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Epilog: Dekonstruktion zwischen Moderne und Postmoderne



Es ist nicht leicht, im Epilog einem Thema gerecht zu werden, das Gegenstand eines umfangreichen Werks sein könnte. Es gehthier jedoch nicht darum, eine neue Problematik anzuschneiden, sondern darum, die hier vorgebrachte Kritik anhand einiger historischer Betrachtungen zu konkretisieren und abzurunden. Die Frage lautet: Inwiefern kann die Dekonstruktion aufgrund ihrer Verwandtschaft mit der Kritischen Theorie noch als moderne Theorie aufgefaßt werden; inwiefern weist sie als nachkritische und nachmoderne Theorie in die Postmoderne?
Die Frage hat insofern teleologischen Charakter, als hier tatsächlich gezeigt werden soll, daß die Dekonstruktion als heterogenes Ganzes zwar in der Moderne verwurzelt ist, in einigen wesentlichen Theoremen aber die postmoderne Problematik ankündigt. Dies plausibel zu machen ist allerdings nur möglich, wenn eine Minimaldefinition von Moderne und Postmoderne vorgeschlagen wird.
      Die Definitionen der Postmoderne sind so disparat, daß nur eine lange und gründliche Untersuchung die Ungereimtheiten und Widersprüche entwirren könnte. Uwe Japp weist darauf hin, daß die Unterscheidungsmerkmale, mit deren Hilfe man die Postmoderne zu definieren sucht, zu unspezifisch und auch auf die Moderne anwendbar sind. Während David Lodge die Postmoderne als »Inszenierung absichtsvoller und unauflöslicher Widersprüche» charakterisiert, stellt Ihab Hassan einen Gegensatz zwischen der von ihm als »autoritär« und »aristokratisch« definierten Moderne und einer »subversiven« und »anarchischen« Postmoderne her. »Bei solcher Weite der Kriterien«, kommentiert Japp, »verwundert es nicht, wenn z. B. Joyce zugleich modern und postmodern ist bzw. sein soll.« In dieser sprachlichen Situation ist es wichtig, die Kriterien zu präzisieren und die Komplexität zu reduzieren -auf die Gefahr hin, daß es dabei zu Vereinfachungen kommt.
      Geht man von Francpis Lyotards bekannter Definition der Postmoderne aus, die diese Epoche mit einer »Skepsis gegenüber den Metaerzählungen« identifiziert, so stellt man alsbald fest, daß nicht nur die Dekonstruktion, sondern auch die Kritische

