Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Kontextualisierung von literatur

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Die hier vorgestellten Gesprächsausschnitte ergaben sich im Rahmen eines Studiums 'Deutsch als Fremdsprache"; da Fremdsprachenlernen und Fremdliteraturlesen vielfältig miteinander verknüpft sind, sollte eine Reflexion der besonderen Bedingungen der Fremdsprachen-Lektüre zur Ausbildung eines Fremdsprachenlehrers dazugehören.

     
   Wie anfangs festgestellt, sind Unterschiede in der Lese-Erfahrung zwischen verschiedenen Lesern nur 'von Fall zu Fall", also empirisch nachweisbar. Bei dem Aufsuchen dieser Unterschiede kommt es nicht so sehr darauf an, ihr Zustandekommen aus den verschiedenen hermeneutischen Voraussetzungen kausal abzuleiten, also zu rekonstruieren, warum dieser Leser gerade so und nicht anders auf den Text reagiert hat; vielmehr kommt es darauf an, die Unterschiede als solche manifest zu machen.
      Um überhaupt Gesprächsäußerungen zu ermöglichen, die einen Unterschied in der Rezeption manifest machen, ist auch gegenüber dem einzelnen Text eine beträchtliche Vorarbeit zu leisten. Diese besteht vor allem in der Gewinnung eines umschriebenen Gesprächsgegenstands. Dabei, in der
Sichtung der wissenschaftlichen Literatur zu dem Autor und dem besonderen Text, muß sicherlich der Kursleiter die Hauptarbeit übernehmen. Denn es kommt ja nicht nur darauf an, daß der Text, wie oben vorgeschlagen, unter einem bestimmten Aspekt neben anderen Texten diskutiert werden kann, sondern es muß auch innerhalb des einzelnen Textes selbst eine Orientierung stattfinden, die bestimmte 'kritische" Stellen, sozusagen mögliche 'Wahrscheinlichkeitsdefizite" aufsuchen hilft; erst diese können dann den Gesprächsteilnehmern Anlaß zu Rückfragen an den Text und zugleich an sich selbst werden.
      4.1 Zur Lektüre von Franz Kafka: Das Urteil
Dem Gespräch über den Text, das auf Unterschiede in der Lese-Erfahrung bzw. in der Deutung abzielte, gingen zwei vorbereitende Arbeitsphasen voraus: ein Referat eines Seminarteilnehmers, das die Umstände der Entstehung des Textes erhellte, insbesondere auf die Zusammenhänge zwischen Autoren-Leben und Text-Motiven einging; ein Orientierungsgespräch, das bei dem Leitaspekt einsetzte, unter dem diese ganze Lektüre-Sequenz stand, und das zu den Problemstellen hinführte, die dann Anlaß zu Gruppengesprächen werden konnten. Folgende textliche Merkmale wurden als Leser-Konsensus aller am Gespräch Beteiligten vorausgesetzt:
Die Hauptfigur Georg Bendemann ist zugleich Aspektfigur. Seine Gegenfigur ist der 'Vater". Sie begegnen sich in einem erst verdeckten, dann offen ausbrechenden und sich zuspitzenden Konflikt. Da wir als Leser primär an der Innerlichkeit der Aspektfigur beteiligt werden, probieren wir den Standpunkt Georgs vom Beginn der Lektüre an als den wahrscheinlichen'; wir lassen uns auf eine - partielle - Identifikation mit ihm ein, gleichsam in Ermangelung besserer Einsicht und Kenntnis. Eine bedingungslose, sym-pathiebegleitete Identifikation wird durch Unklarheiten, Ungereimtheiten in der Erlebnisweise Georgs verhindert23: Was hat es mit dem 'Freund" in Petersburg bzw. der 'Freundschaft" Georgs ihm gegenüber auf sich? Was für eine Rolle spielt die 'Verlobte"? Dieses Potential an Zweifel Georg gegenüber tragen wir in seine Begegnung mit dem 'Vater" hinein. Zuerst freilich wirkt die inzwischen eingespielte Identifikation mit der

