Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Kreatives schreiben

Index
» Kreatives schreiben
» In der Schreib-Werkstatt
» Strudel im Fluss der Kreativität

Strudel im Fluss der Kreativität



Als die hispanische Schriftstellerin Sandra Cisneros ihren Erzählungsband »Kleine Wunder« schrieb, bedurfte sie selbst eines solchen Wunders: Mitten in der Arbeit befiel sie eine Schreiblähmung - und nichts ging mehr. Sie half sich auf eine in früheren Zeiten auch bei uns völlig normale, inzwischen jedoch ziemlich verloren gegangene Weise: Sie betete zur Heiligen Jungfrau, stiftete ihr Kerzen und versprach eine Pilgerfahrt zu einem Heiligtum in ihrer mexikanischen Heimat.

      Gebet und Gelöbnis halfen. Ihre Lektorin soll über dieses Verfahren fassungslos den Kopf geschüttelt haben. Dazu kann ich nur anmerken: Was hilft - hilft!
Aber was kann jemand machen, der keinen solchen Kontakt mehr zu seinen religiösen Wurzeln hat?
In diesem Buch war immer wieder vom kreativen Prozess und seinen Blockaden die Rede und wie man diese Blockaden auflösen kann. Zum Abschluss möchte ich diese Gedanken noch einmal aufnehmen, bündeln und systematisch weiterführen.
      Zunächst ein paar grundsätzliche Beobachtungen zum kreativen Prozess und seinen Gesetzmäßigkeiten. In der Arbeit mit vielen Teilnehmern von über 500 Seminaren seit 1978 und während vieler Einzelberatungen hat sich gezeigt, dass es wirklich so etwas wie eine »Naturgesetzlichkeit« des kreativen Prozesses gibt und dass dieser an drei Stellen besonders gefährdet ist: am Anfang, in der Mitte und am Schluss.
      Wie bei den Strudeln in einem Fluss sollte man auf diese gefährlichen Stellen besonders achten. Sie stellen Krisen des kreativen Prozesses dar - und Krisen sind stets Gefahr ebenso wie Chance.
      Genau genommen gibt es nicht die Blockade der Kreativität , sondern es gibt deren eine ganze Reihe. Diese Blockaden sind sich zum Teil

ähnlich , aber es gibt doch auch deutliche Unterschiede.
      Doch zunächst lohnt sich eine genauere Betrachtung, was konkret geschieht, wenn jemand kreativ wird. Dazu sollten wir unterscheiden, dass Kreativität einen Außenaspekt hat und dass es einen Innenaspekt gibt .
      Ein Beispiel: Jemand soll eine Abschlussarbeit über ein Projekt schreiben. Blockade. Ã"rger über eine Mitarbeiterin, die die Gruppe für ihre Privatbedürfnisse missbraucht hat. Dieser Ã"rger, in der Beratung ausgegraben, zieht weitere Erlebnisse mit anderen Leuten mit sich. Dann Freude über die Arbeit mit den betreuten Kindern. Die Einfälle beginnen zu fließen, nachdem der anfängliche Ã"rger zugestanden worden ist. Diese Blockade möchte ich, nach ihrem Opfer, »Jannas Dilemma« nennen. Andere Blockaden nenne ich »Die Maus in der Falle«, »Scheitern am Erfolg«, »Lampenfieber« usw. Die meisten haben allerdings keinen Namen. Betrachten wir sie näher, und schauen wir, was sich jeweils gegen die Blockade tun lässt.
      Ein Dutzend möglicher Ursachen von »writer's block« - und wie solche Schreib-Blockaden abgebaut werden können:
1.
      Der Autor ist - wie häufig der Fall - unter Termindruck oder anderem Stress . Zu viel Druck blockiert leicht den Fluss der Einfälle. Lösung der Blockade:
Hier kann Schreiben mit dem Computer und vor allem spezielle Software wie »Plots Unlimited« und »Collabora-tor« entlasten und anregen sowie einen mehr spielerischen Umgang mit der Kreativität lehren. Auf Dauer noch hilfreicher dürfte eine organisch gewachsene eigene Ideen-Datenbank sein .
      2.
      Man strebt einem - viel zu hohen - Ideal der Perfektion nach und merkt dabei nicht, wie dies die Kreativität beeinträchtigt. Der kreative Prozess ist vor allem in seiner Anfangsphase eher chaotisch und durch »Fehler machen« bestimmt . Werden »Fehler« in dieser frühen Phase zu sehr vermieden, verliert das Unbewusste die Lust am Spielen und Fabulieren. Der Strom der Einfälle versiegt. Lösung der Blockade:
So mancher Profi setzt hier den Alkohol als »Lösungsmittel« ein. Das mag kurzfristig helfen - auf Dauer ist es sinnvoller, einen mehr spielerischen Umgang mit der Kreativität zu üben und vor allem die Gesetzmäßigkeiten des kreativen Geschehens besser zu verstehen. Seminare des »Creative Writing«, speziell das »Schreiben in der Gruppe«, können in dieser Hinsicht gerade den Profi noch manches lehren, was er nicht kennt.

