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Bourdieus Kritik an Derrida



Bourdieus Kritik ist deshalb wichtig, weil sie einerseits das Verhältnis der Dekonstruktion zu den Sozialwissenschaften zur Sprache bringt, andererseits auf die Funktion oder Dysfunktion dieser philosophischen Richtung in den Institutionen und in der Marktgesellschaft eingeht. Dies ist der Grund, weshalb sie hier als soziologische Kritik an erster Stelle kommentiert wird: Indem sie die Dekonstruktion im funktionalen Zusammenhang darstellt, betrachtet sie sie gleichsam »von außen« und ermöglicht eine Erklärung ihrer Argumentationsweisen auf institutioneller Ebene. Im wesentlichen wirft Bourdieu Derrida vor, er habe den Bereich der idealistischen Philosophie nicht verlassen und es versäumt, über die wirkliche und mögliche Funktion der Dekonstruktion in den Institutionen nachzudenken.
      In seinen Bemerkungen zu Derridas Analyse der Kritik der Urteilskraft stellt Bourdieu fest, daß Derrida über das intellektuelle Feld des von Kant entfalteten philosophischen Idealismus nicht hinausgeht: »Weil Derrida sich dem philosophischen Spiel nicht entzieht, dessen Konventionen und Regeln vielmehr bis in die rituellen und allenfalls die

Fundamentalisten schockierenden Ãobertretungen hinein respektiert, vermag er die Wahrheit des philosophischen Textes wie der philosophischen Lektüre philosophischer Texte nur in philosophischer Manier auszusprechen .« Anders gesagt: Der verbale Radikalismus der Dekonstruktion lenke lediglich von deren Ohnmacht als kritische Theorie der Gesellschaft und der Institutionen ab. Trotz des sprachlichen und terminologischen Raffinements der Dekonstruktion sei Derrida nicht in der Lage, über die Funktion nachzudenken, die seine Philosophie innerhalb eines intellektuellen Feldes und in einer staatlich legitimierten Institution erfüllt: »Die von der Philosophie verkündete radikale Infragestellung findet ihre faktischen Schranken an den Interessen, die sich aus der Zugehörigkeit zum Feld der philosophischen Produktion ergeben, anders gesagt an der Existenz dieses Feldes und der damit gegebenen Zensur.« Die Dekonstruktion mag eine neue Art sein, das Spiel der Philosophen zu spielen; die Spielregeln und das Spiel als solches stellt sie nicht in Frage. Ã"hnlich schätzen amerikanische Kritiker die literarische Dekonstruktion in den USA ein: Sie sei nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer radikalen Rhetorik erfolgreich.
      Bourdieu vergleicht Derridas Dekonstruktion mit den Experimenten der Avantgarde, deren Attacken gegen die traditionelle Kunst letztlich dazu beigetragen haben, die Kunst als Institution zu stärken, weil sie »zum Ruhme der Kunst und der Künstler ausgeschlagen sind«. Analog dazu stelle die Dekonstruktion der Philosophie »die einzige philosophische Antwort auf die Destruktion der Philosophie dar«. Es sei eine rein ideelle und idealistische Reaktion auf die gegenwärtige Krise der Philosophie, die Marx und seine Erben durch revolutionäre Praxis überwinden wollten.
      Bourdieu hätte hinzufügen können, daß wir es nicht mit einer einfachen Analogie zwischen Dekonstruktion und avantgardistischer Literatur, sondern mit einer institutionellen Verflechtung zu tun haben. Sie kam in den 60er und 70er Jahren zustande, als Derrida seine ersten Artikel in der avantgardistischen Zeitschrift Tel Quel publizierte, in der regelmäßig Beiträge von Roland Barthes, Jean Ricardou, Philippe Sollers, Jean-Joseph Goux, Julia Kristeva u. a. erschienen. Seinen Aufsatz »La Differance« veröffentlichte er in dem bekannten Sammelband TMorie d'ensemble, der wichtige Beiträge anderer Tel-Quel-Autoren enthält: etwa Philippe Sollers' Aufsatz »Ecriture et revo-lution«10, der von Marx' Gegensatz zwischen Basis und Ãoberbau ausgeht und für eine Symbiose von Schrift und Revolution plädiert.
      Derrida hat sich zwar nie den marxistischen Sprachgebrauch zu eigen gemacht, aber die kulturrevolutionären Zielsetzungen der Jel-Quel-Gruppe und des Jahres 1968 waren ihm keineswegs fremd. Paradoxerweise lassen seine neueren Publikationen wie Du Droit ä la philosophie und Spectres de Marx die geistige Verwandtschaft mit den revoltierenden Gruppen der 60er Jahre klarer erkennen als die in Tel Quel erschienenen sprachkritischen Schriften. Dies ist wohl der Grund, weshalb Bourdieus Kritik in La Distinction Derridas Position nicht in jeder Hinsicht gerecht wird. Denn die Marginalität dieser Position hängt u. a. mit dem Scheitern der Mai-Revolte und der Ausweglosigkeit der sie begleitenden kulturrevolutionären Experimente zusammen.
      In einem Interview aus dem Jahre 1992 erklärt der Soziologe den Stellenwert der französischen Dekonstruktion im institutionellen Bereich mit der Marginalität des Dekonstruktivisten, der von der offiziellen Philosophie ausgegrenzt wird. Bourdieu wirft Derrida und Foucault vor, sie versuchten, ihre akademische Randlage als Tugend darzustellen, und fügt hinzu, daß die beiden Philosophen sich gezwungen sahen, »aus einer gesellschaftlichen Notwendigkeit eine Tugend zu machen und das kollektive Schicksal einer Generation in eine bewußte Entscheidung zu verwan-dein«. Diese heroische Pose, schließt Bourdieu, sei »enttäuschend oder gar ein wenig unsympathisch ...

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