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Kontextualisierung von literatur

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Aus Anlaß von: Edward W. Said: Orientalismus



Der Begriff der Fremde hat im 20. Jahrhundert Inflation. Nicht nur, daß die Fremde draußen in der Welt dank verbesserter Verkehrsbedingungen massenhaft er-reist werden kann. Auch die Entdeckung von Fremde innerhalb des Kontexts des vertrauten Lebens, ja innerhalb des eigenen Ichs, ist deutlicher erfahren und von Wissenschaften und Künsten dargestellt worden. So ist von der Soziologie und Gesellschaftstheorie die Differenz, die zwischen den Erfahrungen der Mitglieder verschiedener Gesellschaftsschichten besteht, markiert worden; von der Tiefenpsychologie ist die -relative - Fremde des Es innerhalb des Ich-Ganzen, die Fremde zwischen den Geschlechtern als archetypischen Größen analysiert worden. Dazu haben die Künste sicherlich nicht nur Anschauung geliefert, sondern sind gelegentlich in der Hellsichtigkeit der Wahrnehmung, der Prägnanz der Darstellung vorausgegangen. Man denke, was die Spezifik der standesbedingten Erfahrungsbildung und Verhaltensprägung angeht, etwa an die Romane von Joseph Roth; man denke, was die Darstellung der Fremde der Geschlechter zueinander angeht, an die Werke Schnitzlers, vor allem den Reigen, an Wedekinds Darstellung des Ur-weibs Lulu; man denke, was die Fremde im eigenen Inneren, im eigenen Unbewußten, in der eigenen Traumwelt angeht, an die Erzählungen und Romane Kafkas! Das Fremde im eigenen Ich als Tier-Erfahrung! Explizit wird ein solches Selbst-Erleben etwa in den Terzinen über Vergänglichkeit von Hugo von Hofmannsthal, wo es in der dritten Strophe heißt: "Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt,/Herüberglitt aus einem kleinen Kind/Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd." Zweifellos geht es bei diesen Differenz- und Distanzerfahrungen, bei dieser Formulierung von Abbruchen und Lücken fast immer auch um eine implizite Sehnsucht nach Einheit. Uneigenes wird ins Bewußtsein gehoben, um zu Eigenem zu werden. Sich Entziehendes soll besänftigt und festgehalten werden. Differenzen sollen abgemildert und Feindliches, etwa im Geschlechterhaß, versöhnt, ja harmonisiert werden. Hier, in den so ange-deuteten Bereichen der Fremde inmitten des nur scheinbar vertrauten Eigenen, ist Fremde durchaus als Anlaß zur Verhaltensänderung, als Aufforderung zum Lernen, Kennenlernen, Behandeln-Lernen, Bearbeiten-Ler-nen, begriffen worden.
      Umso erstaunlicher ist es, daß in den Bereichen der Kulturwissenschaft, die sich mit der Fremde draußen, mit der historisch-gleichzeitigen, also mit der Kulturraum-Fremde befassen, Fremde in ihrer Tiefendimension nicht erfaßt worden ist. Das gilt, auch und ganz besonders, für die allermeisten Arbeiten der hierfür zuständigen Spezialdisziplin, der sogenannten Ethnologie, für den Blick Europas auf Außereuropa insgesamt. Dabei ist die europageprägte Optik, um die es hier geht, auch auf die Kulturen Nordamerikas übergegangen.
      So konsequent und sorgfältig die europäischen historisch-hermeneuti-schen Wissenschaften mit der eigenen europäischen Vergangenheit, also der kulturzeitlichen Fremde umgegangen sind, so erbärmlich sind sie mit der gleichzeitigen Kulturraum-Fremde umgegangen. Sie konnten wenig damit anfangen, fast nichts daraus für sich machen. Projektion, die Überstülpung eigener Beobachtungsraster und Wertsysteme sind kennzeichnend für den Umgang mit außereuropäischer Fremde. Dieser Sachverhalt wird durch das hier zu besprechende Werk am Beispiel der Projektionsbildung aus Anlaß der Erfahrung des ,Orients' exemplarisch dargestellt. Denn nicht von diesem ,Orient' handelt das Buch von Edward W. Said, einem Ägypter, sondern von den Annahmen und den wissenschaftlichen Verarbeitungen der Annahmen Europas über den Orient. Es handelt also: von nichts anderem als Europa. Dieses wird freilich einmal von außen gesehen, in der Tendenz der Selbstentfremdung, die immer dann wirksam wird, wenn real erfahrene Andersheit, zutiefst unbegreifliche Fremde nicht - und sei es nur für eine Weile - stehengelassen wird, sondern in einem voreiligen, rationalisierenden Deuten unterlaufen wird.
      Das Buch von Edward W. Said besteht aus drei Kapiteln. Im ersten wird der Bereich des ,Orientalismus' abgesteckt; dabei werden die Interessen freigelegt, die der ,Durchschauung' des Orients zugrundeliegen. Mission und Kolonialismus mußten legitimiert werden. Als ein Beispiel zieht Said die Rede des englischen Unterhaus-Abgeordneten, des vormaligen Privatsekretärs von Lord Sealsbury, aus dem Jahre 1910 heran. Darin wird die Herrschaft Großbritanniens über Ägypten mit folgenden Sätzen gerechtfertigt: "Ist es eine gute Sache für diese großen Nationen - ich gebe ihre Größe zu -, daß diese absolute Regierung durch uns ausgeübt wird? Ich denke, das ist eine gute Sache. Ich denke, daß die Erfahrung zeigt, daß sie dabei eine viel bessere Regierung bekommen haben als jede, die siejemals im Verlauf der Weltgeschichte hatten, und dies ist nicht nur ein Vorteil für sie, zweifellos auch einer für den ganzen zivilisierten Westen ." Was den nicht-europäischen Kulturen bzw. Kulturräumen angelastet wird: die Unfähigkeit, sich selbst zu regieren und zu verwalten, die Neigung zu Despotismus, Inhumanität der einzelnen Individuen, der Stände und/oder Kasten gegeneinander, die Neigung zu Chaos und Partikularismus - Annahmen, wie wir sie auch aus Hegels Philosophie der Weltgeschichte kennen. Um den, Orient, so Said, in dieser Weise sehen und bewerten zu können, sahen sich die Europäer gezwungen, ihn "zu orientali-sieren". Kapitel 2 und 3 dienen der Entfaltung der eigentlichen gedanklichen Grundlagen, Entwicklungen und sich allmählich verfestigenden Strukturen des europäischen Orientalismus. Dabei beschäftigt das dritte Kapitel sich, aus einer diachronischen in eine synchronische Darstellungsweise übergehend, mit dem Orientalismus heute.
      Interessant für unseren Zusammenhang hier sind insbesondere die kulturellen Techniken des Abendlandes, mit deren Hilfe, sei es in der Fiktiona-lisierung, sei es in der wissenschaftlichen Systematisierung die Phänomene des realen Orients, als eines außerhalb von Europa liegenden Erkenntnisgegenstandes, in europäische Verstehbarkeiten, d.h. also in europäische Modalitäten der Versprachlichung, der Vorstellungsbildung, fiktionaler Konsistenzbildung und wissenschaftlicher Struktur überführt wurden. Die Masse dieser Aneignungsbeispiele gewinnt Said vor allem aus der französischen und englischen Kulturtradition. Deutsche Literatur-und Kulturwissenschaft ist vergleichsweise sparsamer verarbeitet worden. So ist etwa auf eine Auseinandersetzung mit Hegel gänzlich verzichtet worden. Reizvoll ist ein Blick auf Saids Auseinandersetzung mit Herder und Goethe, den beiden Gestalten der deutschen Literatur- bzw. Kulturgeschichte, die sich die Auseinandersetzung mit Fremde, die Anstrengung der Bewältigung von kultureller Fremde besonders angelegen sein lassen. So wird die Funktion und Problematik des Herderschen Begriffs der Einfühlung in andere Kulturen deutlich; ein "populistisches und pluralistisches Verständnis von Geschichte", wie es charakteristisch ist für Herders Theorie kultureUen Fremdverständnisses, machte einerseits jede einzelne Kultur, als organisch und innerlich kohärent begriffen, "durch einen Akt historischer Sympathie" verfügbar; andererseits ließ dies Verständnis von der organischen Besonderheit und zugleich Verschiedenheit der Kulturen einen Zusammenhang von Weltgeschichte ahnbar werden, innerhalb dessen sich die kulturellen Großräume als in ihrer Gleichzeitigkeit ungleichzeitige zusammenfügen. Was Goethe angeht, so hat er mit seinem West-Östlichen Divan das Faktenwissen über den Orient sicherlich vergrößert, eine
Art achtungsvoller Betrachtung des persischen Ostens nahegelegt; andererseits hat er aber auch, wie Said überzeugend am Beispiel des Gedichtes Hegire zeigen kann, den Orient im Sinne seines Welt- und Menschenbildes funktionalisiert. So ist fiir ihn der Orient stets der Ort, zu dem man zurückkehrt, ein Ursprungsort, ein Ort "ursprünglicher Gelegenheit", wo man eine Befreiung vom aktuellen Hier und Jetzt europäischer machtpolitischer Kämpfe finden konnte. Zugleich wird der Orient aber auch ein Zielort, wo eine "Vollendung und Bestätigung all dessen, was man sich erträumt hatte" möglich wird. Damit deutet sich an, daß der Orient für Goethe, der sich diese Welt über Hafis, einen Vorgänger-Dichter, erschließt, zugleich der Raum ist, bei dessen Aneignung sich sein kreatives Vermögen, seine Genialität, seine ständige Lern-und Wandlungsbereitschaft bewährt. Besonders aufschlußreich ist schließlich die Auseinandersetzung mit dem Orient-Bild von Karl Marx . Die aus einer Mischung von romantisch-orientalischer Vision und dialektisch-materialistischer Gesellschaftstheorie sich ergebene Ambivalenz bei Marx wird an folgendem Zitat aus Die künftigen Ergebnisse der britischen Herrschaft in Indien, in M.E.G.W. Bd. 9, S. 221, besonders deutlich: "England hat in Indien eine doppelte Mission zu erfüllen: eine zerstörende und eine erneuernde - die Zerstörung der alten asiatischen Gesellschaftsordnung und die Schaffung der materiellen Grundlagen einer westlichen Gesellschaftsordung in Asien."
Vor allem ein Faktum scheint mir das außerordentlich materialreiche und in der Gedankenführung und Schlußfolgerung ungewöhnlich anregende Werk von Said deutlich zu machen: Offenbar fehlt uns Europäern ein Verständnis davon, in welcher Weise gleichzeitige, konkrete Menschlichkeit in den Anspruchsbereich unseres Verstehen- und Erkennenwollens eintritt. Offenbar können wir unsere Erkenntniskategorien auch menschlichen Phänomenen gegenüber nicht anders einsetzen als wir es gegenüber Dingen tun. Sieht man einmal ab von der religiös fundierten .dialogischen' Konzeption der Anthropologie eines Martin Buber und den Ansätzen des "phänomenologischen" Philosophierens bei Husserl und in dessen Nachfolge, bei Theunissen, den Anderen in seiner Andersheit und zugleich Ver-stehbarkeit über die Analogie des Leib-apriori an unsere Erfahrungsbildung und an unser Erkenntnisvermögen anzuschließen, so liegt hier eine Lücke einer - auch - Kulturalität reflektierenden Anthropologie vor, die sich gerade in dem Verhältnis Europas zu den außereuropäischen Kulturenveranschaulicht. In Aufnahme der Anregungen von Edward W. Said, das die Aporien unserer Versuche, Fremde zu "bewältigen", überdeutlich macht, ließe sich eine kommunikativ-dialogisch angelegte Verständigungstheorie postulieren, die nicht auf ein Durchschauen der Position des je Anderen angelegt ist, sondern auf eine prozeßhafte Erfahrung von Andersheit, die sich aus einem Interaktions-Interesse begründet und auf Lernen, d.h. auf Verhaltensänderung hin angelegt ist.
     

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