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Konturen der komparatistik

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Die Konzeption einer neuen Literaturwissenschaft



Aus den bisher aufgeführten Stationen einer vergleichenden Beschäftigung mit Literatur kann zumindest eine Konsequenz abgeleitet werden: Komparatistische Fragestellungen zu behandeln ist ein argumentativ schwerlich anfechtbares Verfahren im Umgang mit der Literatur - zumal diese fast immer, gleich ob erkannt oder unerkannt, in Fremdkontexten steht. Mit der Geschichte des Vergleichens von Literatur ist freilich die Geschichte der Vergleichenden Literaturwissenschaft noch nicht identisch. Soll eine akademische Disziplin entstehen, muß aus einer literaturkritischen Aktivität die institutionelle Einrichtung eines Faches im Rahmen von Forschungsstätten und Hochschulen werden. Dies aber erfordert im Hinblick auf die vormalige literaturkritische Praxis jene theoretisch und methodisch gesicherte Begründung, ohne die sich ein akademisches Fach nicht etablieren kann. Die Geschichte dieser Einrichtung der Komparatistik als Disziplin mit einem eigenen Gegenstandsbereich, eigenen Fragestellungen und, im weiteren, eigenen Lehrstühlen und Curricula soll nun in ihren wichtigsten Stationen nachgezeichnet werden.
      Die Geschichte der Komparatistik ist in einen größeren historischen Zusammenhang eingebettet. Als mit Beginn des 19. Jahrhunderts die Nationalstaatenentstehen und mit ihnen die jeweiligen Nationalphilologien, wird diese Tendenz bald konterkariert. Die Beschränkung auf die Erforschung der Nationalliteraturen, so wurde befürchtet, führe zu einer verengten Sicht auf die historischen Bedingungen des Schreibens. Literaturbeziehungen sind ihrer Natur nach sowohl national als auch international, und eben dieser letzte Gesichtspunkt hat in den Nationalphilologien keinen Raum. Während mit der Romantik die Erforschung der Nationalliteraturen einsetzt - während aber zugleich, wie schon angeführt, im Rahmen speziell der deutschen Romantik auch die ersten großen Synthesen kom-paratistischer Literaturbetrachtung entstehen -, kommt es bald zu einer zögerlichen gegenläufigen Tendenz. Ihr zufolge fordert die Beschäftigung mit den nationalen Entwicklungen der Literaturen als Gegengewicht eine internationale Literaturbetrachtung: eben jene, welche sich die ersten Komparatisten, zunächst noch ohne sichere akademische Heimat, zum Programm machen. Obwohl die Komparatistik die nationale Betrachtung der Literatur zu überwinden sucht, hat sie eben hier ihre konzeptionellen Wurzeln. Es wäre demnach ein geradezu paradoxes Ansinnen, den literarischen 'Nationalismus" aus der Vergleichenden Literaturwissenschaft austreiben zu wollen, denn sie verdankt ihm nicht weniger als ihre Existenz: 'Täche paradoxale, en effet, que d'exorciser peu ä peu le nationalisme litteraire, sans lequel l'idee [sc. der Komparatistik] n'aurait pas pris naissance." Die ,Geburtsstunde' des Faches ist nicht eindeutig zu bestimmen, liegt aber mit Sicherheit am Ende der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts. Jean-Jacques Ampere, Sohn des Physikers Andre-Marie Ampere , hielt 1830 am Athene zu Marseille eine Vorlesung mit dem Titel 'Vergleichende Geschichte der Literaturen". Wie in der Botanik oder in der Zoologie dürfe man, schreibt Ampere, auch in der Vergleichenden Literaturwissenschaft zwischen den Gegenständen, die man klassifiziert, keine arbiträren Unterscheidungen vornehmen, sondern müsse zu natürlichen Reihen und Familien gelangen: 'II faut etablir ici, comme en botanique et en Zoologie, dans les objets que l'on classe, non des divisions arbitraires, mais des series et des fa-milles naturelles." Damit ist die Methode einer neuen Wissenschaft gefunden, die Ampere 'l'histoire comparative des arts et des litteratures chez tous les peuples" nennt. Von vornherein als vergleichende Geschichte der Künste und der Literaturen konzipiert, kommt diese Disziplin, ganz gegen die sich später etablierende französische' Tradition, dem Fachverständnis der amerikanischen


