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Notwehr eines Fünfzehnjährigen



Liest man die Autobiographien von Schriftstellern, so wird man selten einen finden, der sich gern in die Isolation des Schreibens begeben hat - oder der jedenfalls gerne drin geblieben ist. Hans Bender hat in seiner Anthologie »Deutsche Jugend« mit 46 Beispielen aus dem Leben ebenso vieler Autoren nachhaltig belegt, wie schmerzhaft in Wahrheit dieses Entdecken des Schreibens war

- für die meisten eine Art letzter Rettung, die vor Schlimmerem bewahrte. Nur selten berichtet jemand von der Lust, die Schreiben bereiten kann.
      Exemplarisch bringt der junge Hermann Hesse diesen problematischen Beginn seiner Schreib-Karriere zum Ausdruck. Die Eltern hatten ihn ins Internat nach Stetten verbannt. Dort rettete er sich - um nicht seelisch völlig unterzugehen - ins Schreiben. Voller Zorn, aber auch im Triumph sich aufbäumend, schreibt der Fünfzehnjährige an die Eltern:
»Meine letzte Kraft will ich aufwenden, zu zeigen, daß ich nicht die Maschine bin, die man nur aufzuziehen braucht. Man hat mich mit Gewalt in den Zug gesetzt, herausgebracht nach Stetten, da bin ich und belästige die Welt nimmer, denn Stetten liegt außerhalb der Welt. Im übrigen bin ich zwischen den vier Mauern mein Herr, ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen.
      Wenn der Inspektor es merkt, wird es furchtbare Auftritte geben, ich werde geschunden werden, es geschieht ja alles zu meinem Besten!« .
      Der Kernsatz ist der: »Zwischen den vier Mauern« sei er, der Fünfzehnjährige, sein eigener Herr. Wie konnte er diese schützenden Mauern besser aufrichten und erhalten - als durch das Schreiben?
In der Reihe der »rowohlts monographien« findet man bereits an die fünfhundert Lebensbeschreibungen von Autoren. Dabei wurde geschickt das Editionsprinzip gewählt, die Schriftsteller durch Selbstzeugnisse zu Wort kommen zu lassen. Aus dieser eindrucksvollen Bibliothek autobiographischer Dokumente möchte ich noch eines zitieren, das ein wenig aus der Reihe fällt, nicht zuletzt durch sein Alter. Es stammt von Grimmeishausen, dem Verfasser des urdeutschen Romans »Simplicius Simplicissimus«.
      Dieses Buch erschien erstmals 1668 und gilt als eines der erfolgreichsten Bücher überhaupt - nicht nur in der deutschen Literatur. Zu Unrecht hat man es zum Jugendbuch deklassiert. In Wahrheit ist es der verzweifelte Versuch eines Erwachsenen, die schrecklichen Erlebnisse aus dem Dreißigjährigen Krieg zu verarbeiten, die er als Kind und Jugendlicher hatte, bis hin zur Verschleppung durch marodierende Soldaten. In einer der erschütterndsten Szenen des Buches beschreibt er als über Fünfzigjähriger, noch ganz erfüllt vom Schrecken der Kriegszeit, eine kleine Szene, die noch heute den Leser ahnen lässt, was dem damals Dreizehnjährigen geschah. Und man begreift, wie notwendig, im wahrsten Sinne des Wortes, dieses Ventil des aufschreibenden Erinnerns noch viele Jahre später für den Erwachsenen gewesen sein muss. Im Text kehrt er zurück in seine Heimatstadt Gelnhausen:
»Ich fand die Stadttore dort offen, zum Teil verbrannt, zum Teil noch halb mit Mist verschanzt. Ich ging hinein, konnte aber keinen lebenden Menschen finden; wohl aber lagen die Gassen mit Toten überstreut, von denen etliche ganz, etliche bis aufs Hemd ausgezogen waren. Dieser jämmerliche Anblick war erschreckend für mich, wie jedermann sich denken kann. Denn meine Linfalt konnte sich nicht ausmalen, was für ein Unheil den Ort in solchen Stand versetzt haben müßte. Ich erfuhr später, daß kaiserliche Truppen hier weimarische überrumpelt hätten. Kaum zwei Steinwürfe weit kam ich in die Stadt, als ich mich satt an ihr gesehen hatte. Deshalb kehrte ich wieder um, ging durch die Au und kam auf eine gute Landstraße ...« .
