Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Kontextualisierung von literatur

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Rahmenbedingungen des Vergleichs von Lese-Erfahrung



Die hier diskutierten Ergebnisse ergaben sich aus Gesprächen besonderer Art. Gewöhnlich hat ein 'Literaturgespräch" das Ziel der Konsensusbildung. Hier aber war es das Ziel, die Formulierung von Unterschieden zu ermöglichen, von Unterschieden in der Reaktion auf Texte. Es ging also, erst einmal, nicht um die Aufhebung von Distanz zwischen den Gesprächsteilnehmern, um die 'Vernichtung" der zwischen ihnen liegenden Fremde, sondern um deren Manifestierung. Nicht die Phasen des Diskurses waren besonders genau zu protokollieren, wo abweichende Meinungen zu konvergieren begannen, sondern jene, in denen abweichende Reaktionen auf den Text sich in ihrer positionalen Bedingtheit enthüllten.
      Um den Gesprächsteilnehmern die Befangenheit vor dem unüblichen Vorhaben etwas zu nehmen, mußten sie - schon aus didaktischen Gründen
- in die theoretischen Implikationen des Lese-Vergleichs eingeführt werden. Das dadurch erzielte Problembewußtsein sollte nicht nur eine sachliche Hinweisfunktion haben, gleichsam eine Lese-und Sprechvorgabe sein, sondern auch insgesamt interessebildend wirken.
      Die hier wiedergegebene Einführung bezieht sich auf drei Problemsektoren: die historischen Differenzen zwischen Leser-Positionen, die Ex-emplum-Wahl, das Gespräch als Gruppenprozeß.
      3.1 Die Differenzen zwischen Leser-Positionen
Eine Theorie der Fremdliteraturbetrachtung gibt es erst in Ansätzen. Lektüre und Deutung von Fremdsprachen-Texten wurden bisher als reine handicap-Unternehmen verstanden. Zugrunde lag dabei wohl oft die Vor
Stellung einer Identität des Textes mit sich selbst, unabhängig von den Situationen seiner Realisierung durch lesende - und deutende - Subjekte; denn eben diese menschliche Subjekthaftigkeit wurde als ,im Wesentlichen' mit sich selbst gleich, als ,menschlich' in einem außerhistorischen Sinn begriffen. Erst die Einsichten in die Historizität menschlicher Interaktionsformen und in das dialektische Verhältnis zwischen Identität und Rolle haben das Subjekt in seiner historischen Dimension hervortreten lassen, machen die Bestimmung von Unterschieden in der Leser-Position möglich. Im einzelnen lassen sich zwischen dem muttersprachlichen und dem nicht-muttersprachlichen und jenseits dieser Dichotomie zwischen allen Lesern verschiedener Kulturzugehörigkeit folgende Differenzen formulieren: Differenzen
A) im kulturhistorischen, insbesondere im literarhistorischen Vorwissen
B) infolge der Prägung durch verschiedene Sprachstrukturen
C) infolge der Prägung durch verschiedene gesellschaftsgeschichtliche Entwicklungen samt den daraus erwachsenen aktuellen sozio-politischen Problemlagen
D) infolge der Prägung durch verschiedene Kulturtraditionen
E) infolge der Prägung durch verschiedene Primär-Erfahrungen aus Klima, Landschaft, ,Natur' samt deren Folgen für das Vorstellungsrepertoire

   F) im Verhältnis zur Tradition überhaupt, der literarischen Tradition insbesondere, dem Begriff der Kontinuität der eigenen Geschichte, dem Bewußtsein mithin eigenkultureller Identität .
      Wie sich zeigen wird, sind bei den vorgestellten Beispielen die unter C), D) und F) aufgeführten Differenzen besonders folgenreich.

