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A hard rain 's a gonn-a fall



Innerer Monolog für acht meiner Inneren Gestalten am Freitag, dem 16. Mai 1986, gegen 20.00 Uhr.

     
Spötter:
»Auf den Stimmen-Salat bin ich schon gespannt. Aber Salat soll man jetzt ja gar keinen zu sich nehmen, habe ich gehört, und keine frische Milch - alles kontaminiert.«

Nihilist:
»Endlich ist es so weit. Mich wundert nur, dass es so lange gedauert hat.«
Wissenschaftler:
»Schauen wir uns das Ganze doch mal sachlich an. Was ist passiert?«
Vater:
»Ich will wissen, ob meine Kinder im Freien gefahrlos spielen dürfen, ob sie wirklich keine Milch trinken dürfen -«

Spötter:
»Schön, wenn man sich um andre Sorgen machen darf. Aber wieist es denn mit unserem eigenen Körper? Sind wir vielleicht auch in Gefahr?«
Historiker:
»Mich interessiert, ob die Werte, die derzeit als radioaktiver Fallout gemessen werden, höher sind als die Strahlenbelastung, die der Menschheit, der ganzen Welt, in den 50er-Jahren zugemutet wurde, als ein Atombomben-Testversuch dem anderen folgte. Damals wurden die Atommächte immerhin so vernünftig, dass sie das Test-Stopp-Abkommen unterschrieben - und bis heute auch eingehalten haben.«

Spötter:
»Schwätzt nur schön sachlich weiter. Und was ist mit der deutlichen Erregung, die heute Morgen bei uns festgestellt wurde, als Jenny zum Kinder-Grüppchen kam und darauf bestand, dass ihre Tochter Dana auf keinen Fall im Freien spielen darf?
Wir haben sie rasch für hysterisch und viel zu emotional erklärt. Aber in uns selber - habe ich mich getäuscht - oder war da nicht auch ein gewisses Bibbern, mit dem Tenor: Jetzt könnte es ernst werden - FÜR ALLE!?«

Psychologe:
»Ich meine, dass da unsere alten Weltuntergangsängste doch ganz schön aktiviert worden sind. Geschichten, die wir in den 50er-Jahren verschlungen haben, als Hiroshima noch allen in den Knochen steckte, Mutationen, meist schrecklicher Art -«

Arzt:
»Vielleicht reagiere ich auch schon hysterisch. Aber meine Selbstbeobachtung nimmt einen gewissen metallischen Geschmack in der Mundhöhle wahr und einen leichten, aber doch unangenehmen Druck im Hals -«

Psychologe:
»Das könnte eine psychosomatische Überreaktion auf eine allgemeine Angst-Situation sein -«

Spötter:
»Redet nur recht schlau daher. Der metallische Geschmack ist daund nicht wegzuleugnen.«
Wissenschaftler:
»Gesetzt den Fall, er ist wirklich vorhanden - dieser dubiose Geschmack - Was hat er zu bedeuten? Woher soll er kommen?«
Science-Fiction-Autor:
»Lasst mich mal phantasieren. Vielleicht gibt es Menschen, die besonders empfindliche Antennen für alles Ungewöhnliche haben? Eine Art lebende Seismographen? So wie Hunde angeblich Erdbeben vorausahnen -«
Wissenschaftler:
»Gerüchte, nicht eindeutig nachweisbar. Die Chinesen, die sich zur Erdbeben-Frühwarnung viele Gedanken gemacht haben, fanden nichts dergleichen.«
Vater:
»Was sage ich meinem viereinhalbjährigen Sohn, der wissen will, warum schwangere Frauen und Babys durch die frische Luft verletzt werden können? So hat er mich vorhin verabschiedet, mit ebendieser Frage. Wie gesagt: Er fragt nicht nach der Realität, sondern nach dem Warum. Und nicht nur er will eine Antwort, sondern ich auch.«
Wissenschaftler:
»Aber du hast doch vorhin eine recht gute, differenzierte und allgemein verständliche Antwort durch einen Physiker bekommen, der auch hier im Schreib-Seminar mitmacht: dass man keine große Sorge haben muss, derzeit jedenfalls.«
Vater:
»Derzeit! Als Vater muss und will ich mir aber auch Gedanken darüber machen, was morgen und übermorgen ist. Wir haben vorhin von unserer Schwester gehört, dass ihr Mann, immerhin einordentlicher Professor für Biochemie an der Uni, in seinem Labor im Institut so hohe radioaktive Werte gemessen hat, dass man dort unter normalen Verhältnissen gar nicht mehr arbeiten dürfte! Eine Tonne radioaktives Material steht in so einem Reaktor, haben wir gehört. Und ich frage mich außerdem: Welche weitere zusätzliche Schadstoffbelastung zu dem bisherigen Dreck verkraftet der menschliche Körper denn eigentlich noch?
Ich werde zornig, wenn ich an die Leichtfertigkeit der Politiker und Techniker denke, die verantwortlich sind für die Summe allen Drecks auf diesem Planeten!«

Spötter:
»Gut gebrüllt, Vater. Aber besser wird doch sein, wenn du ein paar Tage wartest, bis das Schlimmste vorbei ist, und nur Sprudel trinkst. Fasten wolltest du ja sowieso, wegen deinem voll gefressenen Ranzen, deinen vier bis fünf Kilo Übergewicht. Das ist die Chance, würde ich meinen: Fettschmelze als Antwort auf Kernschmelze.«

Psychologe:
»Haha - Mit deinem Spott willst du dich nur verstecken - und deine Angst verdrängen. Die Angst ist aber da. Und nur sie mobilisiert auf Dauer die heilenden Kräfte.«

Spötter:
»Nur, wenn es genügend Tote gibt - und die recht bald!«

Science-Fiction-Au to r:
»Zum Glück hast du nicht das letzte Wort -«

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