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Seelandschaft mit Pocahontas



Wenn ein Schriftsteller über die Liebesleidenschaft eines «weißen Mannes» zu einer «roten Frau» zu schreiben beginnt, sitzt er nicht vor einem leeren Blatt Papier. Seine Schreibunterlage ist gleichsam voll gekritzelt, bevor er den ersten Buchstaben aufs Papier bringt. Er begibt sich in ein Dickicht von Mythen, Legenden, Reportagen, Filmen und Songs. Seine

Schreibpraxis durchkreuzt dieses Geflecht, verheddert sich darin oder schlägt Schneisen.
      Als der amerikanische Popsänger Neil Young auf seiner Schallplatte RustNever Sleeps von 1979 den Song Pocahontas sang, wusste er, welchen Mythos der Zähmung der roten Frau er durchquert, welchen verschwiegenen Wunsch aller Kolonialherren und Helden der Indianerfilme er enthüllt:
I wish I was a trapper

I would give a thousand pelts
To sleep with Pocahontas

And find out how she feit
In the monin', on the fields of green

In the homeland we have never seen.
      And maybe Marlon Brando

Will be there by the fire
Sittin' and talk about Hollywood

And the good thing there to hire
By the Astrodome and the first teepee

Marlon Brando, Pocahontas an me.
      Pocahontas!
In dem Song trifft die sagenumwobene Indianerin Pocahontas, die in den Gründungsmythen Amerikas eine zentrale Rolle spielt, den Filmstar Marlon Brando, um am künstlichen Lagerfeuer über die «guten Dinge» Hollywoods zu sprechen. Als Neil Young das Lied sang, musste man kein Insider sein, um den Witz dieser kleinen Szene zu begreifen: Marlon Brando hatte für einen Eklat gesorgt, als er den Oscar für seine Rolle in The Godfather nicht annahm. Statt selbst zu erscheinen, schickte er eine Indianerin, die ein Statement verlas, in dem er gegen die Darstellung und Behandlung der amerikanischen Ureinwohner protestierte.
      Welcher Wandlung der Kolonialmythos «Pocahontas» unterworfen wurde, als er 1953 in den Kurzroman des jungen Schriftstellers Arno Schmidt geriet, demonstriert das Buch von Theweleit.
      Dass Schmidts Kurzroman noch einmal zu solchem Glanz verholfen würde, hatten wenige erwartet. Das hat vielleicht mit seiner wechsel-harten Wirkungsgeschichte zu tun. Beim Wiederabdruck der Seelandschaft mit Pocahontas im Jahre 1985 betont der Verlag im Klappentext das «amüsante Element» des Romans. Er wirbt mit folgender Story: Der Roman erzähle von der Täppischkeit zweier Kriegskumpane, die sich im Sommerurlaub in Niedersachsen landserhart ihre Mädchen kapern,
«mögen diese sich zieren wie Selma oder augenzwinkernd erobern lassen, wie Annemarie. Dazu das so unheimlich genau eingefangene Milieu des Dorfgasthauses am Dümmersee mit seiner unfreiwilligen Komik, das Gehabe der Feriengäste, die ihren kargen Urlaub zelebrieren, der rituelle Ernst des Paddeins auf dem See, des Schwimmens und Sonnenbräunens - bis vor der Größe der beiden Dimensionen Landschaft und Liebesleidenschaft das Getriebe nicht aufhört aber wesenlos wird. Dann entstehen Bildausschnitte aus der norddeutschen Tiefebene, Verschmelzungen der Herzensregungen mit dem Atem der Natur, von einer Stimmung, die an Nolde-sche Wolkenlandschaften aus dem Flachland erinnern.»
Wenn der Klappentext die Aufmerksamkeit auf die grandiosen Wolkenlandschaften im Finale des Romans richtet, will er offensichtlich von den turbulenten Reaktionen, die Schmidts Roman nach seiner ersten Publikation ausgelöst hatte, ablenken, um die Aufmerksamkeit des Lesepublikums wieder auf den Text zu richten. Das war nötig, denn nach der ersten Veröffentlichung hatten gebildete Kreise auf Schmidts Roman in einer Weise reagiert, für die folgende Rezension in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung charakteristisch ist:
«Hier wird stilistische Subtilität und Gescheitheit an eine dumme, geile und also provinzielle Affaire verwandt - und drum scheint mir Arno Schmidt gar nicht so himmelweit fern und überlegen dem, was er so ungemein zu verachten vorgibt, nämlich einer recht billigen Existenz, in der es unter fadenscheinigen Vorwänden auf nichts weiter als aufs Rammeln ankommt. Nee, Herr Schmidt, das ist zu billig» .
      Eine Anklage der Staatsanwaltschaft wegen Gotteslästerung und Pornographie folgte.
