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Analphabeten zweiten Grades



Damit meine ich nicht etwa die »funktionalen Analphabeten«, die zwar lesen und schreiben können, aber nicht in der Lage sind, längere zusammenhängende Texte zu lesen und zu verstehen . Nein, ich meine den Manager in führender Position, den Hochschullehrer und den Pfarrer, die zwar im üblichen Sinne des Schreibens und des schriftlichen Formulierens fähig sind, die sich aber schwer tun,jene Gedanken, die sie im Zwiegespräch oder auch beim einsamen Spaziergang flüssig zu formulieren vermögen, anschließend auch in sinnvollen Zusammenhängen und vor allem für andere leicht nachvollziehbar aufs Papier zu bringen.

      Diese »Analphabeten zweiten Grades« sind also keineswegs ungebildet, ganz im Gegenteil; ihr Problem ist, dass sie zwar das Schreiben gelernt haben und meist auch ganz gut wissen, wie man sich mündlich ausdrückt, dass sie aber erstaunlich selten fähig sind, das Gesagte auch in adäquater schriftlicher Form von sich zu geben. Dies gilt insbesondere für Themen, die persönlich berühren, in denen Gefühle eine Rolle spielen und tiefer reichende Probleme angeschnitten werden.
      Dieser merkwürdige Mangel gilt aber häufig auch schon für eher sachliche Mitteilungen. Letzteres dürfte sich in wachsendem Maße als enorme Behinderung herausstellen, denn wir bewegen uns in einer Zeit, in der - ob wir das gut finden oder nicht, ob wir das wollen oder nicht - schriftlicher Austausch von Informationen überwiegend das Medium der Kommunikation ist. Aus einer bis vor kurzem noch weitgehend »oralen« Kultur wird derzeit mit großer Geschwindigkeit eine überwiegend »schriftliche«. Sie ist heute bereits in Ansätzen sichtbar. Aber wenn demnächst jeder zweite Arbeitsplatz einen Bildschirm haben wird, dann wird auch die Fähigkeit, sich schriftlich ausdrücken zu können, entsprechend mehr gefragt sein.
      Man kann nun der Meinung sein, dass auf den Bildschirmen der Computer wie des Fernsehens ohnehin nichts Wesentliches produziert wird, nichts Wesentliches jedenfalls im Sinne der »höheren Werte«, die man gerne für die Texte der Dichter und Autoren reklamiert. Schon gar nicht wird man auf den Monitoren einen akzeptablen Stil oder gar kreativ-therapeutische Wirkungen erwarten dürfen. Aber ich habe den Verdacht, dass gerade deshalb die Fähigkeit jener anderen Form des »absichtslosen Schreibens« immer wertvoller werden wird, da es einen mehr zu sich selbst und damit erfahrungsgemäß irgendwann auch mehr zu anderen Menschen hinführt.
      Analphabeten in diesem Sinne sind schließlich auch jene Männer und Frauen, die zwar
- als Journalisten oder Schriftsteller die Sprache beherrschen und den Gesetzmäßigkeiten der literarischen Ã"sthetik genügen, die aber kaum Zugang zu ihrem eigenen Innenleben und ein Mindestmaß an Kenntnissen ihres Unbewussten und ihrer Lebensgeschichte haben;
- oder die zwar sich selber gut kennen und in vielen intensiven Therapiesitzungen und Selbsterfahrungsgruppen ihr Innenleben erforscht haben, aber nur in geringem Maße ihre Muttersprache pflegen.
      - Eine dritte Gruppe wären schließlich die Unterhaltungs-Schriftsteller; sie verstehen zwar spannend zu fabulieren, aber mit seelischer oder sozialer Tiefe bzw. mit Sprachreichtum und Ã"sthetik ist es bei ihnen meist nicht weit her.
     

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Analphabeten  zweiten  Grades    





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