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Intertextualität



Intertextualität bezeichnet den Umstand, dass ein literarischer Text an Vorläufertexte anknüpft und sich im Austausch mit anderen Texten befindet.
      Man unterscheidet ein enges von einem weiten Verständnis der Intertextualität. Die enge Version hält an der traditionellen Auffassung von «Autor» und «Werk» fest. Ihr Interesse richtet sich vor allem auf die Relationen, die den manifesten Text, den man in der Hand hat, mit dessen Prätext verbinden. Es geht ihr um die Art der Präsenz eines anderen Textes in der Form des direkten Zitats oder der Anspielung, der Parodie oder des Plagiats im manifesten Text. Sie hält sich dabei vorwiegend an die «Markierungen» des Fremdtextes, auf den durch Anführungszeichen, Kursivdruck oder Namensnennung hingewiesen wird. Schwieriger ist es bei Anspielungen, Wege zu den «anderen Stimmen» zu finden.
      Dieser Schwierigkeit ist das weite Konzept der Intertextualität in noch erheblich höherem Maß ausgesetzt. Das Konzept wurde u. a. im Anschluss an den russischen Literaturtheoretiker Michail Bachtin entwickelt, der in jedem Text eine Interaktion verschiedener Diskurse wahrnahm: «Zwischen Wort und Gegenstand, zwischen Wort und sprechender Person liegt die elastische und meist schwer zu durchdringende Sphäre der anderen, fremden Wörter zu demselben Gegenstand, zum gleichen Thema» . Bachtin entdeckte im Roman die «Vielfalt sozialer Stimmen».
      Im Anschluss an Bachtin bezeichnete die bulgarische Literaturwis-senschaftlerin Julia Kristeva Intertextualität als das Merkmal aller literarischen Texte: «Jeder Text baut sich als Mosaik von Zitaten auf, jeder Text ist Absorption und Transformation eines anderen Textes.» An die Stelle des Begriffs Intersubjektivität tritt der Begriff «Intertextualität» . Kristeva bettet die literarischen Texte in den allgemeinen «Text der Kultur», sodass auch andere Zeichensysteme wie Graphiken, Filme, Architekturen und Landschaften zum intertextuellen Netz gehören .
      Aufgrund der Kritik an der «Vagheit» des weiten Konzepts hat man vorgeschlagen, Einzelreferenzen von Systemreferenzen zu unterscheiden. Wenn es in Bertolt Brechts Großem Dankchoral aus der Hauspostille heißt: «Lobet die Finsternis, die Kälte und das Verderben / Schauet hinan es kommet nicht auf euch an / und ihr könnt unbesorgt sterben», so spielt dieser Text auf den Choral Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren von Joachim Neander aus dem Jahr 1679 an. Brecht behält die Melodie des Kirchenlieds bei, dreht aber die Elemente des Gotteslobs um. Sein Gedicht bezieht sich auf den frommen Text von Neander und richtet sich unter Ausnutzung der aus der Kirche vertrauten Melodie gegen die Werte, die in der Gattung des Kirchenlieds gefeiert werden. Man nennt diese Form der Intertextualität auch Kontrafaktur.
      Das weite Konzept kann nicht leicht als Instrument der Literaturanalyse verwendet werden. 1999 erschien ein Buch, das kühn und gelehrt Möglichkeiten des Verfahrens der Intertextualität vorführt: Klaus The-weleits Buch . Arno Schmidt. Seelandschaft mit Pocahontas. Die Sexualität schreiben nach WW IL

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