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Mit erhöhter Aufmerksamkeit



Man könnte meinen, dass wir uns ständig »selbst erfahren«, beim Zähneputzen, beim Essen, beim Lieben, beim Autofahren ... immer dann, wenn wir mit wachen Sinnen etwas tun. Genaueres Hinsehen zeigt freilich, dass wir die meisten dieser Tätigkeiten des Alltags als Routine, automatisch verrichten, also gerade ohne besondere Aufmerksamkeit, nahezu »bewusst-los«.

      Selbsterfahrung, wie sie heute verstanden wird, meint etwas anderes, nämlich: mit erhöhter Konzentration und Aufmerksamkeit etwas tun oder erleben und damit das eigene Bewusstsein zu erweitern, und sei es auch nur um eine alltägliche Winzigkeit, zum Beispiel:
- den Partner streicheln ;

- das Frühstück genießen ;
- einem Kind beim Spielen zusehen ;
- die Schulaufgaben machen, ohne sich gleichzeitig über den Walkman die neueste Scheibe von »Madonna« reinzuziehn ...
      Schreiben ist uns, durch den Drill der Schule, zu etwas so Selbstverständlichem, zu etwas so Banalem geworden, dass wir gar nicht mehr spüren, wie unglaublich dieser Vorgang im Grunde genommen ist:
Geistiges nimmt materielle Gestalt an, Gedanken werden zu Worten, schwarz auf weiß. Ich möchte hier nicht in jenen unsäglichen Hochmut verfallen, der das Analphabetentum der Menschen in den Entwicklungsländern gleichsetzt mit Dummheit . Aber dennoch ist es etwas Besonderes, wenn man im Kopf mit Symbolen manipulieren und diese dann auch noch in wohlgesetzten Worten zu Papier bringenkann, wenn gedachte Worte, wenn geistige Strukturen zu Schrift gerinnen und von da an nachprüfbar und bearbeitbar sind, für einen selbst und für andere, sogar weit über den eigenen Tod hinaus. Das älteste chinesische Buch, das »I Ging«, und das sumerische »Gilgamesch«-Epos sind mindestens 4000 Jahre alt. Und die Ritzzeichnungen der Cromagnonmenschen in den Altamira-Höh-len, auch sie Zeugen geistiger Tätigkeit, die zu einer Art Bilderschrift wurde, sind sogar noch einmal Jahrzehntausende älter.
      Wie schwierig dieser Vorgang des Aufschreibens in Wahrheit ist, das wird uns immer wieder dann schmerzlich bewusst, wenn wir vor einem Stapel leerer Blätter sitzen und sie mit Text füllen sollen. Auch Routine schützt vor diesen Schwierigkeiten nicht. Für mich jedenfalls ist das Schreiben jedes Mal wieder ein Großer Berg, der sich scheinbar unüberwindbar vor mir auftürmt, und das, obwohl ich jedes Jahr mehr als fünfhundert Manuskriptseiten fülle.
     

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