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Schriftkultur und neue Medien



Ende des 19. Jahrhunderts gerät der gedruckte Text zunehmend in Konkurrenz zu anderen Medien. War die Forderung nach präziser Wiedergabe von Bewegungsabläufen und naturgetreuer Nachbildung der Geräusche und Klangfarbe der Sprache, die die Naturalisten zu ihrem Programm gemacht hatten, nicht besser in den neuen Medien des Films und des Phonographen aufgehoben?
Das Aufkommen neuer Gedächtnisspeicher für optische und akustische Erscheinungen brachte die Literatur zwar in Bedrängnis, schuf aber auch einen neuen Spielraum: Sie konnte sich jetzt auf das Sprachmaterial konzentrieren. Ihre Sprachspiele schienen plötzlich von der Aufgabe entlastet, die Wirklichkeit außerhalb der Sprache «spiegeln» zu müssen. Das Buchstabenmaterial und die Typographie wurden zum Experimentierraum der Schriftsteller, die «Spürbarkeit der Zeichen» ihr Programm. Die Wortkunst in Expressionismus und Dadaismus war auch eine Antwort auf den Auftritt der neuen Medien.
      Das Medium der Schrift räumt nicht kampflos seine Monopolstellung im Feld der Kommunikation. Die Zwischentitel der Stummfilme versuchten, die Wahrnehmung des Sichtbaren mithilfe der Schrift zu steuern. In Illustrierten wird die Betrachtung der Fotografien durch Begleittexte gelenkt. Wenn Fotografien Bilder mit unklarer Bedeutung bringen, wird der «Schrecken der ungewissen Zeichen» durch ausführliche oder plakative Schriftkommentare aufgefangen.
      Selbst die Stimme im Radio scheint beim Vergleich mit der Schrift schlecht abzuschneiden. 1926 brachte der Dichter Klabund das Dilemma des neuen Mediums folgendermaßen zum Ausdruck:
Als sie meine Stimme im Rundfunk hörte
Du hörtest meine Stimme wie von fern, Sprach ich von einem andern Stern? Du griffst mit Deinen Händen in das Leere, Ob dort ein Leib ruht und ein Lächeln wäre. Kein Leib. Nur Stimme. Lippe nicht. Nur Wort. Und leise legtest du den Hörer fort.
      Merkwürdig ist das Gedicht in verschiedener Hinsicht. Ã-ffentliche Rundfunksendungen waren in Deutschland seit 1923 mit Kopfhörern zu empfangen. Verglichen mit dem Schriftmedium zeichnete sich der Rundfunk dadurch aus, dass er die Stimme nicht in ein lineares visuelles Medium umwandelte, sondern sie «unmittelbar» wiedergab. Wenn auch die Verzerrungen durch das Rauschen den Zuhörer daran erinnerten, dass die «Unmittelbarkeit» der Stimme über einen technischen Kanal erzeugt wurde, so sollte sie doch eine größere Nähe als die Schrift herstellen. Das neue Medium teilte allerdings einen Nachteil der Schrift. Auch in der Rundfunkübertragung hat sich das akustische Zeichenmaterial vom Körper des Sprechers gelöst. Der Urheber der Stimme blieb - mit Hilfe einer standardisierten Ãobertragungsfrequenz - in unberührbarer Ferne. Vielleicht wurde Klabunds Stimme von einer Schallplatte abgespielt. Das war normalerweise nicht zu überprüfen. Die Einsicht der Abwesenheit führt zur Resignation der Geliebten - suggeriert der Liebhaber, der seine Verse für sie in das Mikrofon des Funkstudios gesprochen hatte. Der paradoxe Witz dieser Zeilen liegt darin, dass die Klage über die körperliche Abwesenheit des Autors der Schrift anvertraut wird, als ob diese eine größere Nähe verbürgte.
      Sobald neue technische Medien auftauchen, glaubt man, dass Unmittelbarkeit im älteren Medium besser aufgehoben ist. Während man in der noch primitiven Technologie der Radioübertragung das Rauschen der Ãobertragungskanäle hören konnte, hat man beim Buchdruck vergessen, dass er ein technisches Medium ist.
      Andere Autoren gehen zum Angriff über, indem sie die neuen Medienin ihre Textarbeit integrieren, den Film ins Theater einbeziehen, den Telegrammstil als Schreibpraxis übernehmen oder Fotografien in ihre Texte montieren. Nachdem sich die Schriftkultur im 20. Jahrhundert nicht ohne Erfolg gegen den Ansturm der neuen Medien zur Wehr gesetzt hatte, stellt sich die Frage, was mit Schrift und Buchdruck in der Gegenwart der elektronischen Medien geschieht.
      Die Entwicklung der elektronischen Technologie zeigt, wie wenig wahrscheinlich der vorausgesagte Untergang der Schriftkultur ist. Wenn man mit einem weiten Textbegriff arbeitet und nicht mehr von einem geschlossenen «Werk», sondern von einem Netz von Texten ausgeht, dann bietet sich ein neues Abenteuer der Literatur an, das im Internet Alltag ist: der Hypertext. Als Hypertext bezeichnet man die Vernetzung einer beliebigen Zahl elektronisch verfügbarer Texte. Die Verbindung geschieht über Hyperlinks, die bestimmte Stellen eines Textes markieren und dort den Ãobergang zu anderen Texten ermöglichen.
     

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