      3.2 DieExemplum-Wahl
Soll ein Gespräch über Literatur zur Formulierung von Unterschieden führen, muß das Werk , worüber gesprochen werden soll, dieser Absicht entsprechend gewählt werden. Welcher Art muß das 'ästhetische Objekt" sein, um die Möglichkeit zu bieten, daß im Gesprächdarüber die Differenzen zwischen den einzelnen Leser-Positionen deutlich aufspringen können? Die hier zu treffenden Entscheidungen sind teils wissenschaftsmethodischer, teils literaturdidaktischer Art. Sie folgen insgesamt dem Zweck, den Druck der hermeneutischen Problemlage zu verringern, d.h. die Gefahr der Mißverständnisse, die die Unterschiede verdunkeln könnten, zu reduzieren.
      A) Der Diskurs wird übersichtlicher, wenn die Texte, deren Lese-Erfahrung verglichen werden soll, nicht zu ,alt' sind, wenn also die Distanz, die lesend zu überwinden ist, nicht auch eine der kulturhistorischen Zeit-Dimension ist. Die muttersprachlichen Leser sollten sich auf diesen Text beziehen können als auf einen, der ihnen ,in bequemer Sichtweite' liegt; diese ist dann gegeben, wenn der Text einerseits eine Problemlage formuliert, noch als zeitgenössisch zur Lesergegenwart, diese noch betreffend', aufgefaßt werden kann, wenn er andererseits nicht allzu ,neu' ist, d.h. nicht mehr unmittelbar markt-aktuell und damit dem Modestreit der Literaturkritik unterworfen. Das heißt hier praktisch: Es wurden Texte des 20. Jahrhunderts gewählt, deren Autoren als 'relevant", ja als prägend für unsere Gegenwart angesehen werden, die andererseits in ihrer literarhistorischen Zuordnung nicht mehr umstritten sind.
      B) Von Bedeutung für einen Vergleich von Lese-Erfahrung, von Leser-Reaktionen also, die noch keine Deutungen des Textes als ganzen sind, muß der dem Text eingezeichnete Leerstellenbetrag sein, der Spielraum also, der den Leser als Subjekt zur Konsistenzbildung provoziert und zugleich anregt, seine Subjekthaftigkeit auch in ihren inhaltlichen Dimensionen lesend zu aktualisieren. Das Maß also an Uneindeutigkeit , das einen Text charakterisiert, ist in Rechnung zu stellen. Dabei geht es vor allem um die Vernetzung der zentralen Textmotive, die Verknüpfbarkeit/ Nichtverknüpfbarkeit dieses Netzes mit der Vorerfahrung des Lesers. Zweifellos wird von den sogenannten hermetischen Texten die Subjektivität beim Lesen stärker beansprucht als von denen, die eine Tendenz der Ver-eindeutigung noch aus sich selbst heraus erzeugen, also ins Paränetische, Programmatische, ins Lehrhafte insgesamt übergehen.
      C) Es erscheint günstiger, nicht Einzeltexte in möglichst vielfältiger Hinsicht zur Diskussion zu stellen, sondern eher zwei oder mehr Texte in ihrer unterschiedlichen Behandlung einer und der gleichen epochalen Problemlage zu sichten. Denn: Der Vergleich von Lese-Erfahrung bedarf eines gewissen Maßes an Steuerung; Kriterien müssen gefunden werden, um bestimmte Lese-Erfahrungen als im Hinblick auf diesen Text besonders .lohnend' auszusondern. Unter solchen Erwägungen bietet sich an, eben diese Aspekte, unter denen Texte relativer Gleichzeitigkeit vergleichbarwerden, auch als Stimulantia für Detail-Reaktionen auf den je einzelnen Text zu benutzen. Ein Beispiel vorweg: Das Problem des 'Rollenbruchs" wurde als Aspekt gewählt, um darunter drei Erzählungen der ersten Jahrzehnte dieses Jahrhunderts zu vergleichen: Thomas Manns 'Tristan", Kafkas 'Das Urteil", Brechts 'Die unwürdige Greisin". Auf die Bewertung dieser Rollenbrüche bzw. ihrer Umstände, auf deren 'Wahrscheinlichkeit", 'Plausibilität", 'Moralität" usw. zielten dann auch die markantesten Reaktionen der Gesprächsteilnehmer. Hier ergaben sich die deutlichsten Positions-Unterschiede.