Aspektfigur, über die wir 'mehr wissen", nach: die Meinungsverschiedenheiten zwischen 'Vater" und 'Sohn" erscheinen uns als nach der Seite des 'Sohnes" hin besser auflösbar. Insofern erscheint der 'Vater" als der -nicht nur in seiner Altershinfälligkeit - Unterlegene. Diese Text-Sicht kippt auf dem Höhepunkt der Text-Aktion um: dort, wo der 'Vater" die 'Decke zurückstößt", die der 'Sohn" über ihn gebreitet hat, und plötzlich 'aufrecht" dasteht. Und noch durch ein anderes wirkästhetisch bedeutungsvollen Textmerkmal ist diese Stelle als Umschlagstelle markiert: Standen bisher die 'Deutungen" von 'Sohn" und 'Vater" als für den Leser nachprüfbar da , so wird jetzt eine Handlung Georgs in sich zweideutig: die semantische Ambivalenz von 'zudecken" , teilt sich uns als 'objektiver Sprachverhalt" mit. Von hier an erscheint die Annahme einer aggressiven Egozentrik und einer nur vorgetäuschten Sohnesliebe nun wirklich möglich. Der weitere Verlauf der Handlung stellt dann eine laufende Aufwertung der Wahrscheinlichkeit' der Sicht des Vaters dar. Der Wahrscheinlichkeitsschwerpunkt wandert gleichsam von Georg als Aspektfigur zu der Gegenfigur des 'Vaters" hinüber. Die entscheidende Bestätigung der Wahrscheinlichkeit' der Position des 'Vaters" ergibt sich aus der erzählten Tatsache, daß der Sohn das vom Vater über ihn gesprochene Urteil tatsächlich an sich selbst vollstreckt. Freilich ist die Ãoberlegenheit des 'Vaters" nur eine der größeren ,Macht', insofern es ihm gelingt, den Sohn dem Urteil zu unterwerfen. Er bricht mit diesem 'Urteil" seine Vater-Rolle ebenso wie der 'Sohn" schon vorher seine Sohnes-Rolle gebrochen hat . Daher erscheint das Verhältnis 'Vater-Sohn" vom Schluß her wieder ausgeglichen, wieder in die prekäre Balance der Unentscheidbarkeit der Konfliktlage gerückt, in die Unauf-hellbarkeit zurückgenommen. Hier liegt die Hermetik des Textes am dichtesten geballt. Von hier aus war also den möglichen Unterschieden in der Reaktion der verschiedenen Gesprächsteilnehmer auf den Text nachzufragen. Folgende Fragestellung wurde zur Aufdeckung der Vieldeutigkeit des 'Va-ter-Sohn"-Verhältnisses gewählt: 'Was gibt dem Urteil des ,Vaters' über Georg seine Tödlichkeit?"
Da absehbar war, daß bei den Reaktionen auf die vorgegebene Frage solche Unterschiede evident werden würden, die sich erst in ihrer Herleitung aus kulturellen Großräumen verdeutlichen, wurden nur zwei Gruppengebildet: eine aus 'europäischen" und eine aus 'nicht-europäischen" Teilnehmern bestehende; die erste hatte dabei die Funktion einer 'Kontrollgruppe".
      A) Die 'europäische" Gruppe ließ ihre Ergebnisse durch den Sprecher pauschal referieren. Was die Arbeitsatmosphäre angeht, wurde ausdrücklich eine 'anfängliche Ratlosigkeit" betont. Inhaltlich lautete die Stellungnahme der Gruppe folgendermaßen: 'Die Kraft des Urteils des Vaters liegt nicht nur in Georg selbst begründet, sondern enthält eine transzendentale Komponente. Insofern ist der Selbstmord Georgs eine Folge der Persönlichkeit des Vaters, die eine unbegreifliche Autorität besitzt." - Ãober die Art dieser Autorität konnte sich die Gruppe nicht einig werden. Einig wurde man sich dagegen , darin, daß das Urteil 'menschlich unbegreiflich" sei, da es Unbarmherzigkeit, ja Rachsucht und Grausamkeit zeige.
