Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Kontextualisierung von literatur

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Die spezifischen Arbeitsbedingungen der ausländischen Germanistik



Als ich in den Arbeitsunterlagen dieser Tagung den Titel meines eigenen Referates im Druck wiedersah, erschien mir das Wort "Transportierbarkeit" harscher als es mir bei der Abfassung des Referates erschienen war. Mir wurde deutlich, daß ich bei der Formulierung des Titels so etwas wie Aggression empfunden hatte. Dem bin ich, wenn sich zwischen den Ausführungen meiner Vorredner Gelegenheit dazu gab, reflektierend nachgegangen. Meine Aggression, so finde ich, verteilt sich ziemlich gleichmäßig auf Auto-Aggression und Fremd-Aggression. Einerseits erfahre ich immer wieder, wie meine eigenen Bemühungen, Literatur interkulturell zu vermitteln und die Bedingungen dieser Vermittlung theoretisch zu fassen, in Ansätzen steckenbleiben; andererseits empfinde ich Irritation und Ärger, wenn es mir so vorkommt, als geschehe die Vermittlung von Literatur-zumal über besonders große Distanz hinweg - allzu rasch, bedenkenlos und sozusagen ohne Transportschwierigkeiten. Ich ärgere mich, weil die wichtigste Wirkkraft einer fernen Literatur, nämlich ihre Befremdungskraft, auf diese Weise überspielt wird.
      Ich möchte meine Ausführungen zur Sache damit beginnen, daß ich mir und Ihnen die besonderen Arbeitsbedingungen der ausländischen Germanistik, die sie von der Inlandsgermanistik verschieden sein lassen, veranschaulichend vor Augen rücke. Diese Bedingungen lasse sich auf zweierlei Weise beschreiben: in ihrer pragmatischen, in ihrer hermeneutischen Relevanz. Ich beginne mit der Beschreibung in pragmatischer Hinsicht. Ich liefere dazu jeweils Stichpunkte, die ich kurz erläutere.
      A) Einbettung in nicht-deutsche Bildungsinstitutionen Die Beschäftigung mit deutscher Sprache, Literatur und Kultur allgemein geschieht nicht in Einrückung in ein selbstverständliches und gesichertes Bildungskontinuum. Während die entsprechenden Elemente eigener Kul-tur, bei aller Bereitschaft zur Variation, zum Kulturwandel, doch als unvermeidlich affirmiert werden, behält die Beschäftigung mit Fremdkultur etwas Sekundäres: Fremdes wird in Erweiterung, Ergänzung, Kontrastierung des Eigenen übernommen. Es wird von der Position des Eigenen aus übernommen, es dient der Erweiterung der eigenen Welt: Der Zugriff auf Fremdkultur geschieht gleichsam den Bedürfnissen der Eigenkultur folgend. Art und Ausmaß der Übernahme in den Vermittlungsbetrieb der eigenen Bildungsinstitutionen geschieht, verglichen mit der Eigentradition, in viel höherem Made funktional - und das heißt: selektiv]
B) Entfaltung innerhalb einer fremdsprachlichen Kompetenz des Deutschen Wie das Merkmal der Traditionsfremde zu funktionalen Selektionsentscheidungen zwingt, so zwingt die Bedingung der Sprachfremde zu einem radikal-exemplarischen Umgang bei der Beschäftigung mit deutschen Sprachwerken. Weniger eine extensive als vielmehr eine intensive Beschäftigung mit Werken der Fremdkultur ist angezeigt.
      C) Entfaltung in - je verschiedener - Distanz zum deutschen Bildungsbetrieb Je größer die kulturräumliche Distanz zu Deutschland, desto schwieriger ist es, der deutschen Sprache in ihrer genuinen Verwendung zu begegnen; das muttersprachliche Sprechen des Deutschen wird seltener gehört; das Korpus der schriftlich zur Verfügung stehenden Texte verringert sich. Das hat Folgen insbesondere für den wissenschaftlichen Umgang mit deutscher Sprache und Kultur. Die Ferne zu den deutschen Bibliotheken und Museen bedeutet für die Auslandsgermanistik eine beträchtliche Arbeitserschwernis, ja sie zwingt letztlich auch in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Deutschen zu Selektionsentscheidungen.
D) Relative Abhängigkeit von dem gegenwärtigen Stand der poli-tischen Beziehungen zwischen dem betreffenden Ausland und Deutschland
Wie die Funktion des Deutschen im jeweiligen ausländischen Bildungsganzen von der Geschichte der kulturellen Beziehungen zwischen den Ländern gebildet wird, so speist sich die jeweilige aktuelle Beschäftigung mit dem Deutschen als einem Bildungsgegenstand aus den gegenwärtigen kulturellen Beziehungen zwischen den Ländern. Eine besondere Rolle spielen dabeidie Verbindungen der ausländischen Bildungsinstitutionen zu den entsprechenden deutschen Kontaktorganisationen: zum Goethe-Institut, zum Deutschen Akademischen Austauschdienst, zu Inter Nationes.
