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Der Fall Billy Milligan



Der nun zu schildernde Fall des »Billy Milligan« ist so ungewöhnlich - und für viele offenbar auch so unglaubhaft -, dass es nicht verwundert, wenn man erfährt, dass die deutsche Ãobersetzung im Rahmen einer Science-Fiction-Reihe erschienen ist. Aber es han-delt sich, dies sei hier betont, nicht um einen Roman, sondern um eine seriöse dokumentarische Nacherzählung der Lebensgeschichte dieses bedauernswerten Menschen. Daniel Keyes hat zwar auch schon Science-Fiction geschrieben - sehr gute übrigens; aber im vorliegenden Fall beschränkte er sich ganz auf die Rolle des Rechercheurs und Reporters. Ãober Jahre hinweg unternahm er es -fast wie ein Therapeut -, in seinen Tonbandinterviews die verworrenen Fäden dieser Biographie mit nicht weniger als 24 Inneren Gestalten und deren individuellen Biographien zu entwirren und linear, als auch für Außenstehende nachvollziehbare Lebensgeschichte, aufzuzeichnen. Inzwischen kennt man sogar einen Fall mit an die hundert Teil-Persönlichkeiten. Aber die Geschichte Billy Milligans ist nicht nur die am besten dokumentierte, sondern - dank Daniel Keyes' großartiger journalistischer und schriftstellerischer Leistung - auch am besten nachvollziehbare Studie eines Falles von »Multipler Persönlichkeit«. Hier sei sie kurz skizziert:

Ein junger Mann vergewaltigt drei Frauen. Er wird gefasst und vor Gericht gestellt. Dann machen seine Pflichtverteidiger eine eigenartige Beobachtung: Vor ihren Augen verwandelt sich Billy Milligan, in seinen psychischen und körperlichen Ã"ußerungen und Reaktionen, in eine völlig andere Person. Nicht lange später -inzwischen hat sich eine Psychologin seines Falles angenommen -taucht eine weitere Person auf - im selben Körper des Billy Milligan. Dann noch eine dritte, eine vierte ...
      Insgesamt wurden im Körper dieses erstaunlichen Menschen, ich sagte es schon, bislang 24 völlig verschiedene Gestalten entdeckt. Eine davon ist der »Lehrer«, eine Art übergeordnete Figur, Resultat einer Psychotherapie durch einen renommierten amerikanischen Psychiater.
      Eine andere dieser »inneren« Gestalten ist der gewalttätige »Ragen«, der serbisch spricht. Woher hat der ungebildete Milligan solche Sprachkenntnisse - eines der vielen Rätsel um diesen Mann; so wie seine unglaubliche Fähigkeit, sich ähnlich wie der weltberühmte Entfesselungskünstler Houdini vor Zeugen aus jeder Zwangsjacke und Fessel zu befreien! Wie ist so ein körperlich eher schwacher junger Mann in der Lage, während eines Ge-fängnisaufenthaltes in einem Anfall von Jähzorn, vor den Augen der Wärter, eine Kloschüssel mit der bloßen Hand zu zertrümmern?
Die Teilfigur, die solche erstaunlichen Leistungen vollbringt, bekam von Milligan selber den treffenden Beinamen »Hüter des Hasses«. Eine andere Figur ist der achtjährige David . David ist der »Hüter der Qualen«, der alle körperlichen Schmerzen erträgt, die man Milligan zufügt. Eine weitere Figur ist die lesbische Adalana. Laut Billy war sie es, welche die Frauen vergewaltigte -eine Behauptung, die nicht nur die amerikanischen Feministinnen verwirrt und empört hat.
      Billy ist ein Fall von »Multipler Persönlichkeit«, einer neuartigen Form von Neurose im Grenzgebiet zum Borderline-Syn-drom und zur Schizophrenie. Für Psychiater ist differenzialdiag-nostisch wichtig, dass jede der Inneren Gestalten eine eigene, klar abgrenzbare Biographie hat und dass die einzelnen Figuren einander in der Regel - zunächst - nicht kennen; dass ihnen lediglich immer wieder auffällt, dass ihnen Zeitabschnitte fehlen, manchmal recht erhebliche Phasen, in denen nämlich eine der anderen Inneren Gestalten den Körper und das Bewusstsein übernommen hat.
      Folgendermaßen erläutert Milligan, wie er sich vorstellt, was nach seiner Vorstellung in ihm vorgeht. Er benützt dafür das Bild einer Inneren Bühne, auf der alle seine Inneren Gestalten sich aufhalten - die meisten schlafend. Nur eine Gestalt ist jeweils im Spot, wie er das nennt, im Scheinwerferlicht des Bewusstseins:
»Es ist ein großer weißer Lichtfleck, der auf dem Boden leuchtet. Alle anderen stehen drum 'rum, oder sie liegen auf ihren Betten im Dunkel, manche beobachten die andern im Schlaf oder passen auf sie auf, oder kümmern sich um ihre eigenen Sachen. Aber wer in den Spot tritt, der bestimmt unser Bewußtsein« .
     

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