      B) Die 'nicht-europäischen" Teilnehmer legten Wert darauf, die einzelnen Ã"ußerungen, wie sie der Herkunft der Teilnehmer aus verschiedenen Ländern entsprachen, getrennt zu referieren. Die Stellungnahmen lauteten:aA) Algerien: Nach der anfänglichen Identifikation mit der Erfahrung des 'Sohnes" sei im Lektüre- Verlauf eine zunehmende Bejahung der Berechtigung des Urteils erlebt worden. Das Urteil sei zwar als 'überraschend" empfunden, aber dann 'doch schnell angenommen" worden.bB) Indien: Der Selbstmord sei als ein 'Akt des Gehorsams und des Respekts dem Vater gegenüber" erlebt worden. Die 'Bejahung des Vaters" gründe sich darauf, daß der Vater 'ein Mehr an Erfahrung gesammelt habe".cC) China: Der 'Tod des Sohnes" sei zwar innerhalb der Fiktion der Erzählung ein 'Faktum", aber was seine 'mögliche Interpretation" angehe, sei er als 'nur symbolisch" zu verstehen. -Vermeidung willen, wurde dem 'Tod des Sohnes infolge der Verurteilung durch den Vater" der Status einer Metapher zweiten Grades, einer Fiktion in der Fiktion aufgeladen.)dD) Japan: Der Tod Georgs, gerade in seiner Form als Selbstmord, sei als ein 'Akt der Versöhnung" verstanden worden. Der Vater spiele offensichtlich die Rolle des ' Vermittlers" hin zum Ursprung 'des Ganzen". Dieses sei als 'Natur" bzw. als 'Gottheit" zu begreifen. Das Wasser des Flusses sei beim Lesen als 'Element der Wiedergeburt" empfunden worden.

Es war mehr von gruppendynamischer als von erkenntnisstiftender Bedeutung, daß die verschiedenen Positionen der Teilnehmer aus den verschiedenen Kulturkreisen noch ein Stück weit erläutert wurden. Immerhin deuteten sich die Grundlagen verschiedener Familienstrukturen, verschiedener Bilder der ' Vater"-Rolle, verschiedener Bewertungen der 'Autorität kraft Erfahrung", verschiedener Konzepte von menschlicher Individualität, zumal im Verhältnis des Einzelnen zum gesellschaftlichen Ganzen, und von der Bedeutung des Todes, insbesondere des Selbstmords, für den Einzelnen an. Es hätte die Möglichkeiten des Seminargesprächs überstiegen, diese Ergebnisse systematisch mit den fundamentalen Annahmen des Islam, des Hinduismus, des Konfuzianismus und des Zen-Buddhismus zu verknüpfen.
