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Beispiel Albtraum



Um das Nachdenken über dieses schwierige Thema zu erleichtern und um es gleichzeitig wegzubringen von den psychologischen Theorien, möchte ich den Zugang anhand eines Beispiels versuchen, das mit großer Wahrscheinlichkeit allen geläufig sein wird, mit dem Traum, genauer: mit dem Erwachen aus einem Albtraum.

      Ich vermute sicher nicht falsch, wenn ich annehme, dass die meisten von Ihnen schon einmal einen solchen Traum gehabt haben, aus dem Sie schweißgebadet - oder gar schreiend - aufgewacht sind. Irgendwann, meist schon sehr bald nach dem Auftauchen aus den Abgründen des Unbewussten und dem Eintreten in die Wachwelt, hat der nächtliche Schrecken dann wahrscheinlich an Intensität verloren - und im Verlauf des Tages werden Sie vielleicht schon darüber gelächelt und das Ganze vergessen haben.
      Vielleicht haben Sie das schreckliche Erlebnis jemandem erzählt oder es wenigstens aufgeschrieben, um sich davon ein Stück weit wieder zu befreien. Aber haben Sie sich Gedanken über die eigenartige Tatsache gemacht, welch tief greifende Persönlichkeitsveränderung da mit Ihnen vorging, und /.war in Sekundenschnelle?
Eben noch hatte Sie irgendeine entsetzliche Angst in den Krallen - da wurden Sie verfolgt und versuchten vergeblich zu fliehen - da taumelten Sie in den bodenlosen Abgrund
Albträume haben viele Gesichter, eines schlimmer als das andere. Und dann das Wunder: Sie wachen auf. Und sind gerettet.
      Ich nehme an, dass man in keiner anderen Situation ähnlich drastisch mit dem Phänomen konfrontiert wird, um das es in diesem Buch geht: dass da nämlich mehr als nur eine Person in uns wohnen könnte. Wie anders sollte man diesen raschen Wechsel von einem Bewusstseinszustand in einen ganz anderen sonst erklären können?
Wer seine Albträume genauer studiert, wird nicht selten die Beobachtung machen, dass die Feinde, dass die Verfolger und die bedrohlichen Naturgewalten im Tram deutlich überdimensioniertsind: Riesen, gigantische Meereswogen, endlose Fluchten von Hallen oder Höhlen, gewaltige Monster aus dem Weltall...
      Doch schon Sekunden nach dem Erwachen sind wir wieder selber »groß« - und können mit Recht lächeln über den Schrecken, der uns eben noch gepackt hatte.
      Der Wechsel von einer Position in die andere im Traum, im Wahn oder im Drogenrausch zeigt deutlicher als vieles andere, dass da zwei sehr verschiedene Gestalten in uns zu Hause sind; und nicht nur diese beiden.
      Die Wahngebilde und die Rauschekstasen mögen nur wenigen Menschen vertraut sein - wenn auch die Beobachtungen und Statistiken deutlich zeigen, dass beides zunimmt. In unserem Traumleben jedoch können die Phänomene der Aufspaltung in verschiedene Existenzen und der Multipersonalität grundsätzlich jedem von uns begegnen. Wenn Sie Ihre eigenen Träume über einen längeren Zeitraum hinweg sorgfältig beobachten, werden Sie gewiss selber fündig mit eigenen solchen Inneren Gestalten, können diese nach und nach kennen lernen - und staunen über die Fülle in Ihrer Inneren Wirklichkeit. Und wir verstehen, warum der griechische Philosoph Heraklit in einem seiner beeindruckendsten Fragmente feststellte: »Der Seele Grenzen kannst du nicht ausfinden, auch wenn du gehst und jede Straße abwanderst; so tief ist ihr Sinn.«
