Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Kontextualisierung von literatur

Index
» Kontextualisierung von literatur
» Die Kategorie der Fremde
» Tendenzen der Problemabweisung

Tendenzen der Problemabweisung



Diese Problemlage der Hermeneutik der transkulturellen Literaturvermittlung, insbesondere der Vermittlung in ein nichteuropäisches und europafernes Land, ist längst gesehen und theoretisch' bekannt. Daß sie in der Praxis der Fremdsprachenphilologie immer wieder bagatellisiert oder gar beiseitegeschoben wird, ergibt sich aus zwei Tendenzen im Vollzug interkulturell vermittelnder Philologie, die sich gegenseitig ergänzen:
Wo, wie zum Beispiel in Indien oder - dort besonders - in Japan eine etablierte Fremdsprachen- und Fremdliteraturphilologie besteht, liegt die Neigung nahe, die gesamtgeschichtlichen Bedingungen der Entstehung und Rezeption von Literatur unbeachtet zu lassen oder, wenn möglich, abzuschatten. Dafür lassen sich verschiedene Motivationen erkennen: Neuere, literatursoziologische bzw. wirkungsästhetische Methoden der Literaturbetrachtung, die eine Sichtung der hermeneutischen Problematik unabweisbar machen, werden als 'anspruchsvoll", als 'überzogen" und für die Anwendung in der Fremdsprachenphilologie 'nicht lohnend" erachtet; stößt es doch auf Schwierigkeiten der Literaturbeschaffung und verkompliziert die Arbeitsweise in hohem Maße, wenn der Versuch unternommen wird, in einem .Ausland' so etwas wie den historischen Problemhorizont zu rekonstruieren, auf den die betreffende Literatur in ihrem eigenen Lande und zu ihrer Zeit reagiert hat; bei literarischen Werken der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart wäre womöglich die Rezeptionslage im Lande der Entstehung von der in dem betreffenden Fremdland zu unterscheiden und die eine mit Hilfe des Blicks auf die andere zu spezifizieren; in manchen europafernen Ländern besteht unter den Vertretern der kulturtradierenden Institutionen die ausgeprägte Tendenz, alle historischen Phänomene des eigenen Landes, soweit sie in den Bereich des .Geistigen' fallen, als europa-analog zu proklamieren; hier wird oft ungeachtet ganz anderer Einsichten, wie sie etwa im Bereich praktischer Politik gewonnen werden, die Berechtigung eines europa-zentrischen Weltbilds bestätigt; dabei ist es schwer zu unterscheiden, ob das hier wirkende Interesse darin besteht, ein eigenes Unterlegenheitsgefühl zu kaschieren, oder ob tatsächlich ein idealistisch-positivistischer Begriff von .geistig-kulturellen' Phänomenen vorliegt, der sozialgeschichtlich bedingte Merkmale von Literatur als unerheblich abweist. In jedem Fall wird auch für das betreffende , Ausland' eine 'kongeniale" Rezeptionslage im Hinblick auf die Fremdliteratur angenommen.
Was die europäische Seite der Fremdsprachen-Philologie angeht, so kommt zu einem fachspezifischen Wissenschaftspositivismus eine latente Neigung zu einem umfassenden Europa-Zentrismus hinzu. Angesichts der Tatsache, daß in Europa gewachsene Formen der Naturwissenschaft und Technologie die heutige Weltzivilisation bestimmen, wird bereitwillig eine materialistische, aber oft undialektisch vorgetragene 'Konvergenz-Theorie" übernommen, derzufolge die Vereinheitlichung der Produktionsbedingungen eine globale Vereinheitlichung auch der Kultur zur Folge habe. Dann erscheint es auch nicht mehr lohnend, die eigene, europa-geprägte Vermittler-Rolle in ihren praktischen Implikationen zu analysieren .
      Aus welchen Motiven auch immer die Beachtung der historischen Distanz, über die hinweg Fremdsprachen- Philologie zu vermitteln versucht, vernachlässigt wird: stets geht ein beträchtlicher möglicher Erkenntnisgewinn verloren. Denn das Rechnen mit hi-storischer .Fremde' als einer distanten, aber zeitgenössisch bezugsfähigen Position unterzieht die Wirkungsmöglichkeiten der Literatur insgesamt und des jeweiligen Einzeltextes im Besonderen einer unersetzlichen Ãoberprüfung:
Indem Literatur, die an einem bestimmten historischen Ort entstanden ist, Fremdbedingungen der Aufnahme ausgesetzt wird, wird ihr die Möglichkeit einer größeren Spezifizierung ihres Wirkpotentials eingeräumt. Die Lektüre Kafkas in Indien, Hesses und Brechts in Japan oder Südamerika läßt - zumal im Nebeneinanderstellen gleichzeitiger Texte - den ,Spielraum' dieser Werke in größerer Weite überschaubar werden: die Möglichkeiten des Aufgriffs verschiedenster Ausschnitte von Erfahrung und den Entscheidungscharakter der Auswahl, die Möglichkeiten der Brechung des thematisierten Erfahrungsausschnitts im Medium der Sprache, den Grad der Anknüpfbarkeit oder Hermetik des Sprachsymbols gegenüber der Welterfahrung des Rezipienten, die relative Eindeutigkeitoder Vieldeutigkeit der Sinnkorrelate im Bewußtsein des Lesers, den Grad der Kommunizierbarkeit oder Selbstmystifikation der charakteristischen Lese-Erfahrung usf.
      Insofern kann Fremdliteratur-Philologie ein Korrigens und zunehmend ein integraler Bestandteil innerhalb der Literaturwissenschaft insgesamt werden, wenn sie ihr Spezifikum in der Beobachtung von Literatur unter Extrembedingungen ihrer möglichen Wirkung begreift.
     

 Tags:
Tendenzen  der  Problemabweisung    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com