      4.2 Zur Lektüre von Bertolt Brecht: Die unwürdige Greisin

   Der Brecht-Text wurde unmittelbar nach dem Kafka-Text zur Diskussion gestellt. Das Seminargespräch verlief hier ganz anders. Der Gesprächsverlauf stellt in gewisser Weise die Probe aufs Exempel dafür dar, daß die Besonderheit des zu diskutierenden Textes nicht nur den individuellen Leseprozeß steuert, sondern auch die Möglichkeiten und Grenzen des Gesprächs über den Text festlegt. So ist zuallererst festzuhalten, daß sich aus Anlaß dieser Erzählung keinerlei Ã"ußerungen ergaben, die auf eine verschiedene Bewertung der Handlungsweise der 'Greisin" hätten schließen lassen - und das, obwohl, wenigstens auf den ersten Blick, solch abweichende Stellungnahmen gerade hier erwartbar schienen. Studenten müßten diese Zweifel angesichts der eigenen Realitätserfahrung zu Buche schlagen.) Gruppenarbeit in je einer 'muttersprachlichen" und einer 'nicht-muttersprachlichen" Gruppe ergab nur Unterschiede im methodischen Vorgehen: Während die erste Gruppe sich geradewegs den Bewertungen der sympathischen Figuren des Textes anschloß , stützte sich die zweite Gruppe auf Zitate, aus denen sie das 'Erzählerbewußtsein" glaubte ablesen zu können '[...] Sie nahm sie mit [...] zum Flickschuster, der sich übrigens als Sozialdemokrat herausgestellt hatte [...] Bei dem Flickschuster verkehrten offenbar lauterlustige Leute [...] während die anderen erzählten und über die würdigen Autoritäten der Stadt loszogen [...] Sie hatte die langen Jahre der Knechtschaft und die kurzen Jahre der Freiheit ausgekostet [...]" ). Auf das Angebot des Arbeitsauftrags, die textimmanente Bewertung zu übersteigen , wurde nicht eingegangen.
      So blieb nichts anderes übrig, als das Ausbleiben einer Eigenwertung selbst zum Gegenstand des Gesprächs zu machen. Dabei konnte auf die Ergebnisse des Gruppengesprächs zurückgegriffen werden.
      Es ergab sich, daß der Text eine charakteristische Struktur der Bewußt-seinsbildung hat, die uns die Möglichkeit einer Eigen- und Gegenwertung zunehmend einengt. Dieses Ergebnis wurde durch folgende Annahmen vorbereitet: Da die Informationen über die 'Großmutter" mehrere Stationen durchliefen , hätten wir als Leser keine andere Wahl, als uns der jeweils nach-und damit übergeordneten Wertung anzuschließen; die Darstellung des Gangs der Information schließe eine Charakterisierung und Bewertung der beteiligten Personen ein; der Abwertung des 'jammernden" 'Buchdruckers" entspreche eine Aufwertung der 'Großmutter", die, ohne sich zu rechtfertigen, das Ihre tue. Eine besondere Rolle spielte bei dieser Nachprüfung der Sympathiesteuerung der Schlußabsatz des Textes. Es ließ sich klären, daß hier ein Bruch der Erzählhaltung vorliegt: Unter Aufgabe des Prinzips der nur indirekten Wertung des Verhaltens der 'Greisin" wird hier eine Wertung des Erzählers direkt geliefert; es sieht so aus, als gebe der Erzähler die Rolle des 'Enkels", der im Text nur als Endpunkt der Informationskette figuriert, auf und äußere sich nun als 'überlegener Erwachsener", in dessen Bewußtsein die 'Großmutter" ihre endgültige Gestalt annehme . Diese direkte Ansage wurde denn auch von einem Teilnehmer gradewegs als 'Ã"rgernis" bezeichnet. Das legte die Frage nahe, warum denn dieser 'Ã"rger" in den Gruppengesprächen nicht artikuliert worden sei. Es ergab sich, daß der Ideologiebezug, der dem Text eingeschrieben ist, sich als allzu starkes Konsensus-Angebot auswirkte. Die 'Modernität" ) des von der Erzählung implizierten Welt- und Menschenbildes wurde von keinem Teilnehmer offen in Zweifel gezogen. Zweifel an der Wahrscheinlichkeit' des Erzählten, wie sie sich womöglich bei einem Seitenblick auf die Traditionen der eigenen Gesellschaft der Teilnehmer ergaben, gingen in das Gespräch nicht ein.
     
Die Internationalität des von Brecht vertretenen Menschen- und Gesellschaftsbildes, die Höhe seines Geltungsrangs wurden sichtbar.
