Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Kontextualisierung von literatur

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Anerkennung von Fremde als Erkenntnisbeginn



Ãober die vielerlei Gründe, welche die Auslandsgermanistik veranlaßt haben könnten, die methodischen Reflexionen ihrer je besonderen Rezeptionsbedingungen deutscher Literatur in dem Prozeß literaturwissenschaftlicher Ergebnisfindung abzuweisen, wäre nur zu spekulieren. Sicherlich spielen dabei Mißverständnisse hinsichtlich einer wünschbaren ,Internationalität' der Germanistik eine Rolle. So schließt man womöglich von einer internationalen Vermittelbarkeit von wissenschaftlichen Ergebnissen auf eine internationale Uniformität möglicher Fragestellungen der Literatur gegenüber. Außerdem scheint der Autoritätsdruck, der von der Inlandsgermanistik ausgeht, nahezu unüberwindlich zu sein. Dieser Autoritätsdruck dürfte es auch sein, was zu einer 'Abkoppelung von den eigenen sozio-kulturellen Vorgaben und von einer adressatenorientierten Unterrichtspraxis" gefuhrt hat. Nur dann, so scheint mir, wenn diese Vorgaben, also diese Vorurteile, wie man in der hermeneutischen Theorie sagt, nicht als Handikap, nicht als circulus vitiosus, sondern, wie Heidegger betont, als ein guter Zirkel begriffen werden, können sie eine heuristisch sinnvolle Funktion übernehmen: nämlich die einer Vorstruktur literaturwissenschaftlicher Erkenntnis.
      Dieses Problem, die Vorstruktur allen Verstehens auch in die Literaturwissenschaft einzubringen, ist mir in meiner eigenen Lehrtätigkeit immer wichtiger geworden. So versuche ich, den Teilnehmern meiner Seminarveranstaltungen zur interkulturellen Literaturvermittlung die Realität und Unvermeidbarkeit des hermeneutischen Zirkels experimentell zu veranschaulichen. Ich versuche ihnen deutlich zu machen, daß wir gar nicht umhinkönnen, gemäß unseren sozio-kulturellen Prägungen zu verstehen. Es kommt mir dabei gar nicht so sehr darauf an, diese Hintergründe für das jeweils andere Verstehen im Einzelnen zu durchleuchten; wichtig ist mir nur, daß die Verschiedenheit der jeweiligen Verstehensbedingungen als solche anschaulich wird. Es empfiehlt sich, bei solchen Experimenten Texte zu wählen, bei denen eine einförmige, also internationale 'Verstehbarkeit" auf den ersten Blick gegeben zu sein scheint. Ich möchte das Gemeinte anhand eines Beispiels erläutern: In einem der Seminare, die den Problemen interkultureller Literaturvermittlung gewidmet waren, nahmen wir uns Kafkas Kurztext 'Heimkehr" vor. Nach dessen gemeinsamer Lektüre einigten wir uns in einem Plenumsgespräch auf eine bestimmte Schnittstelle als die entscheidende Leerstelle des Textes. Es handelt sich um die Stelle, wo die Beschreibung des draußen vor der Tür befindlichen Ichs, seiner Erinnerung und seiner äußeren Situation, übergeht in die Reflexion
über die anderen, die Daheimgebliebenen. Die Relevanz dieser Leerstelle wurde in der Frage konzentriert, warum das Ich die Schwelle nach innen, zu den anderen hin, nicht überschreite. Danach wurden mehrere Kleingruppen gebildet. Sie umfaßten jeweils Teilnehmer gleicher Herkunft. So gab es Gruppen mit ausschließlich deutschen Teilnehmern, Gruppen mit nicht-deutschen Teilnehmern und Gruppen mit nicht-europäischen Teilnehmern. Alle Diskussionsgruppen konfrontierten sich der Frage, was die Differenz zwischen dem Ich und den anderen, den Daheimgebliebenen, ausmache. Alle stießen auf die 'Angst", von der das mögliche Wiedersehen besetzt war. Aber auch hier erwiesen sich die Unterschiede zwischen den Deutungen europäischer und nicht-europäischer Teilnehmer als signifikant. So schoben alle europäischen Teilnehmer den Daheimgebliebenen, insbesondere dem 'Vater" , die Schuld an der Unmöglichkeit des Wiedersehens zu. Die Ã"ngste, die das Ich an einer Ãoberschreitung der Schwelle hindert, wurden bald tiefenpsychologisch, bald biographisch motiviert. Das Ich, so wurde vermutet, erinnere sich nun all der in der Kindheit durchlittenen Ã"ngste; oder: das Ich sei sich erst in der Entfernung seiner eigenen Andersheit, seiner Fremdheit gegenüber der Herkunft bewußt geworden. Ganz anders die Reaktion der nicht-europäischen Teilnehmer auf diesen Text: Auch sie gingen davon aus, daß dem Ich in seinem Vor-der-Türe-Stehen die eigene Veränderung bewußt werde; diese Veränderung aber, die eine Entfremdung gegenüber den Zurückgebliebenen bedeute, legten sie dem Ich selbst zur Last. Gerade im Bewußtsein dieser selbstverschuldeten Entfremdung von den Eltern, so betonten die Teilnehmer, realisiere das Ich auch den Wert der erinnerten Kindheit. Diese Erinnerung könne durch eine direkte Wiederbegegnung mit den Daheimgebliebenen in Frage gestellt werden. Um die Erinnerung an die Kindheit intakt zu halten, unterlasse es das Ich, die Schwelle zu überschreiten. Damit bewahre es sowohl sich als auch die Zurückgebliebenen vor Lebensleid.
      Es liegt auf der Hand, daß nicht nur Unterschiede in der Bewertung der Familienrolle, sondern auch eine unterschiedliche Einschätzung des Ich als Erfahrungszentrum diese Differenzen in der Realisierung des Textes bewirkt haben. Ergebnisse ähnlicher Experimente zu den fremdkulturalen

Verstehensbedingungen habe ich an anderer Stelle vorgetragen.n
Abschließend möchte ich eine methodologische Konsequenz aus dem Gesagten ziehen: Deutungsverfahren, die kulturspezifische rezeptionsbedingte Deutungsvarianten hervorrufen und zulassen, verlangen eine ganz bestimmte Annäherung an den Text. Diese Annäherung hat zwei Erfordernissen der Literaturwissenschaft Rechnung zu tragen: Einerseits sind die Elemente des Textes die zu einer Vereindeutigung auffordern, ausfindig zu machen und mit der erforderlichen oder möglichen Bestimmtheit zu füllen. Andererseits sind die Stellen zu bezeichnen, die im Text als Leerstellen gesetzt sind und der 'Auffüllung" durch den Leser bedürfen, Verfahren also, die darauf zielen, den Text zu strukturieren, müssen sich ergänzen mit solchen Verfahren, die seine charakteristischen Leerstellen offenlegen und ihn als für ein geschichtlich je verschiedenes Vorverständnis zugänglich erweisen.

     
  

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