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Kontextualisierung von literatur

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Literatur, Intertextualität und Historische Diskursanalyse



Bislang wurden die Notwendigkeit und der Nutzen der Kontextualisie-rung von Literatur anhand von sehr grundlegenden Aspekten untersucht, wie sie zum größten Teil für alle Arten von kulturellen Ã"ußerungen und Medien gelten. Darüber hinaus hat die Literaturwissenschaft aber auch spezifische Verfahren der Kontextualisierung entwickelt, von denen zunächst die beiden wichtigsten besprochen werden sollen: die Gattungstheorie und die Literaturgeschichtsschreibung.

      Die Funktion von Gattungen
Wem im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein kurzer Text der Dichterin Sarah Kirsch begegnet, der wird diesen im Allgemeinen nicht für eine Kontaktanzeige halten. Und wer die Hexenszene in Shakespeares Macbeth liest, wird in den seltensten Fällen Maßstäbe anlegen wie bei der Lektüre eines Kochbuchs. Im alltäglichen Umgang mit Texten scheint es ein allgemeines Vorverständnis zu geben, mit welcher Gattung - oder allgemeiner ausgedrückt: mit welcher Textsorte - wir es zu tun haben.
      1972 veröffentlichte F. C. Delius in Tintenfisch 5 die «Moritat auf Helmut Hortens Angst und Ende». Das Gedicht aus dem Jahr 1971 erschien danach noch in mehreren Anthologien und in dem Gedichtband Ein Bankier auf der Flucht. Der Anfang lautet folgendermaßen:
«Horten liegt flach - im eignen Schweizer Gras und weiß/und grün und das Gesicht voll Schmerz und Angst und Schweiß./Was ist passiert? Es biß ihn eine böse Schlan-ge,/er sah sie noch und schrie - doch sie ist weg schon lange.»
1979 beschäftigte sich das Landgericht Hamburg mit diesem Text, da der Großkaufmann Helmut Horten eine Klage gegen Delius wegen Verleumdung angestrengt hatte. Das Persönlichkeitsrecht des Klägers sei verletzt worden, so argumentierte dessen Anwalt. Dieses Gedicht stelle eine «Geschmacklosigkeit schlimmster Art» dar, von einem «Ergebnis künstlerischen Schaffens» könne hier keine Rede sein, da der Autor «den Todeskampf eines Menschen mit unverhohlener Freude» schildert, was dem «allgemeinen Anstandsempfmden» widerspricht. Die gerichtliche Auseinandersetzung zog sich durch drei Instanzen und endete nach dem Freispruch des Landesgerichts und der Verurteilung durch das Hanseatische Oberlandesgericht im Sommer 1982 mit dem Freispruch des Bundesgerichtshofs. Der Streit vor den Richtern hatte sich dabei auf die folgende Passage zugespitzt:
«schwitzen die von ihm bezahlten Politiker über Gesetzen,/die ihm genehm sind und seine Gegner zerfetzen.»
Während der Ankläger dies als Tatsachenbehauptung las, die falsch und deswegen eine Verleumdung sei, verteidigte der Literaturwissenschaft-ler Karl Riha, der als Sachverständiger geladen war, den Angeklagten in erster Linie mit einem Gattungsargument: dem Verweis auf die im Titel erscheinende Moritat, die den Text mit dem historischen Phänomen des umherziehenden Bänkelsängers in Verbindung bringe, welcher erschrecken und bewegen, unterhalten und belehren wolle. Riha gewinnt aus der Gattung Moritat im Wesentlichen zwei Argumente zur Verteidigung von Delius. Zunächst bewirke die Form des Textes, also Vers, Reim und Strophe, dass in dieser künstlich geschaffenen Sprechsituation Dinge sagbar würden, die in einer alltäglichen Situation nicht akzeptierbar wären . Zudem reihe Delius sich mit seiner Moritat in die Gattungstradition ein, Zeitereignisse spöttisch darzustellen, wie etwa Frank Wedekinds Moritat «Auf die Ermordung Alexanders IL», in der Zeilen vorkommen wie «schoß der Landesmutter durch den Rock ins Unterfutter» oder «die den Kaiser von den Russen haben durch den Bauch geschussen». Hieraus leitet Riha ab:
«Von einer unmittelbaren , wie sie der Kläger unterstellt, kann daher hier wie bei der Delius-Moritat nicht die Rede sein. [...] Diese Gattungsbezeichnung macht auch für den Durchschnittsleser ein literarisches Rollenverhalten des Autors kenntlich, das auf , etc., festgelegt ist» .
      Rihas Verteidigung ist repräsentativ für die in der Literaturwissenschaft weitverbreitete Auffassung, dass für die Interpretation eines Textes die Gattungszuordnung und Vorkenntnisse über die Gattungstradition entscheidend sind. Welche Rolle das Wissen über Gattungen jedoch tatsächlich bei der Interpretation von Texten spielt, ist schwer zu bestimmen. Zu denken gibt, dass die Richter des Oberlandesgerichts Hamburg auch das Argument der Gattung benutzen, wobei sie jedoch ein Gattungskonzept vertreten, das dem Rihas widerspricht: «Die Moritat ist - anders als andere lyrische Gattungen - durch den besonders engen Bezug zur Wirklichkeit gekennzeichnet» . Auf dieser Grundlage kamen die Richter zu einer Verurteilung von Delius.
      Rihas Auftreten vor dem Richter gibt darüber hinaus in einer anderen Hinsicht einen Hinweis auf die Bedeutung, die Gattungswissen zugesprochen wird: Dieses Wissen ist Teil der literarischen Kompetenz, die der Sachverständige Riha vor dem Richter entfaltet. Dies kann manauch als Grund für die Behandlung von Gattungen im Schulunterricht und an der Universität anführen: Die Vermittlung der Fähigkeit, Texte bestimmten Gattungen zuteilen zu können, ist eines der Lernziele, das zu literaturwissenschaftlicher Kompetenz führen soll.
      Die Ãoberlegungen, die hier mit Blick auf das Lesen und Interpretieren von literarischen Texten angestellt wurden, gelten gleichermaßen für das Schreiben. Das Wissen um Gattungen hat großen Einfluss auf das Verfertigen von Texten - sei es ein Brief, ein Roman wie Jakob Wassermanns Der Fall Maurizius oder einer wie James Joyce' Ulysses . Holt Meyer spricht in diesem Zusammenhang von der «Gattung als Produktionsstrategie», worunter er «das Gattungsbewußtsein als konstitutive[n] Faktor des literarischen Textes praktisch jeder Epoche» versteht .
      Gattungen sind historisch und normativ gebundene Konzepte, die sowohl bei der Produktion als auch bei der Interpretation von Texten eine Rolle spielen.
     

 Tags:
Literatur,  Intertextualität  Historische  Diskursanalyse    


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