      Vergleicht man die von diesem Text eröffneten Gesprächsbedingungen mit denen des Kafka-Textes, läßt sich folgendes zusammenfassen:
Kafkas motivische Polyvalenz, die Hermetik seiner Text-Welt, macht den Spielraum aus, der vom Leser zur Selbstformulierung genutzt werden kann; die Uneindeutigkeit des Textes wird kompensiert, ja überkompensiert durch die Determinierung, die der einzelne Leser seinem Textsinn in der dialogischen Auseinandersetzung des Gesprächs überstülpt; die Determinierung ergibt sich aus dem Bedürfnis, die je eigene Position von anderen abzusetzen; Voraussetzung für die Bildung solcher Leserpositionen ist freilich, daß der, in aller Vieldeutigkeit, angeschlagene motivische Grundton den Leser intensiv genug anspricht, um ihn zur Formulierung und Ã"ußerung seiner Lese-Erfahrung zu ermuntern. Diese Voraussetzung war offenbar in dem Motiv des 'übermächtigen Vaters" gegeben.
      Brechts Text schreibt die Lese-Ergebnisse im Sinne von Weltdeutung ungleich verbindlicher vor; die Bildung eines bestimmten End-Bewußt-seins wird prozeßhaft vorgeführt; das ,Wahrscheinlichkeitszentrum' wird gleichsam Schritt um Schritt auf eine Ziel-Position hinbewegt; diese ist als spontane, von Klassenzwängen freie Menschlichkeit bestimmt. Wollte der Leser sich diesem Trend' des Textes widersetzen, müßte er ihn insgesamt als irrelevant abweisen. In einem Gespräch über den Text würde das Offenlegen einer solchen Zurückweisung sehr weit gehendes und sehr grundsätzliches Argumentieren erfordern. Da die Ziel-Position, auf die der Text als Prozeß einer Bewußtseinsbildung zuläuft, einen ausgeprägten Ideologie-Bezug hat, müßte diese Ideologie selbst zum Diskussionsthema werden. Brechts dialektischer Materialismus war für die Teilnehmer offenbar selbst eine Art Autorität, die nicht in Zweifel gezogen werden konnte. Immerhin war so etwas wie 'Ã"rger" darüber vorhanden, daß der Text seine Autorität so 'überdeutlich", so autoritativ, vorträgt. Die Reaktion darauf: mangelnde Gesprächsbereitschaft.
      Offenbar waltet auch hierin eine Dialektik: Texte, die sehr explizit ihre eigene historisch-gesellschaftliche Positionierung betreiben, lösen bei ihren Lesern nicht unbedingt das Bedürfnis nach einer entsprechenden Stellungnahme aus; dagegen kann von stark hermetischen, in ihrer Beziehbarkeit uneindeutigen Texten gerade die Wirkung ausgehen, daß sie den Leser mit all seinen Energien der Selbstkonkretisierung auf den Plan rufen; auch eine Ã"ußerung der dem Text gegenüber gewonnenen Position liegt dann nahe.
