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Lese-Erfahrung und das Sprechen über Lese-Erfahrung



Im Folgenden soll es um den Vergleich von Lese-Erfahrung gehen, um das Gespräch zwischen Lesern des jeweils gleichen Textes. Dabei wird auf ein Gespräch abgezielt, das Leser aus verschiedenen Kulturkreisen miteinander fuhren. Aber auch wenn der Vergleich von Lese-Erfahrung sich über kul-turelle Grenzen hinweg vollzieht, bleibt das individuelle Lesen doch an die allgemeinen Bedingungen des Lese-Akts gebunden. Daher sollen ein paar Begriffe der Lese-Akt-Theorie beigezogen werden, die erhellend sein können für eine Klärung der allgemeinen Bedingungen des Gesprächs über Gelesenes und die dabei gemachte Selbsterfahrung. Insbesondere soll die Beschreibung zweier charakteristischer Fluchtbewegungen der Gesprächsteilnehmer versucht werden, wie sie sich besonders häufig bei Lesergesprächen im Rahmen von Bildungsinstitutionen beobachten lassen: der Flucht nach innen und der Flucht nach oben.
      Lese-Erfahrung ist eine besondere Art der Erfahrung. Sie ist exemplarisch darin, daß wir uns bei der Lektüre von Texten, die wir einmal als relevant und, im genauen Sinn des Wortes, interessant angenommen haben, sehr ganzheitlich betroffen fühlen. Diese Ganzheitlichkeit des Betroffenseins, die wir bei Erfahrungen der Lebenspraxis nur selten erleben, hängt mit der Wirkung dessen zusammen, was Mukafowsky den 'ästhetischen Wert" eines Kunstwerks genannt hat: mit dessen 'Einheitlichkeit", 'Geschlossenheit" seinerseits, die eine der 'Kunstfunktion", der im Ã"sthetischen liegenden Dynamisierungskraft, ist. Eine zentrale Wirktendenz nun des 'ästhetischen Wertes" besteht darin, wie wir von dem Kunsttext mit seiner Redundanz an Binnenstruktur in unserem zentralen Vermögen angesprochen werden, Außenwelt in Innenwelt umzusetzen, Nicht-Ich zu Ich assimilieren und im Gefolge davon: uns als Selbst zu erfahren. Formelhaft gesagt: In der Reaktion auf Texte fiktionaler Kunst erfahren wir uns in besonderem Maße als Subjekte}
Im Unterschied zu der Erfahrung, die wir in unserer Lebenspraxis machen, ist Lese-Erfahrung vorstrukturiert. Diese Vorstrukturierung ist die einer uns fremden Subjektivität. Damit ist nicht nur gemeint, daß wir uns bei der Lektüre Figuren gegenübersehen, mit denen wir uns identifizieren oder von denen wir uns distanzieren, so daß wir gleichsam auf eine fingierte Subjektivität reagieren; sondern der Text ist darüber hinaus als Ganzes eine subjektive Ã"ußerung, eine vertextete Subjektsposition mit allen dazugehörigen Konkretisierungen. Indem wir diese 'andere" Subjektivität auf uns ziehen, tun wir zweierlei: wir vollziehen dieses Andere in uns nach und wir erleben, indem wir das Andere konkretisieren, uns selbst. Dieser prozeßhafte Vollzug der Verflechtung von Fremd- und Selbsterfahrung beim Lesen ist gelegentlich als ein 'Dialog" zwischen dem lesenden Subjekt und dem Text beschrieben worden. Eine entscheidende Rolle bei dieser Evokation unserer Subjekthaftigkeit spielen, wie wir in den letzten Jahren begriffen haben, diejenigen Stellen im Text, die man 'Leer-stellen" nennt und die in ihrer Gesamtheit die 'Appellstruktur" des Textes ausmachen. Das Vermögen , das wir dabei vor allem aktivieren und ausleben ist das der Konsistenzbildung. Ohne diese Anstrengung der Konsistenzbildung käme es nicht zur Ausprägung dessen, was -in einem modernen Sinne des Wortes - die Erfahrung von 'Identität" ausmacht. 10 Im Hinblick auf diese zentrale Dimension unserer beim Lesen aktivierten Subjekthaftigkeit ist es prinzipiell gleichgültig, in welcher historischen 'Nähe"/'Ferne" der Text entstanden ist. Die 'Fremdheit" die einem fiktionalen Text allemal innewohnt, entspricht der, die zwischen jedem einzelnen Subjekt und einem anderen liegt - wobei die textliche Subjektivität durch ihre Kunstfunktion, ihren 'ästhetischen Wert", gleichsam besonders ,aufgeladen' ist.
      Die Fähigkeit , in der Lese-Erfahrung den Prozeß der Identitätsbildung voranzutreiben, soll im Folgenden mit zwei charakteristischen Tendenzen des Gesprächs über Gelesenes in Verbindung gebracht werden.
      A) Das Sprechen über Lese-Erfahrung ist - auch - insofern ein Diskurs besonderer Art, als alle am Gespräch Beteiligten auf das gleiche Erfah-rungsangebot reagiert haben. Treten wir in so ein Gespräch ein, geraten wir leicht in einen Zwiespalt: einerseits beanspruchen wir die aus Anlaß des Textes gemachte Erfahrung bereits als ureigenste, den im Prozeß der Konsistenzbildung erlebten 'Sinn" als Bestandteil unserer Identität, und diese wollen wir mit dem Schutzmantel decken, den unsere Selbst-Intimität bereit hält; andererseits ist uns die potentielle Wiederholbarkeit der lesend von uns gemachten Erfahrung bewußt, und wir müssen in den Mitlesern des gleichen Textes Träger ähnlicher Sinn-Konkretisationen vermuten; wir begreifen uns als in Auschnitten gemachter Erfahrung vergleichbar, auf dieses Bewußtsein der Vergleichbarkeit reagieren wir leicht mit Verstummen. Wir rächen uns dabei gleichsam an uns und an dem Text: Ehe wir das, was er uns bedeutet, mit einem oder mehreren anderen teilen, verzichten wir lieber ganz auf die Kommunikation darüber.
      Verfolgt man Gespräche über Lese-Erfahrung aufmerksam, dann kann man die Folgen dieser Fluchtbereitschaft für das Gespräch genau registrieren: Immer dann, wenn in Formulierungen abstrakter Begrifflichkeit 'Deutungen" sich vorbereiten, fließt das Gespräch rascher, wird vergleichsweise spannungsarm, die einzelnen Ã"ußerungen sichern sich in ihrer Rationalität selbst, Konsensusbildung liegt nahe; immer dann aber, wenn