Theorie und Autoren wie Kafka, Musil, Gide und Italo Svevo als postmodern einzustufen sind. Ja sogar Joris-Karl Huysmans' A Rebours kann in diesem Kontext als postmoderner Text gelesen werden, weil er zusammen mit der narrativen Struktur traditioneller Romane das Erzählen als solches in Frage stellt. Schon einige Junghegelianer und Nietzsche wollten »sich nichts mehr erzählen lassen«, wie Musil sagt.
      Um eine Klärung dieses Problems bemüht sich Wolfgang Welsch, der die These vertritt, »daß die Postmoderne die Moderne fortsetzt, ja in radikalisierter Form einlöst«. Er konkretisiert Lyotards Darstellung, wenn er schreibt, daß moderne Autoren den Verlust der Ganzheit beklagen, während die Vertreter der Postmoderne sie begrüßen: »Solange die Auflösung der Ganzheit noch als Verlust erfahren wird, befinden wir uns in der Moderne. Erst wenn sich eine andere Wahrnehmung dieses Abschieds - eine positive - herausbildet, gehen wir in die Postmoderne über.« Aus dieser Sicht erscheinen allerdings -neben Albert Camus - die europäischen Avantgarden , denen man keine Nostalgie im Hinblick auf verlorene Totalitäten andichten kann, als postmoderne Bewegungen. Umberto Eco hingegen relegiert die Avantgarden in die Moderne: »Es kommt jedoch der Moment, da die Avantgarde nicht weitergehen kann .«
Nicht auf diesen Widerspruch kommt es hier an, sondern auf die Frage, wie sich Kritische Theorie und Dekonstruktion zu Lyotards und vor allem Welschs Definitionen von Moderne und Postmoderne verhalten. Es wäre sicherlich prekär, Adorno und Horkheimer als moderne Autoren zu lesen, die den Verlust der harmonischen Totalität beklagen. Im Gegensatz zu Lukäcs und Goldmann, deren Ã"sthetiken von einem hegelianischen Streben nach Identität und Totalität beherrscht werden, ist Adornos Ã"sthetische Theorie als unmißverständliche Absage an Hegels Ganz-heitsverständnis zu lesen: »Traditionelle Ã"sthetik irrt darin, daß sie es, das Verhältnis des Ganzen zu den Teilen, zum absolut Ganzen, zur Totalität übertreibt. Durch diese Verwechslung wird Harmonie zum Triumph übers Heterogene, Hoheitszeichen illusionärer Positivität.« Adorno läßt das Widersprüchliche, Unversöhnte und Heterogene im Kunstwerk zutage treten.
      Im Gegensatz zu den Dekonstruktivisten verzichtet er jedoch weder auf den Begriff des ästhetischen Wahrheitsgehalts noch auf den gesellschaftskritischen Begriff der Utopie. Das Ziel der Literatur- und Kunstkritik ist die Aufdeckung der ideologiekritischen Wahrheit: »Der Wahrheitsgehalt der Kunstwerke ist die objektive Auflösung des Rätsels eines jeden einzelnen. Indem es die Lösung verlangt, verweist auf den Wahrheitsgehalt. Der ist allein durch philosophische Reflexion zu gewinnen. Das, nichts anderes rechtfertigt Ã"sthetik.« Kritik und Wahrheit sind nicht zu trennen: »Den Wahrheitsgehalt begreifen postuliert Kritik.«
Diese stellt jedoch einen Nexus zwischen Wahrheit und Utopie her, in dem die Verwirklichung des Gesamtsubjekts und die Versöhnung von Subjekt und Objekt mitgedacht ist: »In solcher Stellvertretung des gesamtgesellschaftlichen Subjekts aber, eben jenes ganzen, ungeteilten Menschen, an den Valerys Idee vom Schönen appelliert, ist zugleich ein Zustand mitgedacht, der das Schicksal der blinden Vereinzelung tilgt, in dem endlich das Gesamtsubjekt gesellschaftlich sich verwirklicht.« Dieser Satz, in dem die »Auflösung der Ganzheit« im Sinne der Moderne »als Verlust erfahren wird« , weist zugleich über die negativen Zustände auf die Utopie hinaus. Er illustriert Habermas' Bemerkung, Adorno habe sich »dem Geist der Moderne vorbehaltlos verschrieben.« Zugleich läßt er erkennen, wie