      3.
      Das Thema ist noch nicht ausreichend recherchiert. Lösung der Blockade:
Da hilft weder ein Angebot von »tausend möglichen Plots« in Weingartens »Plots Unlimited« noch »Creative Writing«, sondern nur weiteres Recherchieren - vielleicht unter einem neuen Blickwinkel?
4.
      Das Thema ist über-recherchiert, und die Fülle des fremden Materials verstopft gewissermaßen den Fluss der eigenen Kreativität. Lösung der Blockade:
Hier empfehlen sich bestimmte meditative Techniken und Methoden des »Creative Writing« wie »Cluster« und »GeKO«.

      5.
      Das Thema ist zu »heiß« und verwirrt den Autor. Dies ist oft un-bewusst und blockiert deshalb umso mehr. Beispiel: Ein frisch geschiedener Journalist wird sich vermutlich schwer tun, locker über das Thema »Scheidung« zu schreiben.

     
Lösung der Blockade:
Abstand gewinnen - durch Gespräche mit Freunden, Experten oder auch durch einige Sitzungen blockadezentrierter Beratung bei jemandem, der genügend Erfahrung mit Schreiben hat.
      6.
      Auch wenn ausreichend recherchiert wurde und der emotionale Abstand zum Thema stimmt, kann es zu einem massiven »writer's block« kommen, wenn im Unbewussten des Autors die geistige Struktur des Themas noch nicht genügend ausgereift ist. Diese Struktur entsteht durch die allmähliche Integration der Fremdinformationen aus den Recherchen in die eigene Lebenserfahrung und Persönlichkeitsstruktur. Lösung der Blockade:
Ã"hnlich wie bei 4. sind hier meditative Techniken und »Cluster« bzw. »GeKO« oder auch Tony Buzans »Mind Mapping« angezeigt.

