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Viele wollen schreiben lernen: ein Ãoberblick



Aber so leicht sollten wir es Umberto Eco nicht machen. Nur so aus »Spaß an der Freud« setzt sich niemand hin und produziert einen Roman mit einem Umfang von 635 Seiten. Wer jemals ein umfangreiches Manuskript geschrieben hat, der weiß, dass die Lust am Fabulieren rasch nachlässt, dass bald Zweifel auftauchen. Der kreative Prozess beim Schreiben ist Schwankungen ebenso unterworfen wie der beim Komponieren und Malen. Da braucht es dann - wenn »nichts mehr geht« - einen anderen Motor als den der Lust. Geldnot und Termindruck sind da schon einleuchtendere Motive; des Weiteren Sehnsüchte verschiedenster Art, das Bedürfnis nach Kompensation für erlittene Mängel und Frustrationen, Rachegelüste und verwandte starke Antriebe, meistens aus frühen, weitgehend verschütteten Quellen der Kindheit. Wer weiß, ob es da nicht tatsächlich einen Mönch gab, den zu vergiften -oder zumindest symbolisch zu töten - noch Jahrzehnte später für den erwachsenen Autor Eco ein triftiger Grund wäre. Das Schreiben gewissermaßen als reinigender, als kathartischer Akt - ein Stück Psychotherapie demnach.

      Doch verlassen wir diese Spekulation. Eco selbst schweigt darüber, und wir sollten es dabei bewenden lassen, dass er unsere Phantasie entzündet hat - unsere Phantasie im Hinblick auf die Gründe, weshalb jemand die Mühsal des Schreibens auf sich nimmt. Und eine Mühsal ist es nun einmal für die Hände, die Rückenmuskulatur und die Augen, diese unzähligen kleinen Buch
Stäben aufs Papier zu bringen! Es gibt lustvollere Betätigungen, mit weniger Arbeitsaufwand.
      Warum drängen dann so viele Menschen zum Schreiben? Ein Hamburger Fernlehrinstitut gibt jedes Jahr - wenn ich richtig schätze - weit über 50 000 Euro aus, um in führenden deutschen Massenpublikationen für eine »Schule des Schreibens« zu werben. Das Geld für die großformatigen Annoncen will erst einmal verdient sein; demnach müssen sich Tausende zu solchen Fernlehrkursen anmelden. Ob man auf diese Weise das Schreiben überhaupt lernen kann, soll uns hier nicht interessieren.
      Die Hamburger »Henri-Nannen-Schule« und die anderen Journalisten-Schulen in München, Köln, Düsseldorf, Mainz sind die einzigen ernst zu nehmenden Ausbildungsstätten für schreibenden Nachwuchs. Allein am Münchner Friedmann-Institut bewerben sich alle zwei Jahre zu den Aufnahmeprüfungen 3100 Männer und Frauen - von denen ganze 60 angenommen werden, 15 für das Münchner Institut, 15 für einen Ableger in Berlin und 30 für einen akademischen Ausbildungsgang an der Universität. Das Interesse, Schreiben zu lernen, ist also tatsächlich riesengroß.
      Mir ist keine neuere statistische Untersuchung dieser Motive bekannt. Uralt ist eine Umfrage, die das Gallup-Institut 1947 in Louisville im US-Staat Kentucky durchführte. Damals befragte man einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung, ob man gerne vom Schreiben leben können würde. Erstaunliche 3,4 Prozent antworteten mit »Ja«. Ãoberträgt man dieses Ergebnis, unbesehen, auf die Bundesrepublik , so kommt man auf die stattliche Anzahl von 2,2 Millionen Menschen, die »gerne vom Schreiben leben« würden!
Wie viele mögen es erst noch sein, wenn man all jene hinzunimmt, die gerne einfach so, als Hobby, schreiben können möchten? Oder all die, welche die therapeutischen Möglichkeiten des Schreibens längst schätzen. Oder die aus beruflichen Gründen immer wieder schreiben müssen - und seien es nur die lästigen Aktennotizen und Memoranden, die zum Beispiel bei Managern einen Großteil der Arbeitszeit ausfüllen.
      C.

V.

Rock zitiert eine wissenschaftliche Untersuchung , der zufolge von 100 Bundesbürgern »mit echtem Interesse an Literatur«
- 15 % geeignet sind, sich schriftstellerisch zu betätigen;
- 20 % nach erfolgter Ausbildung gut und verständlich schreiben können;
- 10 % es niemals lernen werden;
- und man die restlichen 55% »als Durchschnitt bezeichnen kann« .
      Die »Shell-Jugendstudie« gab an, dass ein Viertel der Jugendlichen im Alter von 15 bis 24 Jahren schreibt: Aufsätze, Gedichte, Tagebuch. Immerhin jeder Zehnte rechnet sich zu den »intensiv Schreibenden«. Eine empirische Studie teilte 1977 mit, dass 28% der befragten Gymnasiasten Gedichte schreiben oder geschrieben haben. Im Geschäftsbericht 2001 der »Verwertungsgesellschaft WORT« heißt es:
»Ohne Berücksichtigung von ausländischen Autoren und Verlagen sowie Pseudonymen beträgt die Anzahl der berechtigten Autoren im Jahr 2001: 160 580.«
In einer älteren Statistik des Bundespresseamts steht: »Die Verlagsunternehmen beschäftigten am 31. Dezember 1985* 2110

