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Die gegenwärtige Situation



Die Therapie eines Falles von »Multipler Persönlichkeit« besteht vor allem darin, die verschiedenen Figuren miteinander bekannt zu machen und dadurch allmählich - und sehr behutsam - zu integrieren; soweit dies überhaupt möglich ist. Vor allem in Stress-Situationen, welche die gerade das Bewusstsein beherrschende Gestalt überfordern, wird diese manchmal blitzschnell gegen eine andere ausgetauscht, welche die Lage besser meistert; da dies nicht immer gelingt, bemerken die anderen Gestalten manchmal doch etwas von der Existenz der übrigen Figuren, die sich ansonsten nur über »fehlende Zeit« wundern.

      In den USA scheinen solche Fälle deutlich zuzunehmen; man nimmt derzeit an, dass etwa einer von 20 000 Menschen ein Fall von »Multipler Persönlichkeit« ist, wenn auch meist nicht als solche diagnostiziert.
      Die internationale Forschung misst der neuen Entwicklung erhebliches Gewicht bei. Man kann dies daran erkennen, dass das Syndrom »Multiple Persönlichkeit« in der dritten Auflage des Handbuches »Diagnostical and Statistical Manual of Mental DisOrders« 1983 neu aufgenommen wurde. Es wird dort unter der Index-Nummer »300.14« folgendermaßen charakterisiert und klar abgegrenzt gegen die anderen »dissoziativen Störungen« wie die »Psychogene Amnesie«:
»'Multiple Persönlichkeits Das Hauptmerkmal ist die Existenz von zwei oder mehr verschiedenen Persönlichkeiten innerhalb eines Individuums, von denen jede zu einer bestimmten Zeit dominiert. Jede Persönlichkeit ist eine voll integrierte und komplexe Ganzheit mit einmaligen Erinnerungen, Verhaltensmustern und sozialen Beziehungen, die sämtlich das Wesen der Handlungen des Betroffenen bestimmen, wenn die betreffende Persönlichkeit dominiert. Der Ãobergang von einer Persönlichkeit zur anderen ist abrupt und oft mit psychosozialer Belastung verbunden.
      Ãoblicherweise hat die ursprüngliche Persönlichkeit keine Kenntnis oder kein Bewußtsein von der Existenz der anderen Subpersönlichkei-ten ...
      Die Einzelpersönlichkeiten sind fast immer stark voneinander verschieden und erscheinen häufig als Gegner. Zum Beispiel könnte eine ru-hige alte Jungfer in bestimmten Nächten mit einer extrovertierten, Promiskuität übenden Lebedame alternieren ...
      Eine oder mehrere der Subpersönlichkeiten können vorgeben, zum anderen Geschlecht zu gehören, zu einer anderen Rasse oder Altersgruppe oder zu einer anderen Familie als die ursprüngliche Persönlichkeit« .
      In Amerika hat sich inzwischen eine eigene Arbeitsgemeinschaft gebildet, die Kongresse über das Problem der »Multiplen Persönlichkeiten« veranstaltet. In der Bundesrepublik, und auch im übrigen europäischen Raum, scheint man das Thema noch völlig zu ignorieren, wenn man einmal von gelegentlichen Sensationsberichten absieht .
      Aufgrund des Milligan-Falles wurde im US-Staat Ohio sogar ein Gesetz geändert, wodurch es möglich wurde, solchen Persönlichkeitsstörungen in Zukunft besser gerecht zu werden: Man führte das oben erwähnte neue Syndrom »Multiple Persönlichkeit« ein, das zwischen Neurose und Psychose gesehen wird.
      Dadurch wurde Milligans Fall zu einem brisanten Politikum, und Milligan hatte in der Folgezeit nicht wenig unter den politischen Querelen zu leiden, zusätzlich zu seiner massiven Gestörtheit. Eine brisante Frage werfen dieser und andere ähnlich gelagerte Fälle in der Tat auf: Wer ist denn eigentlich verantwortlich von unseren Inneren Figuren, wenn das »Ich« eine Fiktion sein sollte? Aber das »Krankhafte« könnte ja nicht so sehr die Vielzahl der Inneren Gestalten sein, sondern das Zerfallen des steuernden Ich - bei Milligan durch die unglaublich brutalen Attacken seines Stiefvaters hervorgerufen, denen die Psyche des damals Achtjährigen nicht standhielt.
      Ein faszinierendes Phänomen, von dem noch längst nicht alles bekannt ist, von dem derzeit allenfalls die »Spitze des Eisbergs« sichtbar ist, wie man so sagt. Zwei frappierende Hinweise nur noch:
Die Hirnströme, sichtbar zu machen mit Hilfe eines Elektroenzephalogramms, gelten als ebenso unverwechselbare individuelle Signatur eines Menschen wie die Abdrücke seiner Fingerkuppen und das Abbild seiner Netzhäute in den Augen. Es gibt schon einige Untersuchungen, denen zufolge die Hirnstrombilder von »Multiplen Persönlichkeiten« typisch verschieden ausfallen -je nachdem, welche der Subpersönlichkeiten gerade im Spot ist, also im Helligkeitskegel des Bewusstseins.
      Nicht minder verblüffend ist auch die Beobachtung, dass die verschiedenen Teilfiguren unterschiedliche Brillenstärken haben können - oder die eine Teilfigur eine Brille braucht und eine andere keine, bei gleicher Sehtüchtigkeit.
     

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