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Kontextualisierung von literatur

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Differenzierung: Lesen und Interpretieren



Lesen wir in Europa literarische Monumente der europäischen Vergangenheit, etwa des Mittelalters, haben wir doch, wenn wir für ein historisch rückgreifendes Lesen einigermaßen qualifiziert sind, eine hinreichende Menge solchen Wissens bei der Hand, das unserem hermeneutischen Vorgehen eine gewisse Sicherheit und Konsistenz verleiht. Nicht darin freilich, daß wir hinreichend wissen, wie die Umstände der Textentstehung waren, daß wir kraft irgendeiner Identifikation in diesen entfernten Geschichtsraum zurücktauchen, liegt diese Sicherheit, sondern in dem hinreichenden Wissen davon, wie anders, verglichen mit dem zeitgenössischen Problemhorizont, jene damaligen Umstände waren, auf die hinzielend die alte Literatur sich äußerte. In einer gewissermaßen durch gewußte faktische Details der damaligen Zeit, gesicherten Anschaulichkeit der Fremde liegt diese Sicherheit, die vor dem Irrtum bewahrt, zu meinen, 'grenzenlos" lesen zu können. Diese Verfremdungspotentiale fehlen oft, wenn über die Grenzen von Kulturbereichen hinweggelesen wird.
      Der Gedanke läßt sich noch etwas zuspitzen: Indem wir, wie zuerst Dil-they es sehen wollte, die frühe Literatur unseres eigenen Kulturbereichs als eine Art frühes Kapitel unserer eigenen Traditionsbiographie zu lesen vermögen, stellt gerade das Bewußtsein der Kontinuität der Tradition, die von jener frühen Literatur herreicht bis in unsere Lektüre ihrer Texte heute, eine Art Sicherung dar gegen allzu billige, vereinnahmende Identifizierung, da die Erwartung möglicher Identifikationspotentiale uns Anstoß nehmen läßt an all den in die Texte eingegangenen irritierenden Fremdheitspartikeln . Umgekehrt sehen wir uns bei der Lektüre von Texten aus Fremdkulturen leicht zu einer Unterlaufung dieser Distanzerfahrung verführt: Da wir nämlich 'Fremde" hier gleichsam routinehaft vorzugeben bereit sind, lösen bereits Minimalangebote möglicher Identifikation umfassende Aha-Reaktionen aus, während die Masse der textlichen Details, die sich einer Aneignung, ja bereits einer vagen Zuordnung widersetzt, bedenkenlos überlesen wird.
      Die Schlußfolgerung, die sich aus dem Gesagten ziehen läßt, ist folgende: Lektüre von über kulturelle Grenzen hergeholter Fremdliteratur bietet die Möglichkeit einer exemplarischen Lese-Erfahrung; sie legt es nahe, eine extrem weite Distanz zwischen den historischen Bedingungen der Textproduktion einerseits und der Textrezeption andererseits als überbrückbar zu erproben; die Chance der lesenden Ãoberbrückung liegt in der