      E) Relative Distanz zur Aktualität kultureller Neuproduktion und Diskussion des Produzierten in Deutschland Zur Distanz auf das Deutsche als einen Sprachraum gehört auch die Distanz zum Ort deutschsprachiger literarischer Neuerscheinungen und deren Diskussion in Presse, Rundfunk und Wissenschaftsbetrieb. Hierbei spielt nicht nur die Zeitverzögerung eine Rolle, in der die Neuerscheinungen in das jeweilige Ausland gelangen. Eine wichtigere Bedeutung hat, so scheint es mir, die Entfernung als ein Gefühl des Nicht-unmittelbar-Betrof-fenseins. Literarische Primäräußerungen selbst, literaturkritische und literaturwissenschaftliche Äußerungen dazu, kulturbetriebliche Folgen davon und daraus resultierende, beziehungsweise darauf reagierende kulturpolitische Entscheidungen - zu all dem steht die Auslandsgermanistik in einer anderen, einer distanten Beziehung. Nicht nur, daß hier Ursachen und Abläufe des deutschen aktuellen Kulturbetriebes wenig einsichtig sind; die Art der Betroffenheit davon ist anders: all das ist eben nur Bildungsgegenstand und nicht zugleich auch eigene Lebenspraxis.
      Diese so pragmatisch beschriebenen Besonderheiten der Arbeitsbedingungen ausländischer Germanistik lassen sich sowohl positiv als auch negativ bewerten. Gesehen in einem negativen Sinn, wirken all diese Bedingungen als Handikap, als Verundeutlichung, als Arbeitserschwernis. Positiv gesehen, wirken sie als klärender Abstand, als Möglichkeit der Freiheit von Mode, als Chance zum Blick fürs Wesentliche. Beide Bewertungen sind im Dialog von Inlands- und Auslandsgermanisten im Schwange.
      Die besonderen Arbeitsbedingungen der Auslandsgermanistik lassen sich aber auch sichten nach ihrer hermeneutischen Relevanz. Dann treten andere, kulturhistorische und soziokulturelle Elemente in den Vordergrund.
      A) Spezifik der gesellschaftlichen Erwartungen dem Deutschen als Fremdsprache gegenüber In den Kulturen unserer europäischen Nachbarn ist das Deutsche eine Variante, eine Alternative innerhalb des umfassenden Rahmens europäischabendländischer Tradition. Die Gemeinsamkeit dieses Geschichtsraumes ermöglicht, wenn auch in begrenztem Maße, Analogiebildungen zwischen der eigenen und der deutschen Kultur, insbesondere der Literaturge-schichte. Diese hermeneutische Vorgabe ist die Voraussetzung dafür, daßes bei der Auseinandersetzung mit dem Deutschen zu sehr detaillierten Unterscheidungen im Sinne eines Kulturvergleichs kommen kann. Betrachtet man zum Beispiel die Auseinandersetzung der französischen Kultur mit der deutschen und umgekehrt in ihrer ganzen historischen Dimension, dann wird deutlich, daß diese beiden Nationen sich gegenseitig als Ur-Gegenbilder bei ihrer kulturalen Identitätsbildung dienen mußten. Unter den Leitbegriffen des Romanischen und Germanischen, des Geisthaften einerseits, des Gemütshaften andererseits, des Sozialen gegenüber dem Individualbetonten, haben sich französische und deutsche Kultur unermüdlich aneinander abgearbeitet. Kaum eine Dimension sozial-psychologischer Stereotypenbildung, die dabei nicht in Dienst gestellt wurde. Allein die beiden Bücher, Madame de Staels "Über Deutschland" und die Erwiderung Heines darauf, zeigen, wozu Nationen als kulturale Entitäten im Prozeß ihrer Identitätsbildung ihre jeweiligen Nachbarn brauchen können. -Eine interessante Funktion hat das Deutsche im Laufe der letzten Jahrzehnte im Mittleren Osten zugeteilt bekommen. Hier spielt es die Rolle der nichtenglischen europäischen Fremdsprache. Während das Englische selbst, die zweifellos dominante europäische Fremdsprache, unweigerlich eine ambivalente Wertung erfährt, wirkt das Deutsche dort als relativ neue, unbelastete Sprache. Denn: Englisch ist, zum Beispiel in Indien, zugleich der Zugang zu Weltbildung und Weltfortschritt und Sprache der ehemaligen Kolonialherren. Diese Koppelung ist für jeden gebildeten Inder ein potentielles Identitätsproblem. Da wir Deutschen weniger mit dem Odium ehemaliger Kolonisatoren behaftet sind , kann unsere Sprache in den ehemaligen Kolonien unserer europäischen Nachbarn eine bemerkenswerte Funktion übernehmen: sie dient gelegentlich als Hebammensprache für außereuropäische Eigenkultur und wird gelegentlich mit nationalistischen und das heißt antieuropäischen, genauer