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Viele Gestalten bevölkern die Innere Bühne



Es gibt außer dem Schreiber noch eine andere sehr nützliche Figur: den Inneren Archivar. Er kennt sich hervorragend in den riesigen Speichern des Gedächtnisses aus und ist - wenn ich mich gut mit ihm stelle - in der Lage, die vertracktesten Zitate oder tief im Unbewussten verdrängte Erlebnisse auszugraben. Ich habe manchmal den Verdacht, dass der Archivar ein Ergebnis meiner Psychoanalyse und mithin ein Abbild meines damaligen Analytikers ist - aber das ist nur so eine Vermutung, basierend auf der Tatsache, dass ich mit ihm die Speicher meiner Vergangenheit geöffnet habe und darin herumzuspazieren begann - voller Staunen und Schrecken ...

Einem Artikel entnahm ich einmal, dass es in der neueren medizinischen Literatur die Vorstellung vom »Arzt im Inneren gibt«. Dort wurde ein Gespräch mit Albert Schweitzer zitiert, der auf die Frage, ob jemand von einem einheimischen Me-dizinmann geheilt werden könne, antwortete: »Der Medizinmann hat Erfolg aus dem gleichen Grund wie wir anderen. Wir sind am besten, wenn wir dem Arzt, der in jedem Patienten wohnt, eine Gelegenheit geben, an die Arbeit zu gehen.«
Nimmt man die Vorstellung von den Inneren Gestalten, von den Teil-Persönlichkeiten, ernst, so ergeben sich daraus ungeahnte Konsequenzen. Für das Schreiben von erzählender Literatur finden wir hierin das einzige brauchbare Erklärungsmodell, das uns einigermaßen plausibel machen kann, wie das eigentlich möglich ist: zu erzählen . Was ist denn Schreiben anderes, als diese Inneren Gespräche und Aktionen zu Papier zu bringen? Auch das »Abmalen« der Wirklichkeit draußen geschieht ja beim Schreiben zwangsläufig immer aus der Erinnerung - also wirklich aus dem - wie das Wort ja schon sagt - Inneren. Selbst wenn ich etwas beschreibe, was sich justament vor meinen Augen abspielt, ein Fußballspiel oder ein Familienkrach, so hinkt mein Beschreiben doch stets mindestens um Sekunden hinter der Wirklichkeit her. Ãoblicherweise halten wir das Erlebte jedoch erst Stunden, wenn nicht Tage, Monate, sogar Jahrzehnte nach dem tatsächlichen Ereignis fest.
      Wo kämen wir da ohne die Innere Bühne der erinnernden Vorstellung, wo kämen wir da ohne Inneren Archivar und ohne Inneren Schreiber hin?
Weil diese Vorstellungen noch recht ungewohnt sind, für das Verständnis des Schreibens jedoch recht hilfreich, möchte ich sie im nächsten Kapitel etwas genauer vorstellen. Aber vielleicht machen Sie sich vorher die Mühe, setzen sich für ein paar Minuten hin und denken einmal darüber nach, wie Ihr eigener Innerer Schreiber aussehen könnte - wann und wo er entstand, welche Erfahrungen in ihn eingegangen sind, welche Vorbilder ihn geprägt haben? Und schreiben Sie diese Gedanken bitte auch auf! Das Folgende überrascht Sie dann vielleicht nicht mehr so sehr.
     

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