Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Kreatives schreiben

Index
» Kreatives schreiben
» Schreiben als Therapie
» Kreativer und therapeutischer Prozess im Vergleich

Kreativer und therapeutischer Prozess im Vergleich



Versucht man den kreativen Prozess, etwa beim Schreiben, zu vergleichen mit dem, was während einer Psychotherapie vonstatten geht, so stößt man rasch auf interessante Gemeinsamkeiten. Da ist zunächst die Aufspaltung in ein handelndes Ich und ein beobachtendes Ich. Während einer Psychoanalyse ist der Patient nur Handelnder, d. h. Sprechender; er gibt sich ganz dem Fluss der Freien Assoziationen hin. Der Analytiker hingegen übernimmt den Part des Beobachters, der nur gelegentlich mit einer Deutung eingreift und Zusammenhänge zwischen den geäußerten Einfällen herstellt. Der Patient soll lernen, seine Einfälle möglichst nichtzu zensieren - was ein enormes Vertrauen gegenüber dem therapeutischen Begleiter bei dieser Selbsterfahrungsreise voraussetzt. Genau das Gleiche macht im Grunde genommen der Schriftsteller , wenn er dem Papier etwas »anvertraut« oder sich etwas »von der Seele schreibt«.

      Gerade das Aufdecken verdrängter unbewusster Inhalte, um die es bei der Therapie letztendlich geht, ist jedoch stets mit Angst verbunden. Diese Angst ist es ja gerade, weshalb man zu einem früheren Zeitpunkt bestimmte Erlebnisse nicht verarbeiten konnte und sie verdrängte!
Die hohe Selbstmordrate und die nicht minder hohe Zahl der Konsumenten von Alkohol und noch ganz anderen Drogen unter den Schriftstellern weisen darauf hin, dass dieser kreative Prozess nicht ungefährlich ist - und nicht ungefährdet. Auch psychosomatische Krankheiten und psychotische Störungen deuten in diese Richtung.
      Im Lichte des heutigen Wissens über die Zusammenhänge von Störungen des kreativen Prozesses und unbewältigten Konflikten und Erlebnissen in Kindheit und Jugend sind die Bedenken, die etwa Rainer Maria Rilke gegenüber einer Psychotherapie hatte*, kaum mehr begründbar - denn eine sachgemäß durchgeführte Psychotherapie ist im Grunde nichts anderes als ein von zwei Personen durchgeführter gemeinsamer kreativer Prozess. Ist die Störung behoben, so kann der Schriftsteller oder Künstler seinen kreativen Prozess wieder allein weiterführen.
Allerdings möchte ich nochmals betonen, dass ich das »einsame Arbeiten zu Hause am Schreibtisch« nicht mehr für die einzige - und schon gar nicht für die optimale - Möglichkeit halte, kreativ zu sein. In einer Gruppe schreibt es sich viel leichter. Beide Prozesse haben also offenbar ihre Nachteile, jedenfalls in ihrer klassischen, heute noch allgemein üblichen Version:
- Wenn ich mich schreibend auf den kreativen Prozess einlasse, so tue ich das allein - und bin damit all den Problemen des Alleinseins ausgesetzt, bin Blockierungen ausgeliefert und eingefahrenen Routinen .
      - Wenn ich mich in einen therapeutischen Prozess begebe, so bin ich zwar nicht allein, der Therapeut meines Vertrauens kann meine Ã"ngste mildern und mit Deutungen weiterhelfen - aber ich bin auch sehr unselbständig; darüber hinaus werde ich im Gespräch und gerade wegen der Anwesenheit eines Zweiten automatisch eine strengere Zensur meiner Freien Assoziationen einsetzen, was den Fluss dieser Einfälle enorm bremsen kann.
      Es lohnt sich, beide Verfahren zu kombinieren, also das Schreiben in einen therapeutischen Prozess einzubeziehen. Dann sind Angst und Einsamkeit entsprechend geringer , die Selbständigkeit hingegen ist größer. Der Vorteil ist zudem, dass der Patient/Klient einer Schreibtherapie am Ende einer solchen Arbeit ein ganz konkretes Ergebnis, nämlich einen Text, mit nach Hause nehmen und - so er will - weiter damit arbeiten kann. Eva Jaeggi und Walter Hollstein weisen in ihrem Buch »Wenn Ehen älter werden« darauf hin, dass das Verfassen von Texten bei ihrer Arbeit eine große Hilfe ist:
»Ein Weg, der aus Passivität und Depression nach der Trennung führen kann, ist der Versuch, sich die Last des Schmerzes von der Seele zu schreiben, Rebecca zum Beispiel skizzierte wochenlang die Geschichte ihrer Ehe mit Michael; Thierry intensivierte die Arbeit an seinem Tagebuch, das er seit seinem vierzehnten Lebensjahr führte; Max rekonstruierte seine Liebes- und Trennungsgeschichte mit Isabella ... Karin und Hans schrieben nach der Trennung an ihre Freunde viele Briefe, in denen sie ihre Situation, ihre Gefühle und ihre Sehnsüchte schilderten. Auch Marlene schrieb Tagebuch. Nach übereinstimmenden Aussagen war das Schreiben für Rebecca, Thierry, Max, Karin und Hans zunächst eine mehrschichtige Auseinandersetzung mit sich selbst: eswurde Zeugnis abgelegt, wie der einzelne Tag überstanden werden konnte, was er an Problemen und nostalgischen Erinnerungen, aber - nach und nach - auch an kleinen Freuden und Erfolgserlebnissen gebracht hatte. Gefühle wurden beschrieben und analysiert; Rückschritte wie Entwicklungen wurden sorgfältig bilanziert. So lernten die Schreibenden zum einen, sich selber besser zu beobachten und damit auch zu kennen; zum anderen halfen ihnen ihre Notizen, Tagebücher und Briefe, reflektierend zu merken, was sie an Erlebnissen, Orten und Gewohnheiten besser vermeiden und was sie umgekehrt zu ihrem Nutzen intensivieren sollten.«
Die zweite wichtige Dimension des eigenen Schreibens betrifft die Auseinandersetzung mit dem frühen Lebensgefährten. Ãober Tagebücher, literarische Versuche und Briefe wurde den Betroffenen deutlich, was in der Interaktion mit dem Partner an Fehlern, Defiziten und Zwängen, aber natürlich auch an Freuden und Stärkungen steckte. Ebenso wie die Vor- und Nachteile des einstigen Lebensgefährten nahmen die eigenen Fehler und Schwächen klarere und fassbarere Gestalt an.
     

 Tags:
Kreativer  therapeutischer  Prozess  Vergleich    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com