans und Jacques Der-ridas Rousseau-Interpretationen in De la grammatologie. In einer kritischen Analyse von Lukäcs' Jugendwerk stellt er die These auf, daß Lukäcs sich in einen Grundwiderspruch verstrickt, indem er einerseits behauptet, der Roman überspiele den Verlust der epischen Einheit von Subjekt und Objekt durch Ironie, zugleich aber in einer kurzen Interpretation von Flauberts Education sentimentale die Ansicht vertritt, in diesem Roman stelle der Zeitfaktor die organische Einheit, die anderen Romanen fehle, wieder her: "Es sieht so aus, als wäre der Organizismus , den Lukäcs aus dem Roman verschwinden ließ, als er die Ironie zu dessen strukturierendem Prinzip machte, durch eine Hintertür in der Gestalt der Zeit wiedergekommen."1

   Diese Interpretation der Theorie des Romans trifft nur teilweise zu, weil sie drei wesentliche Tatsachen unberücksichtigt läßt: 1. Lukäcs ließ das Problem der epischen Totalität in seinen Kommentaren zu Romanen wie Cervantes' Don Quijote oder Goethes Wilhelm Meister nicht einfach verschwinden, wiede Man undialektisch behauptet ; vielmehr versuchte er zu zeigen, daß auch in diesen Romanen das - zum Scheitern verurteilte - Streben nach Einheit eine wesentliche Rolle spielt. 2. Die zeitbedingte organische Einheit, die der junge Lukäcs in Flauberts Education sentimentale hineininterpretiert, überwindet nicht den Bruch zwischen Bewußtsein und Sein und stellt auch nicht die epische Totalität wieder her: "Es ist die völlige Abwesenheit jeder Sinneserfüllung gestaltet", erklärt Lukäcs, "aber die Gestaltung erhebt sich zur reichen und runden Erfüllthcit einer wirkichen Lebenstotali-lät." Dies bedeutet, daß in Flaubcrts Roman die zeitliche Einheit die verlorene Totalität des Epos in Erinnerung ruft oder eine neue Totalität antizipiert; von einem "Organizismus" im Sinne des Epos kann folglich nicht die Rede sein. 3. De Man verschweigt oder übersieht, daß nach Lukäcs erst das Werk Dostoevskijs eine mögliche Wiederherstellung der verlorenen epischen Totalität evoziert: "Er gehört der neuen Welt an", heißt es am Ende der Theorie des Romans von Dostoevskij, d.h. der Welt einer neuen epischen Totalität, die mit "der Epoche der vollendeten Sündhaftigkeit"12* nichts mehr zu tun hat. Kurzum: Der von de Man aufgezeigte Widerspruch ist ein Scheinwiderspruch, weil in Lukäcs' Abhandlung alle Romane, also auch die Education sentimentale, die verlorene epische Totalität zu ihrem Hauptthema machen.
      De Man versucht, seine These aus Blindness and Insight, daß Philosophen wie Lukäcs und Dcrrida häufig das Gegenteil von dem beweisen, was zu beweisen sie sich vornehmen, weil ihre Einsichten durch eine gewisse - durchaus fruchtbare - Blindheit bedingt sind, auch auf literarische Texte anzuwenden. Auch der literarische Text tut häufig das Gegenteil von dem, was er und sein Autor zu tun vorgeben, und dekonstruiert sich dadurch selbst. Um diese These de Mans zu veranschaulichen, will ich im folgenden seine Analyse eines Textes aus Marcel Prousts A la recherche du temps perdu näher betrachten.
