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Die achtzehn Funktionen des Schreibens



Wir sind gewöhnt, dem Schreiben eine einzige Aufgabe zuzuordnen, nämlich irgendwelche Inhalte »aus dem Kopf« auf das Papier zu befördern, so korrekt wie möglich. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich dies jedoch als gewaltige Unterschätzung: Nicht weniger als achtzehn verschiedene Aufgaben kann das Schreiben erfüllen, je nachdem, wofür man es einsetzt.

      Alle haben wir in der Schule das Schreiben gelernt. Wohl den meisten von uns ist es dort auch gründlich vergällt worden; denn in der Schule wird das Schreiben sehr einseitig benützt - um nicht zu sagen: missbraucht. Während beim Zeichen- und Musikunterricht das Zeichnen und das Musizieren als gestalterisches Medium im Mittelpunkt stehen, dreht sich dort, wo geschrieben wird, der Unterricht keineswegs um das Schreiben und seine Ausdrucksmöglichkeiten, vom öden Schönschreib- und Rechtschreib-Drill einmal abgesehen.
      Vielmehr wird das Schreiben benützt, um die deutsche Sprache mit ihren überlieferten Formen und Inhalten zu lehren, genauer: um das nachzuahmen, was andere Leute als »korrektes Deutsch« vorgegeben haben. Was man selbst zu sagen hätte, interessiert höchst selten. Es gibt zwar immer wieder Lehrer und Lehrerinnen, die das vorgegebene Korsett des Lehrplans durchbrechen; aber das Curriculum, also das allgemeine Programm, ist in der Regel am Individuum und seinen Inhalten und Formen überhaupt nicht interessiert, sondern nur an dem von früheren Generationen vorgekauten Stoff und seiner Vermittlung.
      Das mag eine gewisse Berechtigung haben - doch es ist für die Schüler ungeheuer frustrierend. So wird das Schreiben von Anfang an reduziert auf eine einzige seiner vielfältigen Funktionen, nämlich auf das Festhalten und das Weitergeben von Informationen, die noch dazu möglichst sachlich-abstraktsein sollen. Ich möchte dies bezeichnen als die Computer-Funktion des Schreibens - denn genau dies kann und macht ein einigermaßen weit entwickelter Computer fast auch schon. Ich schätze diese grundlegende Funktion der Schreib-Technik keineswegs gering, die ja über das bloße Beherrschen des korrekten Setzens der Buchstaben und Worte des Erstklässlers schon weit hinausgeht. Aber diese Technik ist noch weit unterhalb des Niveaus dessen, was mit der vielseitigen Schreibkunst sonst noch möglich ist.
      Kein Wunder, dass den Kindern bald die anfängliche Lust am Schreiben und am schriftlichen Formulieren vergeht. Manche entdecken diese Fertigkeit und Kunst später in der Pubertät dann wieder, nun freilich aufgrund einer ganz anderen Funktion: nämlich der der Entlastung, und zwar der Entlastung von seelischem Druck.
      Schon der Volksmund weiß zu berichten, dass man sich etwas »von der Seele schreibt«. Dies geht, weil der Schreibende, durch das Hinausverlagern geistiger und seelischer Inhalte aus seiner Innenwelt in die Außenwelt des Papiers, sich aufzuspalten vermag in zwei Teil-Persönlichkeiten :
1. eine Person, die erlebt, oft mit sehr intensiven Gefühlen, und zwar auch schon während des Schreibvorgangs;
2. eine andere Person, die das Erlebte und Erinnerte in Worte fasst.
      Emotionale Distanz, infolge einer solchen Aufspaltung, kann also eigenartiger- und bemerkenswerterweise große emotionale Nähe erzeugen - beim Schreiben jedenfalls! Hier sind zwei weitere Funktionen des Schreibens beteiligt, die ich bezeichne als Spaltung und als Emotionalisierung.
      Eine vierte Funktion wäre die Distanzierung.
      Weiterhin ist eine wichtige Möglichkeit, dass vorher nicht miteinander zu vereinbarende gegensätzliche und dadurch konfliktstiftende Inhalte zusammenwachsen und integriert werden können. Diese Integra-tions-Funktion ist von unschätzbarem Wert. Der Tagebuch-Schreiber macht sie sich auf einer einfachen Ebene zunutze, der sich seines Lebens erinnernde Autobiograph bedient sich ihrer entspre-chend intensiver. Die literarische Grundform »Gedicht« zeigt , dass Schreiben auch Verdichtung heißt. Vor allem, wenn wir uns entsprechend langsam und meditativ dem kreativen Prozess überlassen, kann die spirituelle Funktion des Schreibens zum Tragen kommen, nämlich dann, wenn die tiefsten Schichten des Unbewussten sich gewissermaßen die in Schrift und Sprache immanenten geistigen Strukturen zunutze machen. Dies wird sichtbar in entsprechenden Symbolen, Vergleichen, Metaphern und Bildern, die Sinn stiften und Zusammenhänge herstellen können, wo zuvor vielleicht nur Verwirrung und Chaos waren. Ich möchte dies als eine Steigerung der integrativen Funktion betrachten, nämlich zur sinnstiftenden Funktion.
      Vor allem wenn es gelingt, jene Haltung des Loslassens zu erreichen, wo »es« gewissermaßen »von alleine schreibt« und man zunächst sogar vergisst, was man da eigentlich kurz zuvor produziert hat, erhalten die kreativen Potenzen des Unbewussten eine Chance, sich zu melden und zu manifestieren - beispielsweise durch ein Verschreiben.
      Vielleicht gibt es noch andere Funktionen? Mehr kann ich zurzeit nicht sehen. Ich will sie hier noch einmal nennen:

