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Einem inneren Zwang folgen



Wie kommt jemand eigentlich dazu, sich hinzusetzen und zu schreiben? Da es sich um eine anstrengende Tätigkeit handelt, dürfen wir vermuten, dass eine Art Zwang dahinter steckt - frei-willig macht man so etwas üblicherweise kaum. Dieser Zwang kann aus zwei Richtungen kommen:

Von außen, beispielsweise wenn wir für ein Examen eine Arbeit verfassen müssen, oder von innen. Der zweite Fall, wenn aus dem eigenen Seelenleben der Drang kommt, sich schriftlich zu äußern, ist es vor allem, der uns interessieren sollte. Dieser Drang steht wahrscheinlich am Beginn jeder Schriftsteller-Karriere.
      Es fängt meist ganz harmlos an - mit dem Führen eines Tagebuchs. Aber irgendwann macht sich die Tätigkeit selbständig. Ging es vorher vor allem darum, »Dampf abzulassen« oder gar sich »auszukotzen«, sich »auf dem Papier neu zu orientieren«, so gehen bald innerer Drang und äußerer Druck Hand in Hand. Und nicht selten geht dann der eigentliche Ursprung verloren - nämlich, dass sich da das Innenleben und das Unbewusste äußern wollten und einen mit Ideen und Träumen zum Schreiben trieben.
      War vielleicht das erste Buch sogar ein Erfolg für den Autor, kommt es dann leicht zu einer verhängnisvollen Verschränkung mehrerer Beweggründe:
- Stolz auf die erbrachte Leistung und von den Kritikern gezolltes Lob und Ermunterung auf der einen Seite,
- ein Vorschuss und ein Vertrag des Verlegers für das nächste Werk, Spaß am Schreiben und an der Resonanz des Publikums auf der anderen Seite.
      Und irgendwann artet die Angelegenheit in Arbeit aus. Die zündenden Ideen, die originellen Einfälle, die überraschenden Formulierungen sind doch nicht so häufig und leicht in der Welt zu finden, wie man im ersten Ãoberschwang meinte. Woher Gedanken, Bilder und Symbole nehmen - wenn nicht stehlen - oder sie aus dem eigenen Erstlingswerk und dem ungeheuren Fundus der angelesenen Literatur übernehmen, etwas überarbeitet, adaptiert, aufpoliert...
      Ich glaube nicht, dass ich den Sachverhalt sehr karikiere. Routine und Schreiben-müssen sind der Tod der Originalität für viele Autoren - vor allem, wenn sie sich vom ersten Erfolg dazu verlei-ten ließen, sich vom Schreiben eine auch finanziell ergiebige Berufslaufbahn zu erhoffen. Nicht umsonst hat Erhart Kästner einmal - und keineswegs ironisch - gemeint, für einen Schriftsteller empfehle es sich, einen kleinen Tabakladen oder etwas ähnlich »Reelles« für den Broterwerb im Hintergrund zu haben.
      Sehr drastisch beschreiben solche Frustrationen die beiden französischen Krimi-Autoren Boileau und Narcejac in ihrem Thriller »Mr. Hyde«. Der Held des Romans, der Schriftsteller Rene Jeantome, ist durch die Konkurrenz mit seiner erfolgreicheren, ebenfalls schreibenden Ehefrau nach seinem Erstlingserfolg so blockiert, dass er keine Zeile mehr zu schreiben vermag; bis ihm ein Neurologe rät, sich seinen Frust in einer Art Tagebuch von der Seele zu schreiben.
      Es kommt ja nicht nur darauf an, ab und zu einen »grandiosen« Einfall zu haben. Schreiben lebt, wir sahen es schon, vom unaufhörlichen, stetigen Zustrom der Gedanken und Bilder. Man könnte diese beiden Formen der geistigen Befruchtung als »Makro-Inspiration« und »Mikro-Inspiration« bezeichnen. Letztere könnte sich vielleicht sogar als die wichtigere erweisen - denn ist der »große« Einfall nicht letztendlich das Resultat der vielen »kleinen« Ideen, aus denen er sich speist?
Dabei sollte allerdings nicht übersehen werden, dass es einen gravierenden Unterschied gibt: Der »große« Einfall hebt die Kette der kleinen Ideen auf eine neue, auf eine symbolische Ebene.
     

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