Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Kontextualisierung von literatur

Index
» Kontextualisierung von literatur
» Stoffgebiete der historischen Diskursanalyse

Stoffgebiete der historischen Diskursanalyse



Die Studie Giftmordwissen und Giftmörderinnen untersucht, wie sich seit dem 18. Jahrhundert ein besonderes kriminologisches Wissen in Gesellschaft, Wissenschaft und Medien herausbildete, das zwei Prototypen der Giftmörderin konstituierte, auf die später immer wieder zurückgegriffen wird: die große, diabolische, aristokratische «Leiden-schaftsverbrecherin» und die gemeine, kalte «tückische Heuchlerin». Weder Psychiatrie noch Rechtswissenschaft, so erfährt man in diesem Buch, lösten sich von diesem stereotypen Bild. Im Widerspruch zu allen Erkenntnissen, die durch einen Blick in die Statistik ermöglicht worden wären, ging man bis ins 20. Jahrhundert davon aus, dass sich vor allem «das Weib» des Giftes als Mordmittel bediene. Die Studie zeigt, wie die-se Weiblichkeitsbilder von Prozessberichten, psychiatrischen Gutachten, literarischen Darstellungen und Filmen bis zu Urteilsbegründungen sich in beständigem Austausch miteinander formierten und wechselseitig bestätigten.
      Das grelle Material aus Prozessen und Sensationspresse erhellt allerdings die Normalität. Der Fall der «Giftmörderinnen» zeigt auf, dass die Biologie die soziale Grenze zwischen den Geschlechtern nicht erklären kann. Deren Gegensatz wird durch Praktiken des Redens und des Wissens erweitert. Die Gender-Studien, die gegenwärtig an einigen Universitäten angeboten werden, untersuchen dementsprechend die Geschlechterdifferenz als soziale und kulturelle Konstruktion.
      Auffällig viele historische Diskursanalysen erforschen die kulturelle Prägung von Krankheitsbildern. Die Arbeiten zum Problem des «Traumas» zeigen, welche verheerenden Folgen die Definition einer Krankheit haben kann : Mitte des 19. Jahrhunderts beobachtet man Schocksymptome nach Verkehrsunfällen, denen keine organisch nachweisbaren Verletzungen zugrunde liegen. Da ein medizinischer Fachterminus für diese Symptome noch nicht vorliegt, muss das Phänomen, das sich zwischen 1860 und 1920 epidemisch ausbreitet, als medizinischer Tatbestand, den auch die Versicherungen als Krankheit anerkennen, erst festgestellt werden. Für Wissenschaft und Behörde ist ein Phänomen aber erst dann ein unzweifelhaftes «Faktum», wenn in ihren Institutionen eine Ãobereinstimmung darüber hergestellt worden ist. Dieser Konsens wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts besonders dringlich. Denn die Epidemie, die mit relativ harmlosen Eisenbahnunfällen begann, erhält ihre martialische Form in den Opfern des «shell-shocks». Im Laufe des Ersten Weltkriegs werden 200000 «Kriegszitterer» gezählt, die keine organische Verletzung vorweisen, auf die ihre mangelnde Kriegstüchtigkeit zurückgeführt werden kann.
      Man wird diese Verletzung bald mit dem Namen «Kriegsneurose» versehen. Eine geduldige Therapie durften die Traumatisierten in den seltensten Fällen erwarten. Die wurde auch im Krieg nicht geboten. Unschlüssig, wie mit den «hysterischen Zitterern» umzugehen sei, wurden die unter dem Schock der Detonation der Granaten stehenden Soldaten von Militärpsychiatern vor die Wahl gestellt, sich in Elektroschock-Therapien ihre Nerven «stählen» zulassen oder als Simulanten und Deserteure vor das Kriegsgericht gestellt zu werden. Die Experten hegten zwar den Verdacht, dass diese «Simulanten» in die Krankheit fliehen, dadurch die Wehrkraft zersetzen und sich unter Vortäuschung einer Neurose in den Genuss der staatlichen Rente bringen wollten. Doch konnten sie die sinnfälligen Krankheitssymptome, die die Soldaten untauglich für den Fronteinsatz machten, nicht gänzlich leugnen.
      Die Diskursanalyse kann diese Fälle nicht z. B. medizinisch oder psychoanalytisch klären. Ihr Interesse richtet sich darauf, wie und warum im Zusammenspiel der Aussagen von Militärpsychiatern, Justizexperten, Arbeitsministerien und Versicherungsmathematikern die traumatische Neurose als eine «tatsächliche» Krankheit oder als Simulation definiert wird oder inwieweit die Simulation als Flucht in die Krankheit eingeschätzt wird, die nur durch Entfernung von der Front geheilt werden kann. Man möchte verstehen, unter welchen Bedingungen «Trauma» von einem medizinischen zu einem kulturellen Begriff werden konnte und wie die Kriegsliteratur der 1920er Jahre in dieses Feld verwoben ist. Ist das «Trauma», wie es im Diskurs der verschiedenen Institutionen auf-gefasst wird, eine soziale Konstruktion, hinter der das körperliche Leiden der Opfer verschwindet?
Die genannten Fälle des Giftmords und des Kriegstraumas sind aus dem breiten Spektrum der historischen Diskursanalysen herausgegriffen. Dennoch scheint die Auswahl dieser Fälle aus den Gebieten der Psychiatrie und Kriminologie kein Zufall zu sein. Die historische Diskursanalyse fördert Obskures aus entlegenen Archiven, Abfälle, die zufällig in Kellern von Kliniken nicht entfernt worden waren, Traktate von Sekten, an die keine Geschichtsschreibung erinnert, triviale Literatur, die nie eine Chance hatte, in Literaturgeschichte gespeichert zu werden, mehr oder weniger systematisch zutage. Damit hält sie eine wissenschaftliche Form dafür bereit, dass plötzlich auch exklusive Literatur, die man an diesen Orten nicht erwartet hätte , anders wahrgenommen werden kann.
      Die im zweiten Forschungsschwerpunkt der historischen Diskursanalyse untersuchten Praktiken spielen eher im Grau der Bürokratien, in den Kommandostäben des Militärs und der Bibliotheksverwaltung. Untersucht werden Orte der Gesellschaft, die zwar eine zentrale Funktionbei der Festlegung der Normalität haben, aber nicht im Scheinwerferlicht der Ã-ffentlichkeit stehen: etwa die Bedingungen und die Effekte der Statistik als einer Strategie der Normierung und Normalisierung seit dem 18. Jahrhundert, die Alphabetisierung und Verbeamtung als Bedingung klassischer Literatur, das System der Karteikarten als Ordnungstechnik im 19. Jahrhundert, die Rolle der Telegraphie für Militärstrategen. Alle Techniken und Institutionen, die die Speicherung und Verarbeitung von Daten erlauben - und dazu gehören die Karteikarten ebenso wie Phonographen, Enzyklopädien, Fotografien, Gedichte und elektronische Rechner -, werden in die Untersuchungen der Entstehung von «Normalität» einbezogen.
      In beiden Schwerpunktgebieten - der Erforschung der bizarren Grenzfälle sowie der Normalität - prüft die historische Diskursanalyse, mit welchen Praktiken der Wissenschafts- und Alltagsrede in der Moderne die Vorstellung eines Zustands konstruiert wird. Sie will die Regeln herausfinden, die für die Ordnung in den Rede- und Schreibweisen verschiedener Wissenschaften , des Staates, der Kirche und des literarischen Systems sorgen.
     

 Tags:
Stoffgebiete  der  historischen  Diskursanalyse    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com