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Eine sprachanalytische Kritik



Analytische Philosophie und dialektischer Marxismus sind einander diametral entgegengesetzt, und ihre Aufeinanderfolge in diesem Kapitel bedarf daher einer kurzen Erläuterung. Die Tatsache, daß die Dekonstruktion aus naheliegenden Gründen sowohl von Vertretern der analytischen Philosophie als auch von Marxisten abgelehnt wird, ist sicherlich kein Grund, die marxistische Kritik der analytischen anzuschließen. Wichtiger und interessanter scheint die Tatsache zu sein, daß die Bedenken, die John M. Ellis in einem argumentationstheoretischen und analytischen Kontext vorbringt, einige Kommentare der Marxisten bestätigen und Bourdieus Kritik in wesentlichen Punkten ergänzen. Schon deshalb erscheint es sinnvoll, einen Dialog über die Dekonstruktion zwischen zwei heterogenen, aber in mancher Hinsicht komplementären theoretischen Positionen herbeizuführen.
      In Ãobereinstimmung mit der analytischen Tradition Wittgensteins, Russells und Ryles bemüht sich J. M. Ellis in Against Deconstruction, logische Widersprüche und andere Ungereimtheiten in Derridas Philosophie aufzuspüren. Er verharrt jedoch nicht im formalen Bereich, sondern geht immer wieder auf empirische Schwächen der Dekonstruktion ein, die auch von Marxisten wie Terry Eagleton und Frank Lentricchia kommentiert werden. Diese beiden Autoren scheinen an die von Bourdieu skizzierte Problematik anzuknüpfen, wenn sie Derrida und den amerikanischen Dekonstruktivisten ihre Distanz zu politischen Problemen und ihre Ablehnung der Sozialwissenschaften vorwerfen.
      In diesen Debatten verteidigt der britische Dekonstruktivist Christopher Norris die Theorien der Dekonstruktion, indem er als Antwort auf Ellis' Kritik ihre analytische Genauigkeit hervorhebt und als Antwort auf die marxistische Kritik ihr politisches Engagement betont. Der hier inszenierte Dialog zwischen Norris, Ellis und den Marxisten geht im vorletzten Abschnitt in einen Dialog zwischen Dekonstruktion und Kritischer Theorie über, der zu-gleich als Reflexion des Autors über seine eigene Position zu werten ist.
      Es lohnt sich, die Argumente, die John M. Ellis gegen die Dekonstruktion vorbringt, näher zu betrachten: nicht nur weil sie sich mit der soziologischen Kritik Bourdieus und den marxistischen Kritiken überschneiden, sondern auch deshalb, weil sie Schwachstellen von Derridas Philosophie bloßlegen.
      Ellis hat wahrscheinlich recht, wenn er Derridas grundlegende Unterscheidung zwischen parole und ecriture anzweifelt und von der Unmöglichkeit spricht, den Vorrang des geschriebenen Wortes nachzuweisen: »Selbst wenn er behauptet, daß die Rede erst dann existieren kann, wenn die Schrift möglich ist, konzediert Derrida die logische Priorität der Rede, denn die Existenz der Rede ermöglicht die Schrift.«

   An dieser Stelle könnte man mit Derrida einwenden, daß es nicht so sehr darum geht, Prioritäten festzulegen, sondern zu zeigen, wie die Schrift die Mechanismen der Differänz und der Dissemination {StreuunG), die das gesprochene Wort verdeckt und verdrängt, in Erscheinung treten läßt. Der interpretierbare und in verschiedenen Kontexten wiederholbare Text könnte dann als Zeuge der ständigen Verschiebung oder Nicht-Präsenz des geschriebenen Zeichens zitiert werden. Leider trägt dieses Argument nicht zur Stärkung von Derridas Position bei, weil man es umkehren kann: Man braucht sich nur auf die Common-Sense-Phrase verba volant zu berufen und zu behaupten, daß nur das nach bestimmten Regeln oder Konventionen geschriebene Wort für eine Eindämmung der semantischen Streuung bürgt. Der Einwand, auch juristische Texte seien vieldeutig, ist nicht hilfreich, weil mündliche Absprachen bekanntlich noch vieldeutiger sind und zu endlosen Streitigkeiten führen können.
      Jedenfalls scheint es sehr schwierig zu sein, den Primat der Ecriture als archi-ecriture nachzuweisen und zu zeigen, daß diese für Zweideutigkeiten anfälliger ist als das gespro-chene Wort, das im Alltag ständig vom Mißverständnis, der falschen Wiedergabe, dem grammatischen Fehler und der Fehlleistung bedroht wird. Die hierarchische Unterscheidung von parole und äcriture bleibt deshalb eine metaphysische Schwäche der Dekonstruktion, die auch Habermas aufgezeigt hat .
      Dies mag einer der Gründe sein, weshalb Derrida in Points de Suspension den Gegensatz von parole und e'criture bagatellisiert und von der »Opposition un peu triviale entre la parole et l'ecritu-re« spricht. Dem aufmerksamen Leser der Grammatologie wird jedoch nicht entgehen, daß er in diesem Buch die Urschrift oder archi-äcriture mit euphorischen Konnotationen versieht, während die parole als Instrument des Logozentrismus fast ausschließlich negativ konnotiert wird.