Hier können Sie ankreuzen, was Ihnen vertraut ist:
D Computer ,

D Entlastung ,
D Spaltung ,

D Emotionalisierung ,
D Distanzierung ,

D Integration ,
D Verdichtung,

D Spirituelle Funktion ,
D Sinnstiftung,

D Verschreiben .
      Je nachdem, mit welchem Ziel man schreibt, werden die einen oder anderen dieser zehn Funktionen stärker zum Vorschein kommen. Das wird
- in einer Psychotherapie anders aussehen, wo Integration, Entlastung und Vergeistigung im Mittelpunkt stehen werden, aber auch die Spaltung und die Emotionalisierung eine tragende Rolle spielen, als
- in einer Selbsterfahrungsgruppe;

- oder in der Meditation ;
- wieder anders sieht es beim kreativen Prozess des Berufsautors und des Journalisten aus oder beim Tagebuch- und beim Briefe-Schreiber.
      Jetzt, wo ich diese Aufzählung abgeschlossen meinte, meldet sich mein Gedächtnis und weist mich daraufhin, dass ich zwei wichtige Funktionen vergessen habe:
D das Erinnern .

      D Materialisierung .
      Zu letzterer Funktion möchte ich auch meine Bemühungen rechnen, immer wieder bewusst den ganzen Körper in den Vorgang des Schreibens einzubeziehen. Die große Sanduhr auf meinem Schreibtisch mahnt mich jetzt zum Beispiel, dass mein Schreib-Pensum, das ich mir vorgenommen hatte, abgelaufen ist. Ich bemerke, dass meine Oberarme, mein Nacken und meine Schultern müde und verspannt sind und mir deutlich mitteilen, dass die Muskulatur ausruhen möchte. Ich werde also die Maschine abschalten und mich entspannen und erden,indem ich mich eine Weile auf den Rücken lege und die Augen schließe ...
      In der Pause wurden mir weitere Funktionen bewusst, die ich ergänzen möchte:
13. Verinnerlichen ;

14. Loslassen
15. Langsamer werden ;

16. Zentrieren ;
17. Strukturieren ;

18. Konzentration .
      Es ist für mich immer wieder eine erstaunliche Erfahrung, dass beim Schreiben ungeplant Neues aufsteigt und sich gewissermaßen »von selbst« niederschreibt. Deshalb habe ich dieses Kapitel nicht nachträglich umgestellt und geschönt, sondern es so belassen, wie es entstand - gewissermaßen als Dokumentation eines Prozesses, in dem alle diese genannten Funktionen zutage treten.

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