Einleitung eines dialektischen Prozesses, der sowohl die Textfremde in ihrer historischen Genese als auch die Bildungsgeschichte und damit diege-sellschaftlich-institutionalen Interessen des lesenden Subjekts in sich aufnimmt.
      Darin, daß dieser hermeneutischen Problematik in modellhafter Weise Rechnung getragen wird, liegt die Chance der Fremdliteraturphilologk, die Literaturwissenschaft allgemein um spezifische Erkenntnisse zu bereichern.
      Liest man für sich, dann gewinnt der Leseakt ganz unbegrenzt die Faszination, daß man erlebt, wie Text und eigene Subjektivität sich gegenseitig zur Konkretisierung verhelfen, wie man, auf die Figuren, die der Text der eigenen Vorstellung einzeichnet, antwortend, sich selbst formuliert. Und gerade das extrem 'Unwahrscheinliche", das exotisch Fremde im Leseerlebnis stimuliert unsere Subjektivität zu besonders lebhafter Reaktion-wenn nicht der Grad an 'Unverständlichkeit", an Nichtverknüpfbarkeit mit unserer eigenen Vorerfahrung, einen gewissen Schwellenwert überschreitet und wir das Lesen abbrechen. Eine solch exemplarische Anregung kraft Widerständigkeit ging von der extremen Hermetik des Kafkaschen Werkes aus - zumal auf solche Leser, die selbst Autoren literarischer Werke waren oder wurden. Und von einer externen Exotik haben sich Autoren als Leser immer wieder selbst 'in Schwung bringen lassen". Besonders gut belegt ist für unser Jahrhundert der Einfluß fernöstlicher Literatur. Dabei hat ein ganz eigenwilliges, das Fremde 'unvermittelt" zu Eigenem machendes Lesen und 'Verstehen" die literarische Eigenproduktion noch immer gefördert. Hier ist sogar das 'Mißverständnis" als eine fruchtbare Form des Rezipierens anzusprechen.
      Ein besonders gut analysierbares Beispiel eines solchen Rezeptionsprozesses, der literarisch fruchtbar wurde, obgleich er durch konsequentes Mißverstehen bestimmt war, ist die Ãobernahme eines japanischen Nö-Spiels durch Bertolt Brecht und die direkte Ãoberführung dieses mythischen Kultspiels in eine als materialistisch-dialektisches Lehrstück angelegte 'Schuloper".'' Ãober verschiedene Fassungen hin wird die Wider-ständigkeit des fernöstlichen Mythos und der Gattung des Kultspiels als Anlaß genommen, um in der eigenen Vorstellungswelt liegende, auf eine Zündung wartende Interessenskerne gleichsam explodieren zu lassen. Freilich scheint in solchen 'Bearbeitungen" bzw. 'Nachdichtungen" das konkret Fremde in seinem Widerstand nicht kraft Verstehen verarbeitet, sondern gebrochen. Aber es wäre ein positivistisches Bestehen auf der Konsistenz des subjektiven Aneignungsvorgangs und ein Falschverstehendes Zustandekommens von Produktionseinfällen, wenn man die Freiheit zur Willkür, zum Chaos, bei Aneignungen dieser Art beklagen wollte.
      Ganz anders ist der wissenschaftliche Umgang mit kulturhistorisch fremden Texten bestimmt. Da hier ein methodisch gesicherter Dialog zwischen Lesern stattfindet, die Ergebnisse ihres Lesens systematisch zum Gesprächsgegenstand machen, ist der jeweilige Partner im wissenschaftlichen Kommunikationsspiel vor der Willkür der eigenen Subjektivität zu schützen. Der einzelne Wissenschaftler leistet diese Rücksichtnahme gegenüber seinen Partnern, indem er nicht nur den Leseakt und die dabei erzeugten 'Verstehens-Ergebnisse", den realisierten Text-Sinn, reflektiert, sondern auch die eigene Bildungsgeschichte, die daraus erwachsene Interessenlage und die Bedingungen der diskursiven Vermittlung von all dem.

     
   Fremdsprachen-, hier im engeren Sinne Fremdliteraturwissenschaft hat sich somit in mindestens drei Dimensionen zu entfalten :
der Rekonstruktion und Analyse der 'Werk-Welt", d.h. hier der Welt, worin der jeweilige Text entstanden ist und worauf er reagiert;
der Rekonstruktion und Analyse der 'Rezipienten-Welt", d.h. hier der Welt, in die hinein - über eine beträchtliche kulturhistorische Distanz hinweg - der jeweilige Text realisiert wird, wobei neben den allgemeinen Rezeptionsbedingungen insbesondere die institutionalisierten Interessen an der Literatur fremder Kulturen zu reflektieren sind;
der Analyse der Bedingungen und Möglichkeiten des Vermittlungsprozesses, innerhalb dessen Wissenschaftler verschiedener Muttersprachen aus Anlaß der Deutung eines literarischen Textes in einem methodisch organisierten Kommunikationsspiel sich aufeinander zu beziehen haben.
      Zur Vermeidung von Mißverständnissen sei hier ausdrücklich angemerkt, daß das hier skizzierte Problem der kulturhistorischen 'Fremde" sowohl bei Vermittlungsprozessen im Mutterland des Werkes, also etwa bei Studien ausländischer Deutschstudenten in Deutschland, als auch im Fremdland, also etwa bei der Unterrichtung ausländischer Deutschstudenten durch einen deutschen Lektor im Ausland, seine Rolle spielt.
     

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Differenzierung:  Lesen  Interpretieren    


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