antienglischen Tendenzen in Verbindung gebracht. - In einem Lande schließlich mit einer so eigenartigen Bildungsgeschichte, wie Japan sie hat, übernimmt das Deutsche scharf definierte Spezialfunktionen. Es ist, schon seit den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts, die Sprache der Philosophie und die Sprache der Medizin. Daß ausgerechnet das Deutsche an japanischen Krankenbetten gesprochen wird, das es sozusagen als Latein des Fernen Ostens fungiert und die Kommunikationslücke zwischen Laien und Ärzten aufrechterhalten hilft, hat mit zwei prominenten deutschen Ärzten zu tun. Engelbert Kaemp-fer und Franz von Sieboldt haben als Ärzte auf der holländischen Faktorei Deshima, vor Nagasaki auf Kyushu gelegen, erste Kontakte zwischen europäischer Medizin und Japan vermittelt. Besonders Sieboldt, der die Ehrehatte, eine ganze Reihe von Jahren auf dem japanischen Festland zu verbringen, obgleich dies Europäern eigentlich verboten war, spielt in der japanischen Medizingeschichte eine bedeutende Rolle. Unter anderem auch diesen geschichtlichen Zufälligkeiten ist es zu danken, daß Deutschlehren und -lernen noch heute in Japan so eine große Rolle spielt und daß der japanische Germanistenverband zu den größten der Welt zählt.
      B) Spezifik der Vermittlungsbedingungen
Sehr eng mit dieser Funktionalisierung des Deutschen in der Gesellschaft des jeweiligen Auslands hängt die Frage zusammen, im Rahmen welcher Bildungsinstitutionen das Deutsche als Fremdsprache gelehrt werden kann. Es ist leicht einsehbar, daß die jeweilige Auslandsgermanistik dann eine unvergleichlich breitere Basis besitzt, wenn das Deutsche auch an den höheren Schulen und nicht nur an der Universität gelehrt wird. Denn in diesem Fall gibt die Ausbildung der künftigen Deutschlehrer dem Fach Deutsch an der Universität einen beträchtlich breiteren Raum und eine größere Dynamik. Betonen möchte ich an dieser Stelle folgendes: Abgesehen davon, daß die Ausbildung von Deutschlehrern für die höheren Lehranstalten diesem Fach eine bildungspraktische Legitimation gibt, erzwingt die Auseinandersetzung mit Problemen der Didaktisierbarkeit unserer Sprache und Literatur auch eine Auseinandersetzung mit Problemen einer fremdkulturellen Hermeneutik. Diese Probleme, so scheint mir, werden dann besonders fruchtbar diskutiert, wenn zugleich zwischen Lehrenden und Lernenden eine Generationsspanne zu überbrücken ist. Fragen binnenkultureller und interkultureller Traditionsvermittlung grenzen anein-der an. Kulturzeitliche und kulturräumliche Hermeneutik können als ein Problemzusammenhang begriffen werden.
      C) Spezifik der Lesebedingungen
Rezeption von Literatur ist an die Bedingungen des Lesens gebunden.' Das gilt auch für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Literatur. Dabei stelle ich mir einen wissenschaftlichen Leser', eine noch sehr wenig durchleuchtete und noch weniger durchschaute Spezies der Gattung Mensch, nicht als einen besonders engen, nämlich auf bewußtes Lesen beschränkten Leser vor, sondern als einen exemplarisch vielseitigen Leser. Zu dieser Vielseitigkeit gehört ganz sicher auch eine exemplarische Sensibilität gegenüber der eigenen das Lesen begleitenden Vorstellungsbildung und gegenüber den mit diesen Vorstellungen gekoppelten emotiven Regungen. Gerade in dieser Schicht des Lesens als einer speziellen Form der Erfahrungsbildung werden die je kulturspezifischen Lesebedingungen, die ichhier im Auge habe, wirksam. Dazu zähle ich: die Besonderheiten der jeweils eigenen Religions- und Philosophietradition, die Besonderheiten des jeweils eigenen Klimas, die Besonderheiten dessen, was man Naturraum nennt, mit seinen Folgen für die primären Vorstellungsbildungen im einzelnen Individuum; außerdem: die Besonderheiten der jeweiligen Sprachstruktur, die Besonderheiten des jeweiligen Verhältnisses zur eigenen Tradition überhaupt.
Es liegt auf der Hand, daß die so beschriebenen hermeneutisch relevanten Arbeitsbedingungen der Auslandsgermanistik nicht innerhalb der Polarität positiv-negativ beschrieben werden können. In Hinblick auf diese Kategorien läßt sich nur feststellen, inwieweit sie gewußt und beachtet werden und inwieweit nicht.
     

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