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Kreatives schreiben

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Und was war der Gewinn?



Solange man erzählt, befindet man sich in unmittelbarem Kontakt mit anderen Menschen, nämlich seinen Zuhörern. Das abendliche Palavern im Busch ist das beste Beispiel dafür - eine Situation, die seit undenklichen Zeiten zu den Grundbedingungen sozialen Lebens gehörte, lange ehe die ersten Bilder und Schriften geritzt wurden. Sobald ich schreibe, führt schon der Akt der Konzentration auf den Vorgang des begrifflichen Formulierens dazu, dass ich mich gewissermaßen in mich selbst zurückziehe; dass ich wohl den Kontakt zu mir selbst verstärke - dafür aber den Kontakt zu anderen Menschen zwangsläufig unterbrechen muss.

      Dieser bewusst herbeigeführte Rückzug aus dem Leben der Gemeinschaft dürfte für den Frühmenschen äußerst schmerzhaft gewesen sein, ein regelrechtes Opfer, zu dem sicher selten jemand bereit war. Wir kennen es schon gar nicht mehr anders, weil wirvon Kindesbeinen an in diese Richtung des Isoliertseins trainiert werden, auch und gerade durch das Schreiben, wie man es uns in der Schule beibringt.
      Wir wissen aber aus ethnologischen Studien, dass Angehörige einfacher Lebensgemeinschaften, beispielsweise Buschleute in der Kalahari, mit dem eigens dafür vorgesehenen Ritual eines Trance-Tanzes in die Gemeinschaft des Stammes zurückgeholt werden, wenn sie auf irgendeine Weise in psychische Isolation und Einsamkeit geraten, vielleicht im Verlauf einer mehrtägigen Jagd. Wegen dieser bedrohlichen Einsamkeit, die auch mit dem Schreiben verbunden ist, blieb - so meine ich - der Mensch noch viele Jahrtausende beim mündlichen Erzählen und vollzog nicht den - nun wirklich gewaltigen - Schritt zur schriftlichen Ã"ußerung. Die Höhlenmalerei und verwandte Vorformen des Schreibens hingegen blieben offenbar stets außergewöhnlichen Zwecken vorbehalten, so der magischen Beschwörung von Jagdglück und Fruchtbarkeit. Erst als später an den Ufern des Nil, des Euphrat und des Hoangho riesige Menschenansammlungen entstanden, in denen die seelische Isolation wahrscheinlich zwangsläufig als eine Art Selbstschutz aufkam, konnte auch eine regelrechte Schrift entstehen und ein eigener Beruf des Schreibers.
      Zunehmende Unabhängigkeit im Fühlen und Denken, bei immer mehr Menschen, ging mit dem einher. Dazu eine größere Kreativität, die zudem kompliziertere, nur noch »auf dem Papier« überschaubare Dimensionen annehmen konnte. Und, nicht zuletzt, die Entstehung des »Freien Willens« und damit auch eines selbstverantwortlichen Gewissens.
      Dem Schreiben als Denk-Werkzeug kam - und kommt heute mehr denn je - bei dieser kulturellen, sozialen und seelischen Emanzipation des Menschen von seiner ursprünglichen tiernahen, instinkt- und triebhaften Naturverbundenheit eine zentrale Rolle zu; verstärkte es doch die Fähigkeit des Einzelnen, sich seiner Besonderheit und der vielen verschiedenen Rollen, die er spielen kann, bewusst zu werden. Diese Gabe des Schreibens brachte den Menschen also etwas Ã"hnliches wie die »totale Freiheit«, ganz im Sinne des Sprichworts »Die Gedanken sind frei«.
      Deshalb kann das Schreiben mit Recht als »Geschenk der Göt-ter« betrachtet werden. Warum aber spreche ich im Titel dieses Kapitels vom »letzten« Geschenk der Götter?

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