Komparatisten in heutiger Zeit schon sehr nahe: die 'vergleichende Geschichte der Künste und Literaturen bei allen Völkern" ist konzeptionell der Initialakkord des Faches und, schon 1830, das bemerkenswerte Progamm einer interdisziplinären Komparatistik, von der wir heute meinen, sie erst vor kurzer Zeit entworfen zu haben. Freilich bildet die Biologie mit ihren Klassifizierungen der Arten das entscheidende tertium comparationis für die neue Wissenschaft, und dieses Verfahren eines Vergleichs zwischen den Literaturen nach dem Muster der Naturwissenschaften wird man als zeitgebunden werten müssen. Für Ampere bildet eine solche methodische Orientierung die Bedingung dafür, daß die 'Philosophie" der Literatur und der Künste hervortreten kann.1

   Zwei Jahre später wird Ampere an die Sorbonne nach Paris berufen, wo er eine Antrittsvorlesung hält mit dem Titel: 'De la litterature francaise dans ses rapports avec les litteratures etrangeres au Moyen Age." Darin führt er entschlossen und nicht ohne Emphase aus:
Nous la ferons, messieurs, cette etude comparative, sans laquelle l'histoire litteraire n'est pas complete; et si, dans la suite des rapprochements oü eile nous engagera, nous trouvons qu'une litterature etrangere remporte sur nous en quelque point, nous reconnaitrons, nous proclamerons equitablement cet avan-tage; nous sommes trop riches en gloire pour etre tentes de celle de personne, nous somme trop fiers pour ne pas etre justes.1

   'Wir werden sie durchführen [...], diese vergleichende Studie" klingt wie ein Schlachtruf. Trotzdem beginnt nach allgemeiner Einschätzung hiermit nicht die Komparatistik, und Ampere gilt auch nicht als ihr Vater . Die Komparatistik war bereits begründet, als Ampere jene kämpferischen Worte sprach, denn schon 1828, also zwei Jahre früher als Ampere, hatte Abel Francois Villemain an der Sorbonne in Paris eine Vorlesung gehalten unter dem etwas schwerfälligen Titel: 'Untersuchung des Einflusses, den die französischen Schriftsteller im 18. Jahrhundert auf die ausländischen Literaturen ausübten, und der europäische Geist" . Dieses Ereignis gilt den meisten als die Geburtsstunde der Komparatistik. Und obschon Wissenschaftler nicht zur Emphase neigen , kann sich Simon Jeune des jubilierenden Ausrufs nicht enthalten: 'La litterature comparee estnee." Doch zunächst ist der neue Erdenbürger noch recht schwächlich, und es wird vieler Anstrengungen bedürfen, ihm einen Platz an der Seite der Literaturwissenschaften und vor allem: innerhalb der Universitäten zu sichern.
      Zunächst braucht das Fach einen Namen. Auch wenn heute die Namensgebung, wie oben schon ausgeführt, etwas altertümlich anmutet, waren die Verhältnisse seinerzeit anders: Die Bezeichnung 'litterature comparee" liegt gleichsam in der Luft wie ein Modename, denn schon 1810 veröffentlicht Jean-Francois Sobry eine Schrift mit dem Titel: Poetique des arts, ou Cours de peinture et de litterature comparee - die wohl früheste Verwendung von 'litterature comparee". 1816 geben Francois Noel und Guislain de La Place eine in der Folgezeit weit verbreitete Anthologie mit dem Titel Cours de litterature comparee -Legons frangaises de litterature et de morale heraus. In den anderen Wissenschaften zeigt sich zu dieser Zeit ebenfalls die Tendenz zu vergleichenden Studien151: Die Anatomie comparee von Georges Cuvier erscheint 1800 bis 1805, 1816 wird das Werk des Mainzer Sprachwissenschaftlers Franz Bopp Über das Konjugationssystem der Sanskritsprache im Vergleich mit jenem der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache publiziert, und ab 1821 veröffentlicht Francois Renouard seine Grammaire comparee des langues de l'Europe latine dans leurs rapports avec la langue des troubadours. In Parenthese gesagt: Die These, das Provenzalische sei die Mutter aller Sprachen, hält einer sprachgeschichtlichen Prüfung nicht stand; wichtig aber ist Renouards Idee, man könne mit Hilfe der vergleichenden Methode die Sprachgeschichte auf eine sichere Basis stellen. 1817 erscheint der schon in anderem Zusammenhang ge-


