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Konkretisierung: Goethe in Sri Lanka, Brecht in Japan'



Ein Beispiel dafür, wie 'fremd" ein so 'allgemeinmenschliches" Literaturwerk wie Goethes Lyrik wirken kann, wenn man sie nur weit genug von ihrem Ursprung entfernt, kann folgende Erfahrung von der Lektüre des Gedichts 'Auf dem See" mit Studenten in einem Tropenland, in Sri Lanka, abgeben.
      Während einer Seminarübung ergaben sich - nach anfänglicher gleichsam selbstverständlicher Zustimmung und Kooperation - beim Deuten des Gedichts unterschwellige Mißverständnisse bei der Auswertung der Symbolik und der Analyse des zentralen Begriffs der 'Natur". Mißverstehen und tastendes Gegenfragen, ja erste Skepsis und Distanzierung gingen vor allem von den Studenten aus, die nicht in christlicher, sondern in buddhistischer Tradition aufgewachsen waren. Die Vorbehalte der anfangs 'gemeinsamen" Deutung gegenüber steigerten sich, je weiter von den biographischen Implikationen, den lebensgeschichtlichen Zusammenhängen Goethes, die an den Versen ablesbar sind, abgegangen und zur Entfaltung Goetheschen Welteinheitserlebens, Goetheschen Pantheismus' fortgeschritten wurde. Ansatzpunkt der Distanzierung: die ersten Gedichtzeilen - das Bild der 'mütterlichen" Natur, der Kraftspenderin, der Ruhe und Seelenfrieden Spendenden. Daß Natur das alles dem Menschen, dem Menschen als Existenz sein kann! Daß Natur dem Menschen in seiner tiefsten Individualität Verständnis bieten, daß sie in seine zentrale Selbsterfahrung, in Traum und Bewußtsein des Traums einreden kann! Spinoza. Die immer tiefere Verfolgung jener abendländischen philosophisch-spekulativen Tradition, ihrer Verschmelzung mit den Bewegungen der Empfindsamkeit, des Pietismus, der Mystik, rief zugleich, in einer Art symmetrischer Gegenbewegung all die entsprechenden buddhistischen Spekulationsinhalte, als Gegenwurf formuliert, auf den Plan. Getragen wurde die Herausstellung des buddhistischen Naturbegriffs von der Emphase des Bewußtwerdens der .heimischen Natur' angesichts einer sich als ,Natur an sich' darbietenden .fremdländischen'. ,Natur' in einem Tropenland mit jahrtausendealter buddhistischer Tradition in ihrer strengsten Form - das ist eben keine Erlösungsmacht, kein Quell des Guten und Schönen, sondern viel eher: wesenloser Schein, Anlaß zu Verführung, Täuschung, Ablenkung von dem Wege der Befreiung des Ich, geeignet, die Auflösung des individuellen Schicksals in das reine Nichtsein zu verhindern. Die weiteren inhaltlichen Implikationen dieses Gegenbildes von Natur, das auf Goethe hin formuliert wurde, brauchen hier nicht ausgeführt zu werden. Der Verlauf des Deutungsgesprächs ist von Interesse: Nachdem sich eine sachlich-fachliche Analyse von lyrischem Formenbestand und Funktionalität der Symbolik in eine transkulturelle Diskussion des Naturbegriffs und damit des Welt- und Menschenbilds insgesamt entgrenzt hatte, sah es eine Weile so aus, als sei das Gedicht verlorengegangen, als sei daran vorbei und darüber hinweg gelesen worden, als läge es, in seinen Wirkungsmöglichkeiten verfehlt, zwischen Begriffsmauern. Dieser unbefriedigende Zustand wurde aber überwunden, sobald einmal das Selbstformulierungsbedürfnis der ,Fremdleser' sich gesättigt hatte. Das Wiederaufgreifen einzelner Sprachdetails der Verse, die nun - auch von dem Lehrer aus Europa, dem seine selbstverständliche Identifikation' mit Goethe zum Problem geworden war - gleichsam als Kuriosa, aber auch verstärkt als Spezifika für etwas in seiner Andersheit Gesuchtes in die Hand genommen wurden, ergab eine ganz neue Wirkdimension des Gedichts: es markierte nun keine Menschlichkeit allgemein, kein Vereinigungsangebot, keinen Identifikationstopf, sondern die Kontur eines Unterschieds. Es bot den Studenten eines anderen Kulturorts die Möglichkeit, sich einer bestimmten europäischen Tradition gegenüber in ihrer Andersheit zu spezifizieren, das eigene Selbst dabei gleichsam als Konkavform zum Gegenbild zu entwickeln, diesem auf das exakteste nachtastend. Sie mobilisierten bei der Lektüre eines Goethegedichts ihre eigene Existenzerfahrung und ihre Bildungsgeschichte.
Auf ähnliche Vermittlungsprobleme stößt man, wenn man etwa mit japanischen Studenten die Brecht-Stücke der zwanziger und frühen dreißiger Jahre liest und dabei unweigerlich auf die Spannung zwischen dem Individuum und der menschlichen Gemeinschaft zu sprechen kommt: Die menschlichen Konfliktsituationen, die in diesen Stücken entfaltet werden, sind in ihren dramatischen Implikationen für japanische Studenten nicht unmittelbar nachvollziehbar, nicht ,direkt' verstehbar. Das Verhältnis des Individuums zur menschlichen Mitwelt hat in der japanischen Sozialgeschichte eine Ausprägung erfahren, die kein mit europäischen Phänomenen vergleichbares Bewußtsein eines Antagonismus, einer Polaritäthat enstehen lassen. Will man etwa Brechts 'Badener Lehrstück vom Einverständnis" oder 'Die Maßnahme" in Japan anschaulich interpretieren, muß man vorher eine hinreichende Masse geschichtlicher Objektivationen des Verhältnisses Individuum - Gesellschaft europäischer Tradition vorausbieten und sich als Europäer seinerseits auf sozialgeschichtliche Details japanischer Vergangenheit einlassen - das schon, um die Versuchung zu irreführenden Vergleichen zu vermeiden. Nur nach einer derartigen Sicherung der Begriffe, die man interpretierend benutzen will, läßt sich ein Kommunikationsrahmen schaffen, dessen Begriffe relative, d.h. auf den Bereich der gemeinsamen transkulturellen Deutungsarbeit bezogene Eindeutigkeit besitzen. Geschichtliche Distanz ist durch kein noch so geschickt gewähltes tertium comparationis aus dem Begriffsarsenal einer sich als systematisch begreifenden ,absoluten' Wissenschaft zu überbrücken.