      4.3 Zur Lektüre von Günter Eich: Inventur

   Die Meinungsverschiedenheit, die sich im Gespräch über den Eich-Text ergab, war die ausgeprägteste des ganzen Semesters. Irritierend dabei war, daß sie sich unmittelbar aus einer strukturalen Text-Beschreibung ergab, die bis dahin von einem gesicherten Konsens getragen war. Der plötzlich einsetzende Widerspruch gegen die Ergebnisse der deskriptiven Analyse, der bis zu einer Ablehnung des Gedichts als eines lohnenden Gesprächsgegenstands führte, wurde ausschließlich von einer Teilgruppe bestehend aus Teilnehmern griechischer Nationalität vorgetragen. Die Erklärung für diese Auffälligkeiten ergibt sich nur aus dem Gesprächsablauf selbst. Die strukturale Textbeschreibung hatte auf eine Klassifizierung dervonder'In-ventur" erfaßten 'Dinge" abgezielt. Der Umriß dieser Klassifizierung, die eine Zunahme an Komplexität ihrer Bedeutung für das sprechende Ich ergab, soll kurz angedeutet sein: Am Anfang werden die Dinge nur als 'im Besitz des Ichs befindlich" definiert; mit 'Beutel aus Leinen" kommt eine Qualitätsbestimmung dazu; danach wird nur ein Ding, die 'Konservendose" genannt; dieses wird in seiner Funktion für das Ich bestimmt ; der 'in das Weißblech" geritzte 'Name" scheint nicht nur rückwirkend den Besitz der Konservendose zu sichern, sondern dem Besitzer zugleich die Möglichkeit zur Selbstidentifizierung zu bieten; das nun gleichsam in seiner Selbstgewißheit gestärkte Ich setzt sich von den anderen ab, indem es seinen Besitz vor diesen verbirgt; es schafft sich damit Werte; dieses neu erworbene Vertrautsein mit sich selbst steigert sich zu einer Geheimnisbildung, die sprachlich nur angedeutet wird: 'einiges" bleibt unbestimmt; dieser Geheimnisraum dient dann als 'Kissen" für die Nacht ; hier ist das Mit-sich-allein-und-zufrieden-Sein zu einer ersten Abrundung gekommen: in beruhigter Identitätsgewißheit; aber erst danach ergibt sich der Höhepunkt: Das 'liebste" Ding wird genannt, und das ist das Werkzeug, das die Fixierung künstlerischer Einfälle ermöglicht, die Bleistiftmine; damit ist nun das Zentrum der Identitätsbildung auch inhaltlich bezeichnet; rückwirkend ist auch angedeutet, was das 'Geheimnis" war, mit dessen Hilfe das Ich sich seiner selbst vergewissert hat; am Schluß kehrt das Gedicht zur Aufzählung von nur 'besessenen" Dingen zurück; das 'Notizbuch" ist dabei die Anknüpfung an 'Schreiben"; dieses ist jetzt, am Schluß, als zentraler Akt der Selbstfindung bestimmt; das Ich ist inmitten seiner 'Dinge" gesichert.
      Diese Textbeschreibung war bis zum Ende unbestritten. Erst bei der Resümierung des Vorgehens und der Ergebnisse wurde plötzlich Wider-spruch geäußert. Er richtete sich gegen die Feststellung, die 'Inventur" setze bei den nur als Besitz bezeichneten Dingen ein und führe dann erst zu so etwas wie Identitätsbildung, die ihrerseits Voraussetzung werde für künstlerische Produktion. Die Großstruktur: Dingbewußtsein -> Besitzbewußtsein -* Selbstwertbewußtsein -> Identitätserfahrung im Akt künstlerischer Produktion, wurde nun zurückgewiesen, wobei lange unklar blieb, ob die Kritik der Textbeschreibung oder dem Text selbst galt. Kern des Protests war: Das widerspreche der Erfahrung, der Wirklichkeit, der 'Wahrheit"! Vielmehr sei es doch so, daß immer erst der 'Ãoberbau" des Ich, seine 'Ideen", gesichert sein müßten, ehe die 'äußeren" Dinge in den Blick kämen. Diesem zuerst von einer griechischen Teilnehmerin geäußerten Widerspruch schlössen sich die anderen Griechen an. Die übrigen Teilnehmer der Gesprächsrunde konnten mit dem Widerspruch nichts anfangen. Das Gespräch lief in die Irre.
