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Wolken aus dem Meerschaumkopf



Ein anderer phantasiebegabter Erzähler lebte in Preußen; wegen seiner wild schweifenden Einfälle wurde der Baron von Münch-hausen auch »Lügenbaron« genannt. Ein Zeitgenosse schildert uns Folgendes:
»Nachdem sein kolossaler Meerschaumkopf mit kurzem Rohr in Gang gesetzt war und die Wolken aus seiner Pfeife immer dicker emporwirbelten, begann er in seinen Geschichten zu schwelgen.«
Während er Zug um Zug aus seiner Pfeife tat, in der sein Spezial-tabak knisterte, geschah vor den Augen aller Anwesenden mit dem sonst so einsamen und ganz standesgemäß langweiligen Junker eine merkwürdige Verwandlung:
»Das Gesicht wird lebhafter und röter und der sonst so wahrhafte Mann wußte dann bei seiner lebhaften Imagination alles so bildlich vorzumachen.«
Der Schweizer Volkskundler Sergius Golowin, dem ich diesen interessanten Fund verdanke, vermutet in seinem Buch »Magie der verbotenen Märchen«, dass der sonderbare Tabak des weit gereis-ten Flunkerers in Wahrheit Marihuana oder ein verwandtes Rauschkräutlein war. Und dass man Münchhausens Lügengeschichten kaum bezweifeln könne, weil er im Augenblick des Erzählens all diese wilden Taten wirklich erlebte - aber eben im Drogenrausch.
      In solchen außergewöhnlichen Zuständen wird unsere Phantasie leicht in Gang gesetzt - wie wir es in jeder Zecherrunde schon als Wirkung des weit harmloseren Alkohols studieren können ...
      So hat man also - ehe der Fernseher die Geselligkeit verdrängte - früher erzählt, im Freundeskreis oder in einer Runde staunender Reisegefährten, gleich ob mit oder ohne biochemische Hilfsmittel. Das einsame Erzählen am Schreibtisch, dessen gedruckte Produkte dann von - oft ebenso einsamen - Lesern irgendwo weit entfernt aufgenommen werden, ist erst eine relativ späte Erfindung in der Kulturgeschichte der Menschheit. Wer keine solchen durchlauchten oder geduldigen Zuhörer hat, der ist gezwungen, sich selbst etwas zu erzählen. In welcher Form ginge das leichter als im inneren Dialog, nach dem bereits erwähnten Muster des »Gesprächs eines Lebensmüden mit seinem >ßA

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