      Theweleit entdeckt, dass in der Seelandschaft zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg ein Raum befreiter Sexualität erschlossen wird, er erblickt einen Schauplatz der Vermischung unzähliger, teils verges-sener, teils verachteter, teils kanonischer Texte, sodass die Atmosphäre fröhlicher Relativität entsteht, die der Liebe förderlich ist.
      In der Einleitung druckt er ein Foto ab, das Arno Schmidt 1953 im Paddelboot auf dem Dümmersee zeigt, um es im Kommentar durch eine Serie anderer Bilder zu überblenden. Ãœber das Urlaubsfoto schiebt sich das Bild von Captain John Smith, der 1607 als einer der ersten englischen Siedler den James River erkundet und von der Häuptlingstochter Pocahontas vor der Exekution durch ihren Vater bewahrt wird; darüber legt sich das Bild von James Fenimore Cooper, der als kleiner Junge um 1800 auf dem See Otsego im noch jungen US-Staat New York paddelt; darüber die Erinnerung an Natty Bumppo, den Helden von Fenimore Coopers Lederstrumpfromanen im Kanu.
      Das sind freilich keine Ãœberblendungen, die Theweleit willkürlich vorgenommen hätte. Schmidts Kurzroman arbeitet mit «Mehrfachbelichtungen des Schreibfilms» . «Schauplatz ist das Gewässer, das Dümmer heißt, in dessen Wasser aber alle anderen beteiligten Gewässer, Flüsse, Meere gemischt sind». So taucht im Wasser des niedersächsischen Sees das Fischweib des romantischen Dichters Fouque auf, der mittelalterliche Dichter Heinrich von dem Türlin steuert mit seinem Namen eine pornographische Pointe bei, das Hannoversche Hof- und Jahrbuch des Jahrgangs 1839 wird konsultiert, Sir Walter Scotts Roman Fortunes ofNigel liegt auf dem Nachttisch, das Regelwerk des Baseball-Spiels bestimmt die Anzahl der Kapitel ...
      Schon Schmidts Schilderung der Eisenbahnfahrt aus dem katholischen Trier ins Niedersächsische, mit der das Buch beginnt, gibt einen Vorgeschmack davon, dass sich in dieser «Seelandschaft» viele Texte treffen werden:
/ Trier: Männer rannten neben galoppierenden Koffern; Augenblasen argwöhnten in alle Fenster: bei mir stieg eine Nonne mit ihren Ausflugsmädchen ein, von irgendeinem heiligen Weekend, Gestalten mit wächsernem queren Jesusbhck, Kreuze wippten durcheinander, der suwaweiße Gürtelstrick . / Die Bibel iss für mich 'n unordentliches Buch mit 50 000 Textvarianten. Alt und buntscheckig genug, Liebeslyrik, Anekdoten, das ist der Ana, der in der Wüste die warmen Quellen fand, politische Rezeptur, und natürlich ewig merkwürdig durch den Einfluß, den es dank geschickter skrupelloser Propaganda und vor allem durch gemeinsten äußerlichen Zwang, compelle intrare, gehabt hat.
      Der , ohne dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt oder 10 Millionen im KZ vergast werden: das müßte schon ne merkwürdige Type sein - wenn's ihn jetzt gäbe! / Aber dieses Kylltal war schön und einsam. In Gerolstein, Stadt siegfriedener Festspiele, Recken hingen mit einer Hand an Speeren, schlief auch ein Bahnmeister auf seinem Schild, gekrümmt, man sah eben noch ...Ist.../ «Elle est» «Elle est»: schlugen die Ventile der Lokomotive drüben. / Magische Quadrate : aber gibt es auch . - Der Prospekt von Cooperstown: Heimat des Baseball und James Fenimore Coopers
Die Fülle der direkten Verweise auf andere Texte ist zu Beginn schon verwirrend, bald wird sie schwindelerregend sein. Theweleit verfolgt alle Spuren, um die Frage zu klären, warum die nordamerikanische Indianerin «Pocahontas» - im Jahre der Niederschrift des neuen Textes 357 Jahre alt - im Schilf des Dümmersees landet. Dort taucht sie nämlich in der Gestalt einer Sekretärin mit dem Namen Selma aus einem Osnabrücker Textilbetrieb auf.
      Zur Klärung dieser Frage rückt Theweleit den Text aber nicht nur in das Netzwerk der Literatur, sondern auch in einen unbegrenzten Raum von Dokumenten aus der jahrhundertealten Legende. Diese erzählt in immer neuen Variationen, wie Pocahontas, die Sanfte, die Retterin, Objekt der Kolonisierung und Christianisierung wurde. Dabei berücksichtigt Theweleit nicht nur Prätexte, die zeitlich vor der Entstehung von Schmidts Roman zu finden sind. Er hebt vielmehr die Zeitachse auf und versetzt den Roman in einen unbegrenzten Textraum, in dem auch der Disney-Film Pocahontas, Henry Millers Im Wendekreis des Krebses, Fotos von amerikanischen Soldaten in südostasiatischer Seelandschaft und Porno-Comics zirkulieren, die nach Schmidts Publikation erschienen. Auf diese Weise kommt auch Elvis Presley ins Spiel, der das Lied von Captain Smith und Po-ca-hontas in den 1970er Jahren singt.
     
