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Beobachtungen und Vermutungen zur Praxis gegenwärtiger A uslandsgermanistik



Die Behinderung der Auslandsgermanistik durch die Distanz auf Deutschland ist, zumal in ihren Beiträgen zur Forschung, unübersehbar. Folgende Strategien des Umgangs mit der Distanz als Handikap zeichnen sich ab:
A) Offenbar in Reaktion auf die Schwierigkeit der Beschaffung von Quellenmaterial und Sekundärliteratur ziehen sich viele Forschungsbeiträge ausländischer Wissenschaftler auf Randbereiche deutscher Philologie zurück. Aufgearbeitet werden solche ,Nischen' des Forschungsfeldes, die aus einem gut überschaubaren, gut abgegrenzten Korpus von Primärtexten bestehen und vergleichsweise wenig Sekundärliteratur auf sich gezogen haben. Der Intensität der Auseinandersetzung mit einer begrenzten Textmasse wird der Vorzug gegeben gegenüber einer extensiven Beschäftigung mit großen Stoffbereichen. So stellt etwa die deutsche Literatur des Mittelalters ein abgeschlossenes und gut überschaubares Korpus dar. Und ein bemerkenswertes Beispiel für einen in seiner Begrenztheit und Spezifik wertvollen Beitrag zur Lexikographie des deutschen Mittelalters stellt die Arbeit von K. Kamihara über die un-Verben im Mittelhochdeutschen dar. Innerhalb der gleichen Tendenz der Spezialisierung und Intensivierung der Forschung scheint es mir zu liegen, wenn von Wissenschaftlern im Ausland entweder weniger beachtete Textebekannter Autoren oder aber die Werke von insgesamt weniger beachteten Autoren in das Zentrum ihrer forscherischen Tätigkeit gerückt werden. So findet sich in einer japanischen germanistischen Zeitschrift des Jahrgangs 1982 unmittelbar neben einem Artikel über Gottfried Kellers 'Spiegel, das Kätzchen" ein Artikel über Wilhelm Buschs Gedichtband 'Kritik des Herzens".
      B) In einem auf den ersten Blick erstaunlichen Kontrast dazu steht die Tendenz, besonders weit und breit aufgearbeitete Bereiche der deutschen Philologie noch einmal zu behandeln. So gehören etwa Goethe und Thomas Mann zu den beliebtesten Forschungsthemen in Japan. Sieht man näher zu, so ergibt sich, daß hier gerade das Bewußtsein, einen sowohl extensiv als auch intensiv behandelten Themenbereich anzugehen, einen wissenschaftlichen Freiraum eröffnet. Hier ermöglicht der mehr oder minder pauschale Hinweis auf die Masse und Allseitigkeit der vorliegenden Sekundärliteratur die Beschränkung auf betont ,subjektive' Beiträge. Solche Abhandlungen haben dann Ãoberschriften, die etwa mit der Wendung 'Anmerkungen zu ..." oder 'Bemerkungen zu..." oder 'Gedanken über..." eröffnet werden. In solchen Arbeiten deutet sich gelegentlich ein spezifisch japanisches Interesse an deutschen literarischen Klassikern an. Hier werden gelegentlich Tendenzen sichtbar, die besondere, gegenüber Deutschland verfremdete Rezeptionsbedingung einzurechnen. Hier läge die Möglichkeit, das je besondere Rezeptionsinteresse als Objektivität zu begreifen und es in seiner kulturhistorischen, kulturräumlichen Bedingtheit zu entfalten. Aber eben dieser Schritt, so will mir scheinen, wird sorgfältig vermieden. Vielmehr geschieht das Eingeständnis der besonderen eigenen Rezeption mit schlechtem Forschergewissen, ja gleichsam hinter vorgehaltener