Wahrnehmungen, Vorstellungen, die der Text ausgelöst hat, in die Diskussion gebracht werden, wenn Ketten assoziativer Verknüpfungen, wenn ,Ergänzungs-Einfälle' und ,Wertungs-Reaktionen' geäußert werden, dann wird das Bedürfnis der anderen Teilnehmer spürbar, Vorbehalte zu errichten; wenn diese noch formuliert werden, erscheinen sie in Form von skeptischen, zweifelnden Rückfragen - oder einfach von Schweigen. Wo dieses noch einmal begründet wird, drückt sich dann die vage Furcht davor aus, das Kunstwerk, dessen 'Sinn" man doch für sich allein realisiert hat, zu 'zerreden".
      Es ist sehr schwierig, zu klären, daß hier eine Fehleinschätzung der Funktion des Leser-Gesprächs vorliegt: Wird es richtig verstanden, stellt das Gespräch die beim Lesen gemachte Erfahrung nicht infrage, sondern setzt sie fort, indem es sie ergänzt und bestätigend verfestigt. Gerade im Vergleich mit der Andersheit der Erfahrung unserer Gesprächspartner kann uns ja die Besonderheit unserer eigenen Anläufe der 'Sinnbildung" deutlich werden, können wir uns des Risikos des unaufhörlichen Prozesses unserer Identitätsbildung vergewissern.
      Die Tendenz im Leser-Gespräch, das Eingeständnis der subjekthaften Bedingtheit und Vergleichbarkeit der eigenen Lese-Erfahrung durch ein Verstummen zu vermeiden, möchte ich Flucht nach innen nennen.
      B) Die zweite charakteristische Tendenz in Gesprächen, die auf einen Vergleich von Lese-Erfahrung abzielen, hängt mit der Leistung der Konkretisierung des Text-Sinns zusammen, die wir beim Lesen erbringen. Deren Erörterung führt einen Schritt näher an die 'Versuchsanordnung" des Leser-Gesprächs über größere kulturhistorische Entfernungen heran.
      Sprechen wir über Lese-Erfahrung, kommt nicht nur unsere Subjekthaftigkeit als solche zur Sprache, sondern auch unsere Leser-Position in ihren Inhalten, unsere Individualität in ihrer sozio-historischen Bedingtheit. Gerade aus Anlaß von Lesen und dem Sprechen über das Lesen kann uns bewußt werden, daß wir auch Rollenträger sind: daß wir einer bestimmten Gesellschaft, Klasse, Bildungsschicht angehören, daß wir durch einen Kulturraum mit dessen Tradition geprägt sind, daß wir Bestandteile zahlloser Beziehungsmuster sind. Auch und gerade in den Prozeß des Lesens bringen wir uns mit allen Elementen unseres 'sozio-historischen Apriori" "ein. Diese Aktivierung unserer historischen Bedingtheiten wirkt in dem Gespräch über das Lesen nach.
      Wird dies erst einmal bewußt, bekommt das Leser-Gespräch gewöhnlich eine elliptische Form, wobei den einen Mittelpunkt der Text, den anderen der geschichtlich-soziale, vor allem der kulturhistorische, Hintergrund der Leser besetzt hält.
      Auffallend ist nun, daß die Teilnehmer an einem Gespräch über Lese-Erfahrung, zumal wenn sie sich Gesprächspartnern aus anderen Kulturkreisen gegenüber sehen, eine Bezugnahme oder gar Festlegung auf ihren gesellschaftlichen Hintergrund möglichst vermeiden. Eher verzichten sie auch dem Text gegenüber auf die Bestimmung von dessen 'kulturwissenschaftlichem Erkenntniswert"12, als daß sie sich selbst ihre eigene sozio-kulturelle Prägung eingestehen. Ein Beispiel: Im Gespräch über Dauthendeys Erzählung 'Den Abendschnee am Hirayama sehen" kam, von der Thematik des Textes evoziert, der Unterschied zwischen 'japanischer" und 'europäischer" Liebe und Geschlechterbeziehung zur Sprache. Das 'europäische" Liebesverständnis wird von der weiblichen Hauptfigur des Textes vorgetragen und ausgelebt, das 'japanische" von der männlichen Hauptfigur. Im Gespräch ergab sich nun aus Anlaß von Rückfragen der japanischen Teilnehmer an die europäischen und umgekehrt, daß ein ausgeprägter Widerwille dagegen bestand, das Verhalten der Text-Figuren als repräsentativ für den eigenen Kulturkreis anzuerkennen. Das erschien erstaunlich; denn der Text formuliert die Unterschiede sehr pointiert und nach dem Prinzip des Kontrasts; und außerdem war längst deutlich geworden, daß sich die Gesprächsteilnehmer entsprechend ihrer Herkunft in der Tat mit der jeweiligen Figur des Textes identifiziert hatten. Ja, solange das Gespräch sich auf eine Bewertung des r

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