     
   Ellis setzt seine Kritik an der Bezeichnung e'criture fort, wenn er Derrida vorwirft, er fasse langage und e'criture als Synonyme auf: »Sprache bedeutet nicht Schrift, und wenn wir >Schrift< als einen Ersatz für >Sprache< verwenden, drücken wir uns falsch aus.« Derridas Neigung, die Probleme der Sprache aus einer Urschrift oder archi-ecriture abzuleiten, bringt nicht nur eine Schwachstelle im Diskurs der Dekonstruktion hervor, sondern zeugt auch von der Kluft, die diesen Diskurs von dem der Linguistik trennt, einer Wissenschaft, die sich mit den Besonderheiten des geschriebenen und des gesprochenen Wortes in verschiedenen Kommunikationszusammenhängen befaßt.

     
   Auf den Bruch zwischen der Dekonstruktion und den Sozialwissenschaften bezieht sich ein anderes Argument, das Ellis gegen Derrida ins Feld führt, wenn er seine These in Frage stellt, »daß alle Texte dekonstruierbar sind und daß jede Sprache insgeheim zersetzt, was sie behauptet«. Ellis erklärt: »Wenn wir sagen, daß ein Text oft auf verschiedenen
Ebenen bedeutet, dann kehren wir in den Bereich der traditionellen Philologie zurück.« Um sich von dieser Philologie zu unterscheiden, sagt Ellis, muß die Dekonstruktion im »intellektuellen Feld« eine extreme Position einnehmen und behaupten, daß alle Texte dekonstruiert werden können oder sich selbst dekonstruieren.
      Es hat sich gezeigt, daß Derrida, Paul de Man und J. Hillis Miller diese extreme und ahistorische Position einnehmen und von der Annahme ausgehen, daß alle Texte ambivalent und aporetisch sind. Ihr Formalismus, der von den sozialen, ideologischen und psychischen Dimensionen des Textes abstrahiert, bringt bestimmte Risiken mit sich, auf die sowohl Ellis als auch David Lehman hingewiesen haben.
      So fragt sich beispielsweise Lehman, welche Ergebnisse eine dekonstruktivistische Lektüre von Adolf Hitlers Mein Kampf zeitigen würde. Könnte man nicht die Tatsache hervorheben, daß Hitler den religiösen Antisemitismus ablehnt? fragt er in Signs of the Times21. Man muß Lehmans Kritik nuancieren und auf den vieldeutigen und widersprüchlichen Charakter von Mein Kampf hinweisen sowie auf die Tatsache, daß eine dekonstruktivistische Lektüre dieses Textes auch zeigen könnte, daß der Autor insgeheim das Gegenteil von dem behauptet, was er »offen« ausspricht. Soll man sich Hitler als verhinderten Demokraten oder als einen Freund der Juden vorstellen, der seine Sympathien verdrängt hat? Wie jeder Formalismus birgt die Dekonstruktion, die aus Nietzsches extremer Ambivalenz hervorging, ideologische Unwägbarkeiten.
      Schon deshalb ist es in diesem Zusammenhang wichtig, mit Greimas und Bertil Malmberg auf die Bedeutung von Textkonstanten, Tiefenstrukturen und Aktantenmodellen in einem Text wie Mein Kampf hinzuweisen, sowie auf die Unmöglichkeit, sie durch Verschiebungen, Widersprüche und Polysemien aufzulösen, deren Existenz allerdings nicht geleugnet werden sollte. Die Dekonstruktivisten verlieren allzu oft die Wechselbeziehung von Bestimmtheit und Unbestimmtheit, Eindeutigkeit und

