Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Kontextualisierung von literatur

Index
» Kontextualisierung von literatur
» Merkmale der historischen Diskursanalyse

Merkmale der historischen Diskursanalyse



Das Interesse der historischen Diskursanalyse richtet sich nicht auf die Gipfelliteratur, die in den Literaturgeschichten aufbewahrt und gepflegt wird. Was in der Tradition der Textauslegung bisher vernachlässigt worden ist, was dem Vergessen ausgeliefert in Archiven verstaubte, besitzt für sie große Anziehungskraft. Behördenprotokolle, Landkarten, Grundschulfibeln, Anatomiezeichnungen, juristische Gutachten, Reklamegrafiken, Heeresdienstvorschriften, alle Arten von Zeichensystemen werden zusammengestellt. Auf der Suche nach Krankengeschichten steigt man in die Keller von Nervenheilstätten und findet Patienten-Akten, die z. B. Aufschluss über die moderne Praxis der Grenzziehung zum «Normalen» geben. Das ehrwürdige kulturelle Archiv der an Schulen und Universitäten empfohlenen Literatur wird aufgesprengt.

      Diskursanalytiker gehen nicht davon aus, dass im Wortlaut der Texte etwas nicht Ausgesprochenes «schlafe», das erst durch den Kommentar zum Sprechen gebracht werden muss. Sie versuchen nicht, eine «hinter der Kulisse des Textes» geheim gehaltene «eigentliche» Aussage zu finden. Sie stellen vielmehr die Regeln fest, aufgrund derer die Aussagen der Wissenschaftler, Filmemacher, Staatsanwälte oder Schriftsteller möglich waren. Sie fragen nach dem Muster, nach dem in Texten die Grenze z. B. zwischen «normal» und «anormal» gezogen wird. Sie vermuten nicht jenseits der Ordnungssysteme «Chaos», «Sinnlichkeit» oder «Authentisches», das auf seine Entdeckung wartet.
      Für die historische Diskursanalyse ist «Geschichte» keine von den Texten unabhängige Wirklichkeit. Es gibt nichts hinter den Diskursen. Weder die Evolution der Natur noch die Geschichte der Klassenkämpfe werden als dunkler Hintergrund oder Basis der symbolischen Praktiken vermutet. «Evolution» und «Klassenkampf» interessieren freilich als Rahmenerzählungen, die ihre besonderen Erzählmuster haben, mit denen sie Ordnungsräume und Zeitstrukturen entwerfen.
      Typisch für diskursanalytische Ansätze ist die Abwesenheit des Autors als eines schöpferischen Subjekts des Textes. Der Autor kommt höchs-tens als Ordnungsfaktor im Strom der Artikulationen vor. Wie jeder andere Teilnehmer der Kommunikation ist auch der Autor den Diskursen ausgeliefert. Die historische Diskursanalyse lässt sich von der Formel leiten, dass ein anonymes «Aufschreibesystem» alle Aussagen steuert. Zu diesem System zählen die verschiedenen technischen Medien. Gegenstand der Untersuchung werden die besonderen Bedingungen der Kommunikation bei Telegramm und Telefon, die Ã"nderung der Wahrnehmung durch die Medien der Fotografie, des Films und der elektronischen Apparate.
      Historische Diskursanalysen stellen ein «Netzwerk» von Texten her, in dem die Texte durch «Diskursfäden» verkettet sind. In dieses Gewebe ist auch der im Kanon der üblichen Literaturgeschichten ausgezeichnete Text verwoben. Diskursfäden laufen in den Text hinein und kommen «gefärbt» aus ihm heraus. Der literarische Text wird als «Knotenpunkt» der Diskurse gelesen, er ist kein geschlossenes Werk. Er ist vielmehr Teil der kulturellen Praktiken .
      Aufgrund der Ausrichtung der historischen Diskursanalyse scheint es ausgeschlossen, dass es überhaupt Literatur geben kann, die sich zu den Ordnungssystemen verhält. Es finden sich aber zahlreiche Arbeiten der historischen Diskursanalyse, die in ihren Gegenständen einen «Gegendiskurs» erkennen, z. B. im Buch von Gerhard. Zwar werden die so herausgehobenen Texte auch im Netzwerk der Diskurse gezeigt. Aber sie lösen sich darin nicht auf, sondern sollen durch ihre Einbettung in Kontexte mit «sozialer Energie» aufgeladen werden.
     

 Tags:
Merkmale  der  historischen  Diskursanalyse    





Impressum | Datenschutz

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com