   nannte Cours analytique de litterature generale von Nepomucene Lemercier , der zum erstenmal die Bezeichnung 'Allgemeine Literaturwissenschaft" verwendet, und vom selben Jahr 1817 an bringt Carl Ritter sein monumentales Werk Die Erdkunde, im Verhältnis zur Natur und zur Geschichte des Menschen, oder allgemeine vergleichende Geographie auf den Markt.
      Zu den Gründungsvätern der Komparatistik - um auf diese Weise die Frage nach der einen Vaterschaft zu umgehen - gehört auch Philarete Chasles. Es scheint, als ginge die Programmatik des Faches häufig oder sogar in der Regel mit der Institution der Antrittsvorlesung einher, denn auch Chasles stellt seine Überlegungen zum Vergleich der Literaturen in seinem ,discours inaugural' am

Athene zu Paris an: 'La litterature etrangere comparee." Nachdem er erklärt hatte, nichts lebe isoliert, denn Isolation sei der Tod, fährt er fort: 'Tout le monde emprunte ä tout le monde: ce grand travail de sympathies est universel et cons-tant." Wenn Chasles in der Folge eine vergleichende Geschichte der Literatur, der Philosophie und der Politik vorschlägt, kommt er dem heutigen Verständnis des Faches weitaus näher als die spätere französische Schule'; Ähnliches galt, wie schon dargestellt, auch für Ampere und seine Konzeption von einem Vergleich der Literaturen und Künste.
      Um 1840 hat sich die Vergleichende Literaturwissenschaft, der bislang freilich noch die akademischen Ehren fehlen, der Sache nach etabliert, und ihr Ort ist hauptsächlich Paris. In der Revue des deux mondes vom 15. November 1847 stellt Charles Louandre fest: 'L'etude comparee des litteratures a mis en circula-tion une foule d'idees nouvelles." Wenn für die Zeit um 1840 die Existenz einer vergleichenden Literaturwissenschaft als gesichert gelten kann, haben Publikationen komparatistischer Art daran wohl den größten Anteil: So erscheinen zum Beispiel Adolphe de Puibusques Histoire comparee des litteratures espa-gnole etfrangaise , Edme Jacques Benoit Ratherys L'influence de l'Italie sur les lettres frangaises, depuis le Xllle siede jusqu 'au regne de Louis XIV sowie die Untersuchung von William Reymond: Corneille, Shakespeare et Goethe . In diesen historischen Zusammenhang gehört auch Moriz Carrieres auf eine Münchner Vortragsreihe zurückgehende Untersuchung Das Wesen und die Formen der Poesie , mit der Deutschland Anschluß an die französische Entwicklung gewinnt. Auch in England erscheint ein Werk, das in diesem europäischen Kontext einen Platz beanspruchen kann: Introduction to the Lite-rature ofEurope in the Fifteenth, Sixteenth and Seventeenth Centuries von Henry Hallam . Die Nennung beispielhafter Werke ließe sich noch fortsetzen, doch ist schon jetzt klar, daß sich eine neue Disziplin zumindest in ihren Umrissen abzeichnet. Was ihr freilich noch fehlt, ist ein fester institutioneller Ort an den Hochschulen. Diese Insitutionalisierung jedoch stieß, wie die folgende Darstellung zeigen wird, auf erhebliche Schwierigkeiten.
     

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