     
   Es liegt auf der Hand, daß eine Literatur, deren Thematik sich als eine wesentlich ,geistige' darbietet, auch noch in großer kultur-historischer Entfernung von der Zeit und dem Ort ihres Entstehens den Anschein des Unmittelbar-Verstehbaren erweckt: die größere Abstraktheit der Begriffe bietet bessere Möglichkeiten für die Konstatierung von Identität hüben und drüben, bessere Beweise für die Behauptung eines Zeit und Raum konkreter Geschichtlichkeit transzendierenden ,Allgemeinmenschlichen' -freiere Entfaltungsräume für Mißverständnisse. So läßt sich die verblüffende Erfahrung machen, daß japanische Studenten die wahrhaftig schwer lesbaren Tagebuchnotizen Hugo von Hofmannsthals von seiner Griechenlandreise besser, 'leichter" zu verstehen glauben als sprachlich-begrifflich ganz einfache, aber mit aktueller Zeitgeschichtlichkeit angereicherte Texte etwa von Brecht, und es ist nur in Konsequenz solcher Unterlaufung geschichtlicher Fremde, wenn japanische Germanisten gestehen: Die konkreten Texte geben uns am wenigsten. und solcher hermeneutischer Ansätze wie des Gundolfschen in Japan, wobei dann ein Begriff der Kunst als eines menschlichen 'Urerleb-nisses" den archimedischen Punkt für Vergleiche von Menschlichem aller Zeiten und Orte abgibT).
     

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Konkretisierung:  Goethe  Sri  Lanka,  Brecht  Japan'    


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