Vieldeutigkeit aus den Augen und vergessen, daß ein Text Konstanten aufweisen muß, um als ein bestimmter Text identifizierbar zu sein.
      Diesen Gedanken greift auch M. H. Abrams auf, wenn er bemerkt, daß Derrida nur dekonstruieren kann, was er zuvor auf ganz konventionelle Art konstruiert hat: »Er kann die Unmöglichkeit einer konventionellen Lesart nur dadurch nachweisen, daß er in einem ersten Schritt die Möglichkeit dieser Lesart vorführt; ein Text muß mit Bestimmtheit gelesen werden, wenn er in einer Unentscheidbarkeit aufgelöst werden soll, die sich nie ganz von ihrer anfänglichen Bestimmtheit zu lösen vermag; die Dekonstruktion kann nur die Bedeutungen eines Textes zersetzen, der immer schon vorkonstruiert wurde.« Dies ist insofern richtig, als ein Text vom Subjekt niemals als solcher, als »Ding an sich«, sondern immer schon als Konstrukt wahrgenommen wird.
      Ein anderer Aspekt des dekonstruktivistischen Formalismus wird von Ellis in einem soziologischen Kontext kommentiert, wenn er darauf hinweist, daß sich vor allem die amerikanische Dekonstruktion im institutionellen Bereich nur deshalb durchzusetzen und zu halten vermochte, weil sie unablässig die Tradition des amerikanischen criticism attackierte, ohne jemals konkrete Alternativen vorzuschlagen: »Dekonstruktion und Konservatismus bilden eine Art von Symbiose, in der die beiden einander ernähren; und so kommt es, daß Ideen, die verschwinden sollten, am Leben erhalten werden.« Anders gesagt: Der unablässige Kampf der Dekonstruktivisten gegen verschiedene Varianten des Logozentrismus und Konservatismus garantiert das Ãoberleben der konservativen Ideologien und der Dekonstruktion. An dieser Stelle trifft sich Ellis' analytische Argumentation mit Bourdieus soziologischer Kritik: Die Dekonstruktion lebt von dem herrschenden konservativen Denken, das sie marginalisiert und zu einem heroischen Kampf gegen die Institutionen verurteilt hat.
      In einer ausführlichen Antwort auf Ellis und andere Kritiker verteidigt Christopher Norris die Dekonstruktion, indem er den »analytischen« und rigorosen Charakter von Derridas und de Mans Argumentation hervorhebt. Ãober die Dekonstruktivisten allgemein schreibt er: »Sie nehmen sich eine genaue und kritische Lektüre von Texten vor, entwirren die verschiedenen Bedeutungsstränge , die diese Texte zusammenhalten, und nur dann decken sie - bei striktester Einhaltung solcher Regeln - deren Schwachstellen auf, die durch naive oder vorkritische Annahmen zustande kommen.«

   Norris hat insofern recht, als die Vertreter der Dekonstruktion dazu neigen, etablierte Bedeutungen und idees regues der Philosophen durch Ãoberpräzisierung des rhetorischen und semantischen Rasters zu zerlegen. Man wird ihm auch ohne weiteres zustimmen, wenn er behauptet, »die Dekonstruktion rationalen Argumenten und Gegenargumenten zugänglich«. Er hätte allerdings den Umstand berücksichtigen sollen, daß die verschiedenen Varianten der Dekonstruktion der dialektischen Tradition Hegels, der Junghegelianer und Nietzsches verpflichtet sind. Diese Philosophen gehen von der Einheit der Gegensätze aus, von einer Denkfigur, die das analytische Denken ablehnen muß, weil sie mit der propositionellen Logik unvereinbar ist. Schon deshalb hat es wenig Sinn, die analytischen Vorzüge der Dekonstruktion zu rühmen.
      Da er den nietzscheanischen und dialektischen Entstehungszusammenhang der Dekonstruktion an entscheidenden Stellen seiner Argumentation ausblendet, übersieht Norris den grundsätzlich ambivalenten Charakter dieses Denkens, das analytische Strenge mit rhetorischen Wortspielen kombiniert. Er hat natürlich recht, wenn er in seinem Buch über Derrida bemerkt, die Dekonstruktion sei eine Aufforderung, über »die Paradoxien nachzudenken, die der Vernunftals solcher innewohnen«. Leider oder glücklicherweise ist die Dekonstruktion wesentlich mehr, weil Derrida, de Man und Hartman die formale Logik immer wieder der Rhetorik, der subjektiven Assoziation und einem Essayismus opfern, die jenseits von Richtig und Falsch anzusiedeln sind. Hätten sich die Dekonstruktivisten darauf beschränkt, über die Paradoxien der Vernunft nachzudenken, wäre ihre Problematik der Wittgensteins oder der analytischen Philosophie vergleichbar. Die Unmöglichkeit, die Dekonstruktion dem analytischen Denken anzugleichen, hängt mit ihrem dialektischen Ursprung zusammen.
     

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