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Nomaden durchkreuzen Ordnungsräume



Am Beispiel einer Analyse des «Nomadischen» in der Weimarer Republik soll das Verfahren der Historischen Diskursanalyse dargestellt werden.
      1930 erscheint Lion Feuchtwangers Roman Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz. Er schildert den turbulenten Anfang der 1920er Jahre in Bayern. Mitten im Strudel dieser Jahre befindet sich der bayerische Justizminister, den Feuchtwanger auf zahlreichen Autofahrten zeigt. Als er eines Tages von einem Fahrzeug überholt wird, in dem er eine «Gesellschaft exotischen Aussehens» registriert, verfällt der Justizminister in tiefes Grübeln:
«Er hat einen Aufsatz gelesen, der sich intensivierende Verkehr müsse notwendig so etwas wie eine neue Völkerwanderung zur Folge haben. Der schwerbewegliche, sess-hafte Typ werde verdrängt, aufgelöst von dem leichten nomadischen Typ. Eine gro-
ße allgemeine Vermengung bereite sich vor, habe schon begonnen» .
      Als er bei einer Fahrtunterbrechung auf einen norddeutschen Autofahrer trifft, ist er alarmiert:
«Es sind bald mehr Fremde da als Einheimische, Hotels und Fremdenbars ersticken schon fast die Häuser der Landsässigen. Er muß wirklich einmal eine Statistik einsehen, wie viel Nichtbayern sich hier seit dem Krieg eingenistet haben. Er fuhr mit gesteigerter Geschwindigkeit weiter, seine Haltung war gestrammter» .
      Die Szene bietet sich an, weil mit dem Blick in die Statistik ein Verfahren angesprochen ist, das von der historischen Diskursanalyse mit Vorliebe zu Rate gezogen wird. Denn die Statistik gehört zu den Technologien der Normalisierung, die Machtausübung in modernen Gesellschaften kennzeichnet. Die Ballung der Bevölkerung in den großen Städten darf kein Feld des Zufälligen bleiben. In der statistischen Erfassung werden Regelmäßigkeiten entdeckt und wird Normalität so definiert, dass regulierende Eingriffe möglich sind. Dabei können die Daten ganz verschieden ausgelegt werden. Der Justizminister z. B. erinnert sich an Statistiken, die für Bayern einen erheblich höheren Prozentsatz an unehelichen Kindern als für das übrige Mitteleuropa aufweisen. Andererseits bemerkt der Minister, dass «die Zahl der Roheitsverbrechen [...] nach der letzten Statistik südlich der Donau immer noch höher als irgendwo sonst im Reich» sei. Aus diesen Kenntnissen zieht der Regierungsbeamte die frappierende Schlussfolgerung: «Wir können uns sehen lassen mit unserer Kriminalität; das sind Ziffern, die sich gewaschen haben. Vital sind wir, da fehlt sich nichts.»
Diese Passage bildet den Auftakt zu einem finsteren Kapitel der deutschen Kulturgeschichte, in dem das Problem der Obdachlosen, Vagabunden und Zigeuner behandelt wird. Man kann Nomadentum im romantischen Licht als freies Vagabundieren oder ethnologisch als Zustand bestimmter «Naturvölker» begreifen. In unserem Kulturraum befassen sich Dienststellen der Polizei und Einwanderungsbehörden damit.
      Die historische Diskursanalyse von Feuchtwangers Roman dringt tief in die Archive der Bevölkerungsstatistik und Geopolitik, der Ras-senhygiene und Kriminologie, der Zigeunerforschung und Sozialfürsorge ein. Sie erforscht, wie in psychiatrischen Befunden und polizeilichen Verordnungen ein Raum kollektiver Gesundheit mit normalen Körpern konstruiert wird, in dem die Nichtsesshaften derart stören, dass sie als Fremdkörper ausgeschlossen werden müssen. Der «gefährliche Nomade», der die Texte von Behörden, Wissenschaft und auch Literatur durchzieht, wird als ein «diskursives Ereignis» aufgefasst.
      Die historische Diskursanalyse enttäuscht also die Hoffnung, Literatur falle aus den Ordnungssystemen der Gesellschaft heraus. Während sich die großen Migrationsbewegungen und Mobilisierungen in der Anonymität der Großstadt abspielen, in billigen Hotels oder auf Eisenbahnen, während die massive Wanderungsbewegung in den «Massen» der ostjüdischen Einwanderer sichtbar wird, feiert die Literatur die «echten» Obdachlosen, die sie mit einem Heiligenschein als «Daseinspilger» versieht. Moderne «Stadtnomaden», die in den Gestalten des Hochstaplers und Spielers auftreten, werden in die Kriminalliteratur abgedrängt . In Deutschland geraten sie nicht in das Blickfeld der Literaturgeschichtsschreibung.
      Die bekannten Figuren des Wanderns in den populären Büchern von Waldemar Bonseis, Hermann Hesse und Walter Flex wollen nichts von den «Maskeraden» und der «Oberflächlichkeit» der Nomaden der großen Städte wissen. Der deutsche Wandertrieb ist etwas Besonderes. Die Literatur der Wandervogelbewegung bildet keine Ausnahme. Das Motiv der Befreiung von den Konventionen familiärer Ordnung nimmt in den «wandernden Horden» Gestalt an. Diese wenden sich gegen die «amorphen», d.h. disziplinlosen Massen der großen Städte. Die Texte von Walter Flex zeigen, wie leicht sich die Wanderbewegung in «marschierende Kolonnen» umformen ließ. Er erfindet 1917 in seinem Buch Wanderer zwischen beiden Welten. Ein Kriegserlebnis den Kriegswandervogel.
      Schließlich entdeckt Gerhard doch einige Texte, in denen ein «Gegendiskurs» aufscheint. Neben dem Roman von Lion Feuchtwanger verweist sie auf Texte von Joseph Roth und Siegfried Kracauer [Ginster, 1928). Diese sind zwar in ihrem Vokabular mit dem angeführten Ordnungsmuster vernetzt. Sie beinhalten aber durch Ironie und Aufwertung der von Behörden, Politikern und Wissenschaftlern pe-jorativ genutzten «Zerstreuung», «Anonymität» und «Wurzellosigkeit» eine kritische Reflexion.
     

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