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Kontextualisierung von literatur

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Distanz als Lese-Erleich terung



Liest man Literatur als Fremdliteratur, sind mit den hermeneutischen Voraussetzungen auch die Lese-Erwartungen verändert: Nicht nur bei der Verknüpfung des Gelesenen mit eigener Lebenserfahrung, sondern auch bei der Realisierung des "ästhetischen Wertes" insgesamt ist man zu größerem Risiko bereit; man erwartet weniger Bestätigung, dafür mehr Überraschung; Nichtverstehen löst weniger Irritation aus, eher Neugier - und wenn wir hart betroffen sind von der "Fremde", empfinden wir allenfalls Bestürzung darüber, daß Menschlichkeit sich so verschiedener Gestalt bedienen kann. So erhält der Text, was seine potentielle "Andersheit" angeht, eine größere Vorgabe. Wir sind bereit, weitere Lese-Wege zu gehen, ehe wir auf "Verstehen" zu insistieren beginnen. Auch wenn es befremdlich klingt: Der "fremde" Text hat - möglicherweise-, gerade dadurch, daß wir uns seiner kulturhistorischen Fremde bewußt sind, eine größere Chance, uns zu,bewegen'.
      Andererseits werden die eigenen Voraussetzungen des Lesens, die "Vorurteile" des Lesers, unbefangener ins Spiel gebracht: Was wir bei einem "befremdlichen" Text eigener Kultur-Tradition als Infragestellung unserer gesamten sprachlich-ästhetischen Kompetenz erfahren und damit als Gefährdung unseres Selbst, das nehmen wir bei einem Text kulturhistorisch gesicherter Fremde als Abgrenzung oder gar als "Ergänzung". Wir sind gelassener uns selbst gegenüber, wenn die Inkompetenz, die wir dem Text gegenüber an uns erleben, ,nur' eine des Vorwissens, der Vorbildung, der kulturellen "Programmierung" ist. Darin räumen wir leicht eine Schwäche ein; und selbst ein "Versagen" hier, ein Aufgeben der Lektüre in vollem Eingeständnis der Ratlosigkeit, hinterläßt kein schlechtes Gewissen. Da die in Anschaulichkeit gesicherte Kategorie der zeitlich-räumlichen Ferne uns kulturelle Unterschiede, ja Unvereinbarkeiten ohne Schuld und Angst erleben läßt, bringen wir einem fremdkulturellen Text gegenüber die verschiedenen Dimensionen unserer Subjektivität vertrauensvoller, offener ins Spiel. Gerade dadurch, daß die Mög-lichkeit des Mißverstehens hochgradig bewußt ist, sind - ganz unabhängig davon, wie erfolgreich der individuelle Lese-Vorgang verläuft - besonders günstige Bedingungen dafür gegeben, daß das Lesen eines fiktional-literari-schen Textes zu einem Akt exemplarischer Erfahrungsbildung wird.
      Unter solchen Prämissen wäre eigentlich zu erwarten, daß z.B. die Auslandsgermanistik, zumal die europaferner Kulturen, zu interessanten, die Inlandsgermanistik ergänzenden oder gar infragestellenden Lese-Erfahrungen und Deutungs-Ergebnissen kommen könne. Voraussetzung dafür wäre freilich, daß sie die Möglichkeiten, die ihre hermeneutische Ausgangslage bietet, auszuschöpfen wagte. Aber offenbar spielt hier der Druck der germanistischen Deutungstradition und ein Textverständnis, das mit der positiven ,Ausdeutbarkeit' des literarisch-fiktionalen Textes rechnet, eine so große Rolle, daß Deutungen, denen abweichende' Lese-Erfahrungen zugrunde liegen, gar nicht erst formuliert werden. Es mag auch sein, daß aus Furcht vor Mißdeutungen im Bereich der Semiotik, insbesondere der Idiomatik und Metaphorik, oder vor Formfehlern im Bereich der .Methode' auch die Deutungsvarianten, die sich aus der anderen Deutungsposition kulturhistorischer Ferne ergeben, nicht als solche begriffen und zugelassen, sondern abgeblockt werden.
      Worin im Einzelfall sich die Lese-Erfahrung von Leser-Subjekt zu Leser-Subjekt unterscheidet, ist nicht systematisch deduzierbar. So lassen sich auch die Unterschiede in der Lese-Erfahrung, wie sie sich zwischen einem Eigenkultur-Leser und einem Fremdkultur-Leser bei der Reaktion auf ein und denselben Text ergeben, nicht theoretisch formulieren. Die Bedingungen freilich, unter denen Lese-Erfahrung überhaupt erst vergleichbar wird, sind unter allgemeinen hermeneutischen Erwägungen zu reflektieren und einzurichten. Die Unterschiede dann, die sich in der Bildung von Lese-Erfahrung im Einzelnen ergeben, sind nur empirisch belegbar. Daher knüpfen auch in den folgenden Darlegungen hermeneutisch-systematisch Argumentreihen und empirische Fallberichte aneinander an: sie ergänzen sich so, wie die theoretisch ermittelte Versuchsanordnung durch das kontin-gente Element des Experiments ergänzt wird.
     

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