      Dies erlebte, wohlgemerkt, ein dreizehnjähriges Kind. Ich möchte nicht wissen, wie viele Millionen Menschen in Deutschland leben, die heute noch gequält werden von solchen Erlebnissen aus dem Zweiten Weltkrieg, von Bombennächten und Vertreibung, von Lagerhaft und Todesnähe an einer der vielen Fronten. Ihnen könnte es helfen, sich diese Ungeheuerlichkeiten von der Seele zu schreiben. Damit das Grauen nicht in den geheimen Schreckenskammern des Unbewussten vergraben bleiben muss, aus denen es vielleicht gelegentlich ausbricht, um in Albträumen und schlaflosen Nächten sein Unwesen zu treiben. Nur wird es für gewöhnlich rasch wieder erfolgreich dorthin verdrängt.
      Solche Erfahrungen, vor allem wenn sie in der Kindheit gemacht wurden, prägen nachhaltig unsere Persönlichkeit. Ich möchte die Persönlichkeit mit einem Haus vergleichen. Beide Male wird es auf das Fundament ankommen, ob das darauf errichtete Gebilde Bestand hat und ob es vor allem auch wohnlich ist. Ein Hausbesitzer, der sein Dachgeschoss ausbauen möchte, wird gut daran tun, zuvor die Festigkeit seiner Grundmauern zu überprüfen. Er wird dafür einen Architekten zu Rate ziehen, der das Gebäude begutachtet und in Planskizzen die Schwächen und Stärken des Gemäuers festhält. Dann werden, falls nötig, fehlerhafte Strukturen repariert, und nun erst kann man die eigentliche Absicht in die Tat umsetzen: die Ergänzung des Hauses durch neuen Wohnraum.
      Ã"hnlich können wir uns die Zukunftsplanung eines Menschen vorstellen. Soweit überhaupt möglich, lässt sich unser Leben doch nur dann sinnvoll planen, wenn wir wissen, wie das Fundament unserer Persönlichkeit beschaffen ist - und wie es entstand. Das Schreiben von Texten mit persönlichen Inhalten können wir dabei als das Erstellen von Planskizzen betrachten, mit denen wir dieses komplizierte Gebäude »Persönlichkeit« zunächst einmal sondieren. Fehlerhafte Strukturen werden dann, soweit nötig , korrigiert. Ich will dies mit einem Beispiel anschaulicher machen:
Nehmen wir einmal an, ein junger Mann habe in seiner Familie von klein auf gelernt, dass der Besitz von viel Geld besonders erstrebenswert sei. Er wird diesem Wert, eventuell ohne es zu mer-ken, alle anderen Werte unterordnen. Vielleicht wird ihm erst auf dem Totenbett, im Rückblick auf die gesamte Existenz, bewusst, dass er wesentliche, ja vielleicht sogar wichtigere Ziele in seinem Leben versäumt hat. Wäre es nicht gut für ihn gewesen, sich vorher besser kennen zu lernen? Das Verfassen von Texten ist dazu hervorragend geeignet, weil sie eine buchstäblich be-greifbare Unterlage für eine solche Sondierungsarbeit sind. Es hat darüber hinaus noch einen großen Vorzug gegenüber der Erstellung einer Planskizze durch den Architekten:
Das Aufschreiben der prägenden Erfahrungen des eigenen Lebens hilft einem, Zukunft sinnvoller vorzubereiten. Pläne machen wir ständig - denn es gehört zu den Kennzeichen menschlichen Lebens, die Zukunft bewusst gestalten zu wollen. Nur begnügen wir uns leider häufig mit Phantasien und Denkmodellen. Erst das Niederschreiben erlaubt uns, den Wünschen und Ã"ngsten angesichts der Zukunft sichtbare Gestalt zu verleihen, über die wir dann diskutieren können - mit uns selbst und mit anderen. Das Handeln und Verändern, das Erfinden neuer, lebensfähiger Kompromisse, das sind dann die nächsten Schritte.
      Das ist dann die eigentliche Therapie.
     

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Notwehr  eines  Fünfzehnjährigen    





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