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Einen Mönch ermorden



Gewiss, man hat bereits ausgiebig die Frage gestellt, wie Leben und Werk etwa bei James Joyce, Franz Kafka oder Johann Wolfgang von Goethe, um nur drei Namen stellvertretend für viele andere zu nennen, zusammenhängen könnten. Aber dass die gleichen Zusammenhänge nicht nur für die Großen unter den Autoren und Dichtern gelten könnten, sondern auch für den so genannten Nor-malbürger, der seine Gedanken einem Tagebuch oder Briefen an einen guten Freund anvertraut, das wurde weitgehend übersehen. Vielleicht weil der Glanz der Großen den Blick fürs Gewöhnliche zu sehr geblendet hat?

Wir werden allerdings auch noch sehen, dass die therapeutischen Effekte des Schreibens unterschiedlicher Natur sind, je nachdem, ob
- jemand allein am Schreibtisch sitzt und in einer beruflichen Situation Texte produziert;
- ob dasselbe in einer therapeutischen Zweier-Situation von Therapeut und Patient geschieht
- oder in einem Seminar »Kreatives Schreiben«.
      Interessanterweise zeigen viele Autoren eine eigenartige Scheu, wenn man sie nach dem lebensgeschichtlichen Hintergrund ihrer Texte fragt, selbst wenn solche Zusammenhänge auf der Hand liegen oder sogar selbst angedeutet werden. Zum Beispiel gibt Bestseller-Autor Umberto Eco in seiner »Nachschrift« zum Roman »Der Name der Rose« folgende zwei Gründe an, warum er das Buch verfasst hat: »Ich habe einen Roman geschrieben, weil ich Lust dazu hatte. Ich halte das für einen hinreichenden Grund, sich ans Erzählen zu machen. Der Mensch ist von Natur aus ein animal fabulator. Begonnen habe ich getrieben von einer vagen Idee:
Ich hatte den Drang, einen Mönch zu vergiften. Ich glaube, Romane entstehen aus solchen Ideen-Keimen, der Rest ist Fruchtfleisch, das man nach und nach ansetzt. Es muß eine alte Idee gewesen sein: Ich fand später ein Notizheft aus dem Jahr 1975, in welchem ich mir eine Liste von Mönchen eines unbestimmten Klosters angelegt hatte ...«
Den Hinweis, dass »der Mensch von Natur aus ein animal fabulator« sei, ein Geschichten erzählendes Geschöpf, sollten wir uns für später merken. Hier wollen wir zunächst einmal zur Kenntnis nehmen, dass der Autor als zentrales Motiv seines Schreibens angibt, er habe »den Drang gehabt, einen Mönch zu vergiften«. Weiterhin sagt er, drei Sätze vorher: »Ich habe einen Roman geschrieben, weil ich Lust dazu hatte« - dürfen wir das so verste-hen, dass ihn das Niederschreiben dieser Gelüste davor bewahrte, so ist jedenfalls zu hoffen, tatsächlich einen Mönch umzubringen?
Können wir das ernst nehmen - oder erlaubt sich der italienische Professor, der für seinen eigenwilligen Humor bekannt ist, einen Spaß mit uns, seinen Lesern?
Nehmen wir ihn ernst, so müssen wir uns allerdings wundern, dass er es bei diesem Hinweis aufsein Motiv bewenden lässt. In der gesamten »Nachschrift zum Namen der Rose« finden wir kein weiteres Eingehen auf diese Bemerkung. Es ist, als werfe er da eine Angel aus, um dann rasch den schmackhaften Köder zurückzuziehen.

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