1955 hatte man in einer Rezension über den Roman lesen können: «Was sein soll, steht nicht im Lexikon. Aber daß es sich hier auf diesen 50 Seiten Arno Schmidts um eine komplizierte Wochenendeunzucht handelt, begreift man sehr bald schon» .
      Für das Konzept der Intertextualität kommt es allerdings darauf an zu begreifen, in welches Labyrinth von Texten der Name «Pocahontas» führt.
      Theweleits Vorgehen zielt nicht darauf, den Text von Schmidt im Meer der umringenden Diskurse aufzulösen. Er entdeckt in ihm vielmehr Elemente der «Dekolonisierung» aller mythischen Erzählungen. Schmidt hat Theweleit zufolge in seiner Seelandschaft einen «Gegendiskurs» entworfen. Die Geschichte der Indienstnahme, Unterwerfung und Taufe der sanften Indianerin wird in seinem Text umgekehrt: Der ehemalige Landser aus Hitlers Armee verlässt die christlichen Gefilde, um angstfrei mit seiner Pocahontas aus Osnabrück heidnische Liebesrituale am Dümmersee zu vollziehen.
      Bei diesem Unternehmen plündert Schmidt alle Bildvorräte, die sich um das Motiv «weißer Mann trifft rote Frau» kristallisiert haben: von dem Erzählmuster «Intellektueller liebt rotes Fabrikmädchen», das man in den Rote 1 Mark Romanen der Weimarer Republik findet, bis zu den Reiseberichten, in denen Ethnologen aul Südseeinsulanerinnen treffen .
      Selma, die Geliebte, durchläuft in der Beschreibung des Wochenendes rasante Verwandlungen: In der ersten Begegnung ist sie eine Riesin mit Irokesenprofil, wird dann zur Wasserfrau Undine, nimmt die Gestalt einer Zikade an, wird zu Fledermaus, Haubentaucher, Eule, Brillenschlange, Gottesanbeterin und Nachtschnecke. Die Liebesleidenschaft der beiden ist nicht auf die Eroberung ihrer «Seelen» aus. Sie entfaltet sich in immer neuen Wortketten, in denen die Metamorphosen ihrer Körper durchgespielt werden. Während Pocahontas in den romantisierenden Darstellungen des 19. Jahrhunderts als klein und schmal, «mit Füßen so winzig, dass sie kaum trugen», geschildert wird, kehrt Schmidts Text die Standardversion klassischer Schönheit um. Seine Pocahontas aus der Fabrik ist lang wie eine «UKW-Antenne», hat Schuhgröße 43 und ist so mager, dass man ihre «Rippenharfe» spürt .
      Den Höhepunkt an Körperlichkeit erreicht die Geschichte, als sie von der längsten Erkundung, die Joachims Hand auf Pocahontas Körper unternimmt, erzählt. Nach dem Sonnenbrand wird die Rote mit Nivea eingecremt. Theweleit zitiert diese Stelle als «eins der zärtlichsten Körperberührungsstücke aller Literaturen», um die Idiotie der Lektüren, die nur «Rammeln» wahrnehmen, bloßzustellen:
