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Kritik der Dekonstruktion



Ni ange ni bite noire: Es geht nicht darum, die Dekonstruktion pauschal zu verdammen oder unkritisch in den Himmel zu heben, sondern darum, ihr das Schicksal von theoretischen Strömungen wie Marxismus, Psychoanalyse und Existentialismus zu ersparen, die von Freund und Feind skrupellos für ideologische Zwecke eingesetzt wurden. Paul de Mans jugendliche Sympathien für Nationalismus und Nationalsozialismus rechtfertigen weder eine Ineinssetzung noch eine Annäherung von Dekonstruktion und Faschismus oder Irrationalismus. Das bisher Gesagte sollte die im Vorwort erwähnte Heterogenität der Dekonstruktion - Derri-das, de Mans, Millers, Hartmans - erkennen lassen, die der Heterogenität der Marxismen, Psychoanalysen und Existentialismen vergleichbar ist. So hat sich beispielsweise gezeigt, daß die Aporie, die im Mittelpunkt von de Mans und Millers Betrachtungen steht, von Hartman kaum thematisiert wird, weil er wie Barthes sein Augenmerk vor allem auf die Offenheit und Unbestimmtheit der Texte richtet.
      Eine dialektische und dialogische Kritik an der Dekonstruktion kann daher nicht auf eine globale Ablehnung dieser Theorie hinauslaufen, wie sie etwa von John M. Ellis im Rahmen eines analytischen Ansatzes oder von David Lehman in journalistisch-politischer Perspektive ins Auge gefaßt wird. Eine dialektische Argumentation, die in mancher Hinsicht von der Kritischen Theorie ausgeht, wird der Frage nachgehen, inwiefern die Erkenntnisse der Dekonstruktivisten von Irrtümern und Schwierigkeiten begleitet werden, die möglicherweise gar nicht zu vermeiden sind. Schließlich hat auch die Kritische Theorie Wahrheitsmomente hervorgebracht, die Widersprüche und Aporien mit sich bringen. Gerade diese Theorie wird trotz ihrer kritischen

Distanz in der Dekonstruktion eine bald nahe, bald ferne Verwandte erkennen.
      Eines der bahnbrechenden Verdienste der Dekonstruktion ist wahrscheinlich die Erkenntnis, daß der Diskurs als trans-phrastische Struktur Nietzsches »Willen zur Macht« oder Heideggers »Willen zum Willen« artikuliert. Innerhalb der Kritischen Theorie wurde dieser Aspekt der diskursiven Problematik immer wieder von Adorno hervorgekehrt, während Habermas meint, ihn in seiner Theorie der »idealen Sprechsituation« ausblenden zu können .
      Parallel zu dieser Diskurskritik, die Derrida mit Adorno verbindet, bestätigt die dekonstruktivistische Kritik am Logozentrismus Adornos Ansicht, daß das literarische Werk keine homogene Totalität im Sinne von Hegel oder Lukäcs ist und auch nicht im Rahmen einer wie auch immer gearteten strukturalistischen Theorie als Struktur von Signifikaten eindeutig definiert werden kann. Indem sie uns vor Augen führen, wie sich der Text dem Zugriff des begrifflichen Denkens entzieht, stellen Derridas, de Mans und Millers kritische Argumente einige Grundannahmen des Rationalismus und der Dialektik der Totalität als Vorurteile in Frage.
      Trotz der Bedeutung dieser Argumente, die nicht übergangen werden sollten, muß daran erinnert werden, daß es die Dekonstruktion in ihren verschiedenen Varianten versäumt hat, ihre eigenen Prämissen in einem historischen und dialogischen Kontext zu reflektieren . Derrida und seine Anhänger meinen, in nahezu allen Texten Aporien oder Formen von Iterabi-lität und Dissemination feststellen zu können; dabei übersehen sie die einfache semiotische Tatsache, daß sie - wie alle ihre Vorgänger - Konstruktionen ihrer eigenen Metadiskurse in die kommentierten Texte hineinprojizieren. Auf diese Art tragen sie, ohne es zu beabsichtigen, zur Festigung der absolutistischen und monologischen Tendenzen des Logozentrismus bei. Wie der Hegelianer, der den Text mit seiner Totalität identifiziert, wie der Strukturalist , der ihn mit seiner Tiefenstruktur oder seinem Isotopiebegriff ineinssetzt, verwechselt ihn de Man mit der apore-tischen Struktur, die er selbst erfunden hat.
      Wenn er behauptet, daß alle Texte aporetisch sind und sich letztlich selbst dekonstruieren, neigt der Dekonstruktivist dazu, die historische und soziologische Dimension seiner Untersuchungen zu vernachlässigen. Denn die Mannigfaltigkeit der Texte und ihrer historischen Zusammenhänge läßt die Hypothese, derzufolge alle Werke aporetische Konstrukte sind, eher unplausibel erscheinen. Im folgenden wird sich zeigen, daß diese Argumente von einigen Kritikern der Dekonstruktion aufgegriffen werden.
     

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