      De Man geht im Anschluß an Gerard Genettes Aufsatz "Metonymie chez Proust" auf das Verhältnis von Metapher und Metonymie in einer Textpassage aus Prousts Du Cöte de chez Swann ein und versucht nachzuweisen, daß Prousts Text einerseits die Ãoberlegenheitder Metapher behauptet, andererseits jedoch seine Ãoberzeugungskraft der Metonymie verdankt: "Doch es bedarf keines besonderen Scharfblicks, um zu erkennen, daß der Text nicht praktiziert, was er predigt. Eine rhetorische Lektüre der Passage enthüllt, daß seine figurative Praxis und seine metafigurative Theorie nicht konvergieren und daß die Behauptung der Vorherrschaft der Metapher über die Metonymie ihre Ãoberzeugungskraft dem Gebrauch metonymischer Strukturen verdankt."121'
Das Hauptthema der Passage, um die es sich handelt, ist die Lesesucht des Erzählers Marcel, der auch an heißen Sommertagen die Lektüre in seinem kühlen, dunklen Zimmer einem Spaziergang im Freien vorzieht. Da seine Großmutter moralischen Druck ausübt, damit er an die frische Luft geht, entwickelt er eine subtile Rhetorik, die sein Verweilen im Zimmer rechtfertigen und den Gegensatz von Innen und Außen überspielen soll. Die von de Man zitierte Passage ist sehr lang, und ich gebe hier deshalb nur den letzten Teil wieder, der im Originaltext einen eigenständigen Absatz bildet: "Die dunkle Kühle meines Zimmers verhielt sich zur besonnten Straße wie der Schatten zum Lichtstrahl, das heißt sie war genauso licht; sie schenkte mir in der Phantasie das volle Schauspiel des Sommers, von dem meine Sinne auf einem Spaziergang zum Beispiel nur jeweils Teilaspekte hätten genießen können; dadurch paßte sie so gut zu meiner Art von Ruhe, die wie die Ruhe einer Hand, die man regungslos ins fließende Wasser hält, den tobenden Anprall eines Stromes von lebhafter Handlung aushielt."13U
Es wäre sicherlich möglich, in diesem Text verschiedene semantische Isotopien auszumachen, deren Sememe Oberbegriffen wie Innen/Außen, Statik/Dynamik subsumierbar wären. Kaum vertretbar scheint mir hingegen der weiter oben zitierte Kommentar von de Man zu sein: Seine Behauptung, Prousts Text enthalte eine "metafigurative Theorie" von der "ästhetischen Superiorität der Metapher"131, ist weder anhand des zitierten Satzes noch anhand des Kontextes plausibel zu machen, in den der Satz eingebettet ist. Ebensowenig zu rechtfertigen ist die Behauptung, Prousts "metafigurative Theorie" verdanke ihre "Ãoberzeugungskraft" dem Gebrauch der Metonymie. Wodurch manifestiert sich die "Ãoberzeugungskraft" einer Figur? - Eher ließe sich zeigen, wie bei Proust metaphorischer und metonymischer Sprachgebrauch ineinandergreifen, wie beispielsweise "die dunkle Kühle meines Zimmers" durch Substitution von der "Ruhe einer Hand, die man regungslos ins fließende Wasser hält", abgelöst wird, und wie sich auf diesem Wege eine metaphorisch-metonymische Textkohärenz bildet: eine Kohärenz, auf die übrigens auch Gcncttc hingewiesen hat.1

   Der a priori konstruierte und in den Text hineinprojizierte Gegensatz zwischen Metapher und Metonymie, den de Man als hierarchischen Gegensatz dekonstruicren möchte, ist nur im Rahmen einer recht willkürlichen "rhetorischen" Analyse plausibel zu machen, die keine semantische odertextlinguistischc Theorie bestätigen würde. So betrachten beispielsweise Grcimas und Courtes das Verhältnis von Metapher und Metonymie als ein "Phänomen der Substitution auf einer Grundlage semantischer Ã"quivalenz" ."'Diese Art von Substitution auf semantischer Grundlage ist für die hier zitierte Passage aus Prousts Recherche kennzeichnend und scheint ihre Kohärenz auf der Ebene der Figuren zu gewährleisten. Es versteht sich von selbst, daß es außerdem noch andere - semantische, syntaktische und narrati ve - Kohärenzkriterien gibt, die Paul de Man außer acht läßt, wenn er meint, "Prousts Sprache im gesamten Roman" auf rhetorischer Ebene erklären zu können. Der Gegensatz zwischen mondäner Konversation und Schrift , der den Vertretern der Dekonstruktion gar nicht so fremd sein sollte, wird in de Mans Kommentaren nicht einmal erwähnt."