Hand.
      C) Die Vorsicht, das heißt die Rücksicht auf die Inlandsgermanistik, von der große Teile der ausländischen Philologie des Deutschen beherrscht zu sein scheinen, dürfte auch Ursache für eine bestimmte Methodenpräferenz sein. So beschäftigen sich viele Beiträge der Auslandsgermanistik mit einem ganz bestimmten Ausschnitt innerhalb des Funktionsganzen .Gesellschaft und Literatur'. Ich meine den Ausschnitt, der als Gegenstand der 'Produktionsästhetik gilt und als Bedingungen für das Entstehen literarischer Texte' bezeichnet werden kann. An dieser Nahtstelle zwischen Soziologie und Literaturwissenschaft erschließt sich ein relativ lockerer Methodenrahmen und eine verhältnismäßig unspezifische Begrifflichkeit. Hier, an der Stelle, wo biographisch faßbare Pragmatik in Literatur erst überzugehen beginnt, können Argumente und Einsichten formuliert werden, die einen beträchtlichen interkulturellen Wahrscheinlichkeitsgrad haben. Be-merkenswert erscheint mir die Abstinenz von strikt textimmanenten Untersuchungen, die im Semantischen und Metaphorischen von einer 'Interpretation der feinen Nuancen" leben. Eben diese Kompetenz wird ausdrücklich den muttersprachlichen Lesern und Wissenschaftlern vorbehalten.
      Die Probleme des Verstehens über kulturhistorische Distanzen hinweg, Probleme also der sogenannten Vorurteile, beziehungsweise des hermeneu-tischen Zirkels, werden abstrakt begriffen, aber sie werden nicht in ihren heuristischen Möglichkeiten aufgenommen. So gibt es in der japanischen Germanistik seit 1945 eine breite Beschäftigung mit den Klassikern des deutschen Mittelalters. Das Nibelungenlied, Hartmann, Gottfried, Wolfram und Walther sind mehrfach übersetzt, monographisch abgehandelt und in einer Vielzahl von Detailartikeln erörtert worden. Insgesamt lassen sich seit 1945 101 Ãobersetzungen , 7 Buchveröffentlichungen und ca. 300 Einzelabhandlungen zu den genannten Autoren zählen. Beliebtester Autor scheint Hartmann von Aue zu sein. Hier ist die Textgrundlage gesichert, hier findet sich eine vergleichsweise ,klare' Sprache. Wie aber steht es um Ãobersetzbarkeit und Verständnis von Begriffen wie zum Beispiel minne, muot, mute, demuot usf.? So betonte Keiji Akai in seinem kürzlich im japanologischen Institut der Universität München gehaltenen Referat, daß diese Begriffe nicht nur so gut wie unübersetzbar seien, er stellte darüber hinaus auch fest, daß jene 'Ambivalenz von Leben und Tod", wie sie sich in einigen mittelalterlichen Epen, zumal bei Hartmann von Aue, zeige, im Japanischen überhaupt nicht nachvollziehbar sei. Aber wie ist auf solche Schwierigkeiten zu reagieren? Kann ein japanischer Wissenschaftler eine Interpretation im Sinne deutscher geisteswissenschaftlicher Traditionen versuchen? Lohnt sich dieser Versuch? Hat er die Wahl, entweder eine deutsche oder eine japanische Interpretation des Armen Heinrich zu liefern? Hat ein japanischer Wissenschaftler, der es gelernt hat, gleichsam europäisch zu denken, die Möglichkeit, eine deutsche Interpretation zu schreiben, während sein Kollege, der 'nur japanisch" denken gelernt hat, nur eine japanische Interpretation zu geben vermag? Was für einen Status und Wert haben Interpretationen die 'in der Tradition eines anderen Kulturkreises" unternommen werden? Ist der ,Geist' einer kulturell fremden Tradition etwas, was man sich wissenschaftlich' aneignen kann?
So weit ich sehe, wird die Hinterfragung dieser hermeneutischen Rahmenbedingungen eigenen wissenschaftlichen Arbeitens von der Auslandsgermanistik weitgehend vermieden.
     

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