      7.
      Eine Variante hiervon findet man bei vielen Studenten, die an einer Diplom- oder Doktorarbeit arbeiten, deren Thema zu eng mit der eigenen Lebensgeschichte verbunden ist. Ein Psychologe, der seine eigene Geschwisterproblematik noch nicht ausreichend geklärt und bewältigt hat, tut sich schwer, darüber eine Dissertation zu verfassen. Lösung der Blockade:
Einer der dankbarsten Fälle . Hier kann gezielte Beratung innerhalb weniger Sitzungen rasch wahre Wunder wirken. In hartnäckigen Fällen kann allerdings auch eine regelrechte Psychotherapie angezeigt sein.
      8.
      Es gibt bei Autoren, Journalisten und anderen Schreib-Profis auch ausgesprochene »Pubertäts-Begabungen«, deren innerer Antrieb sich irgendwann auswächst; doch da steckt man dann längst mitten im Berufsleben und kann nicht mehr so leicht aussteigen. Auch dies führt irgendwann mit ziemlicher Sicherheit zu einer massiven
Blockade, nicht selten im Zuge der ohnehin fälligen Sinn- und Lebenskrise in der Lebensmitte. Lösung der Blockade:
In diesem Fall müssen die inneren, unbewussten Zusammenhänge geklärt werden .
      9.
      Außerdem gibt es noch die Möglichkeit, dass jemand meint, schreiben zu müssen - aber vielleicht in der Tiefe seines Wesens viel lieber malen oder tanzen oder einen anderen Ausdruck finden würde. Dies konnte ich sogar bei Profis beobachten, die ein ganzes Berufsleben lang über mehr oder minder sachliche Themen geschrieben haben und die sich nach der Pensionierung endlich einen Wunschtraum erfüllen und »den Roman ihres Lebens« verfassen wollen. Eine Blockade kann hier in der Tat bedeuten, dass im Innersten gar kein Wunsch nach weiterem Schreiben besteht, sondern vielmehr das Bedürfnis nach »Ausleben« der unerfüllten Wünsche. Lösung der Blockade:
Da hilft dann wohl keine Beratung und auch keine Therapie, sondern nur die Einsicht in die tieferen Zusammenhänge und notfalls das Aufgeben des Wunsches .

      10.
      Ein sehr häufiges Problem, das zu einer typischen Blockade führt, ist Einsamkeit. Viele Autoren sind in der Jugend zum Schreiben gekommen, weil sie darin eine Möglichkeit sahen, Kontaktschwierigkeiten dadurch auszugleichen, dass sie »mit sich selbst« in Kontakt traten - im Tagebuchschreiben zunächst, dann mehr und mehr im professionellen Schreiben. Prekär ist dabei nur, dass die ursprüngliche Problematik, nämlich die Kontaktschwierigkeit und mit ihr die Einsamkeit, regelrecht »festgeschrieben« werden. Lösung der Blockade:
Hier hilft oft nur entsprechende Beratung oder Therapie. Ã"hnliches gilt für die folgenden Blockaden:

11.
      »Scheitern am Erfolg« nannte Sigmund Freud ein merkwürdiges Verhalten, das gerade hochbegabte Menschen zeigen. Beim Schreiber äußert es sich nicht selten darin, dass zwar der Text geschrieben und druckreif gestaltet wird - dass dann aber massive Bedenken, ja Ã"ngste auftreten, ob er dem kritischen Blick des Lesers oder Redakteurs standhalten wird.
      Bei manchen Leuten nimmt diese Blockade die eigenartige Form an, dass sie glauben, kein oder nur wenig Geld für ihre schriftstellerische Leistung annehmen zu dürfen. Das ist deshalb schwierig, weil ein Honorar nun einmal eine Art Gradmesser für Erfolg und Qualität ist - und oft das einzige Feedback, das jemand für seinen Text bekommt. Lösung der Blockade:
Gegen solche Skrupel hilft manchmal, einen »Inneren Dialog« mit der kritischen Instanz im eigenen Inneren zu beginnen. Nicht selten sind es Vater oder Mutter oder ein Großelternteil, ein Lehrer, ein Chef, die man erst einmal lokalisieren, dann neutralisieren muss, indem man sie »beschreibt«.

      12.
      In eine ähnliche Kategorie gehört das, was Schauspieler als »Lampenfieber« bezeichnen. Es handelt sich dabei um nichts anderes als Begleiterscheinungen von Stress , der völlig normal und sinnvoll ist. Problematisch wird es jedoch, wenn das »Lampenfieber« sich gewissermaßen selbständig macht und neurotische Formen annimmt. Lösung der Blockade:
In solchen Fällen kann ein verhaltenstherapeutisches Training helfen - oder der schon erwähnte schriftliche Dialog mit dem Störenfried im eigenen Inneren, in der Regel ein allzu ängstliches Inneres Kind, das gewissermaßen »bei der Hand genommen« werden möchte. Auch dies lässt sich weitgehend schreibend bewältigen -in Extremfällen s. oben.

 Tags:
Strudel  Fluss  der  Kreativität    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com