      Erst die Rückfrage nach der offenbar unausgesprochenen primären Lese-Erfahrung der griechischen Teilnehmer, nach der Assoziation, die während des Lesens das Auf-sich-Beziehen des Textes ausgelöst hatte, lichteteden Nebel:
Die Teilnehmerin, die zuerst widersprochen hatte, erzählte und deutete eine Episode aus der jüngeren griechischen Geschichte, die ihr zu dem Gedicht von Günter Eich eingefallen war; sie hatte zu der 'Stunde Null" der deutschen Geschichte im Jahre 1945 eine Parallele in ihrer eigenen Nationalgeschichte entdeckt; diese 'Parallele" konnte erzählt werden:
In den Jahren 1920-24 wurden die in Kleinasien wohnenden Griechen durch die Türken vertrieben; völlig mittellos kamen sie in ihr Mutterland; sie konnten sich jetzt nur an ihren 'Ideen" orientieren; nur diese, ihre Gedanken etwa an ihre nationale Identität, gaben ihnen die Kraft, wieder den Erwerb von 'Besitztümern" zu beginnen. Resümee: 'Daher wissen wir , daß uns, wenn wir alles verloren haben, als Ansatz zu einer Neuorientierung nur unsere inneren Dinge, unsere Ideen von uns selbst, zur Verfügung stehen."
Diese Offenlegung eines 'Vor-Urteils" ermöglichte nun eine Unterscheidung, die einerseits das besprochene Gedicht mit seinem historischen Hintergrund, andererseits die hermeneutische Ausgangslage der griechischen Teilnehmer situieren half: Offenbar bestand die 'Stunde Null", die Situation der 'tabula rasa", wie sie ein deutscher Intellektueller im Jahre 1945 erlebte, gerade darin, daß der 'Ãoberbau", die 'Ideen", die bisher die nationale, die kulturelle und politische Identität gesichert hatten, durch das Dritte Reich vernichtet worden waren. Eine Bestandsaufnahme, eine neue Selbstfindung, konnte also gerade nicht 'oben" einsetzen, sondern mußtebei den 'einfachen", den nicht-zusammengesetzten Dingen, also 'unten" beginnen - bei den 'Dingen" mithin, zu denen das Ich sich als zu 'seinen" bekennen konnte. Andererseits: Den aus Kleinasien verjagten Griechen war ihre 'geistige" Identität in ihrer nationalen erhalten geblieben. Hier war kein Selbstverlust eingetreten. Im Gegenteil: Das Bewußtsein - wieder einmal - von einem 'barbarischen" Widersacher Unrecht zugefügt bekommen zu haben, dürfte das griechische nationale Selbstbewußtsein, das griechische 'Kulturbewußtsein" eher gestärkt haben. Die 'Inventur" konnte in diesem Fall tatsächlich bei dem festgehaltenen 'Ãoberlegenheitsbewußtsein" beginnen.
      Das Mißverständnis und seine allmähliche Aufhellung gewannen eine deutliche heuristische Funktion:
A) Den griechischen Teilnehmern wurde eine bestimmte Seite ihres nationalen Identitätsbegriffs klar. Da in ihrer Selbsteinschätzung offenbar die Vorstellung eine wichtige Rolle spielt, sie seien Grenzmacht Europas, Grenzhüter europäischen Geistes, wie er sich gerade in Griechenland in seinen frühesten Anfängen entwickelt hat, ist ein 'Abreißen" dieser Tradition des Selbstverständnisses nicht vorstellbar. Die Darstellung eines solchen Traditionsbruchs, auch in einem fremden Kontext, wird als 'unwahrscheinlich", ja als 'falsch" zurückgewiesen.
      B) Den deutschen Teilnehmern wurde bewußt, daß die im Gedicht thematisierte 'Inventur" einen Geschichtsmoment darstellt, der seinesgleichen sucht: Kaum ein 'Volk" war wohl jemals zu einer so abrupten Demaskierung genötigt, zur so vollständigen Infragestellung von Traditionen des eigenen ' Ãoberbaues" gezwungen wie die Deutschen in jenen Jahren nach dem Ende des Dritten Reiches.
      Sowohl für die muttersprachlichen wie die nicht-muttersprachlichen Gesprächsteilnehmer ergab sich, daß sie bei der Lektüre das Differenzierungsvermögen des Textes offenbar unterschätzt hatten.
     

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