Doch wir wollen Traum und Träumer hier verlassen. Ich möchte mich jetzt einem scheinbar ganz anderen Gebiet zuwenden - das sich allerdings, bei näherem Hinsehen, aus ähnlichen, wenn nicht denselben Quellen speist wie der Traum: Phantasie und Phantasiegebilde der Dichter und Autoren.
      Die Schriftstellerin Barbara König hat ihrem 1965 erstmals erschienenen und seitdem immer wieder neu aufgelegten Roman »Die Personenperson« als Motto einen Satz von Novalis vorangestellt, der mehr ist als nur eine Provokation: dass nämlich »jeder Mensch eine kleine Gesellschaft« sei. Der Roman nimmt dies ernst und beschreibt die verwirrenden Abläufe im Inneren der Haupt-person - in der sich mehr als zwanzig weitere Figuren tummeln. Der Leser merkt dies allerdings zunächst mit Verwirrung.
      Aber das Thema hat mehr als nur literarischen Wert. Seit einigen Jahren beobachtet man eine Zunahme von Menschen mit einer eigenartigen seelischen Störung: Die Psychiater nennen sie »Multiple Persönlichkeit«. Was vor Jahrhunderten erst die Dichter ahnten , das beschäftigt heute bereits die Nervenärzte und die Psychotherapeuten. Buchveröffentlichungen zu einigen dieser Fälle haben nicht nur bei der Fachwelt Interesse und Verwunderung ausgelöst. Nicht selten wurde aber auch Ablehnung gezeigt. Deutliche Hinweise darauf, dass es sich wirklich um ein wesentliches seelisches Phänomen handelt.
      Es stellt sich die faszinierende Frage, ob hier nicht eine Grundverfassung der Psyche sichtbar wird, die im Roman amüsiert, die aber als Realität zum Schrecken werden kann: Sind wir vielleicht am Ende alle solche »Multiplen Persönlichkeiten«, denen lediglich - anders als den Patienten in den Nervenheilanstalten - das Kunststück besser gelingt, die diversen »Einzelteile« zusammenzuhalten? Doch lesen wir zunächst noch ein anschauliches Beispiel, wie so etwas aussehen könnte: eine Mehrzahl von Personen, die in einer Person versammelt sind. Das Zitat entstammt dem schon erwähnten Roman von Barbara König .
      Eine der zentralen Figuren der Geschichte, der Journalist Cy-ril, schlägt dem Redakteur der Zeitschrift, für die er arbeitet, ein Thema vor, über das er gerne schreiben möchte. Doch dieser, ein gewisser Stranitzky, ziert sich:
»Stranitzky ... schüttelte den Kopf, wobei seine Halswirbel knirschten, was für seine sanfte Gemütsart und für die Tatsache spricht, daß er nur selten verneint.
      >Scien Sie mir nicht böseaber die Idee ist abstrus: ein Dutzend Personen in einer Person! Das glaubt Ihnen kein Mensch. Das Äußerste, was man sich in dieser Beziehung bisher geleistet hat, war die einfache Spaltung, Sie wissen ja, zwei Seelen wohnen, ach .. .<

>Also stört Sie nur die Menge?<
Stranitzky ließ seine Wirbel knirschen, er brachte sie zum Schweigen und sagte:
>Ich kann mir da keine rechte Meinung bilden. Der Künstler in mir sagt ja, der Geschäftsmann sagt nein, der Kritiker ist ebenfalls dagegen ... <
>Und was sagt der Redakteur?< fragte Cyril.
      Der Redakteur schwieg und nickte dann, aber lautlos, was wieder für sich spricht. Cyril hatte, in der ersten Runde wenigstens, gewonnen.« .
      Da ist, mit wenigen Sätzen, fast schon alles gesagt.
      Barbara Königs Erzählung wurde gerade wegen ihrer psychologischen Implikationen sogar schon in psychiatrischen Lehrveranstaltungen als anschauliche Demonstration einer literarischen Bearbeitung des Themas »Spaltung der Persönlichkeit« verwendet.
     

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