Hauke Brunkhorst richtig bemerkt100, daß in der Kritischen Theorie die Kernbegriffe Wahrheit, Subjekt und historische Utopie unzertrennlich miteinander verbunden sind. Sie drücken die Solidarität dieser Theorie mit der Metaphysik »im Augenblick ihres Sturzes« aus.
      Von einer solchen Solidarität kann in keiner der dekonstruktivistischen Theorien die Rede sein. Sie lehnen nicht nur die in der Moderne problematisch gewordenen Begriffe der Wahrheit und des Subjekts ab, sondern neigen auch dazu, den Utopiebegriff zusammen mit den Metaerzählungen zu verabschieden. Dieser Begriff wird von einigen Autoren zu Recht als integraler Bestandteil der Moderne aufgefaßt: »Aber anders als in der ästhetischen Moderne setzt sich erst beim postmodernen Denken eine dezidier-te Skepsis gegenüber utopischen Konzepten durch .« Diese Interpretation von Paul Michael Lützeler wird von Klaus R. Scherpe bestätigt: »Dem postmodernen Bewußtsein scheint die ästhetische Imagination eines >anderen ZustandsModernismus< lassen erkennen, daß dieser Begriff nicht einmalig eine bestimmte Periode bezeichnet, sondern eine rekurrente, sich stets wiederholende und sich zersetzende Bewegung ist, die dem Selbstverständnis einer jeden Periode im Hinblick auf vorausgegangene Perioden entspricht. Wenn de Man recht hat, dann ist der Terminus >post-modern< eine Tautologie oder ein Oxymoron, da ja kein Schriftsteller oder Kritiker jemals das Moderne'im Sinne des authentisch Selbstgeborenen erreicht, geschweige denn überwindet.« Angesichts dieser »ewigen Wiederkehr« der Moderne kann es Utopien im positiven oder negativen Sinne gar nicht geben, da eine Ãoberwindung im Sinne der Marxisten oder ein depassement im Sinne der Tel-Quel-Gruppe nicht denkbar ist.
      Sofern sie sich der metaphysischen Begriffe der Wahrheit, des Subjekts und der Utopie entledigen, gehören die Dekonstrukti-visten - im Gegensatz zur Kritischen Theorie - nicht mehr der Moderne an. Allerdings geht Derridas Denken in dieser Konstruk-tion nicht auf, weil die promesse gmancipatoire, von der weiter oben die Rede war, ein Vokabular mit sich bringt , das durchaus in der Moderne beheimatet und mit dem Wortschatz der Kritischen Theorie verwandt ist. Es scheint also innerhalb der Dekonstruktion einen wesentlichen philosophischen und politischen Unterschied zwischen Derri-da einerseits und de Man oder J. Hillis Miller andererseits zu geben. In diesem Kontext steht Hartman Derrida näher als seinen amerikanischen Weggefährten .
      Angesichts dieser Unterschiede wird die globale Ambivalenz der Dekonstruktion sichtbar: Sie knüpft zwar an die kritische Philosophie und Literatur der Moderne an , kann aber deren Wort-Werte wie Wahrheit, Subjekt, Versöhnung und Utopie nicht mehr übernehmen. Sie geht von der Problematik der Moderne aus, weist jedoch über deren Rahmen in eine von de Man verleugnete Postmoderne hinaus, in der Bezeichnungen wie Wahrheit, Subjekt, Autonomie und Utopie als Bestandteile des »alteuropäischen Denkens« für obsolet erklärt werden. In diesem Zusammenhang kann Derridas utopische promesse imancipatoire noch am ehesten als ein modernes, avantgardistisches und marxistisches Erbe der Tel-Quel-Zeit gedeutet werden. Es ist kein Zufall, daß er dieses Glücksversprechen dem Zugriff der Dekonstruktion entzieht . So kann beispielsweise in den Romanen der Moderne nicht festgestellt werden, ob ein Anliegen gerecht oder ungerecht ist , ob ein Protagonist gut oder böse ist , ob eine Handlung zum Frieden oder zum Krieg führt .
      Die Entstehung und Radikalisierung der Ambivalenz in der entwickelten Marktgesellschaft hängt einerseits mit der Vermittlung durch den Tauschwert zusammen, die alle Kulturwerte mit dem ökonomischen Wert verknüpft und dadurch zweideutig werden läßt; andererseits mit den ideologischen Konflikten, die ebenfalls für eine destruktive Zusammenführung der Gegensätze sorgen. Sie stellt Jean-Paul Sartre anschaulich dar, wenn er in einem Artikel über Brice Parains Sprachtheorie schreibt: »Es geht um die Sprache der kranken Wörter, in der >Friede< Aggression, >Freiheit< Unterdrückung und >Sozialismus< Regime der Ungleichheit bedeuten.«

   Diese markt- und ideologiebedingte Ambivalenz geht in Indifferenz als Austauschbarkeit von Wort-Werten über, wenn eine sprachliche Situation entsteht, in der es schwierig oder unmöglich wird, einen Wert einem anderen vorzuziehen oder sich für einen bestimmten Wert wie Freiheit, Wahrheit oder Sozialismus zu entscheiden. Während es in der von der Ambivalenz dominierten Moderne noch sinnvoll erschien, bestimmte problematische Werte zu verteidigen , entsteht in der Postmoderne ein radikaler Pluralismus, mit dem sowohl Bill Martin als auch William Corlett die Dekonstruktion verknüpfen. Dessen abstrakte Toleranz fällt mit der Indifferenz als Austauschbarkeit der Werte tendenziell zusammen.
     
Im Zeichen dieser Austauschbarkeit steht die dekonstruktivistische Aporie, die den modernen Wahrheitsgehalt verdrängt. Sie führt zwei widersprüchliche Lektüren eines Textes zusammen, die nicht im Höheren aufzuheben sind, sondern sich gegenseitig zerstören, weil ihre Wahrheitsansprüche unentscheidbar sind: »Die beiden Lektüren müssen sich in direkter Konfrontation aufein- ander beziehen, denn die eine ist genau der Irrtum, der von der anderen denunziert wird und von ihr aufgelöst werden muß.« Hillis Miller ergänzt: »Die Heterogenität eines Textes ist eher in der Tatsache begründet, daß er zwei grundverschiedene Bedeutungen gleichzeitig ausdrückt. Er ist >unentscheidbar

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Epilog:  Dekonstruktion  zwischen  Moderne  Postmoderne    


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