Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Kreatives schreiben

Index
» Kreatives schreiben
» Jeder Zehnte ein Schriftsteller?
» Eine Fülle von Motiven

Eine Fülle von Motiven



Aus meinen eigenen Schreib-Seminaren in der »Münchner Schreib-Werkstatt«, an der Volkshochschule und in anderen Institutionen kenne ich eine Vielzahl von Menschen näher, die am Schreiben interessiert sind und die in den Seminaren auch über ihre Motive gesprochen haben. Interessanterweise treten materielle Motive weit in den Hintergrund. An vorderster Stelle stehen vor allem:

- das Bedürfnis, schreibend mehr über sich selbst zu erfahren;
- beunruhigende Erlebnisse zu verarbeiten;
- Ordnung in den Strom der vielfältigen Reize zu bringen, denen man ausgesetzt ist,
- und nicht zuletzt das Bedürfnis, eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben, und sei es nur als Hobby, nach Feierabend.
      In den Anzeigen des erwähnten Fernlehrinstituts werden diese zentralen Motive sehr gezielt angesprochen: »Ist es auch Ihr sehnlichster Wunsch, wie ein Schriftsteller schreiben zu können? Um mehr aus Ihrer Liebe zum Schreiben, mehr aus sich zu machen? Um Ihre Gedanken, Ihr Wissen, Ihre Ideen in Worte zu fassen? Um mitzureden und mitzubewegen?«
Auf einer Rückantwortkarte soll man unter anderem ankreuzen, weshalb man gerne schreiben lernen möchte. Ich finde diese Auflistung äußerst interessant. Sie gibt eine Stufenfolge an, die auch meinen eigenen Beobachtungen entspricht. An erster Stelle steht: »Ich möchte schreiben können, um es als Hobby zu betreiben.« Anzweiter Stelle, »um es im Beruf zu verwenden«, dann, »um mich allgemein mündlich und schriftlich besser ausdrücken zu können«, und erst an vierter und fünfter Stelle folgen: »um mir etwas damit zu verdienen« bzw. »um eines Tages hauptberuflich als Schriftsteller tätig zu sein«.
      Was könnte das aber bedeuten: dass das Hobby-Schreiben an erster Stelle steht? Ein Hobby betreibt man ja zunächst, um freie Zeit auszufüllen. Das allein dürfte es beim Schreiben kaum sein, denn es bedarf doch einiges mehr an Disziplin, eine Seite mit Text zu füllen, als eine Hand voll Briefmarken zu sortieren oder einen Hund spazieren zu führen. Schreiben verlangt aber nicht nur eine gewisse Disziplin und Ãobung , sondern es verlangt vom Schreiber etwas ganz Wesentliches, das den meisten anderen Hobbys abgehen dürfte: die Konfrontation mit sich selbst, beispielsweise beim Vorgang des Erinnerns, ohne den das Schreiben schlecht möglich ist.
      Schreiben heißt immer: auch über sich selbst schreiben. Und wenn man sich dabei noch so versteckt. Beim Romanautor ist dies oft deutlich sichtbar. Ein eindrückliches Beispiel ist die französische Schriftstellerin Marguerite Duras mit ihrem autobiographischen Werk »Der Liebhaber«, worin sie ihre Kindheit und lugend in Indochina und ihre ersten Pubertätserfahrungen mit dem anderen Geschlecht beschreibt.
      Aber auch der Journalist, der über ein Sachthema schreibt, wird nicht ein beliebiges Thema bearbeiten, sondern viel eher eines, das in seinen Interessenbereich gehört. Und man darf vermuten, dass dieser Interessenbereich ursächlich etwas mit seiner Persönlichkeit und seiner Vergangenheit zu tun hat. Sonst fällt ihm nämlich bald nichts mehr ein; erst der Bezug zur eigenen Existenz schürt das journalistische Feuer - und sei es, im Lauf vieler Berufsjahre, zu noch so kleiner Flamme heruntergebrannt.
      Schauen wir uns einmal an, was da eigentlich genau geschieht, wenn wir schreiben. Zunächst einmal werden Gedanken zu Papier gebracht; ein beeindruckendes Geschehen: Geist wird Materie!
Aber ich möchte es etwas prosaischer anschauen und detail-lierter. Schreiben setzt zunächst Kontakt mit einem Informationsträger voraus, mit Stift oder Schreibmaschine und mit Papier -oder was immer man benützt.
      Weiterhin muss der Schreiber, wir hörten es schon, in Kontakt mit sich selbst sein. Dies ist allerdings gar nicht so selbstverständlich; Kritiker und Wissenschaftler legen mehr Gewicht darauf, ob der Autor in Kontakt mit seinem Publikum ist. Zumindest muss der Buchautor seinen Verleger bzw. dessen Lektor erreichen, denn sonst wird sein Buch gar nicht erst gedruckt. Der Brief- oder Tagebuchschreiber hat es da leichter: Er wird wohl immer sein »Publikum« finden. Zu den drei Bereichen der zu gestaltenden Materie, des Publikums als Adressat und der eigenen Seele möchte ich noch einen vierten stellen: den Bereich der Transzendenz. Was ist der Autor ohne Symbole, ohne geistige Inspirationen, die seinen sinnlichen Lebenserfahrungen erst die sinnhaflen Strukturen vermitteln?

 Tags:
Eine  Fülle  Motiven    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com