   Mitarbeiter, darunter 15 700 Redakteure ... Weitere 34 600 waren als freie Mitarbeiter tätig.«
Das ergibt bereits 245 600 Menschen, die professionell mit dem Verfassen, Bearbeiten und Veröffentlichen von Texten beschäftigt sind.
      Wie viel mehr Männer und Frauen möchten dies vielleicht gerne ebenfalls tun oder wollen wenigstens für sich selber den Spaß am Schreiben entdecken und entfalten? Ich habe spaßeshalber einmal versucht, das Potenzial der Schreibenden und Schreibwilligen für meine eigene engere Umgebung abzuschätzen. Der Großraum München hat zwei Millionen Bewohner. Wenn ich die beiden niedrigsten und höchsten statistischen Ergebnisse als Eckdaten nehme und die Zahl der Shell-Jugendstudie von zehn Prozent intensiv Schreibenden als realistischen Mittelwert, dann komme ich für die Stadt und den Landkreis München auf ein Potenzial von 200 000 Menschen, die am Schreiben mit seinen vielfältigen Möglichkeiten überdurchschnittlich interessiert sind.
      Es ist erstaunlich, dass für diese riesige Zielgruppe lange Zeit keine spezielle Zeitschrift auf dem Markt war. Der »Literat« wendete sich ursprünglich mehr an ein professionelles Publikum und an eher passive Rezipienten der literarischen Szene, ist aber inzwischen auch für die am Kreativen Schreiben Interessierten ergiebig. Seit September 2000 gibt es eine vierteljährlich erscheinende Zeitschrift, die sich bereits mit dem Untertitel an diese Zielgruppe wendet: »TextArt« .
      Aktivitäten über das traditionelle Angebot hinaus werden zunehmend auch von den Literaturhäusern der großen Städte angeboten sowie in den Literaturbüros, den Schreib-Werkstätten der Volkshochschulen oder im freien Angebot wie unsere eigenen Seminare.

     

Für eine ganze Reihe von Berufsgruppen nähert sich die 35-Stunden-Woche der Verwirklichung; entsprechend wird für viele Menschen das Bedürfnis nach sinnvoller Freizeitgestaltung wachsen. Was wäre da ergiebiger als das Schreiben - kann es doch sowohl bei der Selbstbesinnung in der Reizfülle der Informationsgesellschaft ebenso helfen wie bei der Suche nach Lebenssinn und der Kontaktaufnahme zu Gleichgesinnten!
Und die große Chance, im Denken selbständiger zu werden, die Inneren Gestalten näher kennen zu lernen und besser zu integrieren und - durch das Vorlesen eigener Texte - die Selbstsicherheit zu stärken, das sind ja auch keine zu verachtenden Möglichkeiten.
      Dazu kommt noch die nicht zu übersehende Tatsache, dass immer mehr Menschen an Computer- und Bildschirm-Arbeitsplätzen tätig sind und dort nicht zuletzt auch sehr effektive Hilfen beim Schreiben kennen lernen, die nicht wenigen Menschen Anregungen geben können, das Schreiben auch einmal - nun mit ganz anderen Vorzeichen - für sich privat zu nützen.
      Ein großes Potenzial gerade für das »Kreative Schreiben«, um das es in diesem Buch geht, sehe ich speziell bei den Leuten, die sich beruflich um das Schreiben und die Texte anderer kümmern: Lektoren, Lehrer und viele Redakteure.
      Sind nicht viele von ihnen ursprünglich einmal daran interessiert gewesen, selber zu schreiben, und zwar über eigene Themen, in den eigenen Formen? Die Wege und Irrwege des Berufslebens haben so manchen davon abgebracht, das ursprüngliche Ziel aktiv weiterzuverfolgen. Aber das heißt ja nicht, dass es bei der Passivität, beim Lesen und beim Redigieren fremder Texte bleiben muss! Und bei so manchem der mehr als 34600 Buchhändler in Deutschland stand ja vermutlich auch der Wunsch am Beginn der Karriere, selber zu schreiben; das Handeln mit Büchern war dann oft eine Art Kompromiss zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Das muss ja nicht so bleiben - Schreib-Seminare sind eine gute Möglichkeit, an alte Bedürfnisse und Sehnsüchte wieder anzuknüpfen.
      Meine Annahme von zehn Prozent für das »Schreiber-Potenzial« dürfte also eher zu niedrig angesetzt sein. Vielleicht hat dievon C.

V.

Rock zitierte Studie doch Recht mit ihren » Prozent«, die geeignet sind, sich schriftstellerisch zu betätigen?
Ich denke, diese Zahlen genügen, um zu zeigen, dass erstaunlich viele Menschen sich für das Schreiben als Beruf, Kunstwerk, Handwerk oder einfach als anspruchsvolles Hobby interessieren oder es erlernen wollen. Was wir allerdings noch immer nicht so recht wissen, ist dies: Warum wollen sie es eigentlich erlernen?

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Viele  wollen  schreiben  lernen:  Ãoberblick    





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