Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Kontextualisierung von literatur

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Was heißt Kontext?



Es ist leicht, zu behaupten, jedes Werk der Literatur sei in einen Kontext eingebettet. Es muss aber geklärt werden, woraus dieser Kontext besteht und wie die «Einbettung» wissenschaftlich nachgewiesen werdenkönnte. Die Schwierigkeit besteht darin, dass es praktisch nichts gibt, was man für die geschichtliche Situierung eines literarischen Werks ausschließen kann: Formen der Intimität und Ã-ffentlichkeit der Familie, Erziehungsliteratur, Strukturen und Rituale der politischen Macht, konfessionelle Institutionen, Technologien des Schreibens und Speicherns von Texten, Arten der mündlichen und schriftlichen Kommunikation, das Verlagswesen, Institutionen der Literaturkritik, Normen der Gattungen und die daran geknüpften Erwartungen, Diskurse der Medizin, Theologie, Philosophie und des Rechts, Lehren der Physiognomik, Netz der Leihbibliotheken, Preise der Bücher, literarische Sozialisation vom Kind zum Erwachsenen, Gedenk-Rituale, Sterblichkeitsziffern, Verkehrssysteme ..., es ergibt sich eine endlose Reihe, in der auch das Klima der Landschaft, in der das Buch entsteht, erscheint oder gelesen wird, nicht ausgeschlossen werden dürfte. Man kann die Summe aller dieser Faktoren die historische «Wirklichkeit» nennen, in der Gewissheit, dass man diese außerliterarische Wirklichkeit nie wird erfassen können. Irgendwie gehört alles zum Kontext, sodass wir ein strenges Unterscheidungskriterium brauchen, um überhaupt sinnvoll von dem Kontext zu sprechen, in den das literarische Werk eingeordnet werden soll.
      Es gibt einen radikalen Vorschlag, der in dieser Situation Klarheit schaffen könnte: Literaturwissenschaftlich sind nur die Elemente der historischen Situation relevant, die als Textspuren in der Literatur nachweisbar sind. Moritz Baßler hat sich neuerdings für diese Lösung eines fröhlichen Positivismus stark gemacht. Es geht nicht darum, dass wir die Literatur vor einem Hintergrund lesen, den wir Büchern der Medizin- und Rechtsgeschichte, einem Traktat über die Klassenkämpfe oder einer kulturgeschichtlichen Abhandlung über Rituale der Mode entnehmen. Es geht vielmehr darum, dass wir nachweisen, dass und in welcher Weise Fäden des Medizin- und Rechtsdiskurses, der theologischen Traktate und literarischen Vorbilder in der Literatur verwoben sind. Baßler beruft sich auf den Begründer des New Historicism Stephen Greenblatt, der einmal schrieb:
«Große Autoren sind Spezialisten des kulturellen Austauschs. Die von ihnen geschaffenen Werke sind Strukturen der Akkumulation, Transformation, Repräsentation und Kommunikation gesellschaftlicher Energien und Praktiken.»
Der primäre Gegenstand der Literaturwissenschaft und Schauplatz der Austauschprozesse, die es im Zeichen des «Kontextes» zu beobachten gilt, ist der literarische Text. Die «Energien» und «Praktiken», von denen Greenblatt spricht, sind nur aufgrund genauer Lektüre des literarischen Textes zu ermitteln. Die Methoden des dose reading, des akribischen Lesens, bilden den Ausgangspunkt auch jeder kulturhistorischen Einordnung der Literatur. Denn wir haben «keinen direkten Zugang zur authentischen Geschichte, zu einer gelebten materialen Existenz, die nicht über die überlebenden textuellen Spuren der betreffenden Gesellschaft vermittelt wäre», und diese Textspuren sind wiederum einer weiteren Vermittlung unterworfen, wenn man sie als «Dokumente liest, auf die Historiker ihre eigenen, Geschichte genannten Texte gründen», so Louis Adrian Montrose .
      Der Kontext besteht aus allen schriftlichen Dokumenten, die im Archiv der Kultur gespeichert sind, nicht nur aus der Serie hochkultureller Dokumente und den Haupt- und Staatsaktionen der Politik. Der Begriff des Archivs ist in diesem Konzept nicht weiter rätselhaft. Er meint die riesige Sammlung von Dokumenten aus allen Bereichen des Lebens, der Wissenschaften und der schönen Literatur, die in Bibliotheken schon gesichtet und geordnet oder, noch ungeordnet und versteckt, entdeckt werden müssen.
      «Als Archiv bezeichnen wir die Summe aller Texte einer Kultur, die einer Untersuchung zur Verfügung stehen» .
      Lücken des Archivs sollten nicht durch Spekulationen gefüllt werden. Sie können als Aufforderung begriffen werden, neue Dokumente aus der historischen Enzyklopädie von anderswo herbeizuschaffen. Denn wir können davon ausgehen, dass das berühmte «Nicht-Gesagte» der Literatur, mit dem uns die Interpretationen der Fachleute von Mal zu Mal verblüffen, vielleicht anderswo gesagt worden oder, falls es sich nicht nachweisen lässt, eben eine ungesicherte Spekulation ist. Es geht nicht darum, Spekulationen über den Kontext der Mentalitäten und ökonomischen Zustände anzustellen. Handlungen, die keine Textspuren hinterlassen haben, gehören nicht zu den Objekten, über die Literaturwissenschaftler methodisch gesicherte Urteile fällen können . An-gesichts des ungeheuren Ausmaßes der Archive ist das keine Geste der Bescheidenheit.
      Dieses Konzept folgt einer berühmten Parole von Roland Barthes: «Der Raum des Geschriebenen muss durchwandert, er kann nicht durchstoßen werden» . Die Folgen dieses Konzepts für die Praxis der Literaturwissenschaft werden wir in Bezug auf Intertextualität und Historische Diskursanalyse genauer ausführen.
     

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