      Für die diskursive Erörterung literarischer Texte unter solchen Gruppierungs-Aspekten lassen sich mehrere Argumente anführen: aA) Es ist ein allgemeines Merkmal literarisch-ästhetischer Kompetenzbildung, daß wir Texte durch ihre Zuordnung zueinander zu ihrer gegenseitigen Erhellung benützen, daß wir unser literarisches Urteil in Vergleichsvorgängen bilden. Häufigste Vergleichspunkte sind 'Gattung" bzw. 'Form" einerseits, 'Motiv" und 'Thema" andererseits. Die Erfahrung des wissenschaftlichen Umgangs mit Texten lehrt, daß beide Aspekte sich immer wieder miteinander verknoten. Eine Entscheidung didaktischer Kompetenz ist es, wenn für Diskurse wie die hier erörterten empfohlen wird, von den motivisch-thematischen Vergleichbarkeiten auszugehen, bB) Die Bestimmung von Vergleichbarkeiten zwischen Texten kann sich auf synchronische oder diachronische Verhältnisse beziehen. Von diesen beiden Möglichkeiten scheint der synchronische Vergleich von weniger literaturtheoretischen Hypothesen belastet zu sein. cC) Ein Vorteil eines solchen Vergleichsverfahrens, das von Differenzen zwischen Texten ausgeht, liegt darin, daß schon vom Beginn der Lektüre an das Beobachtungsfeld des Lesers sich gleichsam vergrößert. Die ,Vorgabe', die das Lesen steuert, wirkt bereits bei der Bildung der je eigenen Lese-Erfahrung selektierend und akzentuierend. Die beobachtbaren Textmerkmale werden gleichsam in ihrer Dimension, der ,Länge der Meßstrecke', vergrößert. Freilich: Die Grenze für die weitere Verlängerung der ,Meßstrecke' liegt in der Leistungsfähigkeit des Vergleichsaspekts.
      3.3 Das Gespräch als Gruppenprozeß
Nichtmuttersprachliche Leser fühlen sich - als Einzelne - in ihren Möglichkeiten, .angemessen' auf den Text zu reagieren, den muttersprachlichen Lesern unterlegen. Um die Furcht vor der ,Unangemessenheit' der Reaktion bei den fremdsprachlichen Lesern abzubauen, bietet es sich an,die jeweiligen individuellen Reaktionen erst einmal in Kleingruppen sichten zu lassen, ehe sie in der Gesamtgruppe der Seminarteilnehmer erörtert werden. Es liegt nahe, Kleingruppen zu bilden, in denen nichtmuttersprachliche Leser unter sich sind; da sie sich gegenseitig nicht durch Vorurteile hinsichtlich ihrer sprachlich-literarischen Kompetenz blockieren, können auch 'unwahrscheinliche" Reaktionen unter ihnen zur Sprache kommen. Auch das Bewußtsein, aus verschiedenen Fremdkulturen zu kommen, dürfte eher stimulierend als blockierend wirken, wenn es um die Ã"ußerung von 'ausgefallenen" Reaktionen auf den Text geht.
      Die Kleingruppenbildung hat schließlich den Vorteil, daß zu jeder Gruppe von nicht-muttersprachlichen Lesern, seien diese nun Europäer oder Nicht-Europäer, eine Kontrollgruppe von muttersprachlichen Lesern gebildet werden kann, die sich mit der gleichen Fragestellung befaßt.
      Aus all dem Gesagten geht hervor, daß hier nicht völlig spontane' Reaktionen von Lesern, sondern solche Ã"ußerungen auf ihre Positio-nalität miteinander verglichen wurden, die sich in einem - relativ - methodisch gelenkten Gespräch ergaben; dieses bezog sich auf einen Lesevorgang, der auch seinerseits schon durch bestimmte Vorgaben gesteuert war. Freilich besteht diese Art von Steuerung vor allem in Selektion. Diese erscheint unverzichtbar.
     

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