Wie sehr Willkür und ein partipris für assoziative Phantasie de Mans Argumentation beherrschen, zeigen seine Bemerkungen zur letzten Figur des hier zitierten Absatzes: "eines Stromes von lebhafter Hand-lung'V'd'un torrent d'aetivite". De Man assoziiert auf der Ausdrucks-ebene torrent mit torride , um eine Lektüre zu rechtfertigen, die die Hitze des Sommertages in die Ruhe des Lesezimmers hineinträgt: "Die eigentliche Bedeutung konvergiert mit der gegebenen Konnotation auf der Ebene der Signifikanten durch das 'torride' , das jeder - sofern er will - in 'torrent' mithören kann. Hitze ist also in den Text auf untergründige, geheime Weise eingeschrieben ."""
Hier ist Dissens anzumelden: Obwohl torrent und torride etymologisch verwandt sind , ist auf semantisch-konno-taliver Ebene keine Verbindung zwischen ihnen herzustellen, vor allem, wenn man Umberto Ecos Hinweis ernst nimmt, daß Konnotation nicht auf "psychische Möglichkeit" anspielt, "sondern auf kulturelle Verfügbarkeit"." Von dieser Objektivierung oder intersubjektiven Nachvollziehbarkeit der Konnotation kann bei de Man nicht mehr die Rede sein: Sie wird auf der Ausdrucksebene dem Subjektivismus und der Willkür überantwortet. Die Metapher "torrent d'aetivitc", die in Prousts Text der regungslosen Hand im Wasser folgt, enthält weder das Sem "Hitze" noch das Sem "Feuer"; sie weist sehr wohl das Sem "Bewegung" auf, das sie mit "eau courante" verbindet. In dieser Verbindung wäre ebensogut das Sem "Kälte" oder "Kühle" auszumachen wie das Sem "Hitze", denn es ist sehr unwahrscheinlich, daß der Erzähler sich eine regungslose Hand im heißen Wasser vorstellt... Damit wird de Mans Behauptung, Hitze sei dem Text "auf geheime Weise eingeschrieben", zumindest relativiert.
      De Mans Geheimniskrämerei ziehe ich Greimas' etwas naive rationalistische These vor, "es gebe keine Geheimnisse in der Sprache" . Denn de Man hat im Anschluß an Nietzsche eine Litcraturkritik entwickelt, die von der extremen Ambivalenz ausgeht und in die Aporie ausmündet. Diese Aporie, die er in nahezu alle von ihm interpretierten Texte hineinträgt, zeugt von einem radikalen Agnostizismus, der soziologisch als eine Bankrotterklärung des liberalen und individualistischen Denkens zu werten ist, dem sich die New Critics teilweise noch verbunden fühlten.
Sie zeichnet sich bereits in den Artikeln ab, die Paul de Man als Zwanzigjähriger vor und während der nationalsozialistischen Invasion Belgiens publizierte. Vcrständlicherweise bemerkt Derrida, in diesen Artikeln hätten ihn vor allem die häufigen Hinweise auf das "Abendland" und die "abendländische Zivilisation" '3* beunruhigt. Man mag den während der nationalsozialistischen Besetzung von de Man publizierten antisemitischen Artikel als Akt eines jugendlichen Opportunismus übergehen. Nicht übersehen sollte man jedoch den Nexus zwischen einer Spenglerschen Terminologie und dem Niedergang des liberalen Vernunftgedankens. Dieser wird durch die systematisch praktizierten Apo-rien der Dekonstruktion, die die dialektische Ambivalenz als Einheit der Gegensätze zerstören, vollends desavouiert.
     

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Dekonstruktion  Yale  I:  Paul  de  Man    





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