«Wir wimmerten beim Waschen, und zitterten vor Fieber, wenn unsere Härchen sich streiften. Also: Einkremen! / Einkremen : das Fingergespinst, die beinernen Arme, «hfhfhf-hforsicht!», die runde Rippenharfe, 2 weiche Kupferknollen, Kupfer-knollen; —. Die Bauchschale mit dem hohen Beckenrand, die steife Beindeichsel: «hfjfjf-aaachch!». : Nackenwadi, Schultertafeln, Gesäßknorren, die schmächtigen Kehlen der Knie; aufrichten: nochmal Achseln und Schlüsselbeinpartien: -; zuletzt Stirn und Nasenrücken: «Aaach!». / Dann aber gleich drohend: «So: jetzt bistü dran!») .
      Aus dem Blickpunkt der Intertextualität wird der Einzeltext «entgrenzt», er öffnet sich zu einem «Textuniversum», in dem viele Texte in ihren Austauschbeziehungen gezeigt werden. Nicht nur schriftliche Dokumente, sondern auch andere Zeichensysteme werden einbezogen. Intertextualitäts-forschung stellt den Text als die Inszenierung eines Stimmengewirrs dar, das sie nachstellt.
      Theweleits Kommentar zur Seelandschaft demonstriert zwei verschiedene Einstellungen zur Intertextualität. Erstens überlagern sich im analysierten Text verschiedene Diskurse, der Text selbst ist «eine Zwiebel» - wie Günter Grass in seiner Preisrede über Schmidts Seelandschaft sagte -, ein «Netzwerk», wie es in historischen Diskursanalysen heißt. Zweitens ist Intertextualität eine Wahrnehmungshaltung, in der der Leser den Einzeltext «entgrenzt», indem er ihn ins Universum anderer Texte platziert. In beiden Fällen geht es nicht um den direkten «Einfluss» der Autorität eines früheren Textes auf den späteren. Es geht vielmehr um Verkettungen, Anspielungen, Mischungen, Zirkulationen und Unterwanderungen.
      Inzwischen bieten sich elektronische Medien an, das Netz der Verzweigungen als Hypertext angemessen zu repräsentieren: Jeder Name, jede
Metapher, jedes Motiv kann über einen link mit einer Vielzahl anderer Texte verknüpft werden. Auf dem Bildschirm des Computers liest man:
«Der Prospekt von Cooperstown: Heimat des Baseballs und James Fenimore Coo-pers. gezeigt werden.
      Wortketten und Bilder sind «mehrfach belichtet», sie verweisen auf sehr unterschiedliche Texttraditionen, lösen z. T. entgegengesetzte Assoziationen aus. Intertextualität ist nicht auf die Fixierung eines einzigen Sinns aus. Statt diesen anzuzielen, könnte sie sich eigentlich mit dem Nachweis der Verkettung der Texte begnügen. Die Lust am Einzeltext weicht der Lust des Surfens durch die Weite eines Textuniversums. Dennoch wird im Fall von Theweleits Kommentar zu Pocahontas die Neigung deutlich, diesem Roman subversive Qualität zuzubilligen: die Schreibpraxis von Arno Schmidt unterwandert Theweleit zufolge die Kolonisierungsmythen.
      Vielleicht ist das der Sinn der Verfahren, die gegenwärtig im Zeichen der «Intertextualität» arbeiten: die literarischen Texte von den Besatzungsmächten verschiedener Ideologien und Mythen zu befreien, sodass der Blick in einer Atmosphäre der «fröhlichen Relativität